Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

Festival „Poesie & Politik. 10 Jahre Institut für Sprachkunst“

Freitag, zweiter Festivaltag

I

Am zweiten Festivaltag findet im Brick 5 um 15:00 das zweite der drei geplanten Diskussions-Panels statt, Thema: „Politisch Sprechen. Politisch Schreiben.“

Die Moderation übernimmt die Falter-Journalistin Nina Horaczek, geladen sind die Autor*innen Esther Dischereit, Sabine Gruber und Enis Maci. Horaczek eröffnet die Runde mit der Frage, inwieweit sich die Teilnehmerinnen in dem Titel wiederfinden.

Esther Dischereit ist sich nicht ganz sicher, wohin der Titel führen soll, weil für sie jedes Schreiben politisch ist. Was könnte also das politische Schreiben sein? Sie zitiert Hannah Arendt, die gemeint hat, es sei zuvorderst die Fähigkeit, politisch zu denken, zwischen den Stühlen zu sitzen. Schreibende seien in einer besonderen Position, weil sie sich im öffentlichen Raum bewegen, was mit einer Verantwortung einhergehe, einer selbstermächtigten Verantwortung. 

Enis Maci schließt sich Dischereit in den meisten Punkten an. Schreiben sei, ob man wolle oder nicht, politisch. Eine wichtige Frage sei, ob der/die Schreibende sich dies auch bewusst mache und dieses Bewusstsein in die Arbeit einfließe. Sie fragt sich, ob, da Schreiben per se politisch sei, das Adjektiv „politisch“ noch eine zusätzliche Steigerung, einen zusätzlichen Anspruch anzeige, der das Schreiben schon in eine bedenkliche Nähe zur Propaganda rückt. 

Sabine Gruber kann sich Dischereit auch anschließen, würde aber unterscheiden zwischen persönlichen Statements zum Tagesgeschehen und dem Schreiben von belletristischen Texten. Sie zitiert Max Frisch aus dem Gedächtnis: „Warum sollen wir Schriftsteller immer etwas zu sagen haben? So rächt sich die Öffentlichkeit an uns dafür, dass wir sie angesprochen haben.“ Lieber möchte sie sich beim Schreiben mehr Zeit lassen, als direkt auf alle tagesaktuellen Ereignisse zu reagieren.

Horaczek fragt, ob Schriftsteller*innen eine besondere Verantwortung trügen.

Dischereit meint, sie trügen dieselbe wie alle anderen. Allerdings hätten sie durch ihre Arbeit Zugänge zu Medien und Verbreitungsmöglichkeiten, die anderen verschlossen blieben. Sie erzählt von ihrem USA-Aufenthalt, ihrem Interesse an Trump als Figur und derzeitigem Motor vieler Weltereignisse. Sie führt aus, dass Schriftsteller*innen ja auch nicht immer in ihren Primärgenres zum Zeitgeschehen Stellung beziehen müssten – die Vielgestalt der Ausdrucksmöglichkeiten sei ein gutes Instrumentarium, um im richtigen Maßstab zu (re)agieren. Gleichzeitig erlebe die Literatur in unserer Zeit einen Bedeutungsschwund, angesichts der Möglichkeiten des Internets. Aktualität spiele in ihrem Schreiben auf jeden Fall eine Rolle – sie nennt hier das Beispiel des kürzlich erfolgten Anschlags in Halle, zu dem sie sich schnell äußern wollte. Bei solch schnellen Reaktionen könnten ästhetische Kategorien auch schon mal hintenanstehen. Sie begreife es u.a. auch als ihre Aufgabe, die Sprachlosigkeit, die manchen Ereignissen folge, mit ihren Texten zu überwinden, wenn sie selbst dies für möglich halte. 

Horaczek wendet sich an Sabine Gruber, fragt, wann sie das Gefühl habe, sich äußern zu müssen.

Gruber meint daraufhin, sie teile bspw. gute Artikel auf Facebook, in denen es um Tagespolitik gehe. Es komme aber immer auch darauf an, wo man sich (geographisch) befinde, was gerade im eigenen Umfeld passiere. Sie selbst sei in Südtirol aufgewachsen und habe vor kurzem das Gefühl gehabt, sich zu den Debatten um die von der dortigen Deutsche Mehrheit angestrebte Restriktion, bzgl. eines alteingesessenen italienischen Namens für die Region, äußern zu müssen. Man könne aber nicht immer zu allem etwas sagen.

Horaczek stellt die Frage in den Raum, ob es Anlässe gäbe, zu denen Schriftsteller*innen sich äußern müssten.

Maci meint, dass man selbstverständlich politisch tätig werden könne (bspw. in Form von Petitionen, Demonstrationen). Beim Schreiben sei es eben auch eine poetologische Frage – also die Frage, was (oder wen) man mit seinen Texten erreichen wolle. Sie selbst erinnere sich an Momente, in denen sie in blinden Aktionismus verfallen sei und zu einem Thema etwas habe schreiben wollen. Aber letztlich interessiere sie sich meist doch mehr für die Art und Weise, mit der über Ereignisse geredet/berichtet werde, als für die Ereignisse selbst. Warum auch direkt Artikel schreiben? Statt der Debatte etwas hinzuzufügen, so findet sie, wäre es vielleicht besser, sie zu überdenken.

Horaczek erwähnt Elfriede Jelinek, die sich oft mit politischen Themen beschäftige, und dafür viel Gegenwind bekomme und verbal attackiert werde. Sie fragt die Teilnehmerinnen, ob es, wenn sie sich politisch äußern, oft unangenehme Konsequenzen gab und gibt.

Esther Dischereit meint, dass sie einige Postings unter Artikeln immer erschüttern würden, zumal selten positives Feedback geäußert werde. Man mache sich oft Feind*innen, wenn man bestehende Gewissheiten und Ideen hinterfrage oder auch nur verschiebe, neue Möglichkeiten und Probleme inkludiere. Sie versuche dennoch, immer das Wort zu ergreifen, wo sie es für angebracht und wichtig halte. Als Inspiration nennt sie hier den DDR-Dichter Jürgen Fuchs, der immer wieder zu ihr gesagt habe: warum ergreifst du nicht das Wort, du hast doch eine Stimme. Er selbst habe sich immer wieder eingebracht/-gemischt. Wobei es auch durchaus von Bedeutung sei, in welcher Rolle man sich einbringe: als Autor*in, als Teil einer Minderheit, als Bürger*in eines Staates, etc. – was, je nachdem, mehr oder weniger problematisch sei, für andere und für einen selbst.

Horaczek fragt nach, ob es aber nicht die Aufgabe der Literatur sei, für andere die Stimme zu erheben.

Enis Maci meint: Nein, auf keinen Fall. Sie fände eine solche Um-Zu-Logik problematisch und die Literatur sollte sich ihr durchaus entziehen. Unbedingt politisch sein zu müssen, das gehöre heute zu sehr zum Schriftsteller*innenbild. Man schreibe ja auch nicht, um etwas zu ändern, dann solle man lieber Sozialarbeiter*in werden. Lesen könnte zwar zu lebensverändernden Erfahrungen führen, aber derlei passiere eher zufällig und nicht durch ein Abzielen auf irgendeine Art von Belehrung, Erziehung.

Horaczek: Aber warum dann schreiben? Zählt die gesellschaftspolitische Komponente gar nicht?

Gruber meint, für sie schon, nur eben nicht um jeden Preis. Jedwede akribische Behandlung von Ereignissen und Entwicklungen hält, in ihren Augen, eh schon einen Erkenntnisgewinn für die Leser*innen bereit (zumindest wenn man verschiedene Perspektiven und andere Möglichkeiten der vielfältigen Darstellung berücksichtigt).

Enis Maci meint, sie nehme in ihrem Schreiben schon ideologische Standpunkte ein – es sei auch schwierig keinen einzunehmen, vielleicht sogar unmöglich. In ihrem Essayband habe sie einen Text über die Identitäre Bewegung verfasst, aber vor allem, weil sie selbst verstehen wollte, wie deren Rhetorik und Propaganda funktionieren, obgleich ihre Ausführungen hoffentlich für andere ebenfalls interessant und hilfreich sein könnten. Ein gewisser Wissensüberschuss liege beim Schreiben am Ende vor, aber das sei ja nicht alles, denn sie schreibe derlei Texte ja nicht bloß als Zeichen gegen Rechtsextremismus. 

