Kolumne

13. September ∙ Kintsugi

Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel. Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019

Das Haus steht schwarz geschindelt da

 

Was habe ich mir dabei gedacht? Okay. Ich erhalte diese überraschende Büchersendung ohne Absender. Mache mir kaum Gedanken darüber, wer sie geschickt haben könnte. Da kommen etliche in Frage. Ich habe doch schon viel größere Pakete mit Büchern erhalten, ohne daß ich sie bestellt hätte. Klar. Manch einer denkt jetzt: Der spinnt sich etwas zusammen. Wahr ist: Das ist keine Phantasie. Es stimmt, Wort für Wort, so, wie ich es hier aufschreibe. Was also habe ich mir dabei gedacht, als ich mich entschließe, die Bücher nicht nur zu lesen, sondern ein die Lektüre begleitendes Fragebuch zu schreiben? Habe ich daran gedacht, daß ich wieder viel mehr für den Körper tun muß? Daß ich durch das abwechselnde Lesen und Schreiben in Bewegung bleibe? Daß es so kraß kommt, wie es kommt, ich am laufenden Band zum Telefonschrank gehe, um ein Wort, eine Seitenzahl, einen Satz zu notieren, die Zettel sich vermehren wie, na, auf den Vergleich verzichte ich, das hätte ich nicht gedacht. Ich empfinde, fühle, spüre, wie geistige und körperliche Welt sich von Sekunde zu Sekunde, von Minute zu Minute, von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag in einer ewigen Schöpfungsgegenwart verbinden: der Traumzeit. Ja! (Allerdings verschleiert die Gegenwartsillusion, daß jeder Mensch bloß an irgendeinem beliebigen Punkt der Landschaft aller Möglichkeiten schwimmt und sich in seinem Egozentrismus am Archimedischen Punkt wähnt.)

Mit diesem Auftakt lädt der Roman Kintsugi ein, ihn zu lesen:

Als sie das Haus erreichen, ist das Licht schon senfgelb und die Schatten sind lang. Ende März ist der Tag scheu, und es dämmert früh. Vom Schnee aber ist fast nichts mehr zu sehen, ihr Wagen steht auf trocken knirschendem Kies. Max steckt einen Arm bis zur Schulter in den hohlen Baum am Straßenrand und zieht den klimpernden Schlüssel, zwei Briefe und den Prospekt eines Bringdienstes hervor, der Gyros im Angebot hat, Pizzapasta, Nasi Goreng, Döner Kebap und Sushi.

Ich bin beglückt, erfreut, nehme die Einladung an. Lese, lese, bin bereits auf Seite vierzig, Max und Reik, seit zwanzig Jahren ein Paar, geben ein Fest im kleinsten Kreis, nur Langzeitfreund Tonio und die zwanzigjährige Tochter Pega sind eingeladen. Ich blicke in Max‘ Gehirn, lese, was er gerade denkt: Doch die Vollkommenheit einer präzise ausbalancierten Teeschale in den Händen gibt mir mehr Halt als die meisten anderen Dinge auf der Welt. Die Zartheit der Oberflächenstrukturen: fast wie eine Wange zu berühren. Die schlichte Eleganz, gekrönt von kleinen Unregelmäßigkeiten, als wäre es in der Natur so gewachsen.

Wenn ich zuvor schrieb, daß ich so wenige Worte wie möglich über die Romane verlieren will – eben auch, weil die Wörter der erzählten Geschichten für sich stehn, keines Kommentars bedürfen, um den Leser von sich zu überzeugen –, so habe ich in dem Moment nicht unbedingt an eine wie für mich geschrieben wirkende Passage gedacht, die genau das zum Ausdruck bringt, was ich über die wunderbar natürliche – bildreiche, wortstarke – Sprache schreiben will, die Miku-Sophie Kühmel den denkenden, schildernden, sprechenden Menschen in Kintsugi in den Mund legt: Die Vollkommenheit einer präzise ausbalancierten Sprache auf der Zunge gibt mir mehr Halt als die meisten anderen Dinge auf der Welt. Die, ja, krasse Zartheit der Satzoberflächenstrukturen: fast wie eine Wange zu berühren. Die schlichte Eleganz der Sätze, gekrönt von Unregelmäßigkeiten, wie in der Natur gewachsen. Fast wie eine Wange zu berühren. Fast. Diese Art Berührung: Keine Sprache kann da mithalten. (Aber immerhin doch fast.)

Fragen und Aussagen, die seit Tagen, Nächten durchs Hirn schwirren. Ob sie sich beruhigen, wenn ich sie aufschreibe?

»Und jetzt?« (Helen in Hier sind Löwen.)

»Was ist denn«, frage ich dann, »ist es Ihnen unangenehm, über Sex zu reden?« (Eva Gruber in Vater unser.)

Sex als Mittel zum Kennenlernen wird in Europa überhaupt unterbewertet. (Max in Kintsugi.)

Sex mit Jessy ist jetzt eine Transaktion von Orgasmen. (Sagt Ivo in Nicht wie ihr.)

Wie die mehreren tausend Gedanken an Sex, die angeblich täglich das Hirn von Männern fluten, waren es bei mir, der frischgebackenen Lebensträgerin, unkontrollierbare Todesgedanken. (Fleur in Brüder.)

Eine eheartige Verbindung ohne Sex, wer hält das aus? (Iris in Cherubino – selbst die Antwort gebend: Das Traurigste, was es gibt.)

Er beginnt mich zu küssen, ich mache mich von ihm los, stehe auf und schäle mich aus meinen Kleidern. Er tut es mir nach und will mich fassen, aber ich halte ihn von mir weg. (Die Icherzählerin in Miroloi.)

Als es wieder still geworden ist, so still, dass man das leise Knistern der tauenden Schneekristalle am Ohr hört, erzähle ich dem Jungen von meinem Bruder, dass ich immer an ihn denken muss, wenn ich Flugzeuge am Himmel sehe. (Egidius Arimond im Tagebuch in Winterbienen.)

Er glaubte nicht, dass jenseits des Dornengestrüpps einfach gar nichts war. Dieses Buch bewies es: Überall war etwas. Jedes Mal, wenn er fortan an der alten Karte im Kloster vorbeiging, wurde die Frage, was hinter der Hecke sein mochte, drängender. (Der Erzähler über Hardy in Wo wir waren.)

Es waren die Selbstporträts von Patrick Angus und Francis Bacon (so Reik in Kintsugi), voller Schmerz und Leid und Angst vor dem Tod und dem Weiterleben, die mir eröffnet hatten, was Leinwände eigentlich sind: Türen oder Spiegel. Spiegel für uns selbst und die Welt, in der wir standen, und Türen, die überallhin führen konnten, kreuz und quer durch Zeit, Raum, Dimensionen.

Und ich denke: Romane – sind : Leinwände.

 

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Fortsetzung: 14. September ∙ Miroloi
Erstveröffentlichung in Matrix 58

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