Kolumne

4. September ∙ Der Große Garten

Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel. Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019

 

Die anthroposophische Lehre hat erkannt, dass der Mensch und die Welt eins sind :

Und lesen ist schreiben ist lesen ist schreiben ist ahnen alliterieren arbeiten ist argwöhnen ist assoziieren ist auffordern ist ausblenden ist baumeln be/fürchten ist be/greifen ist behaupten binden brennen ist chiffrieren ist collagieren ist das licht der welt erblicken ist dekodieren ist dröhnen ist empfinden entstellen ist erdulden ist er/finden ergänzen ist erinