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hochroth [Paris]- ein achtteiliges Verlagsportrait

Vorwort lesen

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Teil 4: hochroth Paris

„Nées en 2013 à Montmartre, les éditions hochroth-Paris publient de courts recueils de poésie, de tous horizons et de tous temps.“ Das kann man auf der eigenen Homepage des Verlages lesen, was übersetzt so viel bedeutet wie: Geboren 2013 am Montmartre, veröffentlicht der hochroth Verlag Paris kurze Gedichtbände aller Richtungen und Zeiten. hochroth Paris bezeichnet sich selbst als „micro-édition de poésie“ (Mikro-Verlag für Poesie), was es sehr schön auf den Punkt bringt. Hier kann man zum einen französischsprachige Autoren und Autorinnen entdecken, zum anderen aber auch Übersetzungen, die sehr zentral im Programm sind, zuletzt u.a. aus dem Portugiesischen, Englischen, Rumänischen oder Albanischen.

Vorstellen möchte ich von hochroth Paris einen Übersetzungsband aus dem Rumänischen und zwar von Collagen von Herta Müller:

  Müller: ion ou non. Huit collages roumains. Traduction du roumain par Nicolas Cavaillès. hochroth Paris 2018.

Der Gedichtband ion ou non (Ion oder nein) enthält acht rumänische Collagen von Herta Müller, denen eine Übersetzung des Textes ins Französische gegenübergestellt wird. Die französischen Übersetzungen geben dabei ganz schlicht rein den Text der Collagen in einheitlicher schwarzer Schrift wieder. Rumänisch und Französisch sind zwei Sprachen, die eng miteinander verwandt sind. Das ist insofern hilfreich, als man dadurch auch ohne Rumänischkenntnisse mithilfe des Französischen die Collagen „lesen“ kann, also die einzelnen Worte in der Collage meist zuordnen und damit verstehen kann. Für das Verstehen der Collage ist es nämlich überaus wichtig zu wissen, welche Worte in welcher Schriftgröße und -farbe wie angeordnet sind. Herta Müller selbst schreibt in einem in der Welt veröffentlichten Artikel über ihre Collagetechnik  folgendes:

Die Texte klingen, weil die unterschiedlichen Farben die Wörter tönen und die unterschiedlichen Größen ihnen eine unterschiedliche Stimme geben.
[…]
Das Aussehen, die unterschiedliche Größe, die Farbe, die Schrift sind für die Collage genauso wichtig wie die Bedeutung des Wortes. Im Grunde ist die Individualität der Wörter, die beim Tippen immer gleich aussehen, das Fesselnde an der Kleberei.

Im Band sieht das dann beispielsweise so aus:

Herta Müller: ion ou non. Huit collages roumains. Traduction du roumain par Nicolas Cavaillès, Blick ins Buch.

Das Französische als Lesehilfe für das Rumänische ist noch in einer anderen Hinsicht hilfreich und zwar was die Reime betrifft. Denn der Reim ist in den Collagen der Motor für ihre Sätze, wie Herta Müller ebenfalls in der Welt schreibt:

Und der Reim kommt noch dazu. Aber man darf ihn der Collage nicht ansehen, er darf sich nicht vordrängen. Obwohl er der Motor im Satz ist, müssen die Sätze so klingen, als ob sich der Reim von selbst ergeben hätte.

Reime sind für jede Übersetzung eine zusätzliche Herausforderung. Die französischen Übersetzungen berücksichtigen den Reim nicht immer, aber dadurch, dass man das Rumänische direkt daneben hat, kann man hier sehr leicht sehen, welche Worte im Original eigentlich reimen und damit noch näher miteinander verbunden sind. Beispielsweise ist das Französisch bei der folgenden Stelle völlig reimfrei: „Ma mère est lourde“ (in etwa: Meine Mutter ist plump/schwerfällig) während der Reim auf Rumänisch sehr ins Auge sticht: „Mama mea e grea“.

Die Collagen wirken durch die Farbigkeit und tollpatschige Verspieltheit der unterschiedlichen Größen und Schrifttypen sehr fröhlich. Und auch der Text ist humorvoll und unerwartet. So ist die Mutter beispielsweise deswegen schwerfällig, weil sie einen Bahnhof im Bauchnabel trägt. Der Beginn einer anderen Collage erinnert wiederum nahezu an einen heiteren Kinderbuchtext:

Sur la marelle il y a une
valise dans la
valise un carton dans le carton un
rat […]

Was inhaltlich auf Deutsch so viel bedeutet wie: Auf dem Himmel-und-Hölle-Spiel ist ein / Koffer im / Koffer ein Karton im Karton eine / Ratte. Es wird dann im weiteren Verlauf darüber nachgedacht, was man mit dieser Ratte tun könnte und dass man ihr doch einen Apfel und Zucker geben könnte um sie dann, wenn sie einem erst aus der Hand frisst, einzustellen, damit sie eventuell Ordnung in die Haushaltsrechnungen bringen und Kaffee kochen könnte. Am Schluss meint das Gegenüber daraufhin, dass das nichts Besonderes sei, da andere auch schon ein bis zwei Ratten in ihrem Dienst und Dossier hätten, was aber nicht weitergesagt werden sollte. So heiter, so gut – es handelt sich dabei aber um einen Text von Herta Müller, bedenkt man das mit, bekommt die heitere Fassade schnell tiefe Risse und man fragt sich, ob sie hier nicht möglicherweise auf das Securitate-Spitzel-System anspielt. 

Es ist etwas ganz Besonderes, auf Rumänisch verfasste Collagen von Herta Müller zu lesen, da sie ja vorwiegend auf Deutsch schreibt. Herta Müller wuchs in einem Dorf in Rumänien auf, in welchem Deutsch gesprochen wurde. Rumänisch lernte sie dann erst mit fünfzehn, wie sie in einem im Spiegel veröffentlichten Interview mit Susanne Beyer erzählt :

Als ich die Sprache gelernt habe, war ich schon 15, es war, als würde ich sie essen. Sie hat mir geschmeckt, ich kann es nicht anders sagen. Die Alltagssprache im Rumänischen ist die schönste. Sie ist vulgär, aber nie ordinär. Das Vulgäre kriegt eine Zärtlichkeit, es entsteht eine Unmittelbarkeit zwischen den Menschen. Das Deutsche kann das nicht. Das Rumänische ist mir in den Kopf gewachsen, ich war ja schon 34, als ich weggegangen bin.

Alles in allem ist ion ou non ein kleiner, aber sehr feiner Gedichtband, den eigentlich alle, die Herta Müller und ihre Werke schätzen, im Bücherschrank oder auch immer mit dabei haben sollten.

 

 

***
ion ou non
Herta Müller
Huit collages roumains
Traduction du roumain par Nicolas Cavaillès
hochroth Paris
ISBN 979-10-93394-14-5, coll. « sine die », 20 pages, 8 euros

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