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Kolumne

15. September ∙ Mobbing Dick

Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel. Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019

Am Anfang ist Dick nur zu seinem Arzt böse.

Ich setze mich, tief aufseufzend, den Schopf schüttelnd, an den Eßtisch, blicke mißmutig in den Walnußbaum, sehe den Eichelhäher in die Krone hineinfliegen, im dichten Blattwerk verschwinden, öffne die eselsohrige Kladde und schreibe eine Reihe von Wörtern, absichtlich falsch, untereinander auf, in einer krakeligen, nur für mich entzifferbaren Schrift, lese sie mir stot/ternd vor und versuche, mich kaputtzulachen. (Was nicht gelingt.) Ab und zu brauche ich das. Es ist die Rache am beinhart wichtigtuerischen Richtigen. Ich reibe mir die kalten Hände. Hony soyt quy mal y pense.

Ich träume: Wir sitzen in einer Runde und sprechen über Gedichte. Alles, was über die Gedichte gesagt wird, ist hier nicht weiter von Belang. Ein Mädchen sagt: Ich will über Gedichte schweigen. Ich auch, sage ich, und spreche weiter über Gedichte.

Klar weiß man, worauf das jetzt hinausläuft. Eben drum fasse ich mich kurz. Schriebe ich nicht so gern die Annahmen, Erfahrungen, Erinnerungen, Gedanken, Mutmaßungen, Wahrnehmungen in der Weise auf, wie ich es auch in diesem Essay wieder tue, schwiege ich jetzt so gern über diesen Roman wie das Mädchen über Gedichte. Das Mädchen ist stark: Es hört offenbar aufmerksam zu, sitzt augenscheinlich gern in der Runde, aber es schweigt; nicht beharrlich, um uns etwas zu zeigen: Ich spüre, dieses Mädchen ist bei sich, dieses Mädchen weiß, was es will – und setzt es auf ganz entspannte, natürliche Weise in die Tat um.

Während ich mal wieder dem treffenden Wort, dem passenden Satz hinterherhechle. Okay, ich lächle, indem ich das schreibe. Alles also halb so wild.

Ist doch eh wurscht, ob ich hier nun etwas zu Mobbing Dick schreibe oder ob ich es nicht tue. Ich schreibe doch eh nur für mich. Und auch wenn dieser Essay demnächst ›veröffentlicht‹ ist, wird das hier von mir Niedergeschriebene ja trotzdem nicht von dieser nebulösen ›Öffentlichkeit‹ wahrgenommen. Also, was soll’s. Ich schreibe soviel und so wenig, wie ich will und freue mich aufs Weiterlesen. Das nächste Buch drängelt schon. Ich spüre, da wartet schon wieder etwas mehr als – – – Verrücktes.

Ja. Mobbing Dick ist eine verrückte Geschichte. Und da sieht man’s wieder, wie das so ist mit dem Festhalten und Formulieren. Sind denn nicht alle Geschichten, die in diesen zwanzig Romanen erzählt werden (die ja zudem mit jedem gelesenen Buch immer mehr zu einem großen Roman verschmelzen), verrückte Geschichten? Die Antwort lautet ergreifend, schlicht (und bekommt auf diese Weise entsprechend Gewicht): Ja.

Also habe ich doch ein bißchen recht mit dem, was ich eben schrieb: daß Mobbing Dick eine verrückte Geschichte sei. Und wie verrückt! (Ich bin, man merkt es, ganz verzückt.)

Es mag durchaus sehr gute Bücher geben, die man trotzdem nicht bis zum Ende lesen muß oder gar nicht zu Ende lesen kann, weil, beispielsweise, der Chauffeur bereits mehrfach gemahnt hat, man müsse los, der Flieger warte, und ein literarisches Buch nach New York mitnehmen, das – geht – gar – nicht, man stelle sich bloß vor, der Zoll, der Partner, nein, nein, und bevor ihm bei der horrenden Vorstellung der Schweiß ausbricht, klappt er das Buch, mit einem tiefen Seufzer zu, wirft es auf den Beistelltisch knapp neben den Macallan, die Maria würde es später eh ins Regal räumen, er hätte zwar gern noch gewußt, aber da steht der Chauffeur schon wieder leise klopfend an der Tür, ja, ja, er kommt ja schon. (Oder was und warum auch immer.) Aber man kennt ja das Buch, sagt man sich, achselzuckend, eiligen Schritts den kleinen Koffer greifend, kannte es doch schon nach einem Satz, nach einer Seite, ja, toll geschrieben war’s eh, der kann schreiben, der Teufelskerl. Schad zwar, aber auch nicht wirklich schlimm, was soll da schon noch groß kommen, es wiederholt sich doch eh alles – ganz wie im richtigen Leben eben. Und wunderbar sanft schwingt die Wagentür zu, und die schwarze Limousine gleitet vom Grundstück auf die Straße, schwebt dem Flugplatz entgegen.

Bei der Lektüre von Mobbing Dick könnte man nach fünfzig, hundert oder hundertfünfzig Seiten möglicherweise auch denken, daß es reiche, daß es genug sei mit den Verrücktheiten, daß man das alles ja selbst genauso Tag für Tag erlebe, so sei das eben in der Welt der Finanzen und des Kapitals, ist ja lustig und alles usw. (der, auf den der Chauffeur wartet, ist Banker). Also: Gut ist.

Von wegen: Die letzten fünfzig Seiten von Mobbing Dick, denke ich beschwingt, freudestrahlend, fröhlich, verwandeln den amüsanten Roman mit dem drolligen Dick, schwuppdiwupp, in einen großartigen Roman.

So ist das mit den Romanen, die man einfach zu Ende lesen muß. Täte man’s nicht, man hätte keine Ahnung, was man gelesen hat. Denn mit dem mich über fünfundzwanzig, dreißig, fünfunddreißig, vierzig, fünfundvierzig Seiten durchstrudelnden Finale, er raucht tief in die Lunge, zittert und lacht und hört das Blut in den Ohren rauschen; sein Kopf ist hellwach, er denkt rasend schnell und erfasst blitzartig alle Zusammenhänge, wird auch den zweihundertsiebzig zuvor gelesenen Seiten ein Qualitätssiegel aufgedrückt, dessen sie ohne das Abenteuer dieser letzten Seiten verlustig gegangen wären. Und bevor ich’s vergesse: Es gibt keine bösen Menschen. Nur Menschen, die Böses tun. Wenn man sie nicht rechtzeitig stoppt.

Dreng kosi malamapi, fer Dos quempala erofimi Sali. Müklizeptu aranchit Weptil oni. Afgros, humini lapos gät, kälpt man hurti balam gori. Naktu festa lippi noga, eggo trum labadotar. Üqui sempri kalos morti, logaslu lep liptidur. Tram dis geri, lo fa muru, deng lum quappi listitur. Ömo hapti gelikumtur. Kros gell fari gumptar miszofer. Peli Hell komp kuri puri gezumquantur; huri mar po läs tu da. Heng tumfro soli, lopü sintra, lakta mekkum korrum sin probur. Alo Hengk zum probi, datus krichti, wer zam pättel hinc sutri. Hockttrum selpa? Fictu imu? Hontro zim da läptidat? Lak Hank dum solbi, denk sum mitra, lapi sett zuv liktido. Juriprodo kompaludu, ssitu fati bengstitä. Griplidado? Krombaldudo? Ältlifantwo?

Noriwa!

Zappra ghekra, mano perrum, ültris mengas nervitas. Broto loso. Hektiguru. Naphta pet kum quisitat. Branträ feli, mongo lasto, engi frot mang kep di lo.
Zippi rända las quem ti das, aufratutu was gefal? Kerpu buschtrom herpes langes, lostrabuma heck to do.
Bordohempur grollka matro, senk pür tädä hiss tada.
Todo mert qualifilötu, ker pumm lauto man titu. Hocktu hampal, lerti gärto, lungi sol kar nepi ro.
Omolkoptas frankolemni. Korli mett pam te dita.
Hep trimantra – bos tatüdü?

Hopploferti mastina!

 

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Fortsetzung: 16. September ∙ Nicht wie ihr
Erstveröffentlichung in Matrix 58

 

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