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Kolumne

Peggy Parnass - Überstunden am Leben

Ich wünschte meine Texte wären nicht mehr so aktuell

Leuchtend rotes Haar über einer kleinen zerbrechlichen Statur, so sitzt Peggy Parnass im Hof des Auto-Kultur-Zentrums in Bielefeld und scheint sich über jeden einzelnen Besucher zu freuen, der am Sonntagnachmittag zur Filmvorführung kommt. Mit dabei sind Jürgen Kinter und Gerhard Brockman, die aus dem Archivmaterial von Peggy Parnass eine kluge Montage über das Leben dieser außergewöhnlichen Frau angefertigt haben. Doch dazu später.

Die Begrüßung durch die zahlreich erschienen Gäste ist herzlich und begeistert. Eigentlich muss man Peggy Parnass nicht vorstellen. Die Initiatorin der Veranstaltung, Brigitte Siebrasse, tut dies dennoch mit einer leidenschaftlichen Rede. Peggy Parnass Besuch in Bielefeld sei ein lang gehegter persönlicher Wunsch, der Dank der Hilfe des AKW, der Mitstreiterinnen der Bielefelder Künstlerinnenvereinigung, insbesondere Lydia Averdieck, die flankierend in einer Ausstellung ihrer Seniorschülerinnen eigenwillige Darstellungen zum Jahr der Demokratie 2019 zeigt, endlich erfüllt werden konnte. Eine der ersten Ermutigungen kam jedoch von der jüdischen Kultusgemeinde, die ohne Zögern ihre Unterstützung zusagte.

Siebrasse erzählt sowohl vom unbeirrbaren Eigensinn Peggy Parnass, die mit ihrer Gerichtsberichterstattung in den 70er Jahren Kultstatus erlangte, als auch von der bewegenden Lebensgeschichte einer Überlebenden des Holocaust, die als kleines Mädchen in Schweden, getrennt von ihrem Bruder, 12 unterschiedliche Pflegefamilien durchlief, bevor der Onkel, der einzige Überlebende der Familie, die Geschwister  nach England holte. Gezeichnet hat sie das, gebrochen nie. Vielmehr sieht sie in der Offenheit die einzige Chance. Und Wut ist immer ihre stärkste Antriebskraft gewesen.  

Der 2017 fertiggestellte Film „Überstunden am Leben“ zeigt Peggy Parnass durch die Jahrzehnte hindurch als unverwechselbar „ehrlich bis auf die Knochen“. Immer wieder wurde ihre Wut durch die Erfahrung von Ungerechtigkeit gespeist, der sie eine klare Berichterstattung entgegen setzte.

Auch wenn sie zugibt, gerne schöner zu sein, vor allem größer, ist Peggy Parnass niemals eitel, immer geht es ihr um Inhalte, nicht um ihre Person. Über ihre Tätigkeit als Gerichtsreporterin, aus der 1978 ihr Kultbuch „Prozesse“ entsteht, sagt sie: „Die ganzen Jahre ging ich fast nie an einer Anklagebank vorbei zur Pressebank, ohne das Gefühl zu haben: reiner Zufall, daß ich nicht dort sitze.“ Als sie das Buch, dem 8 Jahre Arbeit und über 600 Prozesse vorausgegangen sind, endlich in den Händen hält, ist sie so glücklich, dass sie es „ableckt“.

Überhaupt dieses Buch. Ich habe es mir am Büchertisch besorgt und war schon nach den ersten Seiten dankbar und zutiefst beeindruckt von dieser gerechten Wut, mit der Peggy Parnass sich sowohl der Anklage als auch der Verteidigung verweigert, und standhaft auf der Seite der Gerechtigkeit kämpft.

Der Film zeigt Parnass als Schauspielerin, und in ihrer kleinen grünen Wohnung in Sankt Georg. Sie ist offen und herzlich, wütend und unbestechlich ehrlich, aber niemals verbittert. Vielleicht liegt es daran, dass sie immer den Blick nach vorn gerichtet hat, ohne zu vergessen, was geschehen ist. So kämpfte sie sowohl gegen Atomkraft und für Abrüstung, für die Angeklagten und deren Opfer, und immer für Gerechtigkeit. Auch wenn letztendlich immer der Staat stärker war, sagt sie, war dieser Kampf richtig, wichtig und unerlässlich.

Ein bisschen Resignation schwingt mit, wenn sie erklärt: „Ich wünschte meine Bücher wären nicht mehr so aktuell“. Dabei sind sie gerade heute wieder hochaktuell, wenn Rettungsboote mit geborgenen Flüchtlingen von Land zu Land abgewiesen werden. Parnass sieht darin eine Wiederholung der eigenen Geschichte von Vertreibung und Vernichtung.

Ihre Energie hat sie nie verloren, und das Alter kümmert sie nicht. Alter und Jahreszahlen sieht sie als Waffen. Sie akzeptiert keine Grenzen, auch die eigenen nicht. Die Zeiten des Zorns hat sie als produktiv erfahren, gefährlich waren die Zeiten der Resignation. Aber irgendwie wird ihr ungebrochener Mut zur Wahrheit dann doch honoriert, an entscheidenden Stellen sind Freunde und Helfer da, um sie zu unterstützen. Auch wenn sie den Kampf weitesgehend allein führen muss. Überstunden am Leben eingeschlossen.

In der anschließenden Diskussion zeigt sich das Publikum dankbar für die zutiefst humanistische Haltung dieser außergewöhnlichen Frau, die bekennt gerade jetzt im Alter, sie ist mittlerweile 90 Jahre alt, unglaublich gerne zu leben. „Als Kind war ich uralt“, sagt sie. Vielleicht darum, hat sie das Leben stets sehr intensiv und über vermeintliche Grenzen hinweg ausgelebt. Während ihr Lebenswille in jungen Jahren durchaus heftigen Schwankungen unterlegen hat, sei sie nun „geil auf das Leben“.

Nur die Menschen, sagt die zarte Frau mit der tiefen festen Stimme, die müssen sich ändern! Ihre Einstellung und ihre Haltung ändern! Und viel häufiger widersprechen!

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