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Kolumne

ZWEI JAHRE NACHT

Während des Bosnienkrieges findet sich ein junger Mann auf der falschen Seite Sarajevos wieder. Zwei Jahre Krieg erlebt er im feindlichen Gebiet. Ein autobiografisch inspirierter Roman von Damir Ovcina.

Am Ende scheint der Krieg vorbei zu sein. Er kann wieder auf die Straße hinaus und dank Bart und antrainierten Muskeln werden ihn seine Peiniger nicht erkennen. Zurück nach Hause. Zwei lange Jahre wusste er nicht um das Schicksal des Vaters, plötzlich getrennt und eingeschlossen im feindlichen Gebiet einer bis dahin so vielfältigen Stadt.

Sarajevo, Foto: Georg Zeller

Am Ende von Zwei Jahre Nacht gibt es ein Aufatmen auch für den Leser. Mitgerissen, mitdurchlitten hat er 750 Seiten lang die Zeit der Belagerung Sarajevos aus dem Blick eines namenlosen jungen Erzählers. Drei Bücher sind es. Zunächst das plötzliche Zerreissen der Stadt und der Erzähler findet sich unerwartet auf der falschen Seite wieder: Als bosnischer Moslem im von den bosnischen Serben kontrollierten Stadtteil Grbavica. Dann die Zeit in der Arbeitsbrigade. Tagtäglich hilft er Ermordete aus ihren Häusern zu schaffen, auf dem Berg über der Stadt zu vergraben, damit keine blutigen Spuren bleiben. Sein Kommandant, ein Mann aus Titos Vielvölker-Tradition, schützt ihn wiederholt vor den Drohungen seiner serbischen „Brüder“ und bittet ihn sogar um ein letztes Gebet für die Toten. Schließlich, einem von mehreren Mordversuchen entflohen, die langen Jahre in einem häuslichen Versteck eingeschlossen. Einzig die Flüchte aufs Hausdach erlauben gelegentlich den Blick in die Sonne. Der Himmel jedoch ist granatenverseucht. Die junge Nachbarin, ebenfalls laut neuer Diktion den Gegnern zugehörig, kümmert sich mit Brot und Liebe um ihn. Denn auch im Krieg gibt es noch Menschen. Und gelegentlich auch Menschlichkeit.

Damir Ovcinas beeindruckende Sprache, kongenial von Mascha Dabic ins Deutsche übertragen, vermag es den Leser nahezu direkt in das Erleben des Protagonisten zu versetzen. Verblose Kurzsätze angespannter Aufmerksamkeit während der Zeit in der feindlichen Welt. Straßen, Gebäude und Geschäfte werden mit ihren Namen memoriert und zu einem punktuellen Plan des engen Bewegungsraums geflochten, der jedoch voller weißer Flecken bleibt. Keine Emotion wird in den Jahren beschrieben, der Vater ist „Er“, die Geliebte „Sie“, der Freund „der Pianist“. Auch die Liebe muss der Leser sich selbst gedanklich um die kurzen Dialoge der Liebenden zeichnen. Doch der Schrecken des Kriegsalltages ist eindeutig. Rohe Gewalt, unerträgliche Demütigungen und Misshandlungen, zerschossene Leiber: nicht nur „der Bulgare“ zieht als Schlächter durch die rechtlose Stadt. Wer ein wenig die Geschichte der Belagerung Sarajevos kennt, weiß, dass hier reale Vorkommnisse verarbeitet wurden. Ovcina war selbst als junger Mann im falschen Teil der Stadt eingeschlossen. „Der Pianist“ erinnert den jungen Mann tagtäglich daran alles aufzuschreiben, damit alle erfahren, was hier geschehen ist. Neben dem Körper trainiert der Erzähler also auch seine Schreibfähigkeit. Heraus gekommen ist ein Roman voller Kraft, der den Leser mitnimmt in eine Welt, die so eng und aussichtslos ist, dass sie sich auf Wesentliches reduziert. Überleben, Lieben, Essen und Vertrauen, dass es irgendwann vorbei sein wird, sofern nicht zuvor der Tod kommt.

Ich habe Damir Ovcina für ein Gespräch im Garten der Sarajevoer Blindenschule getroffen, deren Direktor er noch bis zum Herbst diesen Jahres ist. Dann will er sich ausschließlich der Literatur widmen. Außerdem hat er die Verfilmung von Zwei Jahre Nacht in Planung. Die Tatsachen auf denen der Roman basiert haben sich zum Teil genau hier im Garten der Schule ereignet, der von der unüberwindbaren Frontlinie durchzogen war.

Damir Ovčina, Foto: Georg Zeller

Georg Zeller: Fast 25 Jahre nach dem Ende des Bosnienkriegs und der Belagerung Sarajevos bieten Sie nun ihre persönlichen Erlebnisse und Erinnerungen der lesenden Öffentlichkeit an. Wie kommt es dazu?

Damir Ovcina: In den vergangenen Jahren habe ich mich endlich wieder meiner Leidenschaft der Literatur gewidmet. Literatur sollte etwas sein - zumindest sehe ich es so - wo Dinge erzählt werden, über die der Schreibende Bescheid weiß. Es sollte also etwas mit meinem Leben zu tun haben, mit Situationen, die ich selbst erlebt habe. Mir ging es dann vor allem darum, die richtige Erzählweise dafür zu finden, das „Wie“.

Das erinnerte Material, das mir zur Verfügung stand, wollte ich literarisch sinnvoll verarbeiten. Erinnerung, Leben und Erlebtes sind ja jenes Material auf das wir in unserer künstlerischen Arbeit zugreifen können und aus dem wir künstlerisch schöpfen können.

GZ: Erlebnisse solcher Tragweite bleiben ja als Erinnerung unser ganzes Leben in uns. Was passiert aber, wenn man diese nun den Lesern darbietet?

DO: Ich fände es furchtbar, meine Erlebnisse einfach irgendwie irgendwem zu erzählen. Das mache ich eigentlich nie. In der Literatur geht es ja darum, Überzeugung zu schaffen, den Leser zu überzeugen, dass das was er liest wahrhaftig ist. Eine sprachliche Stärke zu finden. Wenn ich also nicht die richtige Form treffe, würde die Geschichte vermutlich verloren gehen.

Ich hatte über die meisten Dinge, die ich im Krieg gesehen und gehört hatte, noch nie mit jemandem gesprochen.

GZ: Warum haben Sie nie darüber gesprochen?

DO: Ich finde keinen wirklichen Gefallen daran, diese Dinge einfach mit anderen zu teilen. Was mir hingegen Vergnügen bereitet, ist daraus etwas zu schaffen, das in der Zeit bestehen bleibt.

Ich glaube, dass Kriegserinnerungen an sich eigentlich nicht besonders interessant sind. Krieg, Demütigungen und so weiter sind Teil der Geschichte der Menschheit und werden es in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen auch immer sein. Auch in der Literatur ist es gewiss kein neues Thema. Es geht mir also darum, wie man mit diesem Material umgeht. Wie man den Leser in die Geschichte holt und ihm etwas bietet, das eine Bedeutung für ihn hat.

GZ: Es gibt hier in Bosnien auch viele Menschen, die hingegen aus verschiedensten Gründen ihre traumatischen Erlebnisse sehr häufig erzählen.

DO: Ich bin überzeugt, dass wir, die wir diese Ereignisse überlebt haben, unsere Erfahrungen für ein höheres Ziel einsetzen sollten. Dann wird unser Leben besser und intensiver. Wenn wir unsere Geschichten mit der Welt teilen wollen, müssen wir dazu geeignete Wege finden.

Wen kümmert es schon, was wir erlebt haben? Uns interessiert ja auch nicht sonderlich, wie es jemandem im Kongo oder sonstwo auf der Welt so geht. Wir Menschen interessieren uns in erster Linie für uns selbst. Und dafür, irgendwie unser Leben zu bestreiten.

Ich halte es für kindisch zu glauben, dass die Welt uns etwas schuldet, nur weil wir einen Krieg erlebt haben. Das hat ja jede Nation der Welt erlebt, auch wenn es mancherorts vielleicht seit 200 Jahren Frieden geben mag.

GZ: Ihr Kollege Miljenko Jergovic sagte mal in einem Interview, dass der Status des Opfers den Menschen sehr viele Vorteile bringt. Dass man sich als Opfer fast alles erlauben kann, weil man moralisch immer auf der richtigen Seite steht.

DO: Ich halte es hingegen für eine lebenslängliche Strafe. Opfer zu sein, ist das Schlimmste überhaupt. Aber hier bei uns ist das sehr weit verbreitet. Wenn du ein Opfer bist, brauchst du nichts zu tun, du bist hilfs- und hoffnungslos. Meine Lebenseinstellung ist dem genau entgegengesetzt. In der Literatur wie auch in meinem Leben möchte ich gerade kein Opfer sein.

GZ: Haben Sie ein Rezept, um aus dem Opferstatus herauszukommen?

DO: Du musst herausfinden was du mit deinem Leben anfangen möchtest. Willst du Tischler oder Gärtner oder Lehrer sein? Dann musst du darin das Beste aus dir machen. Nicht alles im Leben können wir kontrollieren, doch in diesen Dingen liegt es an uns selbst, uns fortzuentwickeln und voranzubringen. Das bringt einem dann wirkliche Zufriedenheit.

Es ist ja nicht so, dass jemand nur weil er in Deutschland geboren wird, automatisch glücklich ist. Oder weil er bei Mercedes arbeitet.

GZ: Ich merke immer, dass ich von Sarajevo und Bosnien so angezogen bin, weil es sich hier nach „echtem Leben“ anfühlt. Dabei hatten wir in Deutschland vor gar nicht allzu langer Zeit ja eine ähnliche Situation.

DO: (lacht) Ja das war 1945. Da gibt es ja auch noch nicht so lange Frieden. Wenn geschichtliche Ereignisse erst kurz zurückliegen und uns direkt betreffen, dann fühlen sie sich riesig an. Sie sind jedoch eigentlich nur ein kleiner Teil der Erfahrungen der Menschheit. Ein unwesentlicher Teil. Das bedeutet erneut, wenn wir darüber sprechen möchten, dann müssen wir die geeignete Form finden. Es macht keinen Sinn einfach einen Film oder ein Buch darüber zu machen, dass jemand in Sarajevo gestorben ist. Wen sollte das interessieren?

GZ: Und wie haben Sie selbst zu dieser Form gefunden?

DO: Ich habe Literatur studiert und dann als Lehrer hier in dieser Schule gearbeitet. Auch als ich dann irgendwann zum Schulleiter wurde hatte ich immer noch den Plan selbst zu schreiben. Ich habe also stets versucht, die Werkzeuge kennenzulernen und zu entwickeln, die es für Literatur braucht. Diese Werkzeuge gibt es ja bereits in den Werken anderer. Wenn man hervorragende Literatur liest, kann man diese entdecken und dann lernen, sie selbst für die eigenen Ziele anzuwenden und eine eigene Stimme daraus zu entwickeln. Das ist ein langer Weg.

GZ: Mir scheint, dass es jetzt eine junge Generation in Bosnien gibt, die wieder in die Zukunft schaut und verstanden hat, dass sie diese selbst gestalten kann und muss.

DO: Es ist schon ein großer Schritt, sich von der Haltung fortzubewegen, dass irgendwer anderes etwas für uns tun sollte. Ich glaube, dass dies eines unserer größten Probleme ist. Wir erwarten, dass irgendwer unsere Probleme lösen wird. Das kann der Staat oder Tito sein, oder die Europäische Union. Aber niemand wird sich um ein besseres Leben für uns kümmern. Wir müssen unsere eigenen Lösungen finden. Und das ist ja auch etwas, das unser Leben glücklich macht. Wenn wir sehen, dass es voran geht, weil wir uns bewegen.

Es liegt ja an uns selbst zu entscheiden, ob es Sinn macht, diese Wiese zu mähen. Wir können uns auch weinend hier hin setzen und darüber klagen, dass die Leute in Deutschland so glücklich sind. Ich denke da ist es besser, die Wiese zu mähen.

Außerdem glaube ich, dass wir dazu neigen, die Probleme zu mystifizieren. Wenn ich meinen Schülern hier an der Schule nicht ständig unterstreiche, dass sie teils Moslems und teils Serben sind, dann ist das ja für sie überhaupt kein Problem. Schauen Sie mal, wie viele verschiedene Völker und Nationen in Wien problemlos zusammen leben...

GZ: ...dort gibt es aber auch Menschen, die versuchen, die Unterschiede und Probleme zu unterstreichen.

DO: Es gibt Menschen, die davon leben Probleme zu schaffen. Sie haben halt wenige andere Fähigkeiten um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

GZ: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum es in Bosnien nach dem Krieg keine Racheakte gab und gibt?

DO: Es gibt keine wirkliche Erklärung dafür. Wenn ich hier an mein Stadtviertel denke, wo im Frühling und Sommer 1993 Menschen aus nächster Nähe ermordet wurden. Ich kenne einige, die so ihre Freunde oder Verwandten verloren haben. Aber ich habe noch nie von einem Racheakt gehört. Vermutlich wissen die Menschen, dass dies nicht der richtige Weg wäre, um Dinge zu klären. Es gibt einen tiefen Glauben an das Rechtssystem.

Der Balkan ist ja nicht dieser dunkle Ort jahrhundertelangen Hasses, als der er manchmal beschrieben wird. Sonst wäre es unmöglich gewesen, nach diesem letzten Krieg wieder Frieden zu schaffen. Hier weiß jeder, was der andere getan hat. Aber man glaubt daran, dass es Systeme gibt, diese Dinge zu lösen.

 

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Damir Ovčina
Zwei Jahre Nacht
752 Seiten
ISBN:  978-3-7371-0051-9
übersetzt von: Mascha Dabić
26 Euro
Rowohlt Berlin 2019

 

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