Esther Dischereit stimmt zu, dass man keinen Text zu etwas Politischem schreiben könne, wenn es nicht eine selbstgewählte Aufgabe sei. Wie bei ihrem Buch „Blumen für Otello“ (darin geht es um die Opfer der NSU-Morde), hier wollte sie eine Klage schreiben, egal ob andere es tun oder nicht tun würden. Ob daraus dann ein Zeichen werde, das sei eine andere Sache. Sie habe viele Recherchen für das Buch unternommen, denn man müsse auch bei Texten mit fiktiven Elementen die Umstände möglichst genau kennen. Die Form ergebe sich dabei aus dem Inhalt – das sei etwas anderes, als einem Fakt ein literarisches Gefährt zu zimmern. Aber um den Ton für die Fiktion zu finden, brauche sie oft die Fakten. Ob man für andere sprechen könne, das wisse sie nicht – aber man könne ihnen zumindest eine Bühne geben. Darf man sprechen, wenn man nicht betroffen ist? Hier gäbe es eine Tendenz zum Nein.

Enis Maci meint, diese Frage führe ja wieder zu der Frage: warum schreibe man. Vielleicht gäbe es eine Tendenz zum Nein, man sollte aber differenzieren: man müsse sich nicht mit allem auseinandersetzen, sich für alles verantwortlich fühlen und in Literatur umsetzen, aber die Wirklichkeit beträfe uns immer. 

Horaczek kommt nun auf den Rechtsruck in Europa zu sprechen, speziell in Österreich, Ungarn, Polen und Deutschland. Sie fragt, ob dieser Rechtsruck Auswirkungen auf die Arbeit der Teilnehmerinnen hatte.

Enis Maci meint dazu, dass sie 18 Jahre alt gewesen sei, als 2011 der NSU sich aufdeckte, damals habe sie sich politisiert, alle Entwicklungen der letzten Jahre wirkten dann auf sie nur noch folgerichtig – auch wenn man weiter zurückdenke und sich die Vorgeschichte rechten Gedankenguts in der Bundesrepublik anschaue.

Dischereit stimmt zu: in Deutschland habe es (sie nennt als Beispiel den Oktoberfestanschlag, den Anschlag auf die Synagoge in Erfurt) lange Zeit rechtsextreme Verbrechen gegeben, die nicht als solche behandelt wurden, erst jetzt nähmen wir die rechten Netzwerke hinter diesen Verbrechen als Gefahr war. Es gab also schon immer den Unterbau für vieles, das jetzt zutage träte, einzelne Taten wurden davor oft kleingeredet oder Schlimmeres. Auch die AfD setze sich aus Kräften zusammen, die vorher lediglich in keiner Partei gebündelt waren. Das Hauptproblem sei aber das Erstarken des Rechtextremismus in der Form des Rechtsterrorismus. Sie fragt auch, warum immer sie, als jüdischer Mensch, sich zu und gegen diese Entwicklungen äußern müsse, wenn doch die ganze Gesellschaft davon bedroht sei. 

Auch bei Gruber schlug sich der Rechtsdruck durchaus im Schreiben nieder, nur nicht unbedingt direkt in dem literarischen Werk, an dem sie gerade sitze. Aber es gäbe in diesen Jahren häufiger Entwicklungen und Ereignisse, zu denen sie sich als Autorin und Mensch positionieren müsse.

Im Anschluss folgen einige Fragen aus dem Publikum. Eine richtet sich speziell an Frau Gruber: an welchen Diskursen würden sich die Autor*innen aus Südtirol orientieren, an denen im deutschsprachigen Raum oder den im italienischen – Gruber meint, eher an denen im deutschsprachigen –, eine andere Zuhörerin fragt, ob Relevanz eine entscheidende Qualität für einen Text sei und ob es irrelevante Texte gäbe. Dischereit verneint das und gibt zu bedenken, dass Schriftsteller*innen manches auch nicht leisten könnten, selbst wenn sie es sich vornähmen, jede/r müsse halt tun, was er/sie könne; sie betont auch noch mal, dass eine Alternative zum „für jemandem schreiben“, das „an die Seite von jemandem stellen“ sei; zuletzt erinnert sie auch daran, dass sich die Interpretation unserer Texte nach dem Veröffentlichen unserer Kontrolle entzieht und Texte in bestimmten (auch zufälligen) Kontexten auf andere Art und Weise relevant(er) werden können als in den von uns angedachten.

