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Wir reden über Literatur
Kolumne

Von Menschen-Marien und Hälften

Marie Darrieussecq und Helene Hegemann sprechen im Berliner Kino Babylon über Zukunftsnarrative, Co-Working Spaces und Boris Pasternaks rote Wälder.

Ihr Kopf thront, schwarz-weiß mit puschigem 20er Jahre Haarschmuck als Riesenplakat über dem Eingang des Kino Babylon. Die bekränzte Frau, die mir die letzten Wochen auch von Plakaten in Berliner U-Bahn-Stationen entgegenblickte, ist eigentlich eine Maschine: Maschinen-Maria, Duplikat der rechtschaffenen Menschen-Maria in Fritz Langs Stummfilm-Dystopie Metropolis. Diese läuft gerade auch wieder im Kino Babylon. Heute aber nicht: Heute gibt es Literatur. Live. Marie Darrieussecq stellt ihren frisch im Secession Verlag erschienen Roman Unser Leben in den Wäldern vor und auch darin geht es dystopisch zu. Als Gesprächspartnerin hat Übersetzer Frank Heibert, der die deutsch-französische Lesung moderiert und dolmetscht, Helene Hegemann eingeladen. Weil sie schräg sei, im positivsten Sinne, weil sie die Dinge gegen den Strich lese.

Foto: Sara Hauser

Von vorne aber: Wir sitzen in einem fensterlosen, Schlauchsaal, leicht nierenförmig. Hier bekommen wir von Wind und Nieselregen draußen nichts mit, erwarten eine deutsch-französische Sprachdusche. In den Wäldern ist das anders. Dort erinnert sich Darrieussecqs Hauptprotagonstin in einem Erdloch an ihr Leben vor den Wäldern, schreibt einen Bericht, mit Bleistift in ein Heft. Schreibt, wie sie in die Wälder kam, in denen sich Die Generation verschanzt, aus Angst von der digitalen Totalüberwachung und davor, einfach so zu verschwinden. Die Generation ist nicht alleine: Jeder hat seine ureigene Maschinen-Maria. Bei Darrieussecq heißen sie aber „Hälften“ und sind lebendige Organlager, deren Nieren oder Lungen bei Bedarf abgeerntet werden. Das ist zumindest ihr Bestimmungszweck, bis die Hälften von ihren Menschen befreit und „vertikalisiert“ werden.

Die Wälder also eine Art letzter Save Space. Eher ein Lager. Von ihrer Flucht dorthin berichtet Darrieussecqs Hauptfigur, die Psychotherapeutin – Achtung Doppelung – Marie. Und immer wieder hebt Marie zu neuen Anfängen an, verschriftlicht die seltsamen Vorfälle einer Welt, in der einem fensterlose Einraumwohnungen zugeteilt werden und in der das Analoge, das Notieren, das Erzählen die überwachte digitale Kommunikation durchkreuzt. All das in einer Sprache, die oft herrlich ans Gesprochene und Gedachte erinnert. Knapp, sprunghaft, eingedampft auf 110 Seiten. Und mir viel schwarzem Humor und Lust an klingender Sprache. Wut auf robotische Kontrollen entlädt sich dabei etwa in Einwürfen wie „Quak quak bla bla blubb“.

Maries Erzählen tastet sich andeutungsweise immer weiter an die Flucht und die Jetztzeit im Wald heran. Diese durchbricht Maries Rückschauen immer wieder durch ein kurzes, oft abgesetztes „Mir ist kalt.“

Zurück aber in den warmen Schlauchsaal. Dort hält Frank Übersetzer Heibert den Abend großartig zusammen. Unaufgeregt und flowig moderiert und dolmetscht er, gibt wohl dosierte Impulse. Es macht Spaß, ihm beim Lesen seiner deutschen Übersetzung zuzuhören, der Text atmet. Auch Darrieussecq hat eine unglaubliche Lesepräsenz, als sie beginnt den Anfang ihres Romans zu lesen, bin ich sofort ganz bei ihr. Mein Schulfranzösisch entrostet, und übers nicht-alles-Verstehen dringt dennoch ein Sound verspielter Direktheit zu mir durch, den ich auch vom Lesen der deutschen Übersetzung kenne. Ihren Beginn hören wir nach Darrieussecqs französischer Version:

 „Ich tat das Auge auf und peng, alles trat zutage.“

Dieses behauptete „alles“ zerfällt zunehmend in Teile; Marie selbst, ihre Sprache, ihr Körper eingeschlossen. Darrieussecq setzt mit ihrem „peng“ einen erzählerischen Urknall und zieht uns direkt in die Wirklichkeit der einäugigen Erzählerin. Auch Zeitdruck und Maries körperliche Versehrtheit sind spürbar:

 „Ich bin schlecht beieinander. Ich werde keine Zeit haben das nochmal durchzulesen. Oder einen Plan zu machen. Es kommt, wie´s kommt. Also:

Ringsum sehe ich ein Lager im Wald. Zelte und Planen. Löcher. Kohlebecken in Ölfässern. Das Dach der Bäume, das uns vor den Drohnen schützt. Ein gehackter Internetzugang und ein paar zusammengebastelte Roboter. Trockenklos und eine Führung mit eiserner Hand. Eine Rückkehr zu den Anfangsgründen.“

 Diese Zukunft, in der nur in den Wäldern ein aufs Minimum reduzierte Leben ohne digitale Dauerkontrolle möglich ist, hat Darrieussecq, wie sie sagt, als Person gestaltet, die aufwuchs bevor das Internet Teil unseres Lebens wurde. Die 1969 in Bayonne geborene Baskin sei in der Zeit nach den großen Kriegen und mit dem Narrativ einer blühenden Zukunft herangewachsen; mit der Aussicht, dass alles gut werde. Diese Perspektive erscheint heute befremdlich angesichts der Konglomerate globaler Schieflagen. Darrieussecq sagt, es ginge ihr nicht darum, Technik, das Internet zu verteufeln, sondern um die Auseinandersetzung mit dem positiven Zukunftsnarrativ, mit dem erwachsen wurde. Auch Hegemann kennt es, sieht es aber als krassen Kontrast zu den 9/11-Bildern, die 2001 in ihr Leben krachten. Gar nichts ist da gut, es brennt, aber dennoch in sicherer Monitordistanz.

Darrieussecq schafft in ihrem Roman eine Welt, hinter deren digitalen Zusammenhängen Maries Verständnis hinterherhinkt. Dieses Hinken steckt die Sprache an. Es ein souverän und kunstvoll inszeniertes Hinken, das sich scharfzüngig die Funktionsweisen einer digitaler Kontrollgesellschaft umkreist. Marie sei dennoch eine Erzählerin, der man nicht vertrauen könne, charakterisiert Darrieussecq ihre Figur. Sie wahre immer eine gewisse Distanz, während sie in ihre Sprach-Stücke zerfalle. Hegemann sieht das anders. Für sie hat Marie den, ihrer Situation angemessenen, größtmöglichen Durchblick. Keine Sekunde habe sie an Maries Souveränität gezweifelt. Als extrem zuverlässig und vertrauenswürdig habe sie Marie gelesen, nicht zynisch, wie von Heibert vorgeschlagen, eher glaubwürdig abgeklärt. Und Hegemann erkennt Parallelen zu eigenen Figuren und Erzählhaltungen, zwischen Zynismus und liebevoller Gleichgültigkeit, welche Hegemann der Erzählerin ihres neuesten Romans Bungalow zuspricht. Und Darrieussecq freut sich emphatisch über die verschiedenen Lesarten.

Vom Klicker hören wir dann, Maries Patient Zero und von ihren Therapie-Sitzungen mit ihm, vor der Flucht. Wenn Marie erklärt, was sich hinter der Berufsbezeichnung „Klicker“ verbirgt, zoomt sie die Leser*innen an sich heran, adressiert sie direkt:

 „Sie wissen, was das für ein Beruf ist, Klicker? Der muss Robotern all unsere geistigen Assoziationen beibringen, damit sie sie eines Tages an unserer Stelle hinkriegen (…). Die unendliche Wiederholung seiner Aufgabe brachte den Klicker zu mir.“

So wird westliche Denk- und Kulturgeschichte stückchenweise reduzierbar. Klick-klick. Solche Assoziationsketten bringt der Klicker den Robotern bei:

 „Blau = Himmel = Melancholie = Musik = Prellung = blaues Blut = Adel = Enthauptung.“

Über Auslassungen, Kurzschlüsse und angedeutete Geheimnisse möchte sie, so Darrieussecq, ihre Leser*innen bestenfalls zur Frage treiben, was das denn eigentlich alles mit dem eigenen Leben zu tun habe. Diese Zerstückelung habe Darrieussecq auch versucht, in einen Rhythmus zu übersetzen. Das gelingt größtenteils, lediglich an so manch entwaffenenden ha! hätte gespart werden können.

 Es gäbe noch viel zu schreiben, von den eigenen Privilegien, die Darrieussecq reflektiert und warum sie übers Fliehen nur dystopisch als Marie, aus privilegierter Perspektive erzählen kann. Eine Hälfte, ein Organlager zu haben, ist Privileg.

Oder davon, dass Co-Working-Spaces für Hegemann selbst geschaffene Un-Orte sind, in denen sich Menschen sehr gleich-individuell Wan-Tan-Gerichte in Mikrowellen schieben. Bei allen treffenden Beobachtungen zu Unser Leben in den Wäldern schwebten mir Hegemanns rein zeitdiagnostischen Ausführungen zu sehr im luftleeren Raum. Dazu hätte ich gerne noch Hegemanns Text-Sound im Ohr gehabt. Was aber zeitlich durch das Lesen der zwar kurzen, aber eben deutsch und französisch vorgetragenen Stellen unmöglich war. Und die Zweisprachigkeit, das durchatmen-Können, manchmal auch nur dem Sprachklang zu folgen, tat dem Abend gut.

Die aufploppende Bezugsvielfalt spricht für die Veranstaltung, die sich zwischen aufmerksamer Gespanntheit und Leichtigkeit einpendelt. Die tragisch-komischen Improvisationsgesten ihres Romans unterstützt Darrieussecq großartig. Etwa indem sie ihre Lesen unterbricht, um die vom benachbarten Kinosaal eintönende Chormusik zu kommentieren.

Wer Absurditäten und Sprachspielereien mag: lese Darrieussecqs Text. Trotz oder vielleicht gerade wegen des Endzeitszenarios macht er das Spiel mit Ähnlichem und Mehrdeutigem schnoddrig zum Programm. Das ist übrigens auch die einzige Chance die Überwachungsroboter auszutricksen: Metaphorisches Sprechen, der Klicker und auch Marie selbst tun das zunehmend. Der Trick sei nicht sonderlich neu; schon der russische Dichter Boris Pasternak kannte ihn, merkt Darrieussecq an: In einem behördlichen Verhör gefragt, was denn diese roten Wälder in einem Gedicht zu bedeuten haben, ob das denn sozialistisch sei, antwortete Pasternak in etwa: Das sind Herbstwälder. Ich schreib von roten Wäldern, denn im Herbst ist der Wald rot.

*

Marie Darrieussecq
Unser Leben in den Wäldern
Übersetzt aus dem Französischen
von Frank Heibert
Gebunden ohne Schutzumschlag
Secession Verlag
110 Seiten / 18 € / 24.00 CHF / 18.50 € (A)
ISBN 978-3-906910-59-8

 

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