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Kolumne

10. September ∙ Gelenke des Lichts

Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel. Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019

Ansonsten wurden es wieder leichte, schöne Tage.

 

Der Rücken schmerzt. Die Kniegelenke krachen bei jedem der wenigen Schritte, die ich tue. Wenn ich den Kopf nach links oder rechts zu drehen versuche, knirscht es wie verrückt. Klar, Bücher haben viel Angenehmes für die, die die richtigen aussuchen können. Aber: Ohne Schweiß kein Preis. Wie die anderen Freuden des Lebens ist auch die Freude des Lesens nicht einfach und rein, es sind sogar schwere Nachteile damit verbunden: Klar, Geist und Seele sind bei der Lektüre tätig, und wie!, aber der Körper, der Körper, um den ich mich doch auch kümmern muß, bleibt mehr oder weniger untätig, kommt herunter und verkümmert. Ich wüßte also nichts, was unzuträglicher für mich wäre und was ich, wo ›mein‹ Leben schon so weit fortgeschritten ist, mehr vermeiden müßte.

Nun habe ich, denke ich, indem ich mich aus dem Sessel im Wohnzimmer erhebe, um mit dem soeben zu Ende gelesenen Roman Gelenke des Lichts ins untergeschossige Lyrikzimmer zu gehen und das Buch neben das Notebook zu legen, um vielleicht ein paar Zeilen über die Weise, wie die Lektüre auf mich gewirkt hat, zu schreiben, zehn von zwanzig Romanen gelesen.

Nein, denke ich weiter, keins der Bücher wollte ich vorzeitig aus der Hand legen. Und mehr als das: Jeder einzelne dieser Romane hat mich auf seine originelle Art (mal mehr, mal sehr) angezogen, bewegt, charmiert, düpiert, ergriffen, fasziniert, gefesselt, herausgefordert, imprägniert, justiert, kalziniert, laktiert, magnetisiert, nachgebildet, orchestriert, parodiert, quadriert, radikalisiert, sabotiert, tangiert, umarmt, verzaubert, wachgerüttelt, zentrifugiert. (Hui, da ging der Rost ab.)

Jeder Roman überrascht mich aufs neue. Zudem wartet jeder Roman mit vielen Überraschungen auf. Diese müssen ja nicht immer literarischer Art sein. Immer wieder sind es auch ganz private Gründe, die mich geradezu zwingen, weiterzulesen. In Gelenke des Lichts reise ich nach Meiningen, nach Heidelberg, nach Berlin, nach Cambridge. Jede dieser Städte verbinde ich mit einer persönlichen Geschichte. Ursprüngliche Absicht war, einen zwanzig-, höchstens dreißigseitigen Essay zu schreiben. Schon jetzt zeichnet sich ab, daß es doppelt so viele Seiten werden, also sechzig und mehr. Was tun? Es drängt mich, über das zu schreiben, was mich mit Meiningen (wo ich nie war …), Heidelberg (wo ich etliche Male war …), Berlin (wo ich viermal war …), Cambridge (wo ich zweimal war …) verbindet. Es geht nicht. Es spränge den Rahmen. Und so treibe ich, entflammt, hochgestimmt, auch wehmütig, weiter im Strom dieser oft hypotaktisch angelegten Romanzeilen, deren markanter Stil sich in die Furchen des Großhirns eingräbt, und kann die Koinzidenzen einfach nicht fassen. Zufall ist das, was mir zufällt. Cum hoc ergo propter hoc hin oder her: Hier kommt zusammen, was eh zusammenhängt. Ich rufe Augustinus, T. S. Eliot, G. M. Hopkins, Ted Hughes, Sylvia Plath, W. G. Sebald zu Zeugen auf, lasse die Glocken zum Evensong im New College läuten, entschwinde einstweilen zwischen den Zeilen:

Großmutters Frohe Botschaft hatte uns schon während des Spaziergangs in eine Art Zwischenreich entrückt; die Gegend hatte sich geweitet und so in die Sandsteinfarben des Bibeltextes gehüllt, dass der staubige Kiesweg uns geradewegs nach Ninive zu führen schien. Kaum aber waren wir ohne die Propheten aus Wüsten und Walfischbäuchen zurück, kam uns die Umgebung nur noch blass vor.

 

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Fortsetzung: 11. September ∙ Herkunft
Erstveröffentlichung in Matrix 58

 

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