Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

POESIEGALERIE 2019, Tag 3

Die Poesiegalerie geht in die letzte Runde. Tag drei. Man hat mit ersten Ermüdungserscheinungen zu kämpfen, doch es gilt durchzuhalten – ein Abend noch, das lassen wir uns nicht entgehen! Wir sind dabei! Wir schaffen das! Und es gibt sie, die Helden und Heldinnen, die alle drei Tage hier waren und sind. Einige von ihnen auch in Personalunion als Lesende, Zuhörende, Mitarbeitende (Moderation, Büchertisch, Bar), Fotografierende, Mitschreibende, etc. Es braucht viele helfende Hände, um den Traum einer Poesiegalerie Wirklichkeit werden zu lassen. Danke euch allen: Ihr wart und seid großartig!

Wir haben den 9. November. Kein Tag wie jeder andere. Ich möchte meinen Bericht daher mit einem Moment der Stille beginnen und an die Reichskristallnacht vom 9-10. November 1938 erinnern. Auch in Wien gibt es zahlreiche Mahnmale. Ich habe heute stellvertretend für all die vielen anderen Gedenkstätten und Schauplätze des Schreckens der zerstörten und nicht mehr vorhandenen Synagoge im 8. Wiener Gemeindebezirk einen Besuch abgestattet. Heute steht hier ein Gemeindebau.

Und noch ein anderes geschichtliches Ereignis jährt sich am heutigen Tag. Der Fall der Berliner Mauer. Ich erinnere mich noch gut an eine Geschichtsstunde, in der unsere Lehrerin groß an die Tafel das Jahr 1989 schrieb und in die Klasse fragte, was wir mit dieser Jahreszahl verbinden würden. Die vielstimmige Antwort fiel dann ganz anders aus, als von ihr erwartet und verblüffte sie sehr: Da bin ich geboren. Ich auch. Und ich auch. Und ich auch…

Meinem Lesungsbericht über den dritten Tag der Poesiegalerie möchte ich ein Zitat von Patricia Brooks als Motto voranstellen, das am ersten Abend der Poesiegalerie bei ihrer Lesung fiel: Ich schreibe mit dem Alphabet des Staunens. Oder, anders gesagt und Elfriede Gerstl frei aus der Erinnerung zitierend: Manche kommen nie ins Staunen hinein. Andere kommen nie aus dem Staunen hinaus. Ich gehöre zu letzteren.

Begonnen hat es wie in den letzten Tagen um 18 Uhr mit einer WILDEN STUNDE, in welcher StudentInnen &AbsolventInnen der Sprachkunst/Angewandte lasen. Sechs Autoren und Autorinnen, je sieben Minuten – Keine Angst, meinte Udo Kawasser, Sie müssen nicht mitstoppen, das mache ich. Den Anfang machte John Sauter und er schloss dann mit einem Geschenk an uns – Und zum Schluss mache ich dir ein Geschenk. Eine Anti-Angst-Kette: Nimm! – Danke, die kann ich gut gebrauchen, habe ich doch eine kleine Herkulesaufgabe vor mir, genauer gesagt sechs Stunden Lyriklesungen: Aber keine Angst, Sie müssen nicht mitschreiben, das mache ich.

kann sein

kann sein

ja vielleicht stimmt das

Flugechsen glitzern in den Gedichten von John Sauter und machen dabei seltsame Geräusche, Stimmen verfolgen uns in den Sekundenschlaf und dann ändert sich das Setting, wir sind auf einer Tankstelle, der Asphalt zieht sich, und John Sauter nimmt uns mit auf ein Roadmovie durch unbekannte Straßen, neben denen Kühe schmatzen und lispelnde Luchse die Fische in den Fischzuchtanlagen beobachten. Unsere geschmacklosen Tränen und Träume, Alliterationen allüberall, bis die Tochter des Fallschirmspringers landet und damit vieles verändert.

Sonja Medicus liest mit Begleitung. Emad möchte nur seinen Vornamen genannt wissen, da er ja nur den Text von Sonja Medicus gelesen habe, wie er mir bei meiner Nachfrage in der Pause erklärt. Bei dem Text handelt es sich um ein Frage-Antwort-Gespräch. Wie hat es angefangen? – Ich glaube, mit dem Arabischen Frühling, oder soll ich sagen –Winter? Sonja Medicus liest stellenweise auf Arabisch, erzählt wird eine persönliche Chronologie der Ereignisse am Beginn des Arabischen Frühlings. Berichtet wird beispielsweise von einem Freund, der nach Hause ging und nicht an der Demo teilnahm, weil er Hunger hatte. Ein anderer Freund nahm Teil an dieser Demo und lag daraufhin lange im Koma. Gegenübergestellt werden die Demos rund um den Arabischen Frühling, Wenn du zur Demo gehst weißt du, du kannst heute sterben, mit hiesigen Donnerstagsdemos (für Nichtösterreicher kurz zur Erklärung: Donnerstagsdemos haben eine lange Tradition in Wien und waren eine Reaktion auf die erste Schwarz-Blaue Regierung in Österreich unter Schüssel. Jeden Donnerstag wurde demonstriert. Regelmäßig und monatelang, bei jedem Wetter. Im Zuge der Türkis-Blauen Regierung unter Kurz wurde diese Tradition wieder aufgegriffen). Warum erkläre ich das? Weil das aus dem Text nicht hervorgeht. Donnerstagsdemo, wird da wenigstens jemand erschossen? – Nein, wir essen nur Döner in der U6 aus Prostest, das will man uns nämlich verbieten. Nein, nur weil niemand erschossen wird, geht es nicht um nichts bei den Donnerstagsdemos. Demonstriert wurde bei den Donnerstagsdemos nicht für das Recht, in der U6 wieder Döner essen zu dürfen. Demonstriert wurde gegen den massiven Rechtsruck im Land. Wir haben heute den 9.November. In der Nacht vom 9. auf den 10. November fand die Reichskristallnacht statt. Wir befinden uns in Wien. Einer Stadt, in der 2019 die im Zuge einer Ausstellung auf dem Heldenplatz ausgestellten Fotos Überlebender des Holocausts zerschnitten und mit Hakenkreuzen beschmiert wurden. Woraufhin Freiwillige spontan Wache hielten und in der Kälte im Freien übernachteten, damit dies nicht nochmals geschehen konnte.

Tizian Rupp hat dabei geholfen, die Wilden Stunden zu organisieren. ERROR ERROR. Auch über ein Kinderpissoir lässt sich dichten. Das hat schon was. Man denke an Duchamps Pissoir. Tizian Rupp hat Humor. Gut so. Weiter so. Er hat einen sehr abgehackten Lesestil, durch den sich Abgründe zwischen den Worten auftun. Wir hören gebrochene Halbgedanken, lachen über die Sommererinnerungen dezemberbegeisterter Heizkörper und bleiben hängen an Zeilen wie diesen:

Zwischen jede Zehe einen Buchstaben legen
Unter jeden Nagel einen Satz schieben

Die ersten Zuhörenden müssen sich bereits stärken, Bierdosen werden geöffnet und Sandro Huber beginnt mit seiner Lesung. Er macht lange Pausen beim Lesen und hat einen sehr langsamen Singsanglesestil, was im Kontrast zum eben gehörten Tizian Rupp noch stärker auffällt.  Er liest Fingerübungen I., II., III., IV. und es sind tatsächlich Fingerübungen – angerissene Ideen, nicht ausgeführte Einfälle, bewusst Offenbleibendes. Sandro Huber ist im Begriff im Begriff zu sein. Seine Texte sind aus Prinzip unentschlossen, nehmen immer wieder bereits Gesagtes zurück, möchten keine Spuren hinterlassen: Ein einmaliger, nicht weiter ausgeführter Einfall ging ohne Notizen aus dem Haus. Sandro Huber interessiert sich gerade für das, was scheinbar zu nichts führt: Einführung einer dritten Figur, die nicht auftritt.

Maë Schwinghammer liest in rhythmisch rollenden Rauten, möchte dabei radikal intermedial sein und reimt fleißig vor sich hin. Sein Vortrag ist kurz und bündig – Nicht einmal drei Minuten – meint Udo Kawasser, überrascht vom plötzlichen Ende – Sry! (Maë Schwinghammer) – Schon ok. (Udo Kawasser)

Katharina Reich beginnt zu lesen, nachts liegt meine Seele offen. Sie liest sehr leise, ist von hier hinten kaum zu verstehen, was aber nicht an ihr liegt, sondern am Mikro, das ist tot, die Batterie - drei Tage Poesiegalerie fordern erste Tribute. Wobei sich das Publikum gut gehalten hat. Heute ist die Poesiegalerie gut besucht, viel besser als gestern, die Reihen sind voll und bleiben es auch bis zu später Stunde. Aber jetzt befinden wir uns noch in der ersten Runde / Stunde des dritten Tages der Poesiegalerie. Zum Glück gibt es noch ein zweites Mikro und so kann es weitergehen mit Katharina Reich, so, jetzt halt schlafen und abschalten. Ihre Gedichte sind sehr persönlich. Es geht um den eigenen Körper, die eigene Befindlichkeit, um Eierstock, Hormone, oder Achselhaare. Die Gedichte kreisen alle um ein Ich, ich schwanke zwischen einsam und allein, und vertrauen uns Emotionen und Wünsche an, offen gesagt, ich wünsche mir eine Familie mit Balkon. Beinahe möchte man einen Schritt zurück treten wegen der ungewohnt radikalen Offenheit dieser derart persönlichen Gedichte.

Pause. Zehn Minuten, die haben wir uns jetzt aber wirklich verdient.

Und schon wieder vorbei, die Pause. Pausen, das lernt man schon in der Schulzeit, haben eines an sich: Sie sind einfach immer zu kurz.

Über die nun folgende Lesung von Astrid Nischkauer kann ich nichts sagen. Vorgestellt habe ich den von mir übers Englische übersetzten Gedichtband „Die Handschrift einer Nadel“ von Arvis Viguls, der in der parasitenpresse erschienen ist. Arvis Viguls habe ich vor Jahren bei einem Übersetzerworkshop in Budapest kennen gelernt. Weil mich seine Gedichte so begeistert haben, fragte ich nach, ob ich vielleicht noch weitere lesen und eventuell auch übersetzen könnte und so kam es schlussendlich zu diesem Projekt.

Es folgte Petra Ganglbauer. Sie begann mit „P.rosa“, einem Band den sie gemeinsam mit Sophie Reyer verfasst hat und den sie nun erstmals alleine vorstellte. Wie Vögel aus den Nestern fallen, lernten wir fliegen. Geschrieben haben die beiden im Abtausch und die Texte dabei ping-pong-artig hin und her geschossen, diese konzisen, originären Zusammensetzungen. Im Nachhinein wäre es nun gar nicht mehr möglich genau zuzuordnen, welche Textstelle ursprünglich von wem stammte. Was es Petra Ganglbauer leicht machte, alleine aus dem gemeinsamen Text zu lesen, als wär’s von mir. Dann liest Petra Ganglbauer auch noch aus ihrem aktuellen Gedichtband, „Gefeuerte Sätze“, in dem es um Krieg geht. Dann fließt das Blut, ganz langsam fließt es aus. Bombenalarm, Gebrüll, schockgefrorene Sterne tauchen in den Gedichten auf und immer wieder Körper, keiner hieß, keiner war. Die Sprache ist zerschossen, Worte werden in Scherben hinein gesprochen und  Mitlaute atmen den Krieg ein.

Dine Petrik beginnt, sehr sympathisch offen, mit einem kleinen Geständnis: Bin total verwirrt angesichts der sehr progressiven Lyrik am Beginn, aber ich fang jetzt an. Sie liest dann aus ihrem neuen Gedichtband „Traktate des Windes“. In ihrem Schreiben hat sie stets den Fluchtpunkt Poesie im Blick. Sie nimmt uns mit auf Reisen, unterwegs begegnen wir einer Sphinx und einer Fata Morgana, finden uns unversehens in China oder auch in einer Savanne wieder. Sie betrachtet die Welt mit weit geschlossenen Augen und hat dabei Plankton im Ohr. Sie führt Gespräche mit sich selbst und dem Text, gibt uns keine Gewähr für das Ich oder dem Ich kein Gewehr – das müsste man nachlesen, zuhörend ist beides möglich: Ich ohne Gewähr / Gewehr, und er? Und gegen Ende ihres Vortrags wird dann Musik immer wichtiger, bin die ungestimmte Geige, die gezupft wird.

PAUSE!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Uff.

Und es geht schon wieder weiter, mit Hamed Abboud. Er stellt sein in kürze erscheinendes Buch „In meinem Bart versteckte Geschichten“ vor. Es enthält 13 erzählende Texte und dazwischen jeweils kleine Mikrotexte, die er nun gerne lesen möchte, als Einleitung oder Einführung zu seinem Buch. Er liest erst auf Arabisch, dann auf Deutsch und gibt uns vorab den Tipp, beim Arabischen die Augen zu schließen um dem Klang zu lauschen ohne zu wissen, worum es geht. Ich bin ein vernünftiger Dichter, der vernünftige Gedichte schreibt um das unvernünftige Leben zu ertragen. Hamed Abboud schreibt überaus humorvoll und sehr prägnant, wir haben es hier mit schwarzem Humor mit arabischem Geschmack zu tun, wie er selbst meint. Und worum geht es in „In meinem Bart versteckte Geschichten“? – Um seine persönlichen Erfahrungen in Österreich, wo er seit 2014 lebt, nachdem er 2012 wegen des Krieges aus Syrien geflohen war. Ich möchte ein neues Leben um dieselben Fehler in einer besseren Anordnung zu begehen.

Gabriele Buch liest zuerst einen Prosatext, wenn ich das richtig verstanden habe, in dem es um eine Frau geht, die mit sich und ihrem Schicksal hadert, nachdem ihr kranker Mann gestorben ist. In Wien alles wie immer, trotzdem alles anders. Die Tage nach dem Ableben des Mannes werden gezählt, …., Tag 4, …, Tag 71, …, Tag 160, …, und der anfängliche Schock wird allmählich zu Trauer, alles fehlt und ist doch da. Und irgendwann taucht auch wieder ein Wille zum Weiterleben auf. So viel aus dem Buch, sagt Gabriele Buch, und liest zum Abschluss noch einige Gedichte zu moderner Kunst in denen Leinwände zurückschreien und Augen, die schon alles gesehen haben, leer sind. Kohlenblicke legen Feuer und es wird parallel zur Natur geträumt. Bei der Zeile – Mit der Katze vor die Glotze kotzen – muss ich sofort an Ernst Jandl und „ottos mops“ denken und freue mich gar sehr.

Es folgt EA Richter, er liest aus dem Band „An Lois“. Dieses Buch verdankt er seinem letzten Nachkommen, der nun rund eineinhalb Jahre alt ist. Die Geburt seines Enkels war für ihn der Anlass, sich mit der eigenen Kindheit auseinander zu setzen. Im ersten Gedicht changiert das Kind zwischen Mensch und Puppe, puppenartig, trotzdem aus Fleisch und Blut, nackt und schleimig, ist der wiederkehrende Refrain. Es gibt in den Gedichten ein Du und ein Ich, es gibt Du- und Ich-Gedichte. Das soll heißen, manche der Gedichte richten sich an dieses Du des abwesenden neugeborenen Kindes, du bist mein Chaosgenerator. Während das Kind noch schläft richtet sich der Blick bereits nach vorne in die Zukunft und wir sehen das Neugeborene als Jüngling vor uns. In anderen Gedichten steht wiederum das Ich im Fokus der Aufmerksamkeit. Hier richtet sich der Blick in die entgegengesetzte Richtung, also in die Vergangenheit. Hier tauchen Erinnerungen an den Geruch der Mutter auf, wir riechen den Duft von Kirschblüten und sehen die schwarzen Haare einer ehemaligen Mitschülerin des inzwischen Großvater gewordenen Ichs vor uns. So wie das Kind zwischen Neugeborenem und Puppe changiert ist auch die Grenze zwischen Du und Ich nicht gar so klar, wie wir das Anfangs vielleicht angenommen haben könnten, denn wir sind ein anderer und zugleich ein und derselbe.

PAUSE!!!! Und Halbzeit.

Nach der Pause liest Günter Vallaster, zugleich Verleger der „Edition CH“, als Autor für „Das fröhliche Wohnzimmer“ und stellt eigene Beiträge aus den diversen Wohnzimmer-Anthologien der letzten Jahrzehnte vor. Die konzeptionellen Anthologien von Ilse Kilic und Fritz Widhalm bezeichnet er als angewandten Wohnzimmerismus. Er beginnt mit der jüngsten Publikation, einer Anthologie mit dem Titel „Kleine Korrespondenzen“. In dieser Anthologie wurden Gedichte und visuelle Arbeiten anonymisiert jeweils einem anderen Autor oder einer anderen Autorin zugelost, die dann darauf mit einem eigenen Text oder Bild zu antworten hatten. Die erste Wohnzimmer-Anthologie trug den Titel „Das Buch“ und erschien 1989. 30 Jahre später erschien „Das Buch“ nochmals zum Jubiläum, mit gleichem Cover aber anderem Inhalt. Der Text darin von Günter Vallaster ist eine Chronologie der Freundschaft und Zusammenarbeit mit dem Fröhlichen Wohnzimmer. Es folgt ein „Denkzettel“ aus der Anthologie „Eine andere Welt ist möglich, absonderlich und süß“ und eine „einseitige Beschreibung der Wirklichkeit“ aus der gleichnamigen Anthologie, weiters ein Gedicht aus „50 Gedichte zum Leben“ und der Text „Das Schwein des Augenblicks“ aus der Anthologie „Glück & Schwein“. Für alle Nicht-Wohnzimmeranern kurz zur Erklärung: das fröhliche Wohnzimmer ist im Glücksschweinmuseum in Wien zu finden, in dem es auf kleinstem Raum unzählige Glücksschweine, Bücher und Kunstwerke zu bestaunen gibt.

Monika Vasik, Mitorganisatorin der Poesiegalerie und Betreuerin der Büchertische, beginnt, wie auch schon im letzten Jahr, aus Anlass des Jahrestags der Reichspogromnacht mit einem Gedicht aus ihrem Band „nah.auf.stellung“. Ihren neuen Gedichtband „hoch gestimmt“, aus dem sie daraufhin liest, kenne ich bereits sehr gut, da ich ihn an anderer Stelle schon rezensiert habe. Ich lehne mich daher entspannt zurück und genieße. Verflüssigte Töne schwimmen auf dem rhythmisierten Beat. Für alle, die den Band noch nicht im Bücherschrank haben, an dieser Stelle dennoch ein paar kurze Worte darüber. Im Mittelpunkt steht die Qualität der Stimme. Die Stimme der Frau, wohlgemerkt, die es in drei Stimmlagen gibt, Sopran, Mezzosopran und Alt. Ohren werden zur Tür. Lesen Sie selbst.

Nun hätte eigentlich Markus Lindner lesen sollen aber… Vor Schreck, wie sehr wir bereits über der Zeit sind, hat Udo Kawasser ganz auf ihn vergessen und bereits alle in die PAUSE!!!!! geschickt bevor ihm das Versehen auffiel. Daher machen wir jetzt erst einmal Pause, bevor Markus Lindner dann an der Reihe ist. Die kurzen Pausen zwischen den einzelnen Lesungsblöcken nutzten alle auf ihre Weise. Es gibt Getränke, Essen, Bücher, viele vertiefen sich in angeregte Gespräche, einige schnappen Frischluft vor der Tür oder rauchen, und wieder andere nutzen die letzten Minuten vor dem eigenen Auftritt noch schnell für letzte, hochkonzentrierte Vorbereitungen, wie beispielsweise Herbert J. Wimmer:

Und es geht weiter mit Markus Lindner. Drei Tage geballte Lyrik, allein heute bereits über vier Stunden konzentriertestes Zuhören, ich merke, wie es mir langsam an die Substanz geht. Aber es gilt durchzuhalten! Denn die Poesiegalerie gibt es nur einmal pro Jahr. Also kurz strecken, tief durchatmen und weiter. Markus Lindner schreibt über Fabriken, über die Sterne in der Vorstadt und nun folgt ein Gedicht zum Mauerfall: dreißig Jahre nach Berlin mauert die Welt sich weiter ein. Die Gedichte mischen Landschafts- und Naturbeschreibungen mit politischem Tagesgeschehen. Während wir eben noch verträumt auf die dutzend Kondensstreifen am Himmel blickten, geht es nun schon um Macron und den Hirntod der EU-Finanzpolitik, etc. Und jetzt finden wir uns plötzlich wieder im Traum 137: wir schweben in einem Raum gemalt von Bosch… ich verliere mich in dem Bild… und ergeben ein rot blubberndes…Mist, das müsste ich nachlesen, bin langsam wirklich zu müde zum Mitschreiben, erlösende Erschöpfung… Ich finde mich wieder in Wien, Museumsquartier, Sezession und zum Abschluss retten wir noch schnell eine Biene aus einem Glas Almdudler: Prost!

Nun ist Herbert J. Wimmer an der Reihe, er kündigt an, ein kurzes und ein langes Gedicht aus seinem Band „Relativität ist Freiheit“ zu lesen. Er beginnt mit dem kurzen Gedicht „liebe & verstand“, dem ersten Gedicht, das auch im Band das erste ist. Beim langen Gedicht handelt es sich um ein „FAZtl-Kompottl“, wie ich verstehe und dabei an Kompott denke. Das könnte daran liegen, dass ich bisher noch keine Zeit zum Essen hatte und das jetzt auch schon egal ist, so spät wie es bereits ist. Beim Nachlesen im Buch sehe ich dann, dass der Titel eigentlich „FAZzle-compositum“ lautet. Das Gedicht verfolgt einen medienanalytischen Forschungs- und Dichtungsansatz und ist ein Listengedicht, welches Schlagzeilen aus den Zeitungen zu Kernenergie, Geldanlagen und, und, und, nebeneinander stellt und kontrastiert. Drei als Auswahl, welche hängenblieben in meinem übermüden Kopf: Die Kunst des Geldes. Der Zorn der Zeit. Gestaltung als Haltung. Es folgt dann noch als Zugabe ein ganz kurzes Gedicht vom Cover, womit wir das ganze Buch mit drei Gedichten in einem Schnelldurchlauf vom ersten bis zum letzten Gedicht präsentiert bekommen haben:

abbruchkontinuum

was bleibt
ist unruhe

Es folgt Marion Steinfellner und es bleibt nicht bei Unruhe, denn heute liest sie, was eher unüblich für sie als gerne auch tanzend lesende ButohhTänzerin ist, sehr statisch und ruhig dastehend. Ihre Lesung widmet sie ihrem Verleger und allen Verlegern von Lyrik. Sie liest aus ihrem Band „Nachtwasserlieder“ und spielt dann nur mit den Fingern auf einem kleinen Xylophon. Dann liest sie aus „dear life liebs leben“, ihr nächstes Buch, das sich gerade im Druck befindet und spielt während des Lesens auf dem Xylophon. Marion Steinfellner hat eine ausgeprägte Vorliebe für Komposita, wie beispielsweise behutsamkeitstränenberührt. Zum Abschluss liest sie dann noch aus dem ganz aktuellen Projekt „Poetik der Stille“. Damit möchte sie ganz Neues einem größeren Publikum zugänglich machen, das letzte Wort davon schrieb sie heute um drei Uhr früh, wie sie sagt. Neben Komposita mag sie auch konzeptionelle Kunst ganz besonders. Die Gedichte, die sie nun liest, hat sie auf fünfzehn verschiedene Briefkuverts getippt, zusammen ergeben sie als Akrostichon dann „Poetik der Stille“.

Die Essenz der Stille: Liebe

Ewigkeit: ein zirpender Moment.

Mit Peter Marius Huemer haben wir nun einen Romanautor vor uns, der immer wieder interessante Ausflüge ins Reich der Lyrik macht. Ein Arm, daran eine Faust, daran Fingernägel bohren sich in die eigene Haut. Ja, das hilft ein wenig, munter zu bleiben nach so viel Lyrik. Versuchen wir es nochmal. Als Cliffhanger fürs verehrte Publikum verrät Peter Marius Huemer uns den Titel seines bald erscheinenden Gedichtbands nicht und nicht, kündigt an, ihn erst zu verraten, sobald das Gedicht dran wäre, das den gleichen Titel trägt. Wer bist du, dass du dir erlaubst zu sprechen? Nein, der Titel dieses Gedicht ist noch nicht der Buchtitel und auch nicht der des nächsten. Dieser Gedichttitel hätte eigentlich auch der Titel sein können, aber nein, er habe sich dagegen entschieden. Des Rätsels Lösung ist dann ein Zitat und lautet: „sagte der Hund.“ keine Zeit nun mehr für Schlaf. Wir sind fast am Ende, aber erst heißt es noch:

PAUSE!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Und jetzt ist es soweit, die letzte Lesung der Poesiegalerie 2019 hat begonnen, es ist eine Performance von Thomas Havlik. Gemeinsam mit Jörg Piringer und Jörg Zemmler betreut er huellkurven.net, „an online sound poetry magazine“. Lautpoesie also. Eine Sound-Performance. Genau das Richtige zu so später Stunde und nach drei Tagen Poesiegalerie. Thomas Havlik beginnt mit Summen, erzeugt Gurgelgeräusche bei geschlossenen Zähnen, würgt Geräusche aus sich heraus und schneidet dabei Grimassen. Nach einer Weile schälen sich aus den Klängen und dem Rhythmus Worte heraus. Er schreit und singt ins Mikro. Dann ein Bruch. Stille. Er stellt sich vors Mikro und hält uns eine Verteidigungsrede in einer uns unbekannten Lautsprache. Es geht um viel wenn nicht um alles, das verraten uns seine Gestik und Mimik. frbl ktkr ktk drrr frrbl ktk ptk… Dann wieder ein Wechsel, er spricht verständlich zu uns und wir befinden uns unversehens in Schussweite furios formulierter Ameisen. Er liest uns aus seiner „flugschrift“ vor und es geht unter anderem um das Imkersterben. Algen zu und durch. Dann wirft eine Stimme ihm englische Begriffe zu und er übersetzt sie voll Ernst the chaos – das Chaos. Szenenwechsel, er hüpft herum, malt und zeichnet auf einem auf dem Lesetisch liegenden Blatt herum. Es gibt wieder Text und in den Ranken ankern tote Futuristen. Das letzte Wort hat dann die Spraydose, als Thomas Havlik das während der Performance entstandene Bild vollendet und signiert.

Aber die Spraydose hat nicht ganz das letzte Wort, denn das allerletzte Wort gebührt natürlich Udo Kawasser, dem Hauptorganisator der Poesiegalerie, der alle drei Tage moderierend und fotografierend tätig war und zwischendurch auch noch selbst las. Er meinte zur eben gesehenen Performance, dass Thomas Havlik damit zeige, wie körperlich Sprache ist, wie sie zur Bewegung wird und uns bewegt. Und dann folgte Dank an alle, allen voran an seine Frau Rachel, an die Mitorganisatoren Peter Clar und Monika Vasik, an alle Beteiligten und an alle Autoren und Autorinnen, die ohne Honorar gelesen haben. Sprechen Sie von der Poesiegalerie! Erzählen Sie es weiter!

So. Das war die Poesiegalerie 2019. Erstaunlich für mich war, wie viele der Lesenden und der Bücher auf den Büchertischen neu für mich waren. Und das, obwohl ich doch seit vielen Jahren höchst aufmerksam am (Wiener) Literaturgeschehen teilnehme, sehr oft bei Lesungen bin, viel lese und regelmäßig vorwiegend Lyrik rezensiere. Es gibt noch unglaublich viel zu entdecken und die Lyrikszene ist ebenso vielfältig wie lebendig, das sind die schönsten Erkenntnisse dieser Tage. Drei Tage Poesiegalerie. Eine Herausforderung. Aber vor allem ein großartiges Geschenk an uns alle, die wir daran teilhaben und teilnehmen durften. Danke!

Und was werden sich wohl die Goldfische gedacht haben zu diesem seltsam ungewohnten nächtlichen Treiben rund um sie herum? Blubb. Blubb. Blubb. Und gute Nacht. Bis nächstes Jahr!

 

***Alle Fotos: Astrid Nischkauer

Fixpoetry 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge