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Wir reden über Literatur
Kolumne

Ulf, Freitag

Vor 14 Uhr findet am ersten Festivaltag keine Lesung auf dem Gelände statt. Als ich aus der Tür trete, um am Morgen ein paar Dinge einzukaufen, schwitze ich schon nach wenigen Metern in meiner leichten Jacke – es hat 23 Grad, die Sonne knallt vom Himmel. Nürnbergs Klima möchte anscheinend, dass einem dieses Festival noch wie ein Sommerfestival vorkommt.

Comiccafébuchregal

Ich gehe etwas früher zum Gelände, damit noch Zeit für Gespräche zwischen Tür und Angel und für eine Besichtigung der im Festivalzentrum aufgebauten Installationen und sonstigen Features bleibt. Es gibt z.B. eine Hörspielecke und ein Comiccafé, wobei letzteres aus einem Regal voller Graphic Novels, Mangas und Comics für verschiedene Altersklassen und einigen bequemen Sofas und Sesseln besteht. Ganz hinten, abgetrennt durch einen Sichtschutz, befindet sich die festivaleigene Buchhandlung mit Titeln der Lesenden und Veranstalter*innen, nebst anderer Belletristik und vielen, vielen Literaturzeitschriften. Auch einige künstlerische Arbeiten sind hier zu sehen.

Özlem Özgül Dündar & Zuckerclub  Dann geht es los und zwar mit Niemerlang, einer Lesereihe aus Leipzig, eingeleitet und begleitet von der Band Zuckerclub aus Berlin – in deren Musik sollte man mal reinhören, schönes Songwriting. Als Lesende sind Özlem Özgül Dündar, Christine Hoba, Paul-Henri Campbell und Kenah Cusanit geladen. Vor jeder Lesung gibt es ein Gespräch mit den Moderator*innen, meist geht es launig und sympathisch zu. Dündar liest aus ihrem Romanmanuskript, in dem sie sich mit dem Brandanschlag in Solingen im Jahr 1993 auseinandersetzt. Die Monologe ihrer Figuren dringen tief ins Essentielle vor (in der Bella Triste 50 kann man ebenfalls Ausschnitte aus dem Werk lesen). In Hobas Prosa-Text (sie liest auch einige Gedichte) wird ein nicht alterndes, möglicherweise verstorbenes Kind in den Mittelpunkt gestellt. Campbell liest aus seinem Gedichtband „Nach den Narkosen“ und berichtet von Lusterleichterung, angeschlossen an einen Herzmonitor. Kenah Cusanits Lesung macht neugierig auf ihren Roman „Babel“.

Leider war dies eine der wenigen Lesungen des Festivals ohne Parallelveranstaltung(en) – ab jetzt muss man sich entscheiden, ob man den „Roten Salon“ oder die „Galerie“ ansteuert (und auch auf der Bühne im Festivalzentrum gibt es ab jetzt immer wieder Lesungen).

Hof/Klubliteratur Lesung Um 16 Uhr gehe ich in den Roten Salon, zu Hof/Klubliteratur, einer weiteren Lesereihe aus Leipzig, die im Winter drinnen, im Sommer draußen stattfindet. Es soll um zeitgenössische Liebeslyrik gehen, wobei beide Autor*innen in ihrer Vorrede zugeben, dass ihre Texte sich zwar im Umfeld dieses Begriffs verorten ließen, aber nicht explizit als Liebesgedichte geschrieben wurden. Viktor Dallmanns Robo-Mom-Zyklus bleibt mir vor allem wegen seiner grellen Umbrüche in Erinnerung, auch seine anderen Gedichte sind zwar agil, aber etwas zu gewollt-bizarr (wobei ich diesen Eindruck vielleicht bei einer gründlichen Lektüre revidieren würde). Carla Hegerls erster Zyklus ist eine virtuose Havarie aus Körperlichkeit, Wandlungen und Entfernungen, inspiriert von der Lyrik und Person von Sor Juana Inés de la Cruz. Auch ihre anderen Gedichte überzeugen, u.a. mit Zeilen wie:

„wo du aufhörst werd ich wahrscheinlich“.

Kookread Lesung Um 18 Uhr dann die nächste Entscheidung: Kookread oder Fleet:poet (gleichzeitig findet im Festivalzentrum auch eine Präsentation der Literaturinitiative handverlesen statt)? Ich gehe zunächst zu Fleet:poet, da ich diese Lesereihe aus Lüneburg wohl leider anderswo nicht mehr erleben werde – sie wurde bereits 2017 eingestellt. Veranstalter Simon Bethge gibt vorab ein bisschen den Showmaster, was aber nicht unsympathisch ist. Ich höre die Lesungen von Silva Bieler und Tabea Zeltner, wobei gerade der Text von letzterer (über eine ungewollte Schwangerschaft) mir zunächst in seinem Duktus enervierend, dann aber sehr zwingend und überzeugend erscheint. Schnell gehe ich noch auf einen Sprung zu Kookread und höre zunächst Jan Böttcher vom Dorffußballwahnsinn erzählen (er liest aus seinem Roman „Kaff“), lausche dann Gedichten von Alexander Gumz, musikalisch untermalt von Susie Asado. Leider gehe ich, bevor Jan Böttcher noch einige Songs vorträgt – ein Freund berichtet mir später, die Lieder seien sehr unterhaltsam gewesen.

Die kurzen Atempausen von einer halben Stunde zwischen den Veranstaltungen, reichen aber kaum fürs Verarbeiten, Zusammenkommen und Austauschen aus. Sollte Ulf noch einmal1 stattfinden, könnte man das nächste Mal einen etwas weniger gedrängten Spielplan anstreben (wobei ja vor allem meine Angst etwas zu verpassen, diese Gedrängtheit erst zum Problem werden lässt). Ich merke jedenfalls, wie meine Aufnahmefähigkeit bereits ein bisschen bröckelt.

Lütfiye Güzel, Artichoke Lesung Dennoch gehe ich als nächstes um 20 Uhr zu Artichoke, einer internationalen Lese- und Publikationsreihe, die zu jeder ihrer Veranstaltungen ein Heft mit Übersetzungen der Texte ins Deutsche bzw. Englische drucken lässt. Sehr freue ich mich auf die erste Lesende Lütfiye Güzel, deren Gedichte mich mit ihrer Direktheit, ihrer schnörkellosen Existenzialität, ihrer handlichen Metaphysik immer wieder umhauen. Als zweites liest Sam Solomon, dessen Texte sich u.a. mit den FBI-Akten auseinandersetzen, die über seinen Großvater (Mitglied der kommunistischen Partei) angelegt wurden. Dann brauche ich eine Auszeit und verpasse leider Rafael Mantovani, der seine Gedichte auf Portugiesisch, Englisch und Deutsch vorliest und Charlotte Warsen, von deren Lesung einige Freund*innen später im Gespräch schwärmen.

In guter Nachbarschaft Lesung Um 22 Uhr findet im Festivalzentrum die Lesung einer lokalen Lesereihe (Roy – Literarisches bei Schnaps), mit Gratisschnaps fürs Publikum statt, aber ich entscheide mich für die Präsentation der Poetry-Filme des ägyptisch-deutschen Projektes „lab/p – poetry in motion“ bei der Lesereihe In guter Nachbarschaft aus Jena. Mit dabei sind, neben den Regisseurinnen Alina Cyranek und Rika Tarigan, die Autor*innen Özlem Özgül Dündar und Dennis Trendelberend. Sechs Filme werden vorgeführt und auf der Bühne wird mit den Beteiligten über Entstehungsprozess und Machart ihrer Filme gesprochen. Dündar und Trendelberend haben außerdem jeweils eine Lesung – Dündar liest eindringliche Gedichte, Trendelberend aus einem autobiographischen Manuskript, in dem er sich auf beeindruckende Weise mit der Krebserkrankung seiner Mutter auseinandersetzt.

Um 24 Uhr ist Party angesagt. Ulf tanzt. Ich gehe allerdings früh ins Bett, in der Hoffnung, alle Highlights des morgigen Festivaltags ausgeschlafen besser aufnehmen zu können.

 

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alle Fotos: Timo Brandt

 

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