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Wir reden über Literatur
Kolumne

Liegengeblieben #6 – [Text mit Nebenwirkungen]

Jedes Gedicht, ja jede Kunst, will etwas.

Wenn in der Aufführung von John Cages 4'33 nichts weiter geschieht, als daß man den im jeweiligen Hier vorhandenen Geräuschen lauscht, so hat das und macht das seinen eigenen Sinn. Es ist also ein semantisches Geschehen. Erst recht, wenn in eine Komposition Zweckerwartung und Situationsempfinden dritter einkalkuliert werden, wie in Manfred Werders 2003.Die Vorschrift zu diesem Stück legt fest,  vom aufführenden Trio habe jeder im Verlauf nur zwei Töne zu spielen, die zwischen drei bis sieben Sekunden lang sein dürfen. Die dazu zur Verfügung stehende Zeit ist nicht festgelegt. So dauerte ein von dieser Komposition gemachter Mitschnitt satte 70 Minuten. Auch das ist ein semantisches Geschehen. Es bedeutet etwas, wenn wir solche Konzepte in die Welt bringen.

Tatsächlich nämlich bringen wir Konzepte in die Welt. Igor Strawinsky schreibt in seiner „Musikalischen Poetik“: „Wir haben eine Pflicht gegenüber der Musik: sie zu erfinden.“ Das bedeutet schlicht, Konzepte zu erproben.

Auch ein Gedicht hat eine Zweck- oder Wirkabsicht und enthält einen poetischen Wirkstoff, von dem man sich eine bestimmte oder auch unbestimmte Wirkung verspricht. Dieses ist der relevante Gegenstandsbereich einer gezielten Handlung wie der des Gedichtschreibens. Es besteht eine wechselseitige Beziehung zwischen Rezeptur und Rezeption und der tatsächlichen Wirkung des Gedichtes. Es besteht eine Zweckabsicht, die die Gestaltung lenkt und im Außenherum sieht es Rezeptoren, an die das Gedicht adressiert ist, wie ein Medikament an eine mögliche Bewirkungsstelle. Es hat einen Job.

Überstrapazieren wir den Vergleich: Das Gedicht ist das Medikament für eine erst noch im Gegenüber aufzufindende Krankheit, oder sagen wir, eine vorhandene oder nicht vorhandene Not. Es wird gebraucht für einen hypothetischen Zweck, den man sich im billigsten Fall aussucht, wie man sich eine Versuchsanordnung erfindet. Dabei kann es und wird es, wie bei einem Medikament, Nebenwirkungen geben, die nicht in Beziehung zur eigentlichen Leidenslinderung stehen, die aber auch echte Wirkungen sind – nur eben nicht gewollt, nicht Bestandteil des Gegenstandbereiches. Gerade wenn das Medikament ein Leiden lindern soll, das nur irrtümlich diagnostiziert wurde, es deswegen nicht zu einer Linderung kommt, aber dennoch zur Nebenwirkung, dann fragt sich der Patient – zu Recht – hat man überhaupt verstanden, an was es mir mangelt – oder anders herum: was hat man verstanden, woran es mir mangelt? Man = das dichtende Personal = der Ver(s)schreiber des Medikaments.

Wir müssen also, wenn wir von Kunst und Gedichten reden, auch davon reden, wo irgendjemand glaubt einen Mangel (= eine Adresse) ausgemacht zu haben, dem (der) die Gabe seiner Kunst zudienen könnte. Der Verabreicher hat eine diagnostische Idee, woran es einem Leser mangelt oder was einem Leser gut tun könnte. Insofern ist die Gabe des Medikaments ein ungewolltes politisches Statement. Sie schafft Umstände und ist selber ein Umstand, in dem sie eine Sichtweise einbringt, Anblicke kultiviert, Hinblicke erklärt. Dahinter steckt immer Diagnostik und der vermeintliche Einblick in Zusammenhänge und Antizipationsvermögen, es steckt ein Menschenbild dahinter. So ist Kunst natürlich die Kunst der Adressierung, die aus der Aufmerksamkeit sich selbst oder anderen gegenüber stammt. Sagen wir, der Blick auf sich selbst verrate den Blick auf „den Menschen“ - dann verrät das Gedicht eines Menschen auch seinen Blick, der aus seinem  Erlernen der Welt stammt, und das Lesen eines Gedichts ähnelt ein bisschen dem Erlernen einer Fremdsprache.

Man bemerkt in der Regel sehr schnell, ob man dabei Teil einer Versuchsanordnung ist und wie sich Räume entwerfen. In manchen gibt es sogar Raum für  die eigenen Geräusche, wie im Beispiel 4'33'', in anderen soll ich entlang bekannter Codes zu tradierten Höhepunkten geführt werden (wobei nicht nur das pathetische Schreiben, sondern  auch schon manches „Experimentelle“ einer Lahmheit zufällt, die sich durch die wiederholte, ermüdende Nutzung alter und ältester Zweifels-Malgründe einstellt) oder ob das Erlernen der Welt Zwischenstopp-Thesen formuliert hat, die nun ausgetestet werden. Bespielt. Organisch verwoben mit dem Wort „möglich“.

Umppffh. Vor diesem ausgewalzten  (liegengebliebenen) Sinnteppich, der hier stoppt und keine Chance hat irgendwo zu einem Ende hin entrollt zu werden, probiere ich nun über einen schmalen Band Gedichte zu sprechen, der schon seit Monaten im Bettstapel liegt/lugt: stimmapparatvibrato von Walter Fabian Schmid, mit einem schönen Klappentext von Markus Hallinger auf der rückwärtigen Umschlagseite: „Wenn alles zerstäubt, lasst sich nur mehr ausm flügel hecheln. Die gängige Sprache taugt nicht zum Flug. Notwehrsituation. Da braucht es erstmal ein Kauwerkzeug als Startup und Waffe, die sich aber, zweischneidig, auch gegen sich selbst richtet. Was passiert und was entsteht, wenn sich der Dichter dem Begriffehagel aussetzt? Wie wird Ordnung geschaffen?“ ---

Ordnung durch Wegprügeln?, durch Verschlucken?, durch Ignoranz oder Wegkuck. Oder durch Hindübeln?, durch Ausspeien?, Rausdrücken und Nichtbücken. Ordnung durch Trennen?, Wenn, Ja und Aber?, Klären mit Sieb und Filter?

„ … Denken / ist nicht extra-dimensional. Das geht / alles auf eine Rechnung.“

WFS denkt sich nicht weg, auch wenn das hohe artifizielle Maß seiner Texte das zunächst vermuten läßt. Er ist komplett bei uns, bei sich, d.h. bei den Patienten. Denken geht nicht extra und der Mensch ist schon mal kein Hero der Extraklasse, sondern ein Viech wie jedes andere, dem das Leben die Rechnung präsentiert. Stolz als Lebensantwort wäre ein Stein, der gekickt wird.

WFS kommt aus dem akustischen Erleben der Sprache. Die erste Grafik im Buch zeigt schemenhaft einen Menschen aus unförmigen Vielecken, wabenähnlich, mit einem aufgerissenen dunklen Mund, wo sich ein Loch auftut für die Welt, in die sie fällt, aber aus der sie auch herausduftet oder sogar schallt. Die Zone des Lautes, die Abgabestelle des Grunzens und Ansatzstelle der Brechstange des Vokabulars. Hier passiert's, mechanisch, biologisch, die „Sprachautonome Zone“:

des krümelnde lungenriesln (schründige / wortreibungstöne) klopft mit klamm / heimlich gurglndn fugnliedern / an den kläglichn Kehldeckel.

So holt WFS den Menschen der Sprache zurück ins Lauterzeugen, das nicht sein Verdienst, das bereits eine viehische, tierische Errungenschaft ist. Überhaupt will er das nicht:

in sinnzweifelsgfüllter luft / stickung knarzn flimmernde / letter durchn zerklüftetn / atemschacht zum knacklautn rachn / engl (kehliges röchln der flüsterbrockn).

Bitte nehmt das raus, alles Erhöhen, das ja eine Lüge ist, weil wir von Stufen kommen, nicht ausm Himmel. Wir sind ein Dialekt einer viel größeren Sprache, die uns ein Körper ermöglicht, dessen Funktionalität ein gleich hohes Maß an Wunder, aber ein blutendes, knarzendes, pochendes darstellt. Ein umtriebiges Geschehen bis hin zum Atemzugvogel, der durchsegelt, was an Landschaft wir fürs Frakturreden brauchen:

im lungnfugnwehendn phoen / flattern de atemzugvögel / durchs lüftungsklappern / der gaumign segl / u kielschabm zwischnzeilig / ein schrifttiefes buchstabmbett / (die gravierende fraktur!).

Der Fön ist fast ein Poem. Man beachte: es ist ein buchstabmbett. Da hat jemand sehr genau hingehört und gehört, daß wir oft gar nicht genau hinhören, wenn wir sprechen, daß wir verschlucken und verschlingen beim Raushaun und mmmmmen und nnnnnen und das auch gern vertauschen. Ganz klar erinnert man Thomas Kling, erinnert man Ernst Jandl, aber hat nie das Gefühl im Beerben läge irgendein Makel. WFS ist ein Lautmensch, dem die Vokale fehlen, weil der Mensch ins Stottern gekommen ist. Er ist auch ein genauer Schilderer, webt poetische Bilder in die Lautmalereien ein, die tragen, ist konstruktiv zugange in mutiger Abstraktion. 

Es folgen, im Zeichen des Kompass, fluchtpunktportraits, identities , in ihrer Identität festgebundene Menschen, vom Lagerinsassen zum Bürohengst, vom messiasmalträtierten märtyrer bis zum stillkrächzndn kaputtrackrl – Menschen sind auf dem Weg, den sie gehen, von dem ihr Kompass ihnen sagt, er sei gut und er sei richtig. Aber auch hier gilt: wir sind alle Figuren, zu allem bereit, zu allem fähig, von wegen erhaben durch die Welt schreitend als Krone der Schöpfung. Leider bricht WHS diese Textsammlung zu früh (nach sieben Texten) ab, so ein sprachspielerisch montierter Phänotypenzoo der Gegenwart hätte dem Buch ein perfektes Zentrum gegeben.

Die folgende Ordnung der Motten ist ein Spiel mit Folge und Ordnung der Worte in Blaukraut-Manier und der schwächste Teil des Buches, weil a) ein nicht ganz überzeugender Rückgriff auf wirklich alte Muster und b) nur als Übungsnachweis zu gebrauchen: besorgte worte / horten dosierte sorgen / borgen hort froher worte. Ich höre am Schlagzeugspiel, ob jemand jemals seine Triolen geübt hat oder nicht, gerade wenn es in die Achteltakte geht und Verzierungen gefragt sind – dort sind die fill-ins auf der Snare ein wunderbares handwerkliches Mittel den Takt dynamisch zu gestalten – deswegen aber würde ich nie auf die Idee kommen, das Üben der Triolen zum Song zu erklären. Und wenn ich Worte besorge, die Sorgen vorm Bergen verbargen, oder so ähnlich, dann geht das meiner Meinung nach nur als fill-in in einem komplexeren Ganzen gut, sonst scheitert es an Fischers Fritz. Macht aber bei WFS zumindest klar, daß für ihn das Spielerische das Maßgebliche ist.

Im letzten Kapitel erreichen wir die Einsteinzeit. Sie läßt sich aus einem Blatt voll geschrieben mit Formeln, Zahlen, Zeichen und Buchstaben fett herauslesen und der aufmerksame Leser findet dann noch ein blasses WÜRG? rechts davon in einer Zeile des oberen Drittels, mehrfach ein (GEH)² , ab und an ein HÄ? und am Ende ein WALTER, bevor er sich in die römisch gezählte dreizehnteilige Einsteinzeit begibt. Die Liebe zur Einsteinzeit ist also nicht groß und alles Rechnen und alle Kolonnen der Fragen enden beim Dichter himself. Nicht weil er das Maß der Dinge wäre, sondern weil seine Fragen bis dato weder gestellt noch beantwortet werden. Weder von Einstein, noch von der Postpostmoderne und nicht vom Du oder vom Jetzt. In diesem Kapitel zeigt sich die ganze eigentliche Verlorenheit von Walter Fabian Schmid, der die angebotenen Wahrheiten als unzureichend und übertrieben bewertet betrachtet: die Welt, so wie sie jetzt ist, mit allem Einstein, Nano, Smart und Java, ist eben eine Welt mit genau diesen Ingredienzien, mehr aber auch nicht. Sie ist weder ideal, noch auf dem Weg dorthin, sie ist so da wie sie ist relativ und hängt ab von dem Käse, den es in ihr gibt und den wir mittlerweile größtenteils selbst produzieren. Das HÄ? taucht auch auf im Gedicht V:

