Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

1. September ∙ Brüder

Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel. Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019

Ab jetzt kann alles, was Sie tun, gegen Sie verwendet werden.

Indem ich die Folie entferne, verschwindet, wie von Zauberflötenhand, der schwarze Balken. Bin ich nicht ein Narr, daß ich mich täuschen ließ? Hier waren also, immerhin, Liebhaber am Werk, die zum einen zwar offenbar ein Zeichen setzen, zum andren jedoch keinesfalls den Buchumschlag beschädigen wollten. Sensible Frevler also, und wenn das kein innovatives Oxymoron ist … (Nun denn.) Jackie Thomae. Den Namen nehme ich erstmals wahr. Ich liebe es, Entdeckungen zu machen. Genauso liebe ich es, das Werk eines Autors vollständig zu lesen. Wo die Liebe halt hinfällt. Und: ›Wahr‹? Was ist ›wahr‹? Indem ich mich wortlaufend neu erfinde, gern hinter Figuren, Personen verschwinde, mich nicht an Gesagtes, Geschriebenes binde, bin ich da nicht genauso ›wahr‹ wie das Haar in der Puppe? Na wunderbar. Egal. ›Ich‹, T. O. Brauen, lese weder Zeitung noch Zeitschrift, kenne Perlentaucher und andere literarische Plattformen nur vom Störensagen, bin in sozialen Petzwerken ebenfalls nicht unterwegs; bin zudem gleichsam militanter Nichtbesitzer eines Mobiltelephons, lebe also, ähnlich wie einst Papageno in ›seinen‹ Bergen, in diesem urftländischen Mittelgebirge ohne Ahnung, daß es außerhalb dieser Hügel auch noch Länder und Menschen gibt. Na ja, ganz so dolle ist’s vielleicht nicht, aber in besagte Richtung geht’s schon.

Und so werden es eher Fragen eines lesenden Landbewohners sein, die man in diesen Zeilen vorfindet, als literaturkritische Vorlautbarungen. Wenn ich (selbstredend davon ausgehend, daß es sich im jeweiligen Fall um ›careless writing‹ handelt) die eine oder andere Formulierung, das eine oder andere Wort, die eine oder andere grammatische (z. B. konjunktivische) Form: Liegen zwischen ›sei‹ und ›wäre‹ nicht Welten?, das eine oder andere Komma, die eine oder andere Schreibung, die eine oder andere Redundanz, die eine oder andere wünschenswerte Differenzierung, Erweiterung, Konkretisierung (die der Autor – möglicherweise/vielleicht/wahrscheinlich – just an diesen Stellen gar nicht wollte: Ich denke, beispielsweise, an den Wein, den jemand trinkt; ich will wissen, welcher Wein getrunken wird; die Geschmacksknospen wollen die Aromastoffe schmecken; Wörter, Bildsprache, Satzbau und die vielfältigen sonstigen sprachlichen Ingredienzien könnten einen minutenlangen, ausgeprägten, dem Stil und der Tontechnik entsprechenden Abgang erzeugen, der unvergeßlich bleibt), den einen oder anderen Pleonasmus, den einen oder anderen Kalauer, die eine oder andere Stilblüte, die eine oder andere inhaltliche Ungereimtheit (usw.) ›kritisch‹ hinterfrage (in manchen Fällen wäre das gute Buch mit mehr Aufmerksamkeit seitens des Lektors bzw. Korrektors noch besser geworden), so bespreche ich das vorrangig mit mir selbst – das ist ein kleiner Teil ›normaler‹ Lesensarbeit, das gehört zur Auseinandersetzung, zum Dialog, zum Disput mit dem Partner Buch, den ich auf Händen trage – oder allenfalls im privaten Kreis, gebe das nicht so schnell in der Öffentlichkeit preis. Es käme mir flegelrecht anmaßend vor.

Ich habe Angst, das Buch zu verletzen. (Draußen bläst rauher Wind.) Überhaupt: Am Ende, wenn ich den Wörtersee, begeistert, durchschwommen habe, worttropfend aus dem erquickenden Naß steige, sind die Staubpartikel doch längst versunken; wen denn interessiert da noch ein Fugenlaut, wenn man ein so wunderbar befreiend, erlösend, errettend wirkendes Erlesnis hatte?

Und nicht nur das: Ich ziehe es vor, ›die Dinge‹ – in diesem Fall die zwanzig Romane, deren Lektüre ich durchweg anregend, begeisternd, erschütternd, fesselnd, mitreißend und/oder verzaubernd finde – als Ganzes zu nehmen (so erlebe ich die zwanzig Romane als einen Roman, mehr noch: als einen Teil des großen Romans, den ich seit mehr als sechzig Jahren lebe: ein Universum in der Nußschale), sie in ihrer so und nicht anders gestalteten Art zu respektieren, mir nicht etwa die schönsten (gelungensten) Stücke herauszupicken, um gleichzeitig diese oder jene (vermeintliche) Schwachstelle zu bemäkeln – und so mögliche künftige Leser (die, läsen sie das Buch, gewiß ganz andere Eindrücke gewännen) abzuschrecken und so vom Erwerb des Buchs abzuhalten.

Von wegen, wenn man einmal angefangen hat, geht’s: Hier geht, verflixt, noch gar nichts. Was – vielleicht – auch damit zu tun hat, daß ich ›eigentlich‹ doch nur lesen will. Und zwar Buch für Buch. Jedes Buch als Teil des großen Ganzen. Jedes Buch für sich allein, die jeweilige Einzigartigkeit klarnehmend, lesen. Jedes einzelne Buch hat zwei Seelen. Die Seele dessen, der es geschrieben hat, und die Seele dessen, der es gelesen und erlebt und von ihm geträumt hat. Respektvoll lesen, wohlwollend lesen – nicht etwa analysieren, deuten, lektorieren, korrigieren oder vergleichen.

Ein Fluch dieser Zeit ist es, dass man meint, immer alles miteinander vergleichen zu müssen. Ich will diese Romane weder in ihrer Gesamtheit noch einzeln mit Romanen anderer Autoren, Jahrgänge, Jahrzehnte, Jahrhunderte oder anderer Sprachräume vergleichen. (Und auch nicht miteinander.) Welche Erkenntnis gewönne ich daraus? Es geht, ganz einfach, immer nur um den einen Roman. Den will ich lesen. Lesen. Immerzu nur lesen.

»Ja, warum tust du das denn nicht?«, tönt diese unheimliche Stimme aus dem Off, und ich gebe mal lieber klein bei, klappe das Notebook zu und das Buch – endlich – auf:

Wenn ich lese, gerate ich in Lebensgefahr. Ich erinnere mich an viele Bücher (wie, beispielsweise, Brüder), die ich, ohne nennenswerte Pausen einzulegen, vom ersten bis zum letzten Buchstaben verschlungen habe. Splendid isolation: ich allein mit einem Buch. (Oft ohne Wasser und Brot.) So halte ich mir mit der Literatur die Welt vom Leib. Sie füllte die Lücken in ihrem Leben mit Geschichten und spürte, wie ihr das half. Steht in Die Leben der Elena Silber.

Mit einer Frage (ich habe immer gewarnt …) geht es gleich gut los mit dieser Brüder-Geschichte: Wieso, fragte Mick sich viele Jahre später, verschwammen die Neunziger in seiner Erinnerung zu einem konturlosen Nebel, obwohl es sein erstes Jahrzehnt als Erwachsener war? Wenn er sich hineinzoomte in diesen Nebel, der sich als Disconebel herausstellte, obwohl man schon lange nicht mehr Disco sagte, dann sah er, dass doch eigentlich viel Bemerkenswertes passiert war. Ich war dabei, dachte er, und ich denke, daß ich nun auch dabei bin, indem ich mich ›hineinzoomen‹ lasse in diese von Beginn an schwungvoll erzählte detailreiche, tragikomische, verrückte großstädtische Geschichte zweier ›Brüder‹, in der bereits nach wenigen Zeilen in diesem doch noch so jungen Roman vom Rentenbescheid die Rede ist. Rentenbescheid? Wie jetzt? Hallo? Geht’s noch? (Na, das kann ja heiter werden.)

Schon bin ich auf Seite 90, und für Mick (der von Berlin nach Kolumbien geflogen ist – dreimal darf man raten, was er dort vorhat –, um nun in London festzuhängen und sich nur dank Delia aus dieser ›beschissenen‹ mißlichen Lage befreien kann) existierte auch gar keine Wahrheit, sondern eher ein unerklärliches Geflecht. Ist es nicht so im Dasein von Menschen, die sich dem Leben auf offene Art und Weise stellen, daß sie immer mal in eine Situation geraten können, huch, die nur die unmittelbar Beteiligten als ›natürlich‹ erleben und die auch nur sie etwas angeht? Das Außenstehenden begreifbar machen? Wie denn? Warum denn? Um der Wahrheit willen? Es existiert doch gar keine Wahrheit. (Ask Mick.)

Während des späten frugalen Frühstücks, das ich an diesem Dienstag allein (und im Stehen) einnehme, stoße ich schnell auf den Satz: Er frühstückte allein, blätterte in Magazinen und fühlte sich wie Léon, der Profi. Wenn Jaecki Thomae dann und wann – stets bedacht, funktional in den Kontext eingebettet, mit zwei, drei Wörtern gleichsam ausgedehnte Absätze formulierend, die (im Gegensatz zur hier der guten Wortung halber eingefügten) jeweils prallgefüllte Sprechblasen im Hirn evozieren – einen Namen, einen Titel in die je nach Erzählhaltung / -perspektive, Person, Situation, Stimmung, Umstand besonnen, detailliert, impulsiv, reflektiert, schneidig-forsch verfaßten Zeilen tropfen läßt, knallt mir das jedes Mal dermaßen rein, daß ich vorderhand nicht imstande bin, weiterzulesen1American Psycho. What a book. Léon, der Profi. What a movie. Wie kann ich anders als abschweifen, das Buch in den Schoß legen und die halsbrecherische Lektüre des zweimal gelesenen Romans von Bret Easton Ellis, das selbstmörderische Erlebnis des fünf-, sechsmal gesehenen Films mit Nicole Kidman und Jean Reno Revue passieren zu lassen. Sekunden? Minuten! Und jetzt weiter, weiter, die Geschichte will weiter, die Wörter wollen weiter – wohin? Zu Gabriel, Icherzähler! (Fleur nicht zu vergessen. Und.)

Und ›ich‹? Will mit. 

Weniger oder – wenn man in der Erleuchtetenliga spielte – gar nicht mehr zu bewerten vereinfachte alles. Es befreite den Geist, den Blick, die Seele. […] Wenn es so einfach wäre, würde es jeder tun.

 

***
Fortsetzung: 2. September · Cherubino
Erstveröffentlichung in Matrix 58

  • 1. Dieser Leserstatus wird durch den fingierten Bremsassistenten ausgelöst. (Der aus der Automobilindustrie entlehnte Begriff hat sich, nachdem er, naturgemäß, zunächst für rein technische Belange geschöpft wurde, nach Bekanntwerden prompt in der für wirklich alles empfänglichen Literaturwelt verbreitet.)

Fixpoetry 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge