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hochroth [Wien]- ein achtteiliges Verlagsportrait

Vorwort lesen

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Teil 2: hochroth Wien

hochroth Wien gibt es seit 2012 und naheliegender Weise begleite ich es rezensierend schon über Jahre hinweg. Es gibt hier daher gleich drei Rezensionen von mir nachzulesen und zwar über Der Narbenbaum von John Mateer, frühzeit elefantenfarben von Johannes Tröndle und zuletzt über den Band herzkranzverflechtung von Semier Insayif. Im Zuge des Verlagsportraits möchte ich einen weiteren Band von hochroth Wien vorstellen, und zwar den Band Garten, mit Nägeln der iranischen Dichterin Nahid Kabiri.

  Nahid Kabiri: Garten, mit Nägeln / این باغ راکه با میخ به گوشه ی دیوار کوبیده اند Persisch + Deutsch (Übersetzung Kurt Scharf). hochroth Wien 2017.

Der Gedichtband Garten, mit Nägeln von Nahid Kabiri ist zweisprachig, übersetzt von Kurt Scharf. Auf der linken Seite ist das persische Original zu finden, rechtsbündig und von rechts nach links geschrieben, auf der rechten Seite die deutsche Übersetzung, von links nach rechts geschrieben. Damit werden Gedicht und Übersetzung zu einem Schmetterling, der sich aus der Buchmitte heraus entfaltet und auffaltet.

Nahid Kabiri: Garten, mit Nägeln, Blick ins Buch, Foto: Astrid Nischkauer

In den Gedichten tauchen wiederholt die Farben Grün, Rot und Weiß auf, welche für die iranische Landesflagge stehen. Diese drei Farben werden immer wieder anhand von Früchten und Pflanzen heraufbeschworen. Grün wie Oliven und Minze. Weiß wie Apfelblüten und Zwiebel. Rot wie reife Trauben, Granatäpfel, Äpfel und Radieschen. Nahid Kabiri zeichnet den Iran als ein Land wie ein Garten, mit Nägeln, der nicht nur niedergemäht sondern von Stiefeln bis auf die Wurzeln platt getrampelt wurde.

Weder Musik ist zu hören
Noch Freudenrufe
Noch Lieder …
Ich frage:
Was ist aus deiner grünen, roten, weißen Stimme
                                                                                          Geworden?
                                                       Was ist geschehen, dass du nicht singst?

Doch hoffnungslos sind die Gedichte von Nahid Kabiri deswegen keineswegs, ganz im Gegenteil, erhebt sie selbst doch ihre Stimme laut und sehr selbstbewusst als Frau und Dichterin nicht allein um anzuklagen, sondern auch um zu singen.

Die Gedichte werden getragen von Einsamkeit und Sehnsucht, von Unrast und Unruhe. Selbst die Wörter sind in ihnen unterwegs:

Die Sterne schlafen ohne Wiegenlied
Und die Wörter gehen ihren Weg durch die Nacht.

Es wird in den Gedichten durch die Straßen und Gassen der Stadt gestreift und es geht um das Gefühl der Heimatlosigkeit in der Heimat. Die Dichterin stilisiert sich selbst dabei gleichsam als „heimatlose Krähe […] Auf der Suche nach etwas, wovon sie nicht weiß, was es ist“. In dieser Heimatlosigkeit wird die Parkbank zu einem Nicht-Ort, an dem man verweilen kann und Zuflucht findet. Und das tagsüber genauso wie nachts:

Verwirrt durch die Nacht
Werde ich älter Wort für Wort
Auf einer Parkbank
Sitze ich neben mir selbst
Und breche das Brot meiner Sehnsucht
Für die Vögel auf der Wäscheleine des Sonnenuntergangs
Brocken
Für Brocken.

Tag und Nacht sind in vielen der Gedichte von Nahid Kabiri sehr präsent, sie alternieren und vermitteln einem lesend so das Gefühl des Vergehens von Zeit.

Ich kaufe zwei rote Äpfel
Zwei Ohrringe und einen Fisch.
Der Verkäufer mit blauen Augen und breiten Schultern
Hat seine langen Haare hinter dem Kopf ans Leben gebunden.
Er lächelt,
Ich lächle.
Und ich zerreiße, während er lächelt,
inmitten des Duftes seiner Birnen meinen Pass
In kleine Fetzen.
Morgen
Kaufe ich Äpfel, Ohrringe und Fisch unter anderem Namen.

 

***

 

 

Nahid Kabiri – Garten, mit Nägeln / این باغ راکه با میخ به گوشه ی دیوار کوبیده اند
hochroth, Wien 2017
ISBN 978-3-902871-85-5
ca. 34 Seiten, ca. 19×13 cm
Persisch + Deutsch (Übersetzung Kurt Scharf)
€ 8,-

 

 

 

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