In einer weiteren Zuschauermeldung geht es dann noch um die Frage, ob den linken Kräften in unserer Zeit ein „Narrativ“ fehle, oder warum die rechten Kräfte so erfolgreich bei ihren Narrativen seien. Maci meint, die Erzählung von den linken Kräften, denen es an glaubwürdigen Erzählungen fehle, um rechten Parteien entgegenzutreten, lenke von den wirklichen Umbrüchen und Problemen unserer Zeit eher ab, in der längst kapitalistische und globale Systeme und Strukturen einen Großteil unseres Lebens bestimmen. Sie sei eh für weniger Narrative und für mehr Zahlen. Gruber merkt knapp an: Politik sei halt Konsens, Kunst sei das Gegenteil. Mehr Mut wäre allerdings gut, damit „nicht mehr alle Gewohnheit vom Volke ausgehe“.

Ein letzter Zuschauereinwurf hinterfragt, ob Schreiben denn heute überhaupt noch Andersdenkende erreiche und Überzeugungsarbeit leisten könne, und, wenn nicht, ob sich das ändern ließe. Dischereit liefert den schönen Schlussgedanken: Sie glaube da an einen lange von ihr gehegten Wunsch: Gedichte in Fußballstadien.

 

II

Die zweite Veranstaltung des Tages ist eines von zwei Lesungsformaten mit Absolvent*innen der Sprachkunst. Moderiert und kuratiert wird diese erste Absolvent*innenlesung von der Dichterin und Sprachkunstabsolventin Frieda Paris, geladen sind Bastian Schneider, Saskia Warzecha, Anna-Sophie Fritz und Rick Reuther (der Texte von der verstorbenen Dichterin, Queen of Twitter und Sprachkunststudentin Ianina Ilitcheva liest).

Die Veranstaltung trägt den Titel Fürstenspiegel (so wurden ermahnende und belehrende Schriften an einen Herrscher, eine Herrscherin genannt, in denen die Tugenden des Regierens dargelegt wurden) und die Eröffnungsfrage der Moderatorin ist dann auch gleich: wie sind die Teilnehmer*innen an die Lesung herangegangen, haben sie den Titel berücksichtigt und von seiner Bedeutung gewusst?

Anna-Sophie Fritz wusste bereits um die Bedeutung des Titels und habe sich gefreut, weil er vorzüglich zu dem Text passe, den sie vortragen werde. Bastian Schneider meint, er höre den Titel jetzt zum ersten Mal, aber „da gehe ja alles“. Saskia Warzecha meint, sie habe sich bei der Auswahl ihrer Texte nicht an dem Titel orientiert. Rick Reuthers einziger Kommentar: Super Titel.

Den Anfang macht dann Bastian Schneider. Er liest unveröffentlichte Texte – „Gedichte, die nicht wie Gedichte aussehen“ – die jedoch Teil einer für 2020 geplanten Publikation sein werden. Sehr oft spielen diese Texte mit der erzählerischen Haltung, hinterfragen sie, stülpen sie um, schlagen sich in die Büsche, statt den Weg einer stringenten Erzählung zu gehen. Aus dieser Widerspenstigkeit entwickeln sie einen reizvollen Humor, öffnen sich aber auch dann und wann etwas zu leicht in Richtung Beliebigkeit. Doch sie bleiben einem, auch teilweise als Ansätze von Fragen, lange in Erinnerung.

