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Kolumne

14. September ∙ Miroloi

Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel. Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019

»So eine wie ich ist hier eigentlich nicht vorgesehen.«

 

Eselshure. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle. Ich war schon von Anfang an so hässlich, dass meine eigene Mutter mich lieber hier abgelegt hat, statt mich zu behalten. So eine wie ich, sagen sie, so eine kann nicht von hier sein, so hässlich ist hier niemand, solche Mütter gibt’s hier nicht. Sie sagen, in einen Karton voller Zeitungspapier hat sie mich gelegt, die eigene Mutter, wie Müll, den man zum Müll legt. Den Karton, sagen sie, hat sie auf eine Stufe der Treppe zum Bethaus gestellt. Mitten in der Nacht, mitten im Regen, mitten im Winter. Was für eine Mutter, sagen sie, was für eine Sünde, und schauen nach oben dabei, das ganze Dorf hat sie damit befleckt. Und dass ich von drüben bin, das ist ja offensichtlich, und dass von dort seit jeher nur Schlechtes gekommen ist. Und sie machen diese Bewegung mit der Hand, die sie immer machen, wenn sie klagen. So eine wie mich, sagen sie, so eine hätten sie weggemacht.

Wer hat denn nun, täglich frage ich das, diese zwanzig Romane in dieser Form zusammengestellt, um sie mir kommentarlos und ohne Beipackzettel zuzusenden? Sind sie etwa mit dem Zufallsgenerator ausgewählt aus den vielen, vielen hundert Romanen, die 2019 erschienen sind? Oder wie oder was? Was will der Absender mir sagen mit diesen sechstausendsiebenhundertfünfzig Seiten? Was sagen mir die zwei Millionen Wörter? Was wollen sie mir sagen? Wollen sie mir etwa sagen, ich sei besessen? Und: Wollen diese Bücher vielleicht einen der vielen möglichen Querschnitte dessen darstellen, was vom anonymen Absender als ›zeitgenössischer Roman im deutschen Sprachraum‹ angesehen wird?

Bei allen offensichtlichen Unterschieden hinsichtlich Inhalt und Thema, Ton und Stil, Sprache und Struktur: Alle diese Geschichten sind von mehr oder auch weniger zuverlässigen Erzählern erzählte Geschichten, denen seitens der Autoren die Erkenntnis ›einer‹ ›Wirklichkeit‹ zugetraut wird – im entgegengesetzten Sinn der ›Geschichten‹ Friederike Mayröckers, deren ›Geschichten‹ ein ›Erzählen‹ ohne Geschichten, gleichsam Antigeschichten sind. Naturgemäß sind es ›Modelle‹ der Wirklichkeit, die auf verschiedenartige Weise abgebildet werden und in denen die Frage der ›Wirklichkeit‹ der Wirklichkeit immer wieder gestellt wird. Aber: Am Anfang gibt es einen Anfang, am Ende (mindestens) ein Ende. Und dazwischen fließen die in ihren individuellen Idiomen verfaßten Geschichten dahin. Fließend ist auch das Lesen (unterbräche ich es nicht pausenlos, um schon wieder Notizen zu machen).

Von Buch zu Buch zu Buch zu Buch empfinde ich es deutlicher, intensiver, stärker, daß ich diese Romane wortwörtlich wie ›einen‹ Roman lese, wie ›ein‹ Vokabularium von zwei Millionen Wörtern: Es platzt und sprudelt und plappert nur so aus ihm heraus, und ich erlebe etwas, das es gar nicht gibt: eine atembezaubernd strudelnde Fata Morgana, die Apfel, Auge, Auto, Berg, Bett, Biene, Blume, Campus, Dampf, Ebene, Erde, Fahrrad, Feuer, Frau, Fußball, Garten, Haus, Hund, Imker, Junge, Kanone, Katze, Labyrinth, Loch, Luft, Mädchen, Mann, Mond, Mutter, Nilpferd, Ohr, Osterei, Planet, Quitte, Rakete, Ruine, Schloß, Smartphone, Sonne, Stern, Sohn, Straße, Tal, Tochter, Uhr, Vater, Vogel, Wald, Wasser, Wort (Miroloi, Buch der Wörter, Fibel, Kompendium, wunderbar sinnliches Wörterwörterwörterbuch, Bücherhaus), Xenon, Yeti, Zankapfel in der heißen Luft vor dem geistigen Auge hin, her, rauf, runter wirbeln läßt. Zwanzig Romane werden als nach außen hin offene, in einem tiefen Grunde miteinander verbundene kommunizierende Gefäße zu einem aus zwanzig Kapiteln erdachten großen labyrinthischen Kosmos kombiniert – ein wundersames, wechselseitiges Aufeinandereinwirken von Sprachen, Stilen und Strukturen: Im flüssigen Land im Sommer meiner Mutter (in der Schutzzone vor der Flammenwand. : im großen Garten, wo wir einst waren, wo Löwen sind und Winterbienen surren) beten die Brüder Cherubino und Mobbing Dick ein Vater unser, während der junge Doktorand, der nicht wie ihr ist und seine Herkunft verschweigt, über die Gelenke des Lichts reflektiert und die untalentierte Lügnerin ein Miroloi dichtet und die Risse in den Leben der Elena Silber repariert, ein wundervolles Kintsugi.

 ›Miroloi‹ in die Buchmaschine eingebend, erfahre ich, daß das Wort, aus dem Griechischen entlehnt – μοιρολόι –, auf gut deutsch ›Rede über das Schicksal‹ heißt. Ist Miroloi ein von Karen Köhler verfaßtes und der lange namenlosen Icherzählerin in den Mund gelegtes (463seitiges) Lied für einen lebendig gebliebenen Toten? Dies sind die ersten Wörter (das die letzten: singe dir mein Leben vor, singe uns dein Totenlied, dein Miroloi, dein Lied vom wunderschönen Leben), einige deuten in die vom Titel suggerierte Richtung:

Ich mach mich also weg, drehe die Welt einmal um und setze mir die Schimpftirade als Krone auf, bis die Kinder von mir ablassen, weil in der Kurve beim Brunnen die alten Frauen auf ihren Stühlen sitzen und die jetzt dran sind. Alle in Schwarz, alle ganz starr, alle ganz Auge, stumm, verschlossen, zu. Und wie sie gucken und zischeln und mit den Mundwinkeln zucken, als ich auf ihrer Höhe bin. Und Handbewegungen, und Himmelwärtsblicke.

Ich lese weiter, blättere weiter. Und mein Lied hat viele Strophen. Ich kneife die Augen zusammen, denn es zischt und brutzelt und duftet und dampft. Und wie erlösend, wie herrlich, wie wunderbar: Du fließt wie bei einem Tanz durch die Zeit … Und ich denke und lese, dass alles Gedachte Illusion und Schein ist. Ja: Alles ist mit allem verbunden. (Und nichts, ja, nichts ist mit ›nichts‹ verbunden.) Ich fühle. Ich schreibe. Ich bin. Ich … wühle … ich … reibe … wohin xxxxxxxxxxxxxxxx

 

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Fortsetzung: 15. September ∙ Mobbing Dick
Erstveröffentlichung in Matrix 58

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