Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

Seitenwechsel [5] David Oates

Geschrieben werden Tagebuchnotizen, die zeitgleich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Ländern entstehen und in der WORTSCHAU veröffentlicht werden. An einem bestimmten (vorgegebenen) Tag, Start: Montag 1. Juli 2019, machen sich fünf Autorinnen und Autoren Notizen darüber, wo sie sich an diesem Tag aufhalten, woran sie arbeiten, was sie erleben, essen, wie sie sich durch den Tag bewegen und was sie bewegt etc. Auf diese Art entsteht simultan ein Tagebuch, das einen vielschichtigen Blick auf eine jeweils individuell erfahrene Welt wirft. Dabei geht es um die Frage, ob es, seitdem die ganze Welt vor der Haustür zu liegen scheint, also: ob und wie es angesichts der uns abhandengekommenen Ferne und angesichts der Globalisierung möglich ist, zeitgleich an sehr verschiedenen Orten und aus sehr unterschiedlichen Perspektiven etwas entstehen zu lassen, das heimisch macht, jenseits länder- und gedankenbezogener Trennungslinien. Wie kann das aussehen? Es geht um die Suche nach einer Form, mit der sich die verlorene Distanz wiederentdecken lässt. Und es geht darum, ob und wie Nähe sich dadurch neu definieren lässt.

 

Bacherach, 1. Juli 2019, aus dem Amerikanischen von Juliane Gräbener-Müller

Frühmorgens in dem idyllischen Städtchen. Dunkles Kopfsteinpflaster, grüne Sonnenschirme in Wartestellung über leeren Tischen und Stühlen, zwei- oder dreigeschossige Fachwerkbauten, die sich schief über die kleine Straße neigen. Still und menschenleer.

Gestern erreichte die Temperatur 100 Grad – eine runde schreckliche Zahl, eine unnatürliche Zahl (die irgendwie noch schlimmer klingt als 38, ihr Pendant in Celsius). Auch die Zahl neigt sich mit einem anzüglichen Grinsen über uns.

Schwitzend von der Last unserer Rucksäcke und Schultertaschen waren wir im flirrenden Mittagslicht die Gangway unseres Rheinschiffs heruntergekommen. Normalerweise reisen wir nicht als Rucksacktouristen, wir sind ein Paar in den Sechzigern, aber wir dachten, einmal könnten wir es ja probieren. Und bis jetzt fühlen wir uns leicht und mobil, zu allem bereit. Wir sind von Köln nach Bonn nach Koblenz und jetzt nach Bacharach, der kleinen Stadt am Rhein, gehüpft. Oh, alles verläuft nach Plan, touristisch und klischeehaft, und wir sind dennoch mit uns zufrieden. Beine und Rücken halten sich gut, danke der Nachfrage.

Aber … nicht mal mittags war irgendjemand auf der Straße. Zu früh, um in unserem Hotel einzuchecken. Die glühende Hitze strahlte von Mauern und Kopfsteinpflaster ab. Also suchten wir Zuflucht in der großen Pfarrkirche St. Peter. Was für eine Kühle da drinnen! Freudig ruckelten wir uns die Rucksäcke von den Schultern und setzten sie leise auf dem Boden ab. Schauten uns die Kirche an, saßen im Kirchengestühl. Auch wenn wir unsere religiöse Zeit schon lange hinter uns gelassen haben, fühlen wir uns auf unseren Reisen immer von Kirchen angezogen – Kirchen, die Schnittpunkte von Geschichte, Architektur, Kunst und Musik sein können. Diese hier … nicht so sehr. Aber sie war kühl.

Auf tropische Hitze in diesen Breiten hatten wir uns nicht vorbereitet. Ebenso wenig ist dieses Städtchen dafür gerüstet. Oder die Region. Wir haben in Viersternehotels übernachtet und sind vor Hitze eingegangen. Wir bestaunten moderne Züge und Großstadt-U-Bahnen, elegant und neu … und heiß und nicht klimatisiert. Das kommt uns seltsam vor.

 Wobei das Seltsame natürlich nicht das Fehlen der Klimaanlage ist.

 ***

Nun sind wir heute in der Frühe zu einem Spaziergang aufgebrochen, entschlossen, diesen welken Aufenthalt zu etwas Unvergesslichem, Frischem, Lohnenswertem zu machen. Schon bald geht es bergauf entlang einer alten Stadtmauer, die sich zwischen den hellgrünen Riesling-Regimentern am Hang auf und ab schlängelt. Es ist eine atemberaubende Idylle – die Schieferdächer und bunten Häuser, die sich unterhalb von uns um den Kirchturm drängen, die ineinander verschachtelten Hügel und Weinberge um uns herum, der breite, rasch dahin strömende Fluss. Hier und da ragt an der Mauer ein schlanker Wachturm auf, manche davon restauriert, andere nicht. Keine Ahnung, wonach die Wachen Ausschau hielten.

Um uns herum weithin die zarten frischen Blätter der Reben, ihre Früchte noch nicht mehr als kleine harte Beeren. Behutsam nehme ich eine ganze Traube davon in die Hand. Sie entstammen dem Moment, versuchen immer noch sich zu erinnern, wer sie einmal sein müssen, neben all dem Alten, das sich langsam selbst vergisst. Wir erkennen, dass die mittelalterlichen Mauern dem Verlauf der älteren römischen folgen. Natürlich tun sie das, denke ich.

Längs der Mauer schnaufen und keuchen wir hügelauf, hügelab auf einen markanten Turm zu, dessen spitzes Dach im rheinischen Stil mit schwarzen Schiefern gedeckt ist. Wir steigen seine sorgfältig wiederaufgebaute Treppe drei, vier Läufe hinauf, bis wir hoch oben in der noch frischen morgendlichen Brise stehen. Dort auf der Aussichtsplattform treffen wir auf einen weiteren Touristen, einen jungen Mann von asiatischer Erscheinung – wie mein Partner –, der, wie sich herausstellt, aus San Francisco kommt. Er hat ein nettes Lächeln, freundlich und offen. „Wir sind aus Portland, erwidere ich lachend. Er scheint ganz allein unterwegs zu sein. Er spricht überhaupt kein Deutsch, und ich frage mich, wie er das macht. Wir plaudern, betrachten die Aussicht, verfallen gemeinsam in Schweigen.

Das ist einer jener Momente, in denen die Zufälligkeit der Welt sich selbst überschneidet, Orte und Zeiten und schierer Zufall. Wir fühlen uns leicht wie Riesling, frisch wie die Brise.

Das eigentliche Ziel dieses Morgens ist allerdings die sogenannte Wernerkapelle. Eine beliebte Sehenswürdigkeit.

Was von der Kapelle erhalten blieb, ist eine Gruppe hoher Spitzbögen aus rotem Sandstein, ohne Dach, ohne Decke, ohne Boden, freistehend auf einem offenen unebenen Achteck. Hochgotik, die nackt aus dem Gras aufschießt, blauer Himmel statt Glas. Wir betrachten die steinernen Rippen und Rillen, vollendet und verlassen, und spüren dabei das Fortdauern der Vergangenheit und die merkwürdig schwache Gegenwärtigkeit der Gegenwart.

Ruinen wie diese erzeugen eine angenehme Melancholie. Leise, ohne uns zu unterhalten, machen wir unsere Fotos. Dann stoßen wir auf die historische Informationstafel, auf der wir erfahren, wozu dieser Ort bestimmt zu sein glaubte … und die angenehmen Betrachtungen werden etwas unangenehmer. Wieder blicken wir über den Rhein hinaus, lassen ihn unsere Gedanken auf sich ziehen.

Die Wernerkapelle war ein Wallfahrtsort des 14. Jahrhunderts, errichtet zum Gedenken an einen jungen Einheimischen namens Werner, der eines Tages verschwand und nie gefunden wurde. Es kam das Gerücht auf, er sei von Juden für ihre unaussprechlichen Rituale verschleppt worden. Bald darauf wurde er als Märtyrer verehrt. Es ist die alte Verleumdung, die sogenannte Ritualmordlegende. Von ihren Formen im 20. Jahrhundert hatte ich gewusst. Mir aber nie klargemacht, wie weit sie zurückreicht. Dass selbst die Heiligkeit gotischer Architektur ihr zu dienen hatte.

Wir schweigen, während wir wieder bergab gehen, hinein in die aufkommende Hitze des Tages.

 ***

Diese Hitze ist kein Zufall. Wir alle wissen, was sie bedeutet.

Diese Welt will eine bessere Antwort, als ich sie ihr geben kann – eine größere, stärkere, wirkungsvollere. Wenn ich zu Werners Zeit gelebt hätte, hätte ich es dann besser gewusst? Besser gemacht? Ich komme mir vor wie eine Ameise auf dem Baum der Geschichte, kaum imstande, herauszufinden, wo ich stehe.

Wir leben in einer epischen Zeit, das Schicksal der Welt ist in der Schwebe. Doch wir sind keine epischen Helden. Wir halten die Welt nicht am Laufen, sie dreht sich und wir drehen uns auf ihr.

Das ist kein Argument für Quietismus und ebenso wenig für  Verzweiflung. Es ist eine Frage: Was tut ein ehrlicher Wallfahrer?

 

 

***Erschienen in Wortschau, Ausgabe 34, Oktober 2019, Mein Tier, mein Wildtier, mein Einhorn. Herausgegeben von Johanna Hansen & Wolfgang Allinger. Autor*innen dieser Ausgabe: Sascha Kokot, Astrid Nischkauer, Harald Kappel, Esther Andradi, Michael Bauer, Achim Raven, Judith Sombray, Andreas Hutt, Sabine Göttel, Johanna Hansen, Wolf Senff, Jan-Erik Grebe, Bess Dreyer, Tom de Toys, Jörg Kleemann, Manfred Ach, Patrick Wilden, Stan Lafleur, Michael Hillen, Bernd Lüttgerding, Mechthild Hagemann, Jens Stittgen, Wolfgang Allinger, Kathrin Schadt, Gundega Repše, James C Hopkins, David Oates. Hier bestellen!

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