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Kolumne

11. September ∙ Herkunft

Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel. Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019

Ein Irrer, dachte ich damals, heute denke ich, er hat einfach am Konsens vorbeigelebt.

 

Kann man Entwicklung und Reifungsprozeß noch anschaulicher, noch einfacher, noch klarer, noch kürzer darstellen? Vierzehn Wörter, die es in sich haben. Drei Romane von zwanzig haben mich insofern auf buchstäbliche Weise auf Trab gehalten, als ich wortwährend aufstehen mußte, um Wörter und Sätze auf Zettel zu notieren. Herkunft ist der eine Roman, der keine Ruhe gibt, Das flüssige Land und Winterbienen die anderen.

Was nun keineswegs heißt, daß es in den anderen Romanen etwa ›ruhig‹ zuginge. (Ruhig? Ruhig!) Unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir. Von wegen ruhig: Wer erzählte, gehörte dazu. Elliptisch, schnörkellos, pointiert.

Womit ich wieder bei Äpfel und Birnen bin. Ich lese in Herkunft von der Tour de France und denke an die Flach- und Bergetappen dieser mir durch ein unverlangt eingesandtes Bücherpaket aufgezwungenen tour de force, die mich seit wie vielen Tagen in Atmen hält? Andauernd, wortgesetzt, gleichsam rund um die Uhr zu lesen ist das eine. Lesen mit Zeitfenster das andere.

Lesen hat immer schon den Lebensrhythmus entscheidend geprägt. In meinem Zuhause wohnen die Fiktionen, denke ich. Das schreibt Saša Stanišić, und ich schreibe es ab. So und nicht anders will ich das. Daß dabei Bedenken, Sinnfragen, Skrupel, Zweifel im Windschatten mitfahren: geschenkt. Der Geist ist ja willig, aber das Fleisch, das Fleisch.

Wo ist, denke ich in diesem Moment, dabei habe ich gerade wieder einen ›wunderbaren‹ Flow – aber was ist das schon anderes als Abschweifung (in Herkunft lese ich: Ohne Abschweifung wären meine Geschichten überhaupt nicht meine. Die Abschweifung ist Modus meines Schreibens. My own adventure) und somit unnötige Kraftverschwendung –, da fällt mir ein, wie die Großmutter in Herkunft trinke ich viel zu wenig, und ich versuchte aus Leibeskräften, mich kurzzufassen, aber es gelang mich nicht, heißt es in Das flüssige Land, wo also ist ›mein‹ Udo Bölts, Jan Ullrichs Schattenmann, der dem schwächelnden Mann im gelben Trikot auf der 18. Etappe – es war 1997, es war in den Vogesen – zuraunte: »Quäl dich, du Sau!«

Das mit dem Flow usw. liest sich hoffentlich genauso locker-flockig wie so viele Passagen in den zwanzig Romanen: Aber wie viele Jahre ›Blut‹, ›Mühe‹, ›Tränen‹, ›Schweiß‹ stecken dahinter, damit das so natürlich, so einfach, wie von selbst dahinfließend klingt und beim Lesen diese unbeschreibliche Wirkung tut, die mich die Müdigkeit einfach weglesen, die Uhr vergessen läßt?!

In lyrischen Zeiten habe ich phasenweise viel, viel mehr Bücher gelesen als zwanzig in dreißig Tagen. In diesem – so noch nie erlebten – Fall ticken die Uhren ein bißchen anders. Ob Flach-, ob Bergetappe: Auch bei der Frankreichrundfahrt ist es ein dreiwöchiger Kampf gegen den Uhrzeiger.

Ob ich will oder nicht, ob ich beschwichtige oder nicht: Ich stehe unter gehörigem guten Druck. Eustreß. Regt an und stimuliert.

Früh erwache ich, denke an die Magie der Wörter, an Allusion, Alliteration, Sprachkunst, Stil (Schwer in das Tal hing, lese ich in Herkunft, schon macht es pling, und Hölderlin steht im Zimmer: Das, ja, das ist die Magie der Wörter), an Ironie, Sarkasmus, Zynismus, Wortspiel, Wortwahl, Detailverliebtheit, Reduktion, Zitat, inneren Monolog, erlebte Rede, allwissenden, personalen Erzähler, an den anteilnehmenden, launigen, ironischen, distanzierten, un/beteiligten Icherzähler, Erzählzeit und erzählte Zeit, Stoff, geographische Verwortung, Assonanz und Dissonanz, zeit- und raumgreifendes und kleinschrittig-minutiöses Erzählen, an direkte und indirekte Rede (ach, der Konjunktiv), Dialog, mal ernst, mal heiter, Duktus, Para- und Hypotaxe, an Allegorie, Motiv, Symbol, Parabel, an das klar Geäußerte und das Unausgesprochene, Thema und Topos, an Parodie, Persiflage, Satire, rhetorische Figuren, Vergleich, Metapher (»Eine Metapher ist dann gelungen, wenn sie nach vorne und hinten strahlt, sagen die Aborigines. Sie muß die Vergangenheit verändern, weil sie ihr einen anderen Sinn gibt, und mehr noch die Zukunft, weil sie unsere Erwartung auf das Kommende richtet. […] In einem entsprechend aufgeladenen Kontext wird alles Metapher«, und ob das nun mit Blödsinnigkeit zu tun hat oder nicht, kann man in Das flüssige Land nachlesen), an Kreativität und Innovation: Man lese, beispielsweise, die Seiten 299 bis 365 in Herkunft und weiß, was ich meine.

Wer aber weiß schon, warum ich im einen Fall so, im anderen Fall anders lese? (Das schreibe ich kurz vor Mitternacht.)

Immer wieder stelle ich, seit ich mich als Leser beobachte (bzw. beobachten lasse), fest, daß ich die Lektüre von Büchern sehr unterschiedlich gestalte. Das hat gewiß auch damit zu tun, daß ich zu jeder Geschichte, zu jedem Roman, zu jedem Buch eine genauso spezifische, einzigartige Beziehung aufbaue wie das bei jedem Menschen der Fall ist, der in ›mein‹ ›Leben‹ getreten ist. ›Mein‹ Leben? Interessant – und leicht nachvollziehbar, daß wir, wenn wir es uns nehmen (wie im Fall der Mutter des Erzählers in Der Sommer meiner Mutter), formulieren: ›das‹ Leben. Selbst derjenige, der das vorher ankündigt, wird sagen oder schreiben: Ich will oder werde mir ›das‹ Leben nehmen. (›Ich‹. Davon gibt’s viele.)

In Herkunft ist viel von Sterben und Tod die Rede – und von Großmutters Alphabet der Nierenbohnen. Das Buch – das Licht so voll von Adjektiven – ist eine Hymne auf das Leben, in dem durch eine Öffnung in der Mauer, die einmal Fenster gewesen ist, Zweige nach den Träumen des Großvaters als Kind greifen. Und wenn wir schon mal da sind, können wir ja auch leben. Und lesen. Etwa nicht?

Ob das Buch über uns sei, fragte Großmutter.

Ich legte sofort los – Fiktion, wie ich sie sähe, sagte ich, bildet eine eigene Welt, statt unsere abzubilden, und die hier, ich klopfte auf den Umschlag, sei eine Welt, in der Flüsse sprechen und Urgroßeltern ewig leben. Fiktion, wie ich sie mir denke, sagte ich, ist ein offenes System aus Erfindung, Wahrnehmung und Erinnerung, das sich am wirklichen Geschehen reibt –

Ich lese: Emmertsgrund. Emmertsgrund? Ja: Emmertsgrund.

Auch in Gelenke des Lichts taucht Emmertsgrund auf: die Betonburgen von Emmertsgrund.

Ich lese: 1992.

1992 fuhren wir (eine vierköpfige Familie) zum wiederholten Mal nach Heidelberg, wir waren wie stets bei den persischen Freunden untergebracht, die mittlerweile in einer Emmertsgrunder Betonburg wohnten. (Der Erzähler in Herkunft wohnte im Bungalow.)

Ich lese: Grillhütte.

Kann es nicht fassen: Die Grillhütte in Herkunft ist offenbar dieselbe Grillhütte, in der wir 1992 gefeiert haben. Nie werde ich das riesige, himmelan lodernde Lagerfeuer vergessen, das Jamsheed, Masoud und Tooraj – fachmännisch! (oh, waren das Diskussionen, wie das Holz zu schichten, stapeln, stellen sei) – gebaut, nein, ›erbaut‹ hatten, das war ein Kunstwerk, wie nur der Perser es hinbekommt, während die Frauen das Essen zubereiteten, die Kinder Fußball spielten und ich mich mit einer heftigen Magenverstimmung herumschlug, die mich an jenem sonnigen Tag zum eher stillen Beobachter machte.

Ich (wiederhole mich gern): Abschweifung. Genug. (مرسی)1

 

***
Fortsetzung: 12. September ∙ Hier sind Löwen
Erstveröffentlichung in Matrix 58

  • 1. Farsi für: Danke!

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