Kolumne

16. September ∙ Nicht wie ihr

Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel. Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019

 

»Manche reden halt und ich spiele«, sagte Ivo.

Bereit für ›Klartext‹? Dann sind Sie bei Ivo, dem Helden des Romans Nicht wie ihr, ganz richtig: Und die, die nur über andere schreiben, vergessen das, vergessen, dass das, worauf sie sich beziehen, das ist, worum es wirklich geht und sie somit nie auf der gleichen Stufe stehen können. Fußball kann man spielen und man kann ihn schauen, dafür ist er da. Alles andere, jeder Artikel, jede Analyse, ist nur ein Nebengeräusch.

Eben, sagt der Literat, eben.

Zur Sache. (Bei der wir doch längst sind.) Furios. Geht das los. Eh man sich’s versieht, hat man dreißig, vierzig, fünfzig Seiten gelesen. Ich habe den Roman dummerweise am Abend zu lesen begonnen, kann irgendwann die Augen nicht mehr aufhalten und muß die Lesewaffen strecken, als ich Seite 100 erreiche. Postmoderner Coitus interruptus. Autsch. Aber: Welch ein wunderbar frühlingshaftes Erwachen (denn auch darum geht’s reichlich in der Geschichte): Der erste Gedanke gilt Ivo und der Vorstellung, die Geschichte – pronto, pronto – nach dem Frühstück weiterzulesen, die Geschichte, die ganz harmlos beginnt und nicht ganz schwarmlos bleibt: Wer keinen Bugatti hat, kann sich gar nicht vorstellen, wie angenehm Ivo gerade sitzt.

Da die Geschichte um Ivo, den in der Premier League für den FC Everton kickenden Fußballnationalspieler mit bosnischen Wurzeln und österreichischem Paß, auch in England spielt, darf ich zwei Wörter übers Wetter schreiben. Ach, das Wetter. Ich denke, wehmütig, an Friedrich Nowottny, dessen »Bericht aus Bonn« stets unvermittelt mit den mit heiterer Miene gesprochenen Worten »Das Wetter!« endete – egal, wie mies die Nachrichten aus Bundesbonn gewesen waren und welches Scheißwetter wir zu erwarten hatten. (Das schreibe ich als Rainman.)

Wer bislang weder ahnte noch wußte, was Kult ist: »Das Wetter!« Das ist Kult.

In der Mehrzahl der in diesem Essay vorgestellten zwanzig Romane – nicht in allen: Der junge Doktorand etwa ist ein so intensiv innerhalb der vier Wände gefilmtes Kammerspiel, daß das Wetter ausgeblendet sein muß – spielt das Wetter (naturgemäß!) eine ähnliche Rolle wie im »Bericht aus Bonn« und im normalen Leben – und in fast allen je geschriebenen Romanen, die sich (okay, okay: mehr oder weniger) zur ›Weltliteratur‹ zählen: eine wie auch immer gemeinte jagende, tragende, ja, überragende!

Ein erster Satz aus einem 1930 erschienenen Roman gefällig (woraus bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht):

Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.

In einem anderen, rund hundert Jahre zuvor erschienenen, Dichtung und Wahrheit hinterfragenden, verwebenden Buch, klingt es so:

Am 28sten August 1749, Mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich: die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig, Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig; nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen.

Und so bin ich nicht weiter verwundert, in Nicht wie ihr auf diesen (sicherlich etwas schlichter formulierten) Satz zu ›stoßen‹ (man stoße sich, nebenbei bemerkt, nicht an diesem spielfach konnotierten Verb, dessen Synonyme in Ivos Geschichte – naturgemäß – von einiger Bedeutung sind): Heute ist so ein Wetter wie in Hamburg, ein Wetter, das sein ehemaliger Trainer ehrlich genannt hätte. Verwundert bin ich allerdings, als ich einen Blick (den ersten des Tages) durchs Westfenster werfe (kann man denn einen Blick – ›werfen‹?) und sehe: Heute ist so ein Wetter wie in Hamburg. Ehrlich. Und da ehrlich am längsten gärt (diese und andere Lebensscheißheiten geben Ivo das grandiose Gefühl, mehr Boden unter den Füßen zu haben als beim Dribbling auf dem Rasen – obwohl er einen guten rechten Außenbahnstürmer abgibt), wird es niemanden überraschen, wenn man liest: Du blöde Drecksau, würde Ivo dem Krebs gern ins Gesicht sagen, du geschissene, depperte, grindige Drecksau. […] Und der beschissene Regen hört auch nicht auf.

In Herkunft steht zu lesen: Ich schrieb der Ausländerbehörde: Das Krankenhaus, in dem ich geboren wurde, gibt es nicht mehr. Gott, wie viel Penicillin ich dort in den Arsch gepumpt bekommen habe, schrieb ich, ließ es aber nicht stehen. Man will ja eine womöglich etepete Sachbearbeiterin mit solchem Vokabular nicht verstören. Ich änderte also Arsch zu Gesäß. Das kam mir aber falsch vor, und ich entfernte die ganze Info.

Ja, die Wörter. Die Wörter. Auf die Wörter kommt es an.

Diesen Satz, Ivo, schreib ich dir ins Poesiealbum (glaub, mir, er kommt aus berufenem Munde): Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.

Weit nach Mitternacht. Bin ich eingeschlafen? Was ist da eben gewesen? Ein Wort? Irgend etwas mit ›weben‹? Da: Ich sehe die schwarze Spinne durch das O von Jeremias Gotthelf schlüpfen. Der Blick wandert vom Bücherschrank zum sechseckigen Tisch mit den zwanzig Romanen. Ich sehe ein Kunstwerk: ein gigantisches Spinnennetz, das jedes der Bücher auf vertrackte Weise miteinander verbindet. Nein, kein Spinnennetz, wie wir es kennen, einfach über die Bücher gelegt. Hier ist alles ist mit allem verwoben. In mehreren Fällen werden zwei Bücher so oft miteinander verbunden, daß die Fäden wie Breitbandkabel wirken. Tränen tropfen aus den Augen. Ich denke: So also sieht es aus in mir in diesen Tagen. Anschlüsse, Brücken, Einbeziehungen, Kombinationen, Verbindungen, Verknüpfungen, Zusammensetzungen. Hier ist sie sichtbar, denke ich, die Einheit in der Mannigfaltigkeit, an die ich immer schon glaube und die ich in diesen Wochen so eindrucksvoll während der Lektüre der zwanzig Romane erlebe.

Ganz schön paradox: Je zurückgezogener ich lebe und wirkungsmächtige Bücher lese, die mich aufrütteln, durchschütteln, erschüttern, um so weiter dringe ich in die große, weite, farbenprächtige Welt vor, um so mehr einzigartigen Menschen begegne ich, um so tiefer dringe ich ein in das geheimnisvolle Labyrinth, das ›Dasein‹, ›Existenz‹, ›Leben‹ genannt wird. Mit jeder geist- und ideenreichen, phantasievollen Geschichte erfahre ich mehr über dieses kaleidoskopische Riesenwerk ›Wirklichkeit‹, diese großangelegte Täuschung, als wenn ich … Und je mehr ich lese, um so klarer wird mir, wie wenig ich tatsächlich gelesen habe. (Im Wappen von Cambridge: ein zugeschlagenes Buch.) Lesen ist keine Schutzzone. Also: Nichts wie hin – in die Schutzzone.

 

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Fortsetzung: 17. September ∙ Schutzzone
Erstveröffentlichung in Matrix 58

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