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Wir reden über Literatur
Kolumne

ULF - Donnerstag, Eröffnungstag

Ist Vorfreude nicht die schönste Freude? In jedem Fall komme ich mit einer nicht gerade kleinen Portion davon am Hauptbahnhof von Nürnberg an. Endlich Ulf! Das bedeutet hoffentlich: Literatur und alle damit einhergehenden Anstöße, Gespräche, Bekanntschaften, Gemeinsamkeiten und Auseinandersetzungen, Debatten und Gelage, Entdeckungen und Erlebnisse.

Eine liebe Freundin holt mich am Bahnhof ab und kurz darauf checke ich im Ibis-Hotel ein, in dem, wie sie mit der Zeit rausstellt, anscheinend eh die Hälfte der Teilnehmer*innen von Ulf untergebracht ist. Ulf, wer es noch nicht weiß, steht übrigens für Unabhängige-Lesereihen-Festival. Fünfundzwanzig dieser Lesereihen – die gemeinsam als eingetragener Verein auch eine Internetpräsenz besitzen, auf der man sich näher über jede einzelne von ihnen informieren kann – kommen in Nürnberg im Zuge dieses Festivals zusammen und bringen mit ihren Achtzig Veranstalter*innen mehr als Hundertzwanzig Künstler*innen in vier Tagen auf die Bühne.

Diese Bühne(n) befindet/n sich hauptsächlich im Z-Bau, Haus für Gegenwartskultur, dessen Räumlichkeiten in einem alten US-Stützpunkt untergebracht sind (noch im Dritten Reich als Kaserne gebaut), der seit dem Jahr 2000 mit kleinen Unterbrechungen kulturell bespielt wird. Draußen vor dem Gebäude befindet sich ein Biergarten, ein Foodtruck steht schon am ersten Abend bereit, von innen hat das Gebäude teilweise den schmuddeligen Charme und Flair einer Undergroundkneipe oder eines Punkclubs; der große Raum, in dem die Eröffnungsveranstaltung stattfindet und in dem in den nächsten Tagen die Festivalzentrale sein wird, hat allerdings eine geradezu einschüchternde Größe.

Zusammen mit den Festivalbändchen bekommen die Künstler*innen eine Festivaltasche, in der nicht nur die üblichen Gimmicks und Hinweise, sondern auch eine Flasche Ulf-Bier vorhanden ist. Genau richtig für ein erstes Anstoßen und Zusammensitzen. Nach und nach trudeln die Leute ein, der Biergarten und die Räumlichkeiten füllen sich. Man winkt bekannten Gesichtern aus der Ferne, eine Menge Leute begrüßen einander herzlich und man merkt: hier kennen viele viele. Aber nicht alle alle. „Ist das nicht …?“ oder „Der/die da drüben erinnert mich an …“, solche Fragen (oder Blicke in denen solche Fragen liegen) hört und sieht man immer wieder.

Dann geht es los, das Festival wird offiziell eröffnet, unter einem funkelnd-schnörkeligen Ulf-Leuchtschriftzug, über dem sich eine Discokugel dreht, hoch oben im Saal. Es folgen eine Einführung in die Entstehung und den Verlauf des Festivals, sowie viele Dankesbotschaften von den Veranstalter*innen und Festivalverantwortlichen an die Helfer*innen und Sponsoren. Von Letzteren kommen dann auch drei Vertreter*innen zu Wort: von der Kulturstiftung des Bundes, dem Bayrischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Kulturreferat der Stadt Nürnberg.

Die erste Veranstaltung gestaltet dann, direkt im Anschluss, SuppKultur, eine Zwei-Mann-Truppe (Andreas Thamm und Stephan Goldbach), die auf der Bühne Suppe zubereitet und drei Lesende eingeladen hat, erst ihre Texte vorzulesen und danach, neben dem Beantworten einiger Fragen zum Text und zur künstlerischen Haltung, die Suppe mit zu würzen. Außerdem spielt einer der beiden (Goldbach) vor jedem Text ein kurzes Kontrabassintro.

Es lesen Ronya Othmann, Joshua Groß und Elnathan John, die alle drei noch im Verlauf des Festivals bei anderen Veranstaltungen lesen werden. Sie wurden von SuppKultur gebeten einen unveröffentlichten Text mitzubringen, etwas aus der Schublade oder etwas Unfertiges – Groß liest aus einem unveröffentlichten Romanmanuskript, Othmann Gedichte, John eine Satire, die die Textgrundlage für seine zweite Graphic Novel werden soll. Beim Würzen gehen sie mit unterschiedlichem Enthusiasmus zu Werke, die Suppe wird danach auch teilweise über die Bar ans Publikum verteilt.

Danach der erste Abend des Zusammenstehens, Redens, Kennenlernens, mit einigen Wiedersehensfreuden und ersten gemeinsamen Plänen. Ulf hat begonnen und ab Morgen geht es richtig los!

 

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Alle Fotos: Timo Brandt

 

 

 

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