Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

open mike 2019 – Samstag

Der Abend beginnt mit einer Rede des Leiters vom Haus für Poesie, in der sowohl auf die Bedeutsamkeit des Datums in der deutschen Geschichte hingewiesen wird (dafür wird von ihm die unglückliche Wendung „deutschste aller Tage“ geprägt), u.a. Republikausrufung 1918, Novemberpogrome 1938 und Mauerfall 1989. Kurz geht es dann auch um die Zukunft des open mikes, welche nach dem Rückzug der Crespo Foundation von der Finanzierung noch offen ist – aber es soll wohl weitergehen. Nach einem kurzen Gedenkmoment für die im Oktober unerwartet verstorbene Ulrike Crespo werden noch die Lektor*innen und die Jury vorgestellt.

Die erste Lesende ist dann Nadine Sieger. Der Titel des Textes wirkt zunächst sehr brav, aber „Irma“ bezeichnet keine Person, sondern einen der stärksten atlantischen Hurrikans seit Beginn der Aufzeichnungen, der 2017 die Karibik verwüstete. Erst ein paar Tage zuvor ist der Vater der Erzählerin tief gestürzt, auf den Hinterkopf, auf der Insel St. Martin, wo er lebte. Die völlig verwüstete Insel ist dann die Kulisse für eine Begegnung mit der Vergangenheit, mit den Fragen nach Verbindungen, Familie und Herkunft.

„ich: deine tme/sis, gespalten
partizip perfekt passiv ich schlampe
du held partizip präsens aktiv
zusammen sind wir partizip futur aktiv“

Clara Heinrichs haargenaue Betonung, zwingend und dennoch leicht unbändig, hat etwas Schmiedendes – mit diesen Gedichten, so kommt es mir vor, könnte man jemanden verprügeln, einem allzu glatten Gesicht Schnitte verpassen. Sie beeindrucken mit ihren vielen Thematisierungen, feministischen Standpunkten, in jeder Zeile ein neues Fanal, manchmal allzu kalauerhaft, in jedem Gedicht mehr und mehr Zorn und zünftige Zuschreibungen, Anfechtungen. Stark, von „femokratie“ bis „fragen ist das verbot der stunde“, aber nach den ersten vier Gedichten verläuft sich die Wirkung und Energie etwas.

Manon Hopfs Gedichte zoomen dort heran, wo normalerweise keine Aufmerksamkeit liegt. Unscheinbare Existenzen bewohnen ihre Gedichte, Handarbeiten, Abschlägiges, Verhärmtes im Zentrum. Man sollte diese Gedichte langsam lesen, wie auch Hopf selbst sie vorliest. Das Schmerzliche in ihren Bewegungen muss sich manchmal erst, unter dem langen Blickverweilen, Aufnehmen, öffnen.

Lasse Jürgensen scheint seine Gedichte beim Vortrag noch einmal selbst zu genießen, während er sie als Speisen an unsere Ohren verteilt. Wie entkommt man dem Schweine(stall)system? „mir schwebt vor, dass Pferdemücken ins Parlament ziehen und Wolfsmilchrindeneulen in Kirchen predigen […] die Domestizierung neigt sich gen Ende“. Anthropozän-Abschied/Absage, aufgeführt wie ein Ausschnitt aus Gargantua und Pantagruel, schmatzend, ausnehmend, marinierend, knochennagend – viele Zungenschläge, gefährlich und lockend, gebärend und erdrückend, bisschen zu cool, bisschen zu viel, bisschen zu wenig Entwicklung.

 „Entweder Darmentzündung oder Tumor“, damit setzt Lisa Krusches Text ein. Paul hat Krebs. Wie die/der Partner/in (und Protagonist/in) damit umgeht, bildet die Handlung des Textes. Es geht um Schmerz, die Deutlichkeit des Spürens, die Wahrnehmung, die sich am Empfinden von Vergänglichkeit und Verzweifeln und der Lebendigkeit dazwischen schärft. Die Wirklichkeit bleibt unbeeindruckt von der Krankheit, da ist nur der Mensch, der beides bewältigen,  zusammenbringen muss, Krankheit und Wirklichkeit. Und die Krankheit erobert schnell alle Wirklichkeitsräume, die Welt steht Kopf und der wird teilweise zum Feind, ebenso wie alle neuen und alten Umgebungen. „Tralala im Kopf“ ist ein beeindruckendes Beispiel für einen Text, der eine heftige Erfahrung dem Leben entreißt und in einen Text bannt, ohne, dass sie ihren Schrecken, ihre Wucht verliert.

Fun-Fact für zwischendurch – die letzten vier Autor*innen haben in alphabetischer Reihenfolge gelesen.

Sebastian Behrs Kurzprosastücke sind ein bisschen wie entkörperte, fern-magische Momente, entkörperte Erinnerungen, leicht unwirklich. Silvester, Schwimmbäder, eine einstige Wohnung, ein altes Haus. „Verschwinden“ ist ein sehr passender Titel für diese Texte, denn obgleich sie Geschichten, von Menschen und Orten, erzählen, wirkt es so, als ständen die Geschichten, die Erinnerungen, Welten schon ohne eine/n Erinnernde/n da –  gerade dieser Eindruck gibt ihnen eine eigenwillige, blasse Schönheit.

Alexandra Stahls Text, monologisch, spielt mit Behauptungen, den Behauptungen und Feststellungen und Einschätzungen des Erzählers, die sich auffächern zu einer Geschichte über den Vater und die zwei Frauen: Carola und die Mutter – und dann am Ende zuspitzen. Die Geschichte eines Kindes, die Geschichte einer Familie, die mit einem Geheimnis lebt. 

Eine Kirmes, ein Riesenrad und das Gefühl rauszufallen – aus der Welt, aus der Wahrnehmung, die immer wieder zum Kipppunkt wird, während die Erinnerungen vorbeiziehen. Die Erzählerin in Fiona Sironics Text kippt, in ihre Erinnerungen, in ihre Gegenwart. In dem Mikrokosmos eines Schützenfestes lässt Sironic die angeschlagene Psyche ihrer Protagonistin zum beeindruckenden Sinnbild für ein Befremden gegenüber der Welt werden, einer Welt voller Zuschreibungen und Zwänge, in der das Vertraute verloren gegangen ist und auch mit aller Anstrengung nicht ausfindig gemacht werden kann.

Carla Hegerls neun Bambi-Gedichte konfrontieren uns mit einem protokollierten Wust, einem Federlesen der Wirklichkeit im Rahmen der Digitalitäten, Bürokratien, Polaritäten. Genom, Geländewagen, Nationalpark, Wertpapier, Klima – wie Platzhalter schieben sich schwere Symptome und zentrale Begriffe wie schlichte Rechenwegteile durch die Zeilen. Schmale Ungenauigkeiten, zerrissene Zusammenhänge und neu Verknüpftes ergeben ein Gelände ohne Ende, ein Fragment, das größer ist als alles Ganze. Beeindruckend verschlungen und doch offen wie ein flirrender Bildschirm, auf dem sich ohne Unterlass neue Tabs öffnen, neue Links finden.

Sina Ahlers gliedert in ihrem Konvolut „Originale“ ihre Texte (betitelt „Übersetzungen 2/3/4/5/8/12“) jeweils in sechs Teile, die oft auf ihren Vorgängern in den anderen Texten aufbauen, mit ihnen interagieren. Es sind Aufbegehrungsnotate, Aufbegehrensschnitte, aneckend, sich immer wieder zu trefflichen Schmerzstellen, auf die gedrückt werden kann, durchschlagend, sich zu Aphorismen verkeilend. Das generierende Prinzip wird etwas schnell zu schrill, der Text ist aber durchweg wendungsreich und in seinem Behauptungs-Durchhaltevermögen, in der Art, wie er Sätze zu Bildern knüllt (und umgekehrt) durchaus bewundernswert. Am Ende bleiben irritierend viele starke Sätze.

Nora Lassahns „Ein Traditionszirkus auf Wundersuche“ ist ein erfrischend straight erzählter, leicht magischer Text, mit ein bisschen Aberwitz, fröhlich-melancholisch, liebenswert.

Friedrich Stockmeier schickt in seinen Prosagedichten seinen Protagonisten Ack durch Ovids Metamorphosen und andere Mythenkomplexe, durch Sterbens- und Lustszenen, Ekelpathos, flirrende Melancholie. Zerfaserungen, in die man nicht wirklich kippen kann, auch wenn sich in vielen Sätzen etwas auftut und sei es nur ein Glory-Hole. Etwas zu viel Selbstgespräch, zu viel Zerfleischung, zu wenig Fleisch.

Bis morgen!

Fixpoetry 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge