Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

3. September ∙ Das flüssige Land

Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel. Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019

Ich hatte einen fast täglich auftretenden Kater …

 

 

Wahr sind nur die Gedanken, die sich selber nicht verstehen. Versteht man das? Will ›ich‹ das verstehen? Verstehen. Vergehen. Versehen. Verwehen. In diesem großen Roman geht es längst nicht (mehr) ums bloße ›Verstehen‹. Und das verstehe, wer ›will‹. Es gibt kein richtiges Lesen im falschen.

Ich saß in Pyjamahose und BH im Bett, den Laptop mit dem aufgeschlagenen Skriptum meiner Antrittsvorlesung auf den Knien, und befand mich auf einmal inmitten eines perspektivisch fehlerhaften Gemäldes: Knirschend setzten sich die Winkel meiner Wohnung, des Parks vor meinem Fenster, jedes Stuhls, jedes Regals in Bewegung, um sich gegeneinander zu verkeilen.

Die Atmosphäre dieses das Absurde, Bizarre, Groteske, Komische, Idiosynkratische, Paradoxe, Phantastische, Rätselhafte, Widersinnige, Zauberische des im übrigen ja ganz normalen ›Lebens‹ sprachlich-stilistisch-strukturell unmittelbar spiegelnden Romans (der katachresisch-oxymoronische Titel Das flüssige Land weist bereits darauf hin) ist vom ersten Satz an, in dem die Ich-Erzählerin Ruth Schwarz von einer unterdrückten Handy-Nummer zutiefst erschüttert antreffe: unheimlich.

Auf eine Weise ›unheimlich‹ wie ich es, beispielsweise, in den Geschichten von Paul Auster oder Franz Kafka erlebe.

Ich denke an ›u∙n∙h∙e∙i∙m∙l∙i∙c∙h‹ als Nicht-zuhause-Sein der Seele, ich denke an Unzuhause und daß das ›Unheimliche‹ die Grundverfassung des Menschen ist, der das ›Heimelige‹ erst er/finden muß (was, wutmaßlich, selten bis nie gelingt); ich denke an ›u/n/h/e/i/m/l/i/c/h‹ als etwas, das, ›vertraut‹ und ›unvertraut‹ zugleich ist; und ich denke, denke weiter, bin in prickelnder Erregung, das Denken ist schließlich ein Mittel, um dem Leben einen Sinn zu verleihen, an ›u-n-h-e-i-m-l-i-c-h‹ … Ich reiße mich vom Sessel los, umlaufe den Tisch, mache Kopf und Hals beweglich, bringe Feuer in die Augen, spanne die Muskeln um sie herum, ziehe alles, was gesagt wird, trotz Schmerz und Mühe mit langen Zügen in mich hinein.

Ich ahne dunkel, dass ich jetzt, wo es ans Äußerste ging, doch mit dem Tod in Begegnung treten müsste, dass es zu einer Konfrontation zwischen mir und meinen Gefühlen kommen würde …

Wie einen riesenhaften Mund aus dem Untergrund erlebe ich dieses von Raphaela Edelbauer erfundene ›Zwischenreich‹, das Loch war von unbekannter Tiefe, Verästelung und Feuchtigkeit, denke an Karl Poppers Mehrweltentheorie, an Platons Höhlengleichnis und an das, was die alten Griechen ›Diegese‹ nennen, ein Phänomen, das sichtbar macht, ob etwas innerhalb oder außerhalb der erzählten Welt ist, und das Wort (der Begriff) ›Zwischenreich‹ macht, sozusagen nebenher, auf die gleichsam schizophrene Verfassung der Autorin aufmerksam, die von all dem sowohl weiß (sonst könnte sie es ja nicht konstruieren) als auch nicht weiß (sonst könnte sie es nicht schreibend erfinden). Und. Mein Blick wurde hingezogen zum Schloss, das zu einem grauen Wirbel verrann.

Im Wald meint Ruth Schwarz, das zu finden, was sie unter Menschen vergeblich gesucht hat: Selbst die Tannenzapfen schienen mir ein ureigener Ausdruck einer tiefen Wahrheit zu sein, die in einer harten, knotigen Sprache vom Boden aus verstanden werden musste. (Was immer das heißen mag.) Und sie redet sich ein, so etwas wie Zugehörigkeit zu erleben. Ich würde fast sagen: Ich fand eine Heimat.

Tja. Fast.

 

***
Fortsetzung: 4. September · Der Große Garten
Erstveröffentlichung in Matrix 58

 

Fixpoetry 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge