Kolumne

2. September ∙ Cherubino

Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel. Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019

Zu jedem Buch, zu jedem Roman, zu jeder Geschichte entwickelt sich von Seite zu Seite diese undreideutige Beziehung (die, naturgemäß, auch von der Mondphase, der Sternenkonstellation, von anstehenden Terminen, notwendigen Reparaturen, der Nachtzeit, der Tagesform, vom Wetter, von der aktuellen beruflichen, familiären, finanziellen, hormonellen, individuellen, intellektuellen, körperlichen, seelischen, sozialen Lage / Verfassung und manchem anderen mehr beeinflußt wird – so auch von dem soeben beendeten mehrstündigen Telefongespräch mit jener eleusinischen jungen Frau oder, ganz einfach, dem Buch, das ich unmittelbar zuvor gelesen habe: kurz, von der gesamten Lebenslesegeschichte), eine Beziehung, die ich eben ausschließlich zu dieser originellen Geschichte, zu diesem einmaligen Buch, zu diesem einzigartigen Roman habe. Es ist gerade so wie bei den denk- und merkwürdigen Beziehungen, die ich zu den Menschen pflege: I don’t believe in character, I believe in interaction. So macht jedes Buch aus mir einen neuen Menschen, den ich zunächst als fremd erlebe, dem ich mich von Seite zu Seite annähere und der mir am Ende so nah ist wie die Menschen, die ich in der Geschichte aner/kennen und lieben und schätzen und abstoßen und verabscheuen und bewundern gelernt habe. Ich klappe das Buch zu, fasse mir an den Kopf, fühle mich wie neugeschoren. Die Frage bleibt da bloß: Wie bin ich hineingeraten in dieses Leben / und wie komme ich wieder heraus?

Im Kern macht es keinen bedeutsamen Unterschied, ob ich ein Gedicht, einen Roman lese (bzw. ein Gedicht, einen Essay schreibe) oder ob ich ein Gemälde, eine Skulptur betrachte, eine Oper, eine Sinfonie höre, einen Film, ein Theaterstück sehe. Die Künste mit ihren verschiedensten Ausdrucks- und Gestaltungsformen gehören untrennbar zusammen, und wenn ich mit der einen befaßt bin, sehne ich mich nach der anderen. Sehnsucht: eine zweite Natur. Natur? Es macht allerdings einen gewaltigen Unterschied, ob ich einen Spaziergang, eine Wanderung mache. Das soll ja gut und gesund sein, aber auch wenn ein Gang ins Freie immer wieder die herrlichsten Blicke und glücklich machende Gespräche ermöglichen mag: Ich vermisse den Bergkamm, den Buchenwald, den Feldweg, den Fernblick, den hoppelnden Hasen, den Milan, den Steinbruch, den Tannenzapfen, die saftig grüne Wiese, in der der Löwenzahn blüht, nicht, halte mich lieber im Buchwald auf, erlebe lesend diese herrlichen Dinge. Wobei ich den Roman, der in der Stadt spielt, dem auf dem Lande angesiedelten bisweilen bevorzuge: Berlin, London, New York, Wien – wie oft bin ich lesend in den Metropolen gewesen, habe mitreißende Geschichten gelesen? Was die nächste Sehnsucht verrät: Ich lebe seit Jahrzehnten auf dem Land, sehne mich seit Jahrzehnten in eine der eben genannten großen Städte, in denen ich mich immer schon heimischer fühle, als ich es auf dem Land je empfunden habe.

Diese und andere lustige Gedanken denkend, nehme ich Cherubino in die Hände, lese im Klappentext, die 39jährige Sängerin Iris Schiffer sei zielstrebig, selbstbewußt und auf gutem Karriereweg. Demnächst gebe sie als Cherubino in Mozarts Oper Hochzeit des Figaro ihr Debüt an der Met, und unverhofft werde ihr eine Hauptrolle bei den Salzburger Festspielen angeboten.

Klingt gut, sehr gut sogar, ein Roman, in dessen Mittelpunkt Le nozze di Figaro steht, herrlich, wunderbar, ich sehe und höre Figaro das Zimmer ausmessen, das er mit der geliebten Susanna nach der Hochzeit beziehen will: Cinque … dieci … venti … trenta …, während Susanna vor dem Spiegel einen Hut anprobiert … Fröhlich summend schlage ich die erste Seite auf und lese – und staune von Zeile zu Zeile mehr:

Sie sah wieder aus dem Fenster. Grün, unerwartet grün, auch hier. Grashalme spiegelten sich in den Fliesen der Fensterbank, und da, auf den lanzettförmigen Silhouetten, lag der Stab. Er würde zeigen, ob sie recht hatte. Zwölf, dreizehn. Der Wind bewegte das Gras, im Testfenster tauchte ein Strich auf. Jemand klopfte an die Tür. Sie zählte weiter. Noch ein Klopfen. Moment! Sie vergaß zu zählen. Bin gleich soweit! Die Konditorei, deren Toilette sie benutzte, war doch leer gewesen? Zwanzig, einundzwanzig. Die Türklinke bewegte sich. Hatte sie richtig gezählt oder Zahlen übersprungen? Sie lehnte sich an die Wand: kalte Keramikfliesen durch die Bluse. Das Fenster war gekippt, es roch nach warmem Teig. Fünfunddreißig, sechsunddreißig. Die Wiese gab einem Luftzug nach, richtete sich wieder auf. Quadratische Platten, solche, in denen Steine zu erkennen sind, pflasterten einen Weg. Neununddreißig, vierzig Sekunden — ein Strich, zwei Striche: einer in der kreisförmigen Öffnung, einer in der eckigen, beide rosa. Sie las am Beipackzettel nach, was sie schon gelesen hatte: Striche bedeuten ja, kein Strich bedeutet nein. Der Geruch nach warmem Teig wurde stärker. Iris nahm ihr iPhone, fotografierte die Striche. Dann umwickelte sie den Stab mit einem Taschentuch, mit dem Beipackzettel, steckte ihn zurück in die Verpackung und in die Handtasche, die an der Klinke hing. Hellgelb, klein, leicht, mehr als zwei Dutzend Taschen besaß sie, fast immer nahm sie diese. Sie schaute in den Spiegel, ihr Gesicht war wie immer. Was hattest du erwartet? Sie zeigte sich die Zunge. Auch die war wie immer. Vorhin hatte sie an der Theke die Kuchen betrachtet, sich nicht entscheiden können, hatte gesagt, ich setze mich, hatte sich nicht gesetzt. Sie würde nichts essen können. Sie hatte es gewusst, seit gestern schon. Jetzt hatte sie den Beweis.

Ob das was wird mit dem Met-Debüt? Ich lasse, vorsichtshalber, alle Hoffnung auf New York und Mozartoper fahren, lese, ein bisserl ernüchtert, eh einfach weiter: Die Klinke bewegte sich. Klopfen, neuerlich. Ihre Tasche zitterte. Von da an gibt’s kein Halten mehr. Ich rausche durch das viertaktige gut 300seitige Libretto in einem – an Richard Wagner erinnernden – sechsstündigen Gestaltakt und torkle danach unter einem Himmel voller Schweigen ins Bett.

Kaum eingeschlafen, ergreift Cherubino die rechte Hand (ich schlafe am liebsten auf der Herzseite) und zieht mich, ein kurzer, enger Durchgang, sanft, zurück ins Buch, und, hui, fliegen wir nach Ibiza, sitzen in einem Zelt, sehen und hören Iris Schiffer, deren Erlkönig mich dermaßen bezaubert, daß mir eine warme Welle nach der anderen über den Rücken rollt:

Der Auftritt. Das, was entstand, wenn sie alle dort waren: zusammen anwesend. Die Musiker, das Publikum und sie. Darum ging es. Das Sein in diesem Raum: momentan, einzigartig. Was geschah, war jedes Mal wieder unvorhersehbar. Deswegen liebte sie Jazz, Blues, Improvisation, Fusion. Das, Martha, was nicht im Smartphone steht. Das, was auch die Sängerin nicht weiß. Das, wofür man ins Konzert muss, um es zu erleben. Deswegen will ich hinaus, wieder und wieder. Die Überraschung, das Geheimnis. Es lässt sich nicht filmen, nicht aufnehmen; weder digital noch analog. Wenn wir es schaffen, die Jazzqualität auch in die klassische Musik zu kriegen, das spontane Feeling, holen wir uns die Leute ins Konzert, in die Opernhäuser, trotz YouTube und Netflix. Nach wie vor ist das möglich, ganz unabhängig von den neuen Medien. Oder als Kontrapunkt dazu. Die Präsenz, das gemeinsame da sein, das Erleben der Überraschung. Dafür kommen wir. Auch ich. Dafür fahre ich nach Ibiza und singe dort in einem Zelt.

Blendend fühle ich mich, durch und durch entspannt, jede Faser in mir elastisch, energiegeladen – wie ein Vogel, bevor er in Papagenos Korb landet und zuvor noch die scheffelweise um ihn her prausenden Prosamen im Flug aufpickt: zwei Millionen Prosamen, und immer mehr und mehr und mehr Vögel fliegen herbei und picken und picken und picken, halten bloß noch die Schnäbel auf, in die die Prosamen, ganz einfach, hineinfliegen: Supermarktangestellte, Kellnerinnen, Straßenbahnfahrerinnen, Journalistinnen, Reinigungsfrauen, Bürofachkräfte, Floristinnen, Goldschmiede, Physiotherapeutinnen? Sie stehen mitten im Leben, während Iris sich dauernd mitten in einem ›Projekt‹ befindet. Oder in mehreren. Während sie versucht, fiktionale Figuren zu verkörpern. Die meisten Menschen verkörpern sich selbst. Erschrocken wache ich auf. Verkörpern sich selbst? Bitte nicht!

Und sieh! Und sieh! An weißer Wand. Da kommt’s hervor. Wie, wie, wie Menschenhand: Jeder stört fortwährend jeden bei allem – ein mögliches Resümee von Le Nozze di Figaro. Eine endlose Beziehungsgeschichte, jede neu auftretende Figur erhöht die Verwirrung – ein anderes.

Verschwirrt reibe ich mir, sekundenlang, die Augen: Es schrieb. Es schrieb. Und schwand. Kein Engel, keine Schrift, keine weiße Wand. Vollkommene Dunkelheit im Zimmer. Sich der Müdigkeit hingeben. Schlafen. Und da: Langsam, wie in Zeitlupe, sang sie die ersten Töne von Schuberts ›Erlkönig‹. Bei dem Lied blieb sie (auch jetzt) immer wieder hängen, immer an denselben Stellen, nach dem ›Nebelstreif‹ oder den ›alten Weiden so grau‹. Sie sang, ohne den Text vor sich liegen zu haben, stellte ihn sich vor, vergegenwärtigte sich die Empfindungen, die sie bei den einzelnen Phrasen haben wollte.

Klare Worte! Es geht darum, zu spüren, was paßt. Handlung sagt mir nichts. Das Besondere an einem Roman ist eben, daß er sich nicht kurzfassen läßt, sonst wäre es kein Roman, sondern, beispielsweise, ein Aphorismus. Namen. Ja, vielleicht sind Namen brauchbare Zusammenfassungen: Iris Schiffer (Musik war für sie ein Dialog im eigentlichen Sinn, der Austausch von Gedanken zwischen zwei Menschen) ∙ Ludwig ∙ Sergio Vincinzino ∙ Martha Halm ∙ Viktor ∙ Iris‘ Eltern ∙ Sergios Eltern ∙ Lizzy Demmenie ∙ Christa ∙ Vincent Solitano ∙ Dino Baradie ∙ Susan Zerlowsky ∙ Embryo/Fötus ∙ Ärztin ∙ Arzt ∙ diverse Nebenfiguren (u.a. eine Band, Kollegen, Intendanten, Orchestermusiker, Freundinnen, Kostümbildner, Fans usw.). Perlendes Lachen im Zimmer. Ich schaue mich um, schaue, wo es nichts zu schauen gibt. Ich lächle gezwungen. Tränen. Sophies Qual. Halte einen makellos weißen Slip in Händen. Du sollst es gut haben, und es soll dir an nichts fehlen. Dann ist die Nacht um.

 

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Fortsetzung: 3. September · Das flüssige Land
Erstveröffentlichung in Matrix 58

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