Die zweite Lesende ist Saskia Warzecha, mit Texten aus ihrem bald erscheinenden Debüt „Approximanten“ (voraussichtlich November 2019, Matthes & Seitz). Bei diesen mitunter graziösen, dann wieder sehr dynamischen, mit intensiven Wendungen und spitzzulaufenden Sinnandeutungen aufwartenden Gedichten, wünsche zumindest ich mir dann und wann, dass das eine oder andere zwei- oder dreimal gelesen werden könnte. Aber auch beim einmaligen Hören wird die gekonnte Gestaltung der Gedichte deutlich, ihre Balance zwischen Ausflügen in die Sehnsucht und feingliedrigen Beschreibungen von Abläufen, Ideen, Zwischentönen. Man könnte mit Zitaten um sich werfen, aber ich belasse es bei zweien: „wieso ist ihre antwort das verhängnis jeder frage?“ und „in der hintersten zeile eine mulde, ein allseits bekanntes revier, wo herdentiere fantasieren.“

Die dritte Lesende ist dann Anna Sophie Fritz, die gleich zu Anfang zugibt, etwas nervös zu sein, „aber jetzt, wo es alle wissen, geht es schon wieder.“ Sie trägt einen einzigen Text vor, ein Langgedicht, das sich direkt zu Anfang gegen seine Bezeichnung als Gedicht ausspricht (und doch bis zum Ende mit artistischen, von Slapstick zu Rhetorik (und zurück) zischenden Binnen- und Endreimen spielt) und sehr schnell eine ziemliche Wucht entfaltet. 
Das Thema: der Weltuntergang, schwierig abzuwenden, weil die Menschheit es einfach nicht „sein lassen kann“. Ohne Punkt und Komma legt der Text seine Finger auf viele Wunden, steckt sie hinein und schreibt mit dem Blut Parolen und Fragen, Hinweise und Witze auf die Türen, an denen wir uns tagtäglich die Köpfe einrennen und durchschreitet sie im Spurt. Kurt Vonnegut, der humanistische Apokalyptiker des 20. Jahrhunderts, der einmal meinte, er sei kein Zyniker, er sei Pessimist, denn er zweifle nicht an den Motiven der Menschen, er zweifle nur an ihrer Intelligenz, hätte seine helle Freude an Fritz Sturm der munteren Entrüstung und Verwüstung unserer Komfortzonen gehabt. Schließlich: „Nichts ist so unsexy wie Verantwortung“ und heutzutage kann man sich seine Kämpfe gar nicht so schnell aussuchen wie sie zur Hoffnungslosigkeit (und damit zur Hoffnung) verdammt werden.

Rick Reuter, der als letztes liest, Texte von Ianina Ilitcheva vortragen zu hören, ist immer wieder ein Ereignis, ein erfreuliches und berührendes, heiteres und trauriges. Da die vorgetragenen Texte alle aus dieser Publikation stammen, verweise ich hier schlicht auf meine Fixpoetry-Rezension zu dem Band „@ blutundkaffee 2012-2016“, den ich allen Leser*innen nur ans Herz legen kann!

III

Die letzte Veranstaltung des Tages heißt „Hebende Hand. Studierende machen Drama“. Für die Betreuung der Arbeiten waren hier die Professorin Gerhild Steinbuch, sowie die Lehrenden Natascha Gangl und Robert Woelfl zuständig, die Sprachkunstabsolventin Theresa Thomasberger für Regie/Szenische Einrichtung. Die Gestaltung des Raums übernahmen Tamara Kanfer, Chih-Ying Lin und Noémi Borcsányi-Andits. 

Was mich gleich zu Anfang etwas irritiert: Die Lesenden (Katharina Bach, Magdalena Mikesch, Saskia Norman, Lara Sienczak, Paul Hüttinger, Simon Löcker und Nick Alexander Pasveer) lesen vom Blatt ab, agieren aber wie Schauspielende auf einer Bühne – es ist also weder eine szenische Lesung noch eine dramatische Inszenierung, sondern irgendetwas dazwischen. 

Als Laie will ich mir kein Urteil erlauben, inwieweit diese Vorgehensweise den dramatischen Texten gerecht wird, muss aber zugeben, dass ich Schwierigkeiten hatte, die Texte in dieser Vorstellungsart aufzunehmen, mich in die Sprechrollen hineinzubegeben.

Der erste dramatische Text „XX oder Der stillste Tag der Welt“ stammt von Alexandra Ava Koch und hat die Entführung der Kinder einer ganzen Straße durch eine Gruppe Frauen zum Thema, die sich im Nachhinein chorisch gegen jede Art von Verantwortung zur Wehr setzen (dieses chorische Prinzip ist durchaus eindrucksvoll umgesetzt).

Als zweites wird der Text „A MILANO TUTTO APPOSTO“ von Annalisa Cantini aufgeführt – ein Streitgespräch, ein Generationendialog, so könnte man meinen, wäre da an der Wand hinter den Schauspielenden nicht die Projektion eines Bildes von Silvio Berlusconi und Matteo Salvini beim Handschlag. Im Text/Gespräch geht es aufwendig viel um einen Lamborghini, dessen Lederbezüge schimmeln. Was die Recherche ergab: Im September trafen sich Salvini und Berlusconi (der die letzte Regierung mit Salvini noch scharf aus der Opposition kritisiert hatte) in Mailand, erst vor kurzem unterstützten beide eine große Demonstration rechter Kräfte in Rom. Wie das alles zusammengeht, metaphorisch oder konkret, kann ich nicht beantworten.

Der dritte Text von Tizian Rupp, „Gaudi“, ist eine Tirade gegen politischen Personenkult und Ehrfurchtsgebaren, Krisenblindheit und Egoismen, vor der Kulisse einer Almlandschaft – wobei ich nicht ganz herausbekommen konnte, ob die Landschaft einen bestimmten Kontext evoziert oder nur Kulisse ist.

Der vierte Text stammt von Muhammet Ali Baş und setzt sich auf anschauliche und gleichsam pfiffige Weise mit der Situation von Migrant*innen und der Symbolkraft und Zuschreibung des Begriffes „Heimat“ auseinander, verkörpert in einer Leuchtreklame und einem Halteverbot.    

Der vielleicht eindrucksvollste Text ist dann „TUNNELN“ von Stephan Langer, ein klaustrophobisches und gleichsam utopisches Stück über eine Person, die (es kommt mir gleich Kafkas Erzählung „Der Bau“ in den Sinn) unter der Welt ein Tunnelsystem anlegt, über Tage und Wochen, u.a. auf der Suche nach den Stimmen von Vergessenen/Verstorbenen – ganzen Schichten von Stimmen, die Erde soll als Zeuge aufgerufen werden. Ein gewisser Wahn liegt in dem Vorhaben und der Figur, aber auch eine Idee von Entfaltung, von Hoffnung, die vielleicht nur Deckmantel für eine Flucht, eine Verzweiflung ist.

Nach einer Pause folgt das Stück von Anahit Bagradjans & Leon Wienhold „Freitod Monatsmiete Angst“. In diesem eindringlichen und dichten Stück – einem Abgesang von einem Balkon aus, in dem die Geschichte von drei Frauengenerationen verstaut ist – liegt viel lyrische Wucht, leider kann ich aber nie ganz zu der Sprechrolle aufschließen, sie auch nur ansatzweise in ihrem Lebensumfeld verorten.

Es folgt das Stück „für euch alle“ von Sophie Steinbeck, eine Reihe von Short Cuts, im Zentrum meist Figuren einer ausgebrannten Gesellschaft, im Kampf mit den Körpern und den Träumen von Fame in Rechtfertigungen und Heilsversprechen gefangen. Etwas zu schnell ziehen diese Gestalten an einem vorbei, wobei gerade das Teil der Botschaft sein könnte: egal wie viele Menschen heute in verzweifelten Umständen existieren, die Menschen haben immer weniger Zeit (oder nehmen sich immer weniger davon) füreinander da zu sein, stattdessen geht das Leben der anderen im Rauschen von Social-Media und im Gerede der Rechtfertigungen und Selbstkenntnisse genauso schnell unter wie vieles andere von Bedeutung.

Den Abschluss des Abends bildet Ralf Petersens „Unruhe im Strebergarten“, ein für meinen Geschmack ein Tick zu selbstverliebter, aber dennoch unterhaltsamer und hin und wieder bohrender Rundumschlag.   

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