  … Komm raus aus der / Hülle*, dein Stern hängt zu hoch. Hä? Ich / schiess dir das leere Wort zu und brech / dir mit meinem Sprechakt die Glyphen.

Diese Statements sind blockgesetzt. In diesen kleinen Blöcken spielt es sich ab (und wird auch einmal aus der Reihe getanzt). Warum selbst Einstein nicht hilft, warum wir die ständige Überbewertung unserer Weltbeantwortungsfähigkeit den Hasen geben können. Das steht alles dort drin, nicht wörtlich, aber in diesen Kästchen durchgespielt und damit ausgemustert:

Die gebrochene Schrift zerfällt hinter / den clouds. Zerrissene Symbolketten im / Supercluster. Welche Gravitationsmacht / hat so ein Hashtag? …

--- am Ende kommt raus: DU BIST NUR EIN EREIGNISHORIZONT. Es grüßt dabei augenzwinkernd Lapidarinski, er kennt Punk und Ernüchterung.

WFS hat keinen Trost parat und hat keine andere parallele Welt, als die, die man sich mit Hilfe der alten anrichtet: Mit der Sprache zur Sprache bringen, soweit die Sprachfüße tragen. Wer übt, kommt – vielleicht - weiter. Dem fast religiösen Zuruf „Du mußt dein Leben ändern“ (remember Sloterdijk/Rilke), setzt er ein Du mußt dein System ändern entgegen, wozu es des Wissens bedarf, ein System zu sein und noch anderes mehr. Das Aufwachen ist eine verdammte Enttäuschung und das hochtrabende technisierte Jetzt womöglich das, was die Gegenwart überstimmt und auslöscht, weil das Werden in die Tiefe der Traurigkeit ausweicht. Erase.me ist noch immer keine Domäne, schreibt WFS, vielleicht wohlwissend, daß sie kommt (ID ist eh nur eine IP).

Dieser hintere Teil des Buches, ist der stärkste, und er läßt am meisten Mehr und Neues von WFS erhoffen, weil er hier, getragen von der Rahmengebung des Blocksatzes, am wildesten kombiniert: ausdrucksstarke Sätze (Es herrscht eine große Bitte nach Identität) mit Wortneubildungen (datenepileptisch) und kuriosen Einfällen (Lies die Sterne, nicht die Lagrangedichte), hier würfelt sich alles durcheinander und geht doch nicht auseinander. Schüttprinzip, Box. Es verbünden sich Hinhöreffekte mit ironischen Häppchen und die Erdung der Zweifel verlegt sich ins Nichts ( … Spektral / gequantelt  hampelst im deep space). Hier ist schon reichlich was los und viel Kritik.

Im letzten Gedicht des Bandes befindet WFS, wir seien disparate Partikel in formaler Präzision und erinnert an eine augenscheinliche Banalität: Makellosigkeit verspricht Perfektion, aber diese macht dich auch austauschbar. Die Püppchen überschwemmen das Netz. Sie eliminieren notwendige Differenz, als sei sie ein Makel. Und wer so durchstartet ins Leben, die Natur überspielt, überspielt Maß und Ziel. Ironisch gib WFS den Rat: Steig auf den Jet und verdampf.

 

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parasitenpresse 2018
Walter Fabian Schmid
stimmapparatvibrato
Gedichte
58 Seiten
Preis: 10,- € –

 

 

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