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Wir reden über Literatur
Kolumne

Ulf, Samstag

Auch wenn am Sonntag noch einiges ansteht, ist Samstag doch der umfangreichste von allen Festivaltagen. In den Stunden vor der ersten Lesung entdecke ich vor allem den ruhigeren, hinter dem Gebäude liegenden Nordgarten für mich. Die Sonne scheint heute noch sommerlicher als gestern, auf meinem Tisch steht ein vergessenes Paket roher Eier, an einem anderen Tisch soll heute ein Lyrix Workshop für junge Schüler*innen stattfinden, von denen derzeit noch keine zu sehen sind.

Sehr Ernste, Lesung Caren Jeß, anmoderiert von Fiona Sironic & Luca Kieser

Um 14 Uhr gehe ich zur Lesung der Wiener Lesereihe SEHR ERNSTE, die aus dem Institut für Sprachkunst hervorgegangen ist, wo ich selber bis 2018 studiert habe. Auch wenn ich alle Lesenden bereits mindestens einmal erlebt habe, wird die Veranstaltung zu einem meiner absoluten Highlights. Es beginnt Caren Jeß, die mit ihrer weich- bis scharfzüngigen „Ballade auf Schloss Retzhof“ eine tolle sprachliche Performance hinlegt und mich mit ihrem Stimmengewirr aus Sud und Süßlichkeit, Archaik und Schnodder im besten literarischen Sinne überrollt. Dicht und in Bann schlagend geht es auch weiter, mit Cornelia Hülmbauer, die u.a. aus ihrer SuKuLTuR-Band „MAU OEH D“ vorträgt, einem Langgedicht voll souveräner Assonanzen und bestechender Rhythmik, in dem jede Zeile der vorangegangenen das Genick zu brechen vermag, so unnachgiebig und gleichsam zerbrechlich gestalten sich seine Bilder von den Alltäglichkeiten und Gewaltsamkeiten der Provinz. Den Abschluss machen Frieda Paris und Sandro Huber, mit einem Feuerwerk aus klassischen bis postmodernen Sentenzen, das die Zerstörung der Natur und Verantwortlichkeit thematisiert, den eigenen Kosmos aber immer wieder aufbricht, umschlägt, einwickelt, in die Luft wirft.

Comic Lesung, Dominik Wendland, moderiert von Lilian Pithan

Im Anschluss möchte ich mir eigentlich eine Portion Chili beim Foodtruck holen, aber das ist erst in etwa einer Stunde fertig. Also ist meine nächste Station um 16 Uhr die Comic-Lesung mit Dominik Wendland, der zwei seiner veröffentlichten Projekte vorstellt. Das erste Buch „Tüti“ hat eine stumme Plastiktüte zur Protagonistin, die, von diesem und jenem Wind getragen, zunächst nur Auftragskillerin und später zur Landvögtin wird – eine ebenso gewöhnungsbedürftige wie sympathische Idee. Spannender fand ich allerdings das zweite, graphisch aufwendigere Werk Egon, das diesen Sommer erschienen ist und in der Zukunft (dem „Emotionszeitalter“) spielt. Die Präsentationen sind stimmig, das Gespräch gestaltet sich etwas zäher, Wendland weiß trotzdem einiges Interessantes über seine Arbeitsweisen und Gestaltungsentscheidungen zu erzählen.

Als ich wieder nach draußen trete, wird sofort ersichtlich, dass heute ein vielfältiges Publikum gekommen ist. Einige wenige Kinder laufen auf der Wiese und einige, nur für die beiden Wochenendtage angereisten Leute sind eingetrudelt. Fast ist es zu schön in der Sonne, bei herzlichen Gesprächen mit Leuten, die man lange nicht gesehen hat und viel zu selten sieht. Aber die nächsten Veranstaltungen rufen schon.

Meine drei lyrischen Ichs, Team der Lesereihe

Mich zieht es zu der Veranstaltung von „Meine drei lyrischen Ichs“, einer sehr sympathischen Lesereihe für Lyrik und bildende Kunst aus München. Die Lesenden hier sind Rick Reuther, Ronya Othmann und Marius Geitz (letzterer unterstützt von dem Illustrator Cris Koch); außerdem gibt es eine Videoinstallation von Marcus Frimel. Reuther startet und unterhält das Publikum mit der gewohnten Mischung aus lässig-amüsanter Performance und Inhalten, die Finger in viele Wunden legen, eigene und allgemeine, gesellschaftliche. Othmann liest im Anschluss ein eindringliches Langgedicht, das durchzogen ist von klagenden bis anklagenden Tönen, und sich, wie schon ihr beeindruckender Bachmanntext, mit den Themen Vertreibung, Völkermord und Vermächtnis auseinandersetzt. Marius Geitz Lyrik (zu der Koch einige spontane Illustrationen, mit Projektor auf die Wand geworfen, beisteuert) ist eine etwas zähe lange Verhandlung über Selbstfindung und das Verbindende und Trennende in allem. Danach liest Othmann noch einige kürzere, facettenreiche Gedichte, bevor Reuther zum Abschluss der Veranstaltung einige Texte der 2016 verstorbenen Autorin Ianina Ilitcheva (deren Nachlass er verwaltet) vorträgt, aus zwei Büchern, die beim Frohmann bzw. beim Hochroth Verlag erschienen sind. Ich habe bereits an anderer Stelle, in einer Rezension zum Buch im Frohmann Verlag, über Ianinas Dichtung geschrieben. Hier sei so viel gesagt: wie schon so oft erobert sie die Herzen der Zuhörer*innen im Sturm, merklich. Als Reuther das Buch aus dem Frohmann Verlag weglegt, um aus dem Band bei Hochroth vorzulesen, ruft jemand, der hinter der Bar steht: „Eine kurze Frage: kann man das irgendwo kaufen.“ Jemand antwortet, dass es in der Haupthalle einen Büchertisch gibt. Sofort macht sich der Barkeeper auf den Weg, um das Buch zu kaufen.

Es ist gerade mal 19:30, aber ich habe das Gefühl, an diesem Festivaltag schon fast zu viel erlebt zu haben. Um mich herum wird über Lesungen geredet, an denen ich nicht teilnehmen konnte, weil sie parallel zu anderen stattfanden. Da ist sie wieder, die Angst, etwas zu verpassen. Der Wunsch von möglichst vielen Erfahrungen auf diesem Festival zu berichten und aber auch der Wunsch möglichst viele Gespräche zu führen, möglichst viele menschliche Erfahrungen zu machen.

Land in Sicht, Martin Piekar

Um 20 Uhr bin ich dann bei „Land in Sicht“, einer Lesereihe aus Köln, deren Mitglieder u.a. auch für ein Theaterfestival und einen Literaturpreis verantwortlich sind. Ich bin sehr beglückt, hier wieder einmal Martin Piekar zu erleben – seine Poesie, die so viele Widersprüchlichkeiten und Schönheiten zu bieten hat und sie alle auf virtuose Art der Fragwürdigkeit und der Gewissenhaftigkeit aussetzt, ohne dabei die Beweglichkeit seiner Sprache einzuschränken, ihr zersetzendes und fügendes, inspirierendes Naturell. Die zweite Lesende ist Lara Rüter, mit deren Gedichten ich schon öfters so meine Probleme hatte. Auch diesmal erkenne ich durchaus das widerständig-ambivalente Potenzial ihrer Sprache, die teilweise eleganten Transformationen, ihr Talent für vielfältige Tonlagen, aber das ist mir trotzdem alles zu gehäuft, erscheint beliebig, ich erkenne das Zwingende nicht, das mich in diese Lyrik hineinziehen könnte, finde das Element nicht, das mich mit dem Kosmos der Gedichte in Verbindungen zu setzen vermag. Kurzum: was hat das mit mir zu tun, wie komme ich da rein, das frage ich mich wieder und wieder. Natürlich habe ich Angst vor der Ignoranz, die in dieser Frage mitschwingt, zu Tage tritt; und davor, dass die Antwort ersichtlich und lediglich meine Perspektive falsch/für diese Blindheit verantwortlich ist. Vielleicht, und das wäre natürlich die bestmögliche Variante, macht meine hier geäußerte Ablehnung andere Menschen neugierig und statt meine Meinung zu übernehmen oder abzutun, lesen sie Gedichte von Rüter und bilden sich dann eine eigene Meinung, machen vielleicht eine ganz gegensätzliche Erfahrung. Das wünsche ich mir.

Mittlerweile ist es dunkel, im Biergarten versammeln sich Grüppchen, es wird gelacht und getrunken, geflüstert und geraucht, diskutiert und manche/r schaut gedankenverloren zum eindrucksvollen Mond hinauf. Um 22 Uhr gibt es noch weitere Lesungen, aber ich habe heute schon zu viel in mich aufgenommen und bleibe draußen. Die Kabeljau & Dorsch Lesung ist ein voller Erfolg, so viel bekomme ich mit, die Leute verlassen sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Um 23:30 ist der Vorplatz voller Menschen, alle warten darauf, dass die Party mit Dj Love und RZA & TRZZL beginnt. Ich hab leider nicht mehr die Kraft zum Tanzen und Trinken, bin leicht angeschlagen, und verlasse mit viel Wehmut diese große Menge an Menschen, voller wunderbarer Dichter*innen, Veranstalter*innen, von denen ich manche Freund*innen nennen darf. Wir kommen viel zu selten zusammen, denke ich, während ich durch Nürnbergs nächtliche Straßen laufe. Aber immerhin, dank Ulf hat es mal wieder geklappt. Und für andere ist die Nacht noch jung und es wird ein nächstes Mal geben. Ich erinnere mich an einen meiner Lieblingsverse von W. H. Auden:

„None of us are as young
as we were. So what?
Friendship never ages.”

 

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alle Fotos: Timo Brandt
Damit ist unsere Berichterstattung über ULF beendet, wir wünschen allen Sonntagsveranstaltungen viel Erfolg.

 

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