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Wir reden über Literatur
Kolumne

open mike 2019 – Sonntag

Simon Liening ist der erste Lesende am zweiten Tag. Es ist elf Uhr und eine ansehnliche Menge Menschen ist erschienen und lauscht diesem ersten Text über einen Läufer. Es ist ein detailversessenes Portrait, das Körper und Wettbewerb zu einer Erfahrung verschmilzt. Es geht um einen Kampf mit sich selbst, an sich selbst, dem Wunsch nach einem Sieg. Es bleibt allerdings bei einer gelungenen Beschreibung von Abläufen, einer Anatomie ohne einen Puls, der überspringt; zu sehr hält sich der Text mit der Psychologie der „Sportmanie“, mit Gedanken zu Siegen und Niederlangen, über Wasser.

„Da ist abends ein Treffen im selben Körper“

Katrin Pitzs Text ist voller gediegener Sätze, die sich vor meinem inneren Auge wie einige miteinander aufsteigende und sich wieder niederlassende Vögel gruppieren. „Antworten zu geben“ ist eine Ansammlung von knappen Spitznamen, eine Kleinstadtbesichtigung, vor allem aber eine Erschließung von Szenerien, durchzogen von naiv-anmutenden Fragen, von feinen Fokussen.

„ab vorabend hatte ich doch noch gearbeitet gehabt und jetzt ist ein baby aus mir gefallen“

Hannah Bründls Prosagedichthybrid wühlt sich hinein in Geburtsmaterien (oder aus ihnen heraus) mit einem Lustekel und reißt überall manierliche Sprache mit der Wurzel aus, fixiert die Regungen im Gemisch darunter. Die scheinbare Selbstzerfleischung des lyrischen Ichs, das sich mit seinem Versagen als Mutter(tier), als Gebärendes, beschäftigt, mit allen Vorgängen im gebärenden Körper, ist eigentlich ein Häutungsprozess, ein Versuch auszubrechen, sich aufzulehnen gegen alle Vorstellungen von Natürlichkeit oder Unnatürlichkeit, während es gleichzeitig ständig getränkt wird mit diesen Vorstellungen.

Zarah Weiss Geschichte um ein Familiengeheimnis ist beschaulich, motivisch gut getaktet, straight erzählt, aber irgendwie geht für mich die Dramaturgie des Textes nicht auf; das Geheimnis, der Eklat, der Konflikt – auf mich wirkt er irgendwie unverhältnismäßig aufgebauscht, ich kann zur Motivation der Erzählerin nicht aufschließen. 

Von Angie Volk erfahren wir einiges über die Edle Steckmuschel. Ihr Text gliedert sich in drei Teile – im ersten beobachtet das Ich nur, zwei Mädchen beim Tuscheln, im zweiten hört es einem Mann in einem Fischrestaurant zu, wie er über die Steckmuschel, ihre Wesenheit und ihre Bedrohtheit, und im dritten Teil schält sie Zwiebeln und redet mit ihrer Oma über einen Freund, der kürzlich in Mumbai war. Es sind sehr belassene, in sich selbst ruhende Szenen, nur dünn umrandet von kleinen Erschütterungen und der Frage nach dem, was Menschen bewegt.

Sarah Kuratle braucht eine Weile, um in den Vortrag hineinzukommen: erst ist sie etwas zu weit weg vom Mikro, dann liest sie etwas zu hastig, was es schwer macht, in die eher intime Atmosphäre des Beisammenseins hineinzukommen, in die Geschichte von Greta und Jannis, ein Auszug aus einem Romanmanuskript. Auch im weiteren Verlauf liest sie etwas zu atemlos, lässt ihren Sätzen selten Zeit sich zu entfalten, versucht dies mit nachdrücklichen Betonungen zu korrigieren. Was schade ist, denn eigentlich findet darin eine spannende, aufmerksam gestaltete Auseinandersetzung zweier Liebender statt, im zweiten Teil scheint das dann auch im Vortrag durch.

„übten noch einmal die zeichensprache
nur hatte ich alles verlernt
(dein gesicht, deine hände)
wir griffen ins leere und sahen den rand
eine flut in diese richtung, die stetig stieg“

Elisa Weinkötz Gedichte sind voller zu vollendeten Kugeln gerundeten Überlegungen zur Intimität, die sie in und mithilfe von Märchenstoffen, Literaturtraditionen und anderen Szenarien heraufbeschwört. Diese Kugeln ziehen ihre Bahnen in den Zeilen wie Murmeln, wertvoll und strahlend, gleichwohl banal, Spielzeug und Tand, schmerzlich klein und stumm, obwohl Verheißung. Ohne in die Inbrunst zu schwappen oder einen verschlungenen Pfad allein aus Zärtlichkeit anzulegen, sind diese Gedichte Wege, sich eine dünne, empfindsame Haut umzulegen.

Annina Haabs fideler Text über eine Zehnjährige erntet die meisten Lacher beim Wettbewerb und ist eine coole Post-Kindheit-Prä-Coming-of-Age-Story, mit viel Streichen, Langeweile und dem alltäglichen Aberwitz jedes Familien- und Erwachsenwerden-Plots. Dorffrust, gut aufgekocht, mit Drive und sehr vergnüglich.

Mascha Unterlehberg erzählt von Arno und Jamal, gemeinsam aufgewachsen im Ruhrgebiet. Arno, immer ohne Punkt und Komma redend, hoffnungslos fabulierend, ist anscheinend eine eher unstabile Natur: wir begegnen ihm als erstes in einer Klinik, später besucht er Jamal in der Stadt, in die er gezogen ist. Sie blicken zurück auf einen gemeinsamen Sommer und Unterlehberg gewährt uns einen Einblick in ihre fragile Freundschaft.

Laetizia Praiss, letzte Lesende, lässt in „Widerhall“ das widerspenstige Gestrüpp eines Ichs vor den Augen der Lesenden entstehen. Wie ein Ich-Gestrüpp pflegen? Wie sich selbst urbar machen? Teilweise hangelt sich der Text an der Sprache entlang, dann ergreift er sie, schwingt sie. Ein Strom, der mitreißt, manchmal allerdings ein wenig beliebig wird, bevor er wieder etwas Zwingendes heraufspült, einen Sog entwickelt.   

Ich hoffe, dass diese kurzen Eindrücke dazu anregen, die Anthologie des 27ten Open Mikes zu erwerben und sich selbst mit den Texten auseinanderzusetzen, von denen viele lesenswert sind.

Ich gratuliere den Gewinnerinnen Carla Hegerl, Fiona Sironic und Sina Ahlers!

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