Kolumne

17. September ∙ Schutzzone

Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel. Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019

… ein grauer Film erst, das leise ferne Rauschen …

Dieses Licht, du musst dieses Licht sehen,
es gibt dieses Licht doch eigentlich nicht,
wenn ich es dir nicht zeigen kann.

 

Auf Seite 285 lese ich: Um fünf war der erste leise Lärm zu hören, die Tür zum Supermarkt glitt auf, schräg unter meinem Balkon zündete sich der Fahrer des Lieferwagens eine Zigarette an, und wäre ich nicht außerhalb von allem gewesen, ich hätte es vielleicht schön gefunden, das Glimmen dort unten im Zwielicht und die Erlöstheit, die sich auf seinem Gesicht zeigte, eigentlich ist man zufrieden, sogar glücklich, warum denn nicht, kaum jemand traut sich, das zu sagen, manchmal sind wir doch sogar glücklich, und dann geschieht etwas, und man stellt alles in Frage, man verliebt sich, nicht oft, aber auch das kommt vor.

Ich halte inne. Will weiterlesen: Es heißt, …, aber, nein, es geht nicht. (Vgl. die Fußnote am 1. September …) Der Blick schweift zurück zum soeben gelesenen Absatz, ich lese ihn ein weiteres Mal: Um fünf war der erste leise Lärm zu hören. Und ich lese die 99 Wörter ein drittes, ein viertes, ein fünftes Mal.

Warum? (Sag du’s mir!)

Zuvor, auf Seite 89, ist es mir schon einmal so ergangen. Ich will weiterlesen und merke zugleich, wie die Augen an dieser Stelle haften bleiben, die ganze Seite (von der ich hier nur einen Absatz festhalte) wieder und wieder lesen wollen: Auch wenn es nur ein Missverständnis war, eine Verwechslung, die mir von niemandem eingeredet oder angedeutet worden war, habe ich an diesem Bild wohl zum ersten Mal begriffen, wie leicht es sein kann, mit etwas Falschem zu leben, wie gut es sich in unser Leben einfügt, es überhaupt erst schlüssig macht, und wie unsicher wir werden, wenn wir eine Lüge, einen Fehler, eine trügerische Erinnerung im Nachhinein, so viele Jahre später, zu korrigieren versuchen. Der Boden, auf dem wir stehen, bricht weg.

Selbst in den gar nicht so seltenen Fällen, daß ich Handlungen, Orte, Personen von Romanen (und das schon nach wenigen Wochen) vollständig vergessen zu haben scheine: Diese guten Wörter, diese wasserklaren Sätze, diese virtuosen Sequenzen, diese starken Seiten bleiben, da bricht kein Boden weg.

Vor wenigen Tagen sagte mir eine junge Frau während eines langen, intensiven, in erster Linie mit literarischen Fragen den Raum erhellenden Telefongesprächs, sie lese in Romanen jeden Satz zweimal. Jeden? Jeden! Das sei ein Zwang, von dem sie nicht loskomme (sie habe es immer wieder versucht), und sie wisse nicht, ob sie das gut finden solle oder nicht. Ich, der (von soeben beschriebenen Ausnahmen, die es zum Glück immer wieder gibt) Tag und Nacht dranghaft durch die Zeilen rauscht, als gäbe es kein Morgen, bewundere sie.

Noch mal Nicht wie ihr, Seite 195: Nach dem Spiel trinken sie ein Bier im Beisl, und Ivos Vater bleibt mit seinen Freunden an dem Ort sitzen, wo er 20 Jahre lang jeden Tag nach der Arbeit war. Er fügt sich sofort ins Mobiliar ein.Er fügt sich sofort ins Mobiliar ein. Das ist wieder so ein Satz, der mich elektrisiert, innehalten und in diesem Fall an Nora Bossongs Roman Schutzzone zurückdenken läßt, in dem sich die den ganzen – wunderbar geschmeidig formulierten – Roman durchziehenden phantastischen Vergleiche sofort ins Mobiliar, sprich: in die (vielfach hypotaktisch gestaltete) Syntax einfügen. Nachdem ich Schutzzone gelesen hab, frage ich mich tagelang, wie ich das formulieren könnte, und eben bekomme ich es frei Haus geliefert. (Danke, Ivo!)

 

***
Fortsetzung: 18. September ∙ Vater unser
Erstveröffentlichung in Matrix 58

Fixpoetry 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge