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hochroth [Wiesenburg] - ein achtteiliges Verlagsportrait

Vorwort lesen
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Teil 5: hochroth Wiesenburg

hochroth Wiesenburg hat 2015 das erste Buch veröffentlicht. Den Schwerpunkt des Verlages bilden Lyrikpublikationen. Insbesondere erscheinen Übersetzungen, aber auch zeitgenössische deutschsprachige Dichtung sowie Nachdrucke vergessener Autoren. Von hochroth Wiesenburg habe ich den Band Silent Syntax von Melanie Katz für dieses Verlagsportrait gelesen.

  Melanie Katz: Silent Syntax. Gedichte. hochroth Wiesenburg 2018

Silent Syntax lautet eben der Titel des Gedichtbandes und wenn man so hinein lauscht in ihn und in die Stille seines Satzbaues oder seiner Satzbauten, dann hört man vor allem eines: Regen.

die tropfen hören
wie sie aufs fenster schlagen
buschtrommeln auf glas

Noch eine Spur stiller wird es rundum, wenn der Regen gar nicht mehr zu hören, sondern nur zu sehen ist:

im Morgen
licht fällt dann
Regen Regen Regen

Eine stille Auffälligkeit in Silent Syntax ist die Groß- und Kleinschreibung in den Gedichten. Denn diese variiert von Gedicht zu Gedicht, was man leicht überlesen kann. Ich lese diese Besonderheit so, dass es innerhalb des Gedichtbandes verschiedene Lautstärken oder Sprechweisen gibt. Es gibt da zum einen das Schlagen der Regentropfen auf Glas. Und zum anderen den lautlosen Regenfall im Morgenlicht. Oder anders gesagt: Die kleingeschriebenen Gedichte höre ich noch eine Spur sachter gelesen, als die anderen.

Eine weitere stille Auffälligkeit der Gedichte wäre die Setzung von Interpunktionen, vor allem was Beistriche anbelangt. Es gibt Gedichte, die gänzlich auf jegliche Interpunktion verzichten und solche, die Interpunktionen setzen. Und dann gibt es dazwischen noch die Unentschiedenen, welche beispielsweise genau einen einzigen, und dadurch völlig unerwarteten, Beistrich setzen. Damit wird diese Stelle im Gedicht dann besonders hervorgehoben, weil man sich unwillkürlich fragt: Warum denn hier dieser eine Beistrich und anderswo nicht? Denn bei einem Buch mit dem Titel Silent Syntax darf man davon ausgehen, dass jeder Beistrich bewusst gesetzt, bzw. weggelassen wurde und dass sich die Autorin dabei etwas gedacht hat, dass es also etwas zu bedeuten hat. Melanie Katz nutzt somit die Beistrichsetzung, um bestimmte Stellen in den Vordergrund zu rücken, über die man ansonsten vermutlich achtlos hinweggelesen hätte. So ging es mir zumindest bei dem relativ langen Gedicht KLEINE TOPOGRAFIE, GOLDKÜSTE, welches, abgesehen vom Titel, nur einen einzigen Beistrich setzt. Dieser einzelne Beistrich taucht in der Länge des Gedichts so unvermutet auf, dass ich beim Lesen jedes Mal aufs Neue an ihm hängen bleibe wie an einem rostigen Nagel in der Wand, was ein erstaunlicher Effekt ist:

Fahrradkeller mit Stühlen
drin, Praxisgemeinschaft für Gartenmöbel
Schneebeeren Hagebutten Kinderspital

„Silent“ wäre in Bezug auf die Gedichte von Melanie Katz wohl nicht so sehr mit „stumm“, sondern eher mit „still“ und „ruhig“ zu übersetzen:

leise und sachte verzartete
minuten
trage ich
in meiner tasche seither

In den Gedichten von Melanie Katz kann die Zeit schon mal gefaltet werden oder auch auf Schmetterlingsjagd gehen. Es sind Gedichte, die innehalten und aufblicken, die zu sich selbst finden, gerade auch in der Ruhe der Natur:

Unter gefiederten Bäumen
Himmel zerfällt in Mosaik
Schatten Stücke Blau
Spinnen werfen dir
klebrige Seide ins Gesicht

Aber die Gedichte von Melanie Katz verorten sich nicht allein in der Natur sondern stecken sich selbst einen sehr weiten Referenzrahmen, von Hölderlin bis Rilke, wenn man so will. Denn relativ am Anfang wird in einem, Nathan Daniel Moore gewidmeten, Gedicht Hölderlin einfach auf dem Tisch liegen gelassen. Während in einem anderen Gedicht gegen Ende des Gedichtbandes, welches mit seinem Titel „LES FLEURS DU [ΣΑ Ɛ]“ auf Baudelaire verweist, sich Rilke „in ein rosenblättriges Radiergummi“ verwandelt und neben das Ich unter die Decke schlüpft. Man kann die Gedichte von Melanie Katz aber auch einfach so lesen, denn sie haben es gar nicht nötig, sich hinter großen Namen zu verstecken.

Sonne und Wolken
Perseidennebel klanglos
über dem Hang und das Moos
auch das graue
es lebt noch

 

 

***

 

Melanie Katz
SILENT SYNTAX. Gedichte
40 Seiten, 8.00 €
hochroth Wiesenburg 2018
ISBN 978-3-903182-09-7

 

 

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