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Kolumne

Was bleibt vom Konklave?

Späte Anmerkungen zum open mike

Frühestens wenn zur Eröffnungs-, zur ‚Ernteveranstaltung‘, der Heimathafen Neukölln zur „heiligen Halle“ wird, spätestens wenn Thomas Wohlfahrt nach dem letzten Leseblock verkündet, dass die Jury sich zur Kür zurückzieht, bis „weißer Rauch“ das gefallene Urteil signalisiert, drängt sich für die Zusammensperrung zahlreicher mehr oder weniger Literaturaffiner im Rahmen dieser zur Institution gealterten Veranstaltung – im für die junge Gegenwartsliteratur geradezu biblischen Alter von 27 Jahren – die möglicherweise nicht unpräzise Feststellung auf, dass man es hier mit einer Art literarischen Konklave zur Bestimmung ihrer, für die kommenden Monate bis zur nächsten Wahl, großen Hoffnungen zu tun hat.

Das soll nun keine Metapher sein, um die im Nachgang vieler vergangener Wettlesen umgreifende Kritik an einer unterstellten reinen Verkaufsorientierung einer mutmaßlichen Clique der inneren Zirkel des nur am Selbsterhalt orientierten Literaturbetriebs zu reformulieren – wer daran festhält hat alle mitunter tiefgreifende Substantialität der Auseinandersetzung mit den Texten zwischen den Lesungen oder in den Begründungen der LektorInnen geradezu mutwillig überhört, stand mit Scheuklappen am Büchertisch und wittert hinter jeder Pausenunterhaltung klandestine Netzwerkbildung. Abgesehen davon, dass entsprechende Kritik in diesem Jahr ausblieb: sie wäre wieder wenig zutreffend gewesen. In diesem letzten Jahr mit Rückhalt im langjährigen Sponsoring der Crespo Foundation, nach dem der open mike vor einer finanziellen, vielleicht auch vor einer konzeptuellen Zäsur steht, wäre (konstruktive) Kritik jedoch notwendiger denn je. Denn das Problem dieses jährlichen literarischen ‚Konklaves‘ ist ein tiefliegenderes. Es ist leicht, zu vergessen, dass man in einem sitzt, zu übersehen, was einfach zu übersehen ist: Die Dinge die nicht passieren, die nicht zur Sprache kommen, ebenjenes, was abseits oder außerhalb der Sphäre heimeliger Sicherheit gleichen Interesses, Blick nach Innen und schwer zu bezweifelnder Bedeutung der Institution auch existiert. Was sich versammelt in den ‚heiligen Hallen‘ wird als Querschnitt durch das aktuelle Schreiben hin- und angenommen, bei gleichzeitiger Hervorhebung der Qualitätssicherung qua Auswahlverfahren, dem die Person nichts, der Text und seine Literarizität alles gelten. Umso heilsamer der Hinweis auf die nichtanwesenden Motive, Themen und Texte in der Laudatio der LektorInnen, wenngleich dieser durch die nachfolgende Benennung der Preisträgerinnen und das entsprechende Spektakel fast überhört worden wäre: die Auswahl der gelesenen Texte war bei aller Verhandlung von Rändern, bei aller formalen Experimentierfreude und Transgression tradierter Gattungsgrenzen beeindruckend frei von „migrantischen, postmigrantischen und queeren Positionen“ – zu ergänzen wären die Verhandlungen junger Schreibender im Paradigma Ostdeutschland oder literarische Untersuchungen im Problemkomplex Klassismus.

Prämiert werden kann nur, was ausgewählt worden ist, ausgewählt werden nur, was zur Auswahl steht. Selektivität ist das Prinzip hinter jedem Literaturpreis, jedem Wettbewerb, jeder Anthologie, ist unumgänglich, um in der Masse gegenwärtiger Literaturproduktion den Überblick zu behalten. Ohne diese Selektivität, ist Grundlage jeglicher Arbeit an und mit erzählender Literatur. Warum sich daran aufhängen und das Grundprinzip in diesem einen, konkreten Fall problematisieren? Gerade aufgrund der Bedeutung dieser konkreten Veranstaltung für die deutschsprachige literarische Landschaft, akut und chronisch – notabene die gern betonten großen PreisträgerInnen, welche tatsächlich oder vermutlich ihre ersten Schritte auf dem Weg bis Büchner Bachmann Buchpreis hier gegangen sind. Eben aufgrund der Annahme oder des Anspruchs, dass hier der Durch- und Querschnitt literarischen Schreibens geboten und dessen Hervorragendstes ermittelt wird. Und schließlich eben aufgrund des ebenso von den LektorInnen benannten und nicht aufgegriffenen Problems, dass besagte Perspektiven nicht nur in der Auswahl gelesener Texte fehlten, sondern sich aus den rund 600 (!) Einsendungen schlicht nicht auswählen ließen. Damit ergibt sich ein Problem mindestens an den Rändern der Fragen von Wissen und Macht, Ermächtigung und Information.

Aller Wasserdichte des anonymen Auswahlverfahrens zum Trotz ist das Aufkommen der ohnehin schon in Schreibschulen, Agenturen, Workshops oder Netzwerken Organisierten und Studierenden im geistes-, literatur- und sprachwissenschaftlichen Fächerspektrum zumindest auffällig, was die Frage nahegelegen zu sein scheint, wie weit die Bedeutung des open mike für den Betrieb aus dem Betrieb heraus trägt, wie weit das Etablierte über das Etablierte hinaus bekannt ist und wer überhaupt mit allen Aufrufen zur Partizipation an den etablierten Strukturen erreicht, angesprochen und zur Mitsprache aufgefordert wird. Geschrieben wird auch abseits von Akademieworkshops, Schreibschulen, eingespielten Netzwerken oder Literaturstudiengängen: im Digitalen, Sozialen, Privaten, in zahlreichen anderen Kontexten, die im Netz des literarisch und literaturbetrieblich Etablierten (noch) nicht verfangen. Man muss nur auch dorthin gelangen. Es ist schwer, in den bewährten Reservoirs des Preises von dessen Namen, seiner Strahl- und Anziehungskraft unberührt zu bleiben. Solange jedoch nicht auch die weiteren Facetten zeitgenössischen Schreibens angesprochen werden, lässt sich der Anspruch von Querschnitt und Qualität nicht erfüllen und bleibt die ideelle Bedeutung des Preises eine durchaus beschränkte. Solange nicht die Bedingungen zur Möglichkeit der Mitsprache für alle Schreibenden dieselben sind, allen zur Teilnahme Willigen die Teilnahme und Mitsprache, das Gehörtwerden, aufgrund strukturell begründeten Informationsmangels erschwert ist, bleiben die Preise des open mike dem Vorwurf der innerbetrieblichen Gefälligkeit ohne tiefere Bedeutung ausgesetzt – und das würde den prämierten Texten nicht nur dieses Jahres nicht gerecht.

Was bleibt vom letzten ‚Konklave‘ also? Zunächst ein wenig beachteter Kritikpunkt. Aus diesem heraus könnte die Erkenntnis folgen, dass mit Bedeutung Verantwortung entsteht, Verantwortung dafür, wer gehört wird, welche Probleme zur Sprache kommen und was in der Sprache, im Gespräch bleibt. Der open mike hat nun vielleicht mehr denn je die Möglichkeit, an und mit dieser Verantwortung zu arbeiten und sie nicht brachliegen zu lassen unter Verweis auf die eigene Funktionalität als tragender Akteur im literarischen Feld und die alljährlich erfolgreichen ‚Ernten‘. Er hat die Möglichkeit, sich selbst und seine Wahrnehmung als wohl wichtigster jungliterarischer Wettbewerb in Ausrichtung und Selbstdarstellung neu zu denken und seine Ansprache in auch weniger geläufige Bereiche des Schreibens zu differenzieren – aber auch anzuerkennen, wo seine Zuständigkeit, seine Bedeutung aufhört und die entsprechenden Schlüsse zu ziehen. Es wird sich zeigen, wie stark die eigenen Parameter justiert worden sind, um das bisher – oder zumindest in diesem Jahr – neben dem glücklicherweise zu Gehör gebrachten Ungehörte, Fehlende an der eigenen betrieblichen Verankerung und Öffentlichkeitswirksamkeit teilhaben lassen zu können. Das bedeutete Professionalität: Interesse an allen Facetten literarischen Lebens und allen Möglichkeiten seines Weiterdenkens.

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