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Kolumne

hochroth [Bielefeld] - ein achtteiliges Verlagsportrait

Vorwort lesen
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Teil 6: hochroth Bielefeld

Den hochroth-Standort in Bielefeld gibt es seit 2016. Der Schwerpunkt liegt hier auf mehrsprachiger Minderheitenliteratur, vor allem aus dem skandinavischen Raum und Finnland. Besonders präsent sind dabei Übersetzungen aus dem Nord-Samischen. Deutschsprachige Autoren und mehrsprachige Literatur findet man aber ebenfalls im Programm, denn hochroth Bielefeld gibt auch die Reihe „Translingual“ heraus, in welcher Bücher erscheinen, die unterschiedliche Sprachen miteinander kombinieren, also Texte enthalten, welche von sich heraus mehrsprachig sind. Das Buch Ein symphonischer Text von Leon Skottnik, das ich von hochroth Bielefeld vorstellen möchte, überschreitet allerdings keine Sprach- oder Gattungsgrenzen sondern die von Kunstsparten, von Musik zu Literatur.

  Leon Skottnik: Ein symphonischer Text. hochroth Bielefeld 2018.

Schon der Titel Ein symphonischer Text hat mich neugierig gemacht, kann doch kunstspartenübergreifendes Arbeiten etwas ungemein Bereicherndes sein. Im Vorwort legt Leon Skottnik dar, inwiefern er seinen Text, sein Prosagedicht, als Musik verstanden wissen will:

Dieser Text ist aus Noten aufgebaut. […] Innerhalb eines Abschnitts formen die Töne Klangbilder, die eine bestimmte Idee oder Empfindung hervorrufen können. […] Im Ganzen repräsentiert dieser Text einen Zustand, keine konkrete Bedeutung, vergleichbar mit dem Empfindungszustand beim Hören einer Symphonie. […]

Wie bei einer klassischen Symphonie ist der Text in vier Sätze gegliedert, und zwar in: „Erster Satz: Vorstellung“, „Zweiter Satz: Wahrnehmung“, „Dritter Satz: Denken“ und „Vierter Satz: Handlung“. Jeder Satz beginnt mit einem Klangbild von Jana Haseloh. Bei Farben spricht man auch von „Tönen“ und es gibt Menschen, die beim Hören von Musik Farben sehen, insofern ist es nur naheliegend, dass die Übertragung von Musik in Sprache begleitet wird von einer Übertragung von Musik in Bild und Farben.

Im ersten und vierten Satz gibt es aus einer klassischen Symphonie entlehnte Unterüberschriften: „Exposition“, „Durchführung“ und „Reprise“. Abgesehen davon läuft die Übertragung der Strukturen einer Symphonie auf den Text oder das Generieren des Textes aus Musik aber abstrakter ab. Einige wichtige Aspekte von Musik sind: Lautstärke (lauter und leiser), Geschwindigkeit (schneller und langsamer), Höhe und Tiefe, Stimmen und Stimmgruppen (verschiedene Instrumente mit jeweils anderem Klang), oder auch Pausen, die, wie oft gesagt wird, das wichtigste in der Musik sind. In einer klassischen Symphonie gibt es eine eigene „Sprache“ bzw. Notationsweise, mittels der all diese Aspekte bis in die kleinsten Nuancen hinein vorgegeben werden können. Leon Skottnik verwendet diese Sprache und ihr ganz eigenes Vokabular (mit Ausnahme der Gliederung in vier Sätze und der Unterüberschriften) aber nicht für seinen Text. Er macht etwas anderes: er übersetzt oder überträgt das, was Musik ausmacht in Sprache.

Kilometergroße Noten
ragen wie Klippen aus dem Meer

Beginnen wir einmal mit den Pausen. Leon Skottnik verwendet keine Punkte, Pausen im Sprachfluss entstehen daher durch Absätze, welche die einzelnen Strophen oder Stimmen unterbrechen. Im Vorwort schreibt Leon Skottnik, dass vier Hauptstimmen das Stück dominieren würden. Diese sind alle menschliche Stimmen: „Der singende Mann“, „Die singende Frau“, „Die Ich-Perspektive“ und „Die junge/alte Frau“. Aber natürlich gibt es noch weitere Stimmen, wie beispielsweise den Sturm.

Einige Tannennadeln
die sich in einem lauen Wind biegen
werden von Sängern wie Noten gelesen
Die Töne steigen an
Der Schatten wird kahl
der Gesang deutlich
Aus dem Rauschen wird Musik
Aus dem Lied ein Sturm

In einer Symphonie werden verschiedene musikalische Motive vorgestellt, wiederholt, entwickelt oder auch variiert. Das macht auch der Text auf seine Art und Weise. Lautstärke, Geschwindigkeit, Höhe und Tiefe, das alles erzeugt der Text mit Sprache und in seiner Sprache. Für die Wiedergabe von Stimmungen spielen Farben (Klangfarben) und Gerüche (Duftnoten) eine wichtige Rolle. In der Exposition des ersten Satzes erfolgen Tempo- und Lautstärkenwechsel sehr eindrücklich von Strophe zu Strophe alleine durch Szenenwechsel. Für Höhe und Tiefe stehen die singende Frau und der singende Mann. Gegenübergestellt und miteinander verschränkt werden hier ein stürmisches, bewegtes, lautes Draußen mit Wald und singendem Mann, ein ruhiger, stiller Innenraum in schwarz-weiß mit dem statisch sitzenden Ich und eine sich ebenfalls in einem Raum aufhaltende laut trinkende Gruppe „in lachendem Rotlicht“ mit der singenden Frau in Netzstrümpfen. Es kommen dann noch andere Schauplätze, Figuren, Stimmungen und Motive hinzu, welche miteinander kombiniert und variiert werden und sich laufend verändern. Soweit aber einmal ein erster kurzer Einblick in diesen wahrlich symphonischen Text.

 

 

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Leon Skottnik – Ein symphonischer Text
Prosagedicht
mit Bildern von Jana Haseloh
34 Seiten, Broschur
hochroth Bielefeld 2018
ISBN 978-3-903182-18-9
€ 8,-

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