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Wir reden über Literatur
Kolumne

Seitenwechsel [4] James C. Hopkins

Geschrieben werden Tagebuchnotizen, die zeitgleich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Ländern entstehen und in der WORTSCHAU veröffentlicht werden. An einem bestimmten (vorgegebenen) Tag, Start: Montag 1. Juli 2019, machen sich fünf Autorinnen und Autoren Notizen darüber, wo sie sich an diesem Tag aufhalten, woran sie arbeiten, was sie erleben, essen, wie sie sich durch den Tag bewegen und was sie bewegt etc. Auf diese Art entsteht simultan ein Tagebuch, das einen vielschichtigen Blick auf eine jeweils individuell erfahrene Welt wirft. Dabei geht es um die Frage, ob es, seitdem die ganze Welt vor der Haustür zu liegen scheint, also: ob und wie es angesichts der uns abhandengekommenen Ferne und angesichts der Globalisierung möglich ist, zeitgleich an sehr verschiedenen Orten und aus sehr unterschiedlichen Perspektiven etwas entstehen zu lassen, das heimisch macht, jenseits länder- und gedankenbezogener Trennungslinien. Wie kann das aussehen? Es geht um die Suche nach einer Form, mit der sich die verlorene Distanz wiederentdecken lässt. Und es geht darum, ob und wie Nähe sich dadurch neu definieren lässt.

 

Bangkok, Montag, 1. Juli 2019, aus dem Amerikanischen von Juliane Gräbener-Müller

Rabbit. Rabbit. Rabbit.“ Als ich zwölf war, sagte mir meine Schwester, wenn ich das an jedem Ersten des Monats gleich nach dem Aufwachen sagte, würde es mir Glück bringen. Das hat sich in mein Gehirn eingebrannt. Inzwischen bin ich zu ausgefeilteren Formen von Aberglauben übergegangen, aber diese hält sich hartnäckig. 1. Juli 2019. 5 Uhr morgens. Die Arme ausgestreckt, die Hände über dem Kopf zusammengelegt, setze ich mich rasch im Bett auf. Für einen Augenblick bin ich eine Frau mit hellroter Haut – rot wie das Feuer am Ende der Ewigkeit, meinen tantrischen Guru in einer Lotosblüte auf meinem Scheitel. Meine Mutter sitzt im Dunkeln auf dem Diwan am Fenster und starrt hinaus übers Wasser.

Bangkok. Ich befinde mich in einem kleinen, aber teuren Balkonzimmer, das auf den Chao Praya hinausgeht. Neun Meter unter mir heben und senken sich mit dem Gezeitenwechsel kleine Teppiche aus Wasserhyazinthen, und dicke Fische bewegen sich schwerfällig in der brackigen Dunkelheit. Mein Haar lichtet sich jetzt schneller. Die müde Bolivianerin schläft mit dem Arm über dem Gesicht und gespreizten Beinen, als wäre sie aus einem Fenster geworfen worden. Der Räucherstäbchengeruch „Mystische Orchidee“ hängt noch immer in der Luft, und die Haare der Bolivianerin riechen nach Dabur-Amla-Öl.

Als letzte Nacht die neonbeleuchteten Partyboote langsam verschwanden, blieben auf dem schweren Fluss nur noch die großen schwarzen Lastkähne übrig – mit ihren hundert Autoreifenaugen, zusammengekettet und unter größter Anstrengung unterwegs zu den flussaufwärts gelegenen Häfen. Schließlich ließ das Brummen der Dieselschleppschiffe nach, und der Fluss war wieder still. Die Finger der Bolivianerin sind unnatürlich lang, und ihre Silberringe glänzen in dem schwachen Licht, das unter dem Vorhang durchkommt. Meine Mutter schlürft jetzt Kamillentee, und aus ihrer Tasse steigt ein dünner Rauchfaden.

Ich sollte meditieren, schlafe aber wieder ein und träume, dass einige meiner Fingerspitzen nur Knochen sind, die aus ansonsten normalen Händen herausragen. Ich wache auf und denke: „Ich muss eine Erzählung schaffen.“ Mein Guru sagt: „Kaum dass du den Mund aufmachst, hast du dir schon widersprochen, aber diese Geschichte muss ich trotzdem erzählen. Die Bolivianerin erzeugt mit Schmolllippen leise Geräusche. Sie hat Hüften wie ein Junge, feine schwarze Haare auf Armen und Beinen und kleine Büschel davon unter den Achseln. Ich tue so, als ließe ich mich von all diesen Haaren, die überquellen und glänzen wie die Mähne von etwas, das die Nacht auffrisst, nicht einschüchtern.

Letzte Nacht versuchte ich, der Bolivianerin das Masturbieren beizubringen, aber das ging nicht gut. Im Zimmer verdrängt nun der Geruch von Fisch, der unten in der Küche gart, den der „Mystischen Orchidee. Männer sollten nicht viel über die Vagina sagen, und vielleicht sollten sie über gar nichts viel sagen. Es ist 8.15 Uhr und ich setze mich wieder auf und versuche es erneut mit dem Meditieren. Mom liebt die Mimose draußen vor dem Fenster – stundenlang sitzt sie da und beobachtet die winzigen grünen Blätter, wie sie im Wind zittern, als wären sie weiche Skelette. Der Chao Praya scheint ins Meer zu fließen, doch später am Tag dreht er um und fließt wieder landeinwärts. Diesen Gedanken finde ich tröstlich.

Die Bolivianerin schläft auf der Seite wie eine kleine schwarze Tigerin, die noch nicht weiß, wie sie sich ernähren soll. Ich bin einer von diesen Menschen, die entweder vollkommen frei oder vollkommen verloren sind, und dieses Leben ist ziemlich ungewiss. In meinen Kalender steht: „Flug von Bangkok nach Luang Prabang, Abflug 14.30 Uhr.“ Ich schüttele die Bolivianerin an den Schultern, bis sie wach wird, und frage langsam, aber deutlich: „Laos ja? Oder Laos nein?“ Die Tigerin flüstert: „Laos nein“ und schläft weiter. Das Flüstern kostet mich eine nicht erstattungsfähige Anzahlung in Höhe von 740 Dollar, und ich gehe nach unten frühstücken.

10 Uhr. Ich sitze auf der Terrasse am Fluss. Die burmesischen Kellnerinnen haben sich gelbe Sandelholzpaste auf die Wangen geschmiert & lachen mit dem Koch, wenn er die wunschgemäß zubereiteten Eier bringt. Der thailändische Rezeptionist hat an seiner Gürtelschlaufe einen Plüschwürfel hängen. In den Blumenvasen schwimmen winzige blaue Fische. Mein Guru sitzt in einer flammend roten Lotosblüte auf meinem Scheitel und sagt: „Das Universum ist eine Projektion deines Verstands – für einen Durstigen ist Wasser ein Getränk. Für einen Fisch dagegen ist dasselbe Wasser sein Zuhause.“ In dem vertikalen Garten gibt es lilafarbene Orchideen, und auf dem Chao Praya liegt ein feines Brummen von den Langbooten, die dort, für die Touristen herausgeputzt, auf und ab fahren.

Als ich ins Zimmer komme und das Licht anknipse, zuckt die Bolivianerin nicht. Meine Mutter ist draußen auf der Terrasse und raucht, eine Premiere für sie. Ich bin froh, dass sie etwas Neues ausprobiert. Ich wende mich wieder der Meditation zu. Ich sitze 30 Minuten lang und versuche, mir mich selbst als perfekte Gottheit vorzustellen, mitfühlend und weise. Als ich aufstehe und ins Bad gehe, versuche ich, das Bild im Kopf zu behalten. Aber würde eine Gottheit Prednison nehmen müssen & sich fragen, ob jemand ihren Haarausfall bemerkt? Würde eine Gottheit einen einzigen Gedanken auf den Verlust der Anzahlung für das Hotelzimmer in Luang Prabang verschwenden?

In Bangkok ist Regenzeit. Der Himmel ist grau, der Chao Praya ist grau, und der Tag öffnet sich in eine graue & feuchte Dumpfheit. Die Bolivianerin ist eine geübte Schläferin, und der Fluss fließt rückwärts. Seien wir ehrlich – ich halte mich für etwas Besonderes, bin aber eigentlich genau wie jeder andere. Ich will glücklich sein, ich will Leid vermeiden, und ich habe viele E-Mails bekommen. Es ist 11 Uhr und die nächsten fünf Stunden erledige ich Mails. Der Himmel wird weiß & der Fluss braun. Meine Mutter geht hinaus zu einem Spaziergang, und ich wecke die Bolivianerin zum Sex. Der ist langsam, träge, geheimnisvoll, und die ganze Zeit über sprechen wir nicht. Die Schleppschiffe mühen sich flussaufwärts und es klingt, als stöhnte der Fluss selbst in der Hitze.

Jetzt regnet es, die Tropfen prasseln aufs Dach und lassen den Fluss schäumen. Die Mimose klatscht gegen die Fensterscheibe, als suchte sie Zuflucht. „Lass uns ein bisschen rausgehen, sage ich zu der Bolivianerin. Wir nehmen schwarze Schirme und stürmen hinaus, wo die Luft nach Essensständen & getrocknetem Fisch riecht, und die Bolivianerin steuert auf ein Nagelstudio zu. Ich schaue wegen eines Haarschnitts in meinem Lieblingssalon vorbei. „Lange nicht gesehen, sagt die Frisörin. „Ja, antworte ich. „Hey, sagt sie ganz nüchtern, „früher warst du so attraktiv. Jetzt siehst du alt aus!“ Irgendwie schätze ich ihre Ehrlichkeit und lächle, aber innerlich bin ich am Boden zerstört. Das ist es nun also? Diese Augenblicke, aufgereiht wie unechte Perlen auf einer Schnur? Winzige blaue Fische, die in einer Vase mit lilafarbenen Blumen schwimmen? Mit einem Geräusch fallen meine Haare von der Schere der Frisörin. Als ich auf die Straße gehe, schaue ich nach links und nach rechts, aber die Bolivianerin & meine Mutter sind nirgendwo zu sehen.

 

 

***Erschienen in Wortschau, Ausgabe 34, Oktober 2019, Mein Tier, mein Wildtier, mein Einhorn. Herausgegeben von Johanna Hansen & Wolfgang Allinger. Autor*innen dieser Ausgabe: Sascha Kokot, Astrid Nischkauer, Harald Kappel, Esther Andradi, Michael Bauer, Achim Raven, Judith Sombray, Andreas Hutt, Sabine Göttel, Johanna Hansen, Wolf Senff, Jan-Erik Grebe, Bess Dreyer, Tom de Toys, Jörg Kleemann, Manfred Ach, Patrick Wilden, Stan Lafleur, Michael Hillen, Bernd Lüttgerding, Mechthild Hagemann, Jens Stittgen, Wolfgang Allinger, Kathrin Schadt, Gundega Repše, James C Hopkins, David Oates. Hier bestellen!

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