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Kolumne

‚SCHREIBUNG‘ – Selmar Schülein

Selbstportrait einer mystifizierten Kunstpraxis

 

 

Was, wenn man AutorInnen einfach mal beim Schreiben über die Schulter schauen könnte? Nicht in einer gekünstelten musealen Situation, sondern schlicht von der Ideenfindung bis zum runden Text. ‚Schreibung‘ hat der Bamberger Nachwuchsautor Selmar Schülein genau dieses experimentelle Literatur-Format getauft und die Schreib-Performance erstmals im Rahmen eines großen Kulturfestivals mit 20.000 BesucherInnen gewagt. Am Ende des Tages stehen 13 Seiten Erzählung mit Anfang, Mitte und Ende und eine Werkstattlesung mit doppelt so vielen Gästen wie Stühle zur Verfügung stehen.

Schreibung, Foto: Katharina Thoma

Statt eines Notizbuchs befindet sich eine alte Schultafel im Raum. Einige Meter davon entfernt sitzt ein junger Mann an einer schmerzhaft zu klein wirkenden Schulbank und tippt etwas in seinen Laptop. Er könne sich besser konzentrieren, wenn es nicht so gemütlich ist. Was er schreibt, überträgt ein Beamer live auf die Leinwand. Kissen laden zum Verweilen ein. Sechseinhalb Stunden wird er hier sitzen und an einer Erzählung arbeiten, deren Figuren, Handlung und Themen er vor den Augen der Gäste entwickelt. In den Tagen vor der Schreibung blieb er Notizen gegenüber abstinent. Natürlich konnte er den Kopf nicht ausschalten, aber der Text sollte in der Schreibung soweit es möglich war seinen Nullpunkt haben.

Der Autor Selmar Schülein durchlebt das Präsentierte hier also genauso zum ersten Mal, wie es die Zuschauer mitverfolgen können. Kinder, Studierende und Rentner treten im Laufe des langen Schreibtages an den Tisch heran, sprechen ihn auf einzelne Passagen an oder fragen Allgemeines zum Schreibprozess. Einige lassen sich auf den Sitzkissen nieder, manche mehrmals während des Tages, und schauen beim Entstehen von Literatur nicht nur zu, sondern sind durch ihre Reaktionen, ihr Schmunzeln, ihr Tuscheln und Fragen aktiv mitbeteiligt. Sie reagieren erschrocken, wenn plötzlich eine halbe Seite gelöscht wird, in die sie doch bereits eingetaucht waren. Sie erleben, wie eine Figur wächst, sich verändert, allmählich Konturen erhält, Brüche erfährt.

Schreibung, Foto: Katharina Thoma

In den Bereich der Performance-Kunst hat sich die Literatur bislang kaum vorgetastet. Es gibt performative Lesungen und etliche Experimente rund um die Präsentation von Texten. Aber das Schreiben selbst, den offenen künstlerischen Prozess als unmittelbare Handlung an einem Ort mit Zuschauern, sucht man in den Feuilletons vergeblich. Stattdessen spuken hier noch immer die männerdominierten Zerrbilder von Autorschaft herum: Der Pfeife rauchende Intellektuelle, der Säufer, der nur im Rausch schreibt, neuerdings auch der Nerd und nach wie vor das Genie, das über Nacht ganze Bücher ersinnt.

Selmar Schülein ging es auch darum, auszuloten, welche Formen der Literatur es geben kann, wenn man Texte nicht nur als verkäufliche Objekte betrachtet, die zwischen zwei Buchdeckeln konsumiert werden können. Das Erlebnis des Schreibens von Literatur wäre eine solche Form. „Es ist viel mehr Literatur möglich, als der Buchmarkt zulässt.“, sagt Selmar Schülein. Er selbst ist natürlich ebenfalls leidenschaftlicher Leser und Büchersammler, aber der Buchmarkt führe auch dazu, dass manche Erscheinungsformen von Literatur gar nicht erst auftauchen, gar nicht erst gedacht werden.

Schreibung, Foto: Katharina Thoma

Es werde bald noch weitere Schreib-Performances geben. Aktuell arbeitet Selmar Schülein an einer Idee, wie sich Menschen öffentlich literarisch von ihm portraitieren lassen könnten. Daneben entsteht – ganz herkömmlich – sein erster Roman, der dann hoffentlich in Bälde auch ganz buchmarktförmig lesbar sein wird.

 

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Und hier gehts zur entstandenen Erzählung Die beschissenstgeilste Rohkostplatte meines Lebens in der unbearbeiteten Rohfassung der Schreibung (in den 6,5 Stunden der Schreib-Performance sind 13 Seiten Text entstanden, die unmittelbar im Anschluss ungeschönt und unbearbeitet im Rahmen einer Lesung präsentiert wurden).

 

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