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[Hussein Jinah: Als Weltbürger zu Hause in Sachsen] My white male bookshelf #17

Vor etwa eineinhalb Jahren hat Tillmann Severin alle Bücher männlicher Autoren in seinem Bücherregal umgedreht. Man sah statt bunter Buchrücken fast nur noch die Seiten. Sein Regal war weiß geworden. Seitdem liest er nur noch weibliche Autorinnen und schreibt in der Kolumne über Entdeckungen. Das My white male bookshelf steht in dieser Ausgabe in einem Möbelladen in Hamburg, fotografiert von Julietta Fix.

 

 

Ich war noch nie in Dresden. Die Stadt ist für mich eine Absurdität: Wenn man sie in einer Fotosuche eingibt, sieht man eine intakte barocke Stadt, in deren Mitte die Frauenkirche steht. Natürlich ist dieses Panorama genauso wiederaufgebaut wie alle deutschen Altstädte, und genauso wie bei allen deutschen Altstädten hängt für mich die Rhetorik von geheilten Wunden und einer Aufarbeitung des Nationalsozialismus daran, die rein kosmetisch ist. In Dresden kommt diese märchenhafte Stadtansicht mit der Diskussion um die Legitimität der Bombardierung und der Aneignung des Opferdiskurses durch die Rechte zusammen. Über all dem thront Victor Klemperer mit »LTI«, seiner Analyse der Sprache des dritten Reiches. »Kein Wunder«, habe ich gedacht, als Pegida ausgerechnet in Dresden vor der Frauenkirche auftrat. Und kein Wunder, dass ausgerechnet in Dresden kürzlich der Ausruf eines »Nazinotstands« beantragt wurde.

 

 

Diese krude Mischung und mein Befremden über einen Ort, der wirkt, als sei er Teil eines dystopischen Romans, löst bei mir den Impuls aus, niemals hinzufahren. Der Impuls ist natürlich ressentimentgeladen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass gerade an Orten, wo ein »Nazinotstand« ausgerufen werden müsste, die anderen Stimmen meist untergehen.

In Dresden ist eine dieser Stimmen die Hussein Jinahs. Anfang dieses Jahres ist bei Mikrotext sein Buch »Als Weltbürger zu Hause in Sachsen« erschienen (in Zusammenarbeit mit Sebastian Christ). (Wer sich übrigens wundert, warum in dieser Kolumne ein männlicher Autor erscheint, lese diesen Essay) In dem angenehm schmalen und schnörkellos geschriebenem Band erzählt Hussein, wie er 1985 nach Dresden gekommen ist und was er seitdem erlebt hat. Schon der erste Teil der Geschichte klingt wie ausgedacht und schon weil er diese Geschichte dokumentiert hat, kann man dem Verlag dankbar sein: Kurz nach seiner Ankunft in Deutschland steht der Autor nackt auf dem Flughafen in Berlin-Schönefeld, Kalashnikovs werden auf ihn gerichtet, und die Grenzbeamtin flüchtet aus Scham von der Bildfläche.

Das Ganze ist ein einer Weise nüchtern erzählt, dass weder die komische Absurdität noch die Bedrohlichkeit ausgeblendet werden. In dieser Nüchternheit liegt die Stärke der Erzählung: Komik erscheint umso komischer, da sie nicht ausgeschlachtet wird, und Betroffenheit entsteht nicht durch Rhetorik, sondern durch harte und haarsträubende Tatsachen. Die oben skizzierte Episode endet mit einem kurzen Kommentar:

»Ich wartete nun also, wieder bekleidet, auf weitere Anweisungen.«

Wieder bekleidet, man könnte eine Geschichte nicht kürzer und trockener abschließen, in der man bedroht und in einer unverständlichen Sprache angebellt wird.

Jinah hat keine Illusionen, was seine Rolle als Stipendiat in der DDR gewesen ist: Er sollte die sozialistische Botschaft ins Heimatland zurückbringen. Auch die Gewalt in der Gesellschaft beschreibt Jinah deutlich. Noch bevor er so gut Deutsch konnte, dass er alles verstand, wurden ihm von Jugendlichen Dinge entgegengeschrien. »Andererseits«, kommentiert Jinah sein Bedauern über den noch nicht vollständigen Spracherwerb, »hat es mich deshalb auch nicht weiter beschäftigt oder verletzt.« Darin liegt, auch das macht den Erzähler Jinah und die Geschichte aus, keine Aggression, keine Bitterkeit, nicht mal Sarkasmus. Eher die Perspektive eines Menschen, der den anderen ihre Treffer nicht gönnt und ihre Schläge deshalb ins Leere laufen lässt.

Diese Haltung ist keine Selbstverständlichkeit, vor allem nicht angesichts dessen, was Jinah erzählt: Wenn er - und andere Studenten aus dem Ausland - mit weißen Frauen gesehen wurden, wurden beide beschimpft. Die Gewalt der 90er Jahre beschreibt Jinah so drastisch wie zuletzt auch Manja Präkels in »Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß«. Er erzählt von einer Hetzjagd von Skinheads durch Dresden und davon, wie er in einem Zugabteil von Neonazis bedroht wird, die ihn aus dem Zug werfen wollen. Der Schaffner greift nicht ein.

Im Buch wird das alles protokollarisch erzählt, genauso nüchtern, wie Jinah von seinem Weg in den Beruf des Sozialarbeiters berichtet, den er seit 28 Jahren ausübt. Es wirkt auch hier wieder beinahe fiktional, dass ausgerechnet jemand, der so massiv von rechter Gewalt bedroht ist, sich für diesen Beruf entschieden hat. In seiner Arbeit kommt er den Rechten so nahe wie kaum jemand sonst. So kannte Jinah Lutz Bachmann zum Beispiel schon, als dieser noch als Türsteher gearbeitet hat - der Club wurde übrigens von einem Afghanen geführt.

Jinah beschreibt aber nicht nur die Gewalt selbst, sondern auch ihren Weg von der Sprache auf die Straße. Schon bei seiner Ankunft in die weitgehend zuwanderungslose Gesellschaft der DDR ist der Rassismus überall spürbar. Nach dem Zusammenbruch der DDR bricht die Gewalt, die vorher vor allem in der Sprache vorhanden war, aber aus. Als Sozialarbeiter und Betroffener nimmt er diesen Wandel in einer Deutlichkeit wahr, die »viele Deutsche ohne Migrationshintergrund nicht verstanden haben«. Sarrazins Buch »Deutschland schafft sich ab« markiert für Jinah einen Wendepunkt in der Debatte:

»Ich hatte früh die Befürchtung, dass dieses Buch das gesamte Land verändern könnte, weil ich als Migrant spürte, wie das Gift seine Wirkung zu entfalten begann.«

Das Buch ist 2010 erschienen - vor dem medialen Bekanntwerden des NSU, vor der Gründung der AfD (Sarrazin ist übrigens nach wie vor SPD-Mitglied), vor der Gründung von Pegida und vor dem Ausbruch des Kriegs in Syrien.

»Die Brutalität und die Entgrenzung in der öffentlichen Diskussion schockierten mich«, schreibt Jinah  über die frühen 90er Jahre, und dass er Angst vor einem vierten Reich gehabt habe. Würde man oben statt frühe 90er Jahre späte 10er Jahre schreiben, wären die Sätze genauso verständlich. Umso schockierender ist es, dass Jinah für die Sprache nach Sarrazin die Metapher des Gifts benutzt. Auch Victor Klemperer nennt die Sprache des Dritten Reiches in seiner Anaylse LTI immer wieder ein Gift, das in die Sprache so ziemlich aller Sprecher*innen eindringt und sich ihrer bemächtigt.

Dieses Gift macht sich auch im gegenwärtigen Leben Jinahs sichtbar. Generell versucht er vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause zu kommen und, wenn ihm das nicht gelingt, mit dem Taxi zu fahren, um öffentliche Verkehrsmittel zu vermeiden. Ein Rat, den er auch anderen Migrant*innen gibt:

»Wir geben Tipps, die ein wenig an jene Ratschläge erinnern, die Mitarbeiter in Krisenregionen mit auf den Weg gegeben werden.«

Es macht mich beim Lesen fast wütend, mit welcher Besonnenheit und mit was für einem Optimismus Jinah darüber schreibt. Dann denke ich noch einmal daran, was Jinah zu Deutschland schafft sich ab schreibt: »was viele Deutsche ohne Migrationshintergrund nicht verstanden haben«. Ich habe das nicht verstanden. Für mich ist das auch schwer verständlich. Für mich ist es selbstverständlich, im Dunkeln rumzufahren oder -zulaufen. Meine beiden Großväter waren aber auch in der Wehrmacht, was mich zuverlässig zum Deutschen ohne Migrationshintergrund macht.

Dieses Nicht-Verstehen, von dem Jinah schreibt, gilt sicher auch für viele Stimmen aus der Politik, die angesichts von rassistischen und antisemitischen Anschlägen mit einer Wie-konnte-das-in-unserem-Land-passieren-Rhetorik kommen. Ihnen wünsche ich dieses Buch, das auf eine denkbar unempörte, geradezu staatstragend diplomatische Weise deutlich macht, dass all das schon viel früher passiert ist, dass all das seit Jahrzehnten Alltag ist.

Mir selbst wünsche ich nach der Lektüre eine Reise nach Dresden. Schon deshalb, weil Jinah dort geblieben ist. Aber auch, weil ich als Deutscher mit Nazihintergrund das Privileg habe, auch nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs sein zu können - und das sollte man nicht den Rechten überlassen.

 

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Als Weltbürger zu Hause in Sachsen
Hussein Jinah
Mit Sebastian Christ
5,99€ E-Book
ca. 200 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-73-4
11,99€ Taschenbuch
88 Seiten    
ISBN 978-3-944543-72-7
Mikrotext 2019

 

 

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