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Kolumne

hochroth [München] - ein achtteiliges Verlagsportrait

Vorwort lesen
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Teil 7: hochroth München

hochroth München gibt es seit 2017 und hier werden ausschließlich Lyrik und Lyrikübersetzungen veröffentlicht, insbesondere Erstveröffentlichungen von Dichtern und Dichterinnen „aus dem Süden des deutschsprachigen Raums“, womit aber, das sei an dieser Stelle angemerkt, wohl eher nicht Österreich oder Südtirol gemeint sind, sondern vermutlich doch der Süden Deutschlands.

Daniel Bayerstorfer: Gegenklaviere. Unter Verwendung der Arbeit W 9 – 12 von Mathias R. Zausinger. hochroth München 2017

Der Gedichtband Gegenklaviere von Daniel Bayerstorfer ist in drei Teile untergliedert, welche derart in sich geschlossen sind, dass der Begriff „Kapitel“ bei weitem zu kurz greift. „NETZHAUTFRESKEN“, der mittlere und umfangreichste Abschnitt, wäre an sich schon ein Gedichtband für sich. Aber dann gibt es da noch zwei musikalische Zugaben, die „PLUTOSUITE“ am Beginn und das „WIEGENLIED AM TAGE, eine Abschweifung“ am Schluss. Und, nicht zu vergessen, ein höchst lesenswerte Glossar, in welchem es unter anderem zu Drachenbrunnen-Tee folgendes nachzulesen gibt: „Roh schmecken die Teeblätter wie gefaltete Schmetterlinge von einem Fenstersims, das nach Mond riecht.“

Dass höchste Vorsicht geboten ist, da Daniel Bayerstorfer mit allen Wassern gewaschen ist und ihm der Schalk im Nacken sitzt, merkt man allerspätestens im sehr unterhaltsamen und aufschlussreichen Glossar beim Kommentar zu „ätzet diesen Tag“, in welchem man erfährt, dass sich dieses Zitat auf eine Bach-Kantate beziehen würde:

Auch der Komponist Adrian Leverkühn vertonte in seiner Studienzeit zu Halle ebendiesen Text, dessen verschollen geglaubte Partitur unlängst in dem Nachlass Serenus Zeitbloms aufgefunden wurde und nun unter Leverkühn, Adrian: WoO 49 geführt wird.

Adrian Leverkühn? Moment. Diesen Namen kenne ich. Nur zu gut. Denn einmal habe ich ihn vergessen und werde das daher nicht nochmals tun. Ausgerechnet bei einer mündlichen Prüfung während meines Germanistikstudiums. Und das, obwohl oder gerade weil ich tatsächlich den ganzen Doktor Faustus von Thomas Mann neben vielen anderen Werken für diese eine Prüfung am Anfang meines Studiums vollständig gelesen hatte. Und Serenus Zeitblom? Er ist natürlich der Erzähler in Doktor Faustus.

Daraufhin scheint es auch fast schon glaubwürdig, dass der Untertitel des letzten Teils „WIEGENLIED AM TAGE, eine Abschweifung“ möglicherweise ein Verweis auf Thomas Bernhard sein könnte, welcher ebenfalls eine Vorliebe für ähnlich lautende Untertitel aufwies, wie beispielsweise: Die Ursache. Eine Andeutung, oder: Holzfällen. Eine Erregung, oder: Auslöschung. Ein Zerfall, oder auch: Der Keller. Eine Entziehung.

„Bedeutende Tage als Vorwand für ein Häufchen Zeit“, dieses Häufchen Zeit wiederum lässt sofort an Friederike Mayröcker denken, beispielsweise an die Stelle „Ein Häufchen Blume ein Häufchen Schnee“  aus dem Gedicht „ich hänge jetzt an der Flasche sagt er“, welches Ernst Jandl gewidmet ist.

Abschweifung von der Abschweifung: Daniel Bayerstorfer selbst legt im Band viele Spuren zu anderen Autoren und Autorinnen, denen geneigte Lesende nachgehen können, indem er oft Zitate voranstellt, beispielsweise von Marcel Proust, Ossip Mandelstam, Theodora von Syrakus, Joseph Brodsky, oder Julio Cortázar.

Aber nun genug mit Abschweifungen, wenden wir uns wieder dem Gedichtband selbst zu und beginnen wir neuerlich und von vorne in der „PLUTOSUITE“ zu lesen. Diese besteht aus sechs Gedichten, welche alle musikalische Titel wie „1 (PRÉLUDE: MISTERIOSO)“ tragen und durchs All unterwegs sind. Die Spannung der Gedichte speist sich gerade aus der Verschränkung und dem Kontrast von Planetarischem mit Musikalischem: „Planet sein aus Notwehr. […] Naja. Hier Partituren aufforsten, dort Akkorde auswildern.“ Besonders offensichtlich wird das auch im Titel des fünften Gedichts, der da lautet: „5 (ASTEROIDENGÜRTEL: ANDANTE CANTABILE)“

Der Titel „PLUTOSUITE“ legt nahe, dass sich die Gedichte vor allem klanglich entfalten und doch fallen mir beim Lesen gerade die sehr eindrücklichen Bilder auf. Bei den geschmolzenen Klavieren, die eine Pfütze bilden, sehe ich beispielsweise sofort ein Bild von Dalí vor mir:

Fluchtpunkt Oben, oder: Frau Luna stecken geflohene
Raketen im Aug. Geschmolzene Klaviere bilden
schwarze Pfützen. […]

Die Reise durchs All in Richtung Pluto oder auch weit darüber hinaus erfolgt allerdings zum Glück nicht alleine, ist doch in diesen Gedichten wiederholt von einem Wir die Rede: „Scheiße, wir müssen zu diesem Zwergplaneten!“

Der zweite, „NETZHAUTFRESKEN“ übertitelte, Abschnitt des Gedichtbandes führt uns Städteportraits vor und ist damit ein Städteführer der etwas anderen Art. Die Gedichte tragen vorwiegend Städtenamen als Titel, wir bereisen in ihnen beispielsweise deutsche, chinesische, oder italienische Städte, finden uns aber auch in ungenannten Orten wieder. Und wir stellen fest, dass man denselben Ort nie zweimal bereisen kann und man bei einer neuerlichen Venedigreise nicht dasselbe Venedig sieht, das man ja schon kennt, sondern vielmehr „EIN WEITERES VENEDIG“.

Im ersten Gedicht zu München tauchen auch gleich die titelgebenden Gegenklaviere auf:

Gegenklaviere zu uns stehen irgendwo verteilt in
dieser Stadt, deren Anschlag man
manchmal während einer Zigarettenpause spürt.

In diesen Gedichten unternimmt Daniel Bayerstorfer den Versuch, die Essenz einer Stadt herauszuarbeiten. Das kann, wie im Fall von Bologna, eine Farbe sein. Die Stadt ist dermaßen durchdrungen von der Farbe Rot, dass die Farbe selbst auf das durchreisende Ich abfärbt: „Ich kehre röter, als ich war, zurück.“

Aber Städte lassen sich nicht allein optisch sondern gerade auch akustisch wahrnehmen, wie beispielsweise Shanghai, hat man erst einmal den Kopfhörer abgenommen:

Nimm den Kopfhörer ab & hör die knarzenden
Gerüste, hochgeschlürfte Nudel & die Küste. Krass,

Es erweist sich als zutiefst erfrischend, die Welt mit den Augen von Daniel Bayerstorfer zu betrachten, beispielsweise Dresden:

Ein barockes Raumschiff ist an der Elbe gelandet.
So eins, wo noch die Engel an den Türmen und
Kuppeln kleben, […]

Das letzte Gedicht dieses Abschnitts handelt von MAXVORSTADT – SCHWABING, schließt dann aber überraschend mit: „München: dieser Diminutiv für Regen.“ womit sich der Kreis schließt und wir am Ende des letzten Gedichts wieder zurückverwiesen werden auf das erste Gedicht zu MÜNCHEN.

„WIEGENLIED AM TAGE, eine Abschweifung“ ist dann ein abschließendes Langgedicht, oder eben Lied, das als wiederkehrenden Refrain den nicht enden wollenden Tag hat: „UND ES IST TAG“, „DA IST IMMER NOCH TAG“, „UND NACH FAST EINER WOCHE IST IMMER NOCH TAG“.  Und dieser seltsame Tag ist ein Tag mit Gegenklavier:

UND ES IST IMMER NOCH TAG
UND DIESEM TAG FEHLT VIEL, KEIN GEGENKLAVIER

Besonders schwer zu ertragen an diesem nicht und nicht endenden Tag ist für das Ich die ebenfalls nicht endende Sonnenhelle:

Da ist dir, treppauf gehend, treppab zumute UND ES IST NOCH
IMMER TAG. Vor lauter hell ist dir zitronig. […]

Das permanente Licht wächst sich zunehmend zu einer richtiggehenden Lichtfolter aus. Wenn es keinen Unterschied mehr zwischen Tag und Nacht gibt, fallen Unterscheidungen generell schwer und die Dinge verschwimmen miteinander, während man selbst sich in einer zugleich schlaflosen und (alp-)traumartigen Wirklichkeit wiederzufinden vermeint:

Und morgen wird die Sonne wieder scheinen, singt man, doch das
tut sie schon des Nachts. Kein Unterschied mehr zwischen Tag und
Tagg, Tag und Tack, Tag und Takt. Vor lauter Sonne wachsen die
Zitronen auf Fußballgröße und die Äste brechen unter der Last
(wie Spiegelsäle, bis an den Rand gefüllt mit wütenden Papageien).
Ach die Zitronen: […]

 

 

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Daniel Bayerstorfer
Gegenklaviere
Unter Verwendung der Arbeit W 9 – 12 von Mathias R. Zausinger
hochroth München 2017
ISBN 978-3-903182-03-5
56 Seiten, Broschur
€ 8,-

 

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