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Kolumne

12. September ∙ Hier sind Löwen

Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel. Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019

Draußen vor dem Fenster ging der Tag auf und ab, immer schneller, immer schneller.

 

HIC ET NUNC: Ich schalte das Deckenlicht ein. Auf mehreren Tischen liegen Papierstapel ausgebreitet. Ich rieche Erde, Ei und Pilz, Holzstaub und altes Tier. / Hier – und jetzt! – alles stehn und liegen lassen und weiterlesen, Sätze wie: In den Wolken wartete schon der Winter. Oder: Nichts ist natürlich. Und wieder so ein Absatz, an dem ich hängenbleibe, den ich einmal, zweimal, dreimal lese, um nach einer Stunde des Weiterlesens noch einmal zu ihm zurückzukehren:

In der Offenbarung hatte listig eine Raupe gewütet. Zwei Vögel bewachten mit erhobenen Köpfen eine Schale. Ein Engel mit böse funkelnden Augen hing kopfunter über der Heiligen Schrift, die der Messias feierlich in Händen hielt. Daneben hatte jemand mit zartem Strich versucht, den Sohn Gottes abzuzeichnen. Der Kopf war klein, die Hände riesig im Vergleich zum Körper in seinem Gesicht war viel Ruhe. Die Zeichnung war durchgestrichen. Ich sichtete Johannes, dokumentierte die Miniaturen, Risse, Knicke, Verbräunungen. Im Matthäus-Stapel ein gräuliches Kamel mit drei Höckern und einem Mückenrüssel, es kauerte beleidigt am Straßenrand.

Eine Seite weiter:

Ich zog mich aus, ganz, alles, und es rauschte in meinen Ohren. Nackt stand ich da und drückte mit meinem Daumennagel Halbmonde in den Zeigefinger. Ich hätte aufräumen können, die Socken, das Glas mit dem Teebeutel. Levon machte zwei Schritte auf mich zu, und der raue Stoff seiner Kleidung rieb an meiner Haut. Er trat zurück und zog sich auch aus, bis wir nackt voreinanderstanden. Mein Körper leuchtete weiß, sein Körper verschmolz mit dem Dämmergrau. Ich fror, er lächelte.
 

»Und jetzt?«

Tja, und jetzt? Ich schalte Licht und Kamera aus (was auch die Autorin, nach kurzem nüchternen – gleichsam unerhörten! – Intermezzo, tut): Was jetzt kommt, geht bloß Helen und Levon in Jerewan etwas an. (Am anderen Morgen geht das andere Leben mit dem Restaurieren von Büchern weiter.)

Ein paar Romane weiter, bei Ivo in Nicht wie ihr bleibt die Kamera bei voll ausgeleuchteter Szene an, was dort genauso gut und genauso richtig ist wie das Ausgeblendete in Hier sind Löwen.

Auch die in Armenien spielende Geschichte um eine hundert Jahre alte Familienbibel wird in einer – und keiner anderen – einzigartigen, unverwechselbaren Sprache erzählt. Dafür muß der schreibende Mensch sehr genau wissen, was er will und dieses Wollen ›ent/sprechend‹ ins Wort setzen.

Ich spreche vom unbedingten Wollen (unter Einsatz aller verfügbaren Kräfte – und Säfte: My own experience has been that the tools I need for my trade are paper, tobacco, food, and a little whisky, so William Faulkner), aus dem gleichsam allmächtiges Können erwächst.1

Und wenn die Wörter, die ich lese, sich unmittelbar zu einem Ganzen fügen, wenn sie einleuchten, wenn ich das, worum es geht, geradewegs erleben, mitfühlen, nachempfinden kann, wenn ich verspüre, wie augenfällig, wie handgreiflich, wie ohren- schmausig das dargestellt ist und wie natürlich das klingt, wie mich das begeistert, berauscht, bezaubert und auf diese atemberaubende Art und Weise mitreißt, dann haben alle alles richtig gemacht.

Und nichts ist mit ›nichts‹ vergleichbar.

 

***
Fortsetzung:  13. SeptemberKintsugi
Erstveröffentlichung in Matrix 58

  • 1. Genie ist ein Prozent Inspiration und neunundneunzig Prozent Transpiration. (Thomas Alva Edison)

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