Kolumne

18. September ∙ Vater unser

Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel. Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019

Man hat mir die Hände auf dem Rücken verbunden.

Indem ich das Buch zuklappe, die Welt des Gelesenen verlasse, begebe ich mich aus der ›Schutzzone‹; unsicher lege ich das Buch zurück, lasse den Blick über die Versammlung der scheinbar so demütig, so fügsam in Stille verharrenden Bücher schweifen, lese Vater unser, greife danach. Schon spüre ich wieder festen Boden unter den Füßen. Ich fühle, daß ich lebe. (Warum schreibe ich das? Verliere ich mich im Ungefähren?) Der Klappentext verrät: Die Polizei hat sie hergebracht, in die psychiatrische Abteilung des alten Wiener Spitals. Nun erzählt sie dem Chefpsychiater Doktor Korb, warum es so kommen musste. Sie spricht vom Aufwachsen in der erzkatholischen Kärntner Dorfidylle. Vom Zusammenleben mit den Eltern und ihrem jüngeren Bruder Bernhard, den sie unbedingt retten will. Auf den Vater allerdings ist sie nicht gut zu sprechen. Töten will sie ihn am liebsten. Das behauptet sie zumindest. Denn manchmal ist die Frage nach Wahrheit oder Lüge selbst für den Leser nicht zu unterscheiden.

Ich schlage die erste Seite auf, der Blick bleibt hängen: Die Polizisten bemurmeln sich untereinander. Da kann doch nichts mehr schiefgehn: bemurmeln. Ich murmle ›bemurmeln‹ vor mich hin: bemurmeln, bemurmeln, bemurmeln. The mar of murmur mermers to the mind’s ear. Ich freue mich – sehr – auf die Lektüre. Will gehn, mir einen Leseplatz im sonnigen Wohnzimmer suchen, bleibe trotzdem stehn, blick auf den Tisch, auf die Bücher in den Regalen, die Bilder an den Wänden, betrachte den Kiesel, den ich in Konstanz am Rhein fand, zum elftausendsten Mal. Ein heller Kiesel, hellblau schimmernd, ich kann ihn so gerade mit der Hand umfassen. Wie viele Millionen Jahre der wohl auf dem Buckel hat? Seit neun Jahren liegt er hier auf diesem kiefernen Tisch, immer wieder nehme ich ihn, wie jetzt, in die Hand. Wie kalt er sich anfühlt. Mir ist schwindlig. Drehe ich durch? Was ist das für ein Leben, eingemauert hier in dieser Sammlung gebundenen Altpapiers? Was für ein Leben? Lesen heißt doppelt leben. Ist es ganz falsch, zu behaupten, die zwanzig Romane lägen schön brav beieinander auf diesem Tisch im Prosazimmer, als könnten sie kein Wässerchen trüben? Dabei höre ich doch, wie es aus ihnen brodelt und dampft und knallt und zischt. Und da: Ich höre sie atmen, ächzen, blasen, fauchen, gähnen, hauchen, hecheln, hyperventilieren, hüsteln, japsen, keuchen, krächzen, pusten, prusten, räuspern, röcheln, säuseln, schnauben, schnaufen, stöhnen. Sie sprechen miteinander, summen Melodien, brummen, klönen, lügen, murmeln, plaudern, plauschen, singen, schreien, schwatzen, spinnen. Und als das erste Buch mit einem der Bücher im Bücherschrank, der an der linken Wand steht, zu sprechen beginnt, faßt auch das zweite Buch sich ein Herz, das dritte, und schon ist da ein Rauschen, daß mir Hören und Sehen vergeht. Ich halte mich an der Tischkante fest, gleite zu Boden, lege mich hin, schließe die Augen. Ich lese und entziffere und denke und erkenne und spinne und träume und schreibe und begreife und phantasiere und lese, lese. Da liegen sie wieder ganz still, so still, wie es bisweilen in der Tennisarena ist, wenn ich die Schweißtropfen der Spieler auf den Hallenboden fallen höre. Nachdem mir dieses Bild zugefallen und ich es auf einem der zahllosen Zettel, die mittlerweile überall im Haus herumfliegen, aufnotiert habe, finde ich es wenig später verblüffend ähnlich in Nicht wie ihr wieder. Sagen wir in solchen Momenten nicht gern, das sei ›unglaublich‹? Laugh out loud. Was mache ich jetzt damit? Soll ich den Satz, den ganzen Absatz löschen, mir etwas ›wirklich‹ Originelles einfallen lassen? Mal sehn. Ist auch eine Frage der Zeit: In zwölf Tagen muß ich ›liefern‹, daran führt kein Steg vorbei. Alles andere wäre, ehrlich, wie in die eigene Flasche zu lügen. Und ich denke, obwohl gerade dafür keine Zeit ist, zurück an die nächtliche Lektüre des vielperspektivischen Romans Kintsugi, erinnere die fade Lüge im Sinne einer Aussparung relevanter Tatsachen. Die Wut. Die Wut. Das Tippen geht dann aber doch nur zaghaft, und wem das jetzt rätselhaft und zusammenhanglos erscheint: Alles wird stets und immer mit allem (allem) verwoben. Nichts ist auf der Welt, das nicht mit etwas anderem zu tun hätte.

Die Welt der Kunst und der Phantasie ist die wahre, the rest is a nightmare, und in diesem Alptraum muß, wie wir alle, auch Eva Gruber leben (vielleicht …). Wahnsinn. Denke ich. Hier sitze ich gemütlich in der wunderbar wärmenden Septembersonne und lese Vater unser, während ich mir seit getraumer Zeit bereits den allabendlichen Obsttopf mit Apfel, Banane, Nektarine, Rosinen und Trauben mit Haferflocken und Milch vorstelle. Wahnsinn. Erlebe Evas ›Alptraum‹ und fühle mich eh bestens unterhalten. Wahnsinn. Das Leben sei zu kurz zum Weinen, scheint die Icherzählerin mir zuzuflüstern, während sie, locker vom Hocker mit autarken, starken Vergleichen, Zustände in der Irrenanstalt und allerhand komische Sachen aus dem Leben erzählt (ein Kapitel heißt: LÜGEN), die mich, lustig, lustig, traleralera, traurig stimmen. Was ist hierIrrsinn? Frage ich. Bestückt mit Wörtern. Und lache mich, selbstredend im überragenden Sinn (man will sich nichts nachtragen lassen) kaputt. Eine dünne Frau mit grauen Haaren schüttelt langsam den Kopf. ›Ich‹ lebe dann mal weiter. Versuchsweise.

 

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Fortsetzung: 19. September ∙ Winterbienen
Erstveröffentlichung in Matrix 58

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