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Kolumne

Meta-Rezension II

Rokeah [rok`e:ax]: Zwei prächtige Lyrikbände und die Archäologie einer Rezension

Ein Buch, dessen Schönheit im Antiquariat in die Augen springt: Klassische Einfachheit, zweispaltiger Satz auf dem abgetönten Weiß des Schutzumschlags, rechts in großen roten Lettern: Poesie, ein wunderschönes Buch: gekauft, obwohl der Name unbekannt und ein wenig fremd klingt: Kindlers Literaturlexikon von 1988 erwähnt ihn auch in seinen Nachtragsbänden nicht, in der Brockhaus-Enzyklopädie (17. Auflage in 20 Bänden, Wiesbaden 1973) ist der Eintrag denkbar kurz:

Rokeah [rok`e:ax], David, hebr. Schriftsteller, *Lemberg 1916, lebt in Israel. Gedichte in dt. Übers.: Poesie (1962); Ijara (1968). (Zitat Ende)

David Rokeah war ein israelischer Dichter der dritten Literaturgeneration Israels, 1916 in Lemberg, (damals Österreich -Ungarn, heute Lwiw in der Ukraine) geboren und am 29. Mai 1985 in Duisburg verstorben.

Ein Buch, das Suhrkamp-Kultur atmet: Herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger und gestaltet von dem großartigen Buchdesigner Willy Fleckhaus, zweisprachig, links hebräisch in der Type Meruba, rechts deutsch in der Garamond-Antiqua, sozusagen der Suhrkamp-Schrift.

Die mit höchster Sorgfalt zusammengestellten ersten Übersetzungen ins Deutsche wurden von Werner Bukofzer, Paul Celan, Friedrich Dürrenmatt, Hans Magnus Enzensberger, Erich Fried, Sibylle Hunzinger, Wera Lewin, Nelly Sachs, Miriam Scheuer und Werner Weber angefertigt. Das Buch endet mit Anmerkungen, einem aufschlussreichen Nachwort des Herausgebers und einer Bibliographie. Jungen Herausgeberinnen von Lyrik kann der Band als Vorbild philologisch gekonnter Herausgeberschaft empfohlen werden: So macht man’s. Obwohl es sich um zehn Übersetzer handelte, darunter Größen der Nachkriegsmoderne, bieten die 101 Gedichte keinen disparaten, auseinanderfallenden Klang, wenn auch persönlicher Stil dezent hörbar ist. So z. B. in der Übersetzung Paul Celans (S. 71 ff.)

                 Meine
                        Taube
            Dort, zwischen Klippe und Klippe.
            Die Schleusen – neu,
                        voll Wasser,
            Der Sand,
                        älter als alt,
            unterwegs, nach wie vor,
                        zu deinen Augen.

            Die Sonne -
                        laß sie
                                   tauchen inmitten
            der Distelglut dieser Äste.
            Und laß
                        die Stille ihr Fest begehn:
            sie feiert
                        die Trauer-Fuge der Palmen,
            die ihren Schatten verloren
                        zwischen Frühling und Sommer.

            Der Sommer hat Dauer. Die
                        Geschichte, die Pflugschar
            ging durch die Städte, den Steinen dort
                        wächst ein Gewicht zu.
                        Von Eiche zu Eche
            webt die Spinne den Faden.

            Das Wadi liegt trocken, hallt noch
                        von deinem Gehen, da
                        du die Küste abschrittst,
            auszumessen die Grenzen des Meers,
                        bis dein Schatten eins war mit
                        dem ihren.

            Es war dein Lied, das da ging,
                        einzubringen die fernhin
                        verstreuten, die Wellen
                        aus deinem Meer.
            

Die Gedichte evozieren ein heißes, windiges Land mit Wüste und Meeresküste, das Sandland steht in Flammen (S.17), das Meer ist ein Wolkenbruch und zwischen Bergklüften pfeift der Wind. Pinien, Schilf, Disteln, Akazien, Zypressen, Ölbäume, der Isdaracbaum und die Heckenrose wachsen zwischen dem aschenen Meer (S.25) und den Phosphatbergen.

[…] seine Gedichte vergewissern sich durch die Sprache der Gebirge, der Seen, der Küsten eines sehr alten Landes, das zu einem sehr neuen Gemeinwesen geworden ist. Sie sind eine poetische Landnahme.

So lautet die Charakterisierung Hans Magnus Enzensbergers im Nachwort (S. 110). Was die existentiellen Konflikte Israels in seiner historischen Staatswerdung, die einerseits mit der Einigungsbewegung des Zionismus und andererseits mit dem von Deutschland ausgehenden Versuch, das Judentum auszulöschen, unauflösbar verbunden ist, was vor allem das bisher nicht abgeschlossene Ringen um den Frieden mit Palästina betrifft, finde ich keine Aussagen an der Oberfläche der Texte.

Man hat mir, sagt Rokeach selbst, zuweilen verübelt, daß ich in meinen Gedichten nicht deutlich Stellung nähme zu den Problemen des Augenblicks. Ein aufmerksamer Leser wird ihnen Tag für Tag meinen Standpunkt ablesen können.

Das ist vielleicht für den historisch nicht en detail informierten Leser nicht ganz leicht, aber was ich für mich bei der Lektüre erspüre, ist eine schwer zu fassende Gestimmtheit des Friedens und der Ruhe:

eine Sternschnuppe. Unsre Trauer schwindet hin.
Das rasende Feuerwort wird gefesselt.
auf Gebetspulten glimmen unsere Klagen aus.

Wenn auch „rasende Feuerworte“ auf beiden Seiten noch aufsteigen, es wird die Zeit kommen, dass eine kommende Generation Frieden schaffen wird, das ist eine politische Utopie, eine konkrete Utopie.

Nach der Bekanntschaft mit dem Dichter suchten meine Augen die Tische der Bouqinisten nach ihm ab und ich wurde wieder fündig: David Rokeah: Von Sommer zu Sommer. Aus dem Hebräischen übertragen von Erich Fried. Auch dieses Buch des S. Fischer Verlags aus dem Jahre 1965 ist ansprechend, wenn auch nicht in dem Grade wie das von Willy Fleckhaus gestaltete, es ist das zweitschönste der zahlreichen Ausgaben David Rokeahs in Deutschland1. Es ist nicht zweisprachig, enthält aber die Reproduktion einer Autographe.

Kreis

Ich sage nicht Worte
um zu erklären
die störrischen Kreise meiner Gedanken
noch meine Liebe die auch störrisch und wandelbar ist
und nichts kennt
nur die Liebe

Abr ich sage
was zwischen mir und den Fichten von Jerusalem
die Hörner der Dornsträucher leuchten macht im Sommer
und grün das Meer.

Rechts oben neben dem Titel „Kreis“ befindet sich ein zartes mit dem Bleistift ausgeführtes x-förmiges Kreuz. Von wem es wohl stammt? Dazu bedarf es keiner detektivischen Fähigkeiten: Sehr wahrscheinlich von dem Rezensenten des Bandes Hans-Jürgen Schmitt. Wie Julietta Fix ihre Titellisten zusammenstellt, die sie Rezensentinnen sendet, entzieht sich meiner Kenntnis, aber ich kann an Hand der in dem letztgenannten Buch liegenden „Beigaben“, zweier stark vergilbter Zeitungsauschnitte, eines maschinenschriftlichen Briefes und einer  Notiz auf der Rückseite einer gedruckten Einladung des Verlags zu der Rezension des Bandes sogar mit dem kalendarischen Ablauf rekonstruieren, wie es in der Zeit, bevor es das Netz gab, zu einer Rezension kam.

13 Februar 1965

Zunächst las Rolf Michaelis, 1933-2013, der von 1964 bis 1968 leitender Redakteur für das Literaturblatt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war, die vierspaltige Seite „Literatur und Kunst“ der Neuen Zürcher Zeitung, Fernausgabe Nr.43, Blatt 21, Samstag, 13 Februar 1965 und zwar vermutlich in dem Verlagshaus Hellerhofstr. 2-4 in 6 Frankfurt (Main) 1, Postfach 3463, Fernruf 33 05 31, Fernschreiber 04-1223, Drahtwort EFAZET. Die NZZ brachte an jenem Samstag auf Blatt 21 11 von Erich Fried übersetzte Gedichte von David Rokeah (darunter das zitierte Gedicht „Kreis“) mit einer langen Vorbemerkung des Übersetzers. Sie trägt am linken Rand wieder das Bleistiftkreuz x des späteren Rezensenten Schmitt:

Seine Verse sind die Dichtung eines […] Menschen, der allen Sinneseindrücken aufgeschlossen ist und sich darauf beschränkt und damit bescheidet, nur das zu sagen, was der Kritik des Sinnlichen standhält. So vermeidet er alles x Trocken-Konzeptionelle, aber zugleich lehrt er seine Sinne auch, auf Gedanken und Gefühle zu reagieren.

In der Vorbemerkung hatte Herr Michaelis mit blauer Tinte einen Halbsatz unterstrichen:

Die Sinneseindrücke aus dieser Welt, zu der die Menschen und ihr Tun ebenso gehören wie der Wind, das Moos und die behauenen und unbehauenen Steine, sind für Rokeach ein so verläßliches Gegengewicht, daß das lastende und oft lähmende Gewicht unserer Zivilisation aus diesem Versen kaum erraten werden könnte.

13. April 1965

An diesem Tag diktiert Rolf Michaelis seiner Sekretärin (unwahrscheinlich, dass es sich 1965 um einen Sekretär handelte) mit dem Namenskürzel Dg. einen Brief an den sehr geehrten Herrn Schmitt. Darin heißt es:

(Ich hatte die Absicht, ein Gedicht von David Rokeah in einer der beiden Osterbeilagen zu bringen. Leider hatte ich dann keinen Platz mehr. Ich finde den Band auch außergewöhnlich gut und schicke Ihnen das Buch gerne mit der Bitte, nicht mehr als 40 Zeilen (so etwas würde Julietta Fix niemals Schreiben!) darüber zu schreiben.
Mit freundlichen Grüssen
Ihr sehr ergebener (auch das würde Julietta Fix nicht schreiben!)
Rolf Michaelis (Eindrucksvolle Unterschrift in blauer Tinte.)

Dann, für Frau Dg. noch eine Notiz auf dem Zettel des S. Fischer Verlags: Überreicht mit der Bitte um Rezension und Übersendung von zwei Belegexemplaren: bitte an H.J.Schmitt schicken (vgl. Brief). Es bezog sich auf das im Antiquariat gefundene Buch und den NZZ- Artikel.

Zweite Aprilhälfte 1965

Herr Schmitt bekam also das Buch im Laufe der zweiten Aprilhälfe 1965. Offenbar las er es, wie es sich für Rezensenten der netzlosen Ära geziemte, in einem Cafè, denn zwischen zwei Gedichten fand sich eines jener aus Serviettenpapier hergestellten Unterlegtüchlein, die in den besseren Häuser unter die Tasse gelegt werden mit dem Aufdruck SAQUELLA caffè, die italienische Firma gibt es seit 1856, es muss schon ein besseres Cafè gewesen sein, in dem der FAZ-Rezensent verkehrte, der von Mitte der 1960er Jahre bis 1971 am Literaturblatt und Feuilleton der FAZ mitarbeitete.

Ende April / Anfang Mai 1965

Herr Schmitt schreibt vermutlich bei einigen Tassen SAQUELLA seine Rezension, die am

22. Mai 1965

in der FAZ erscheint:

Ein Ingenieur aus Jerusalem scheibt unbekümmert um moderne lyrische Entwicklungen Gedichte, denen nichts Vergleichbares an die Seite zu stellen ist. Rokeahs Lyrik (der zweite Band in deutscher Übertragung) entfaltet eine eigene Strahlkraft, weit weg von jenem unangenehm berührenden Lyrismus der Gräserbewisperer (ein Spottwort Gottfried Benns über die Naturlyriker seiner Zeit, Hans Jürgen Schmitt promovierte über Gottfried Benn) – weil er tief einzudringen vermag in die Dinge der Natur, sie in ihrem eigenen Licht sieht.
[…] In Rokeahs Gedichten wird der Schritt der Zeit ebenso hörbar wie die ewige Bewegung der Natur; das haben wir nicht zuletzt auch der gelungenen Übertragung Erich Frieds zu verdanken, an der der Autor selbst intensiv Anteil genommen hat. Kaum möchte man meinen, dass hier in einer fremden Sprache gedichtet wird.

Herr Schmitt erwähnte mit keinem Wort, dass Herbert Heckman, Germanist und Präsident der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung, zu seiner Zeit im Frankfurt Raum durchaus prominent, er sprach auch nur Frankfurterisch, auch in seinen Rundfunksendungen, ein kurzes Nachwort beisteuerte, aus dem mindestens ein Satz zitiert sei:

Rokeach denkt mit den Dingen, nicht über sie.

Hans-Jürgen Schmitt schrieb übrigens 63 Zeilen: Ein Rezensent hatte vermutlich damals einen erhöhten Sequella-Verbrauch. David Rokeah ereilte der Tod am 29. Mai 1985 in Duisburg, während er auf Lesereise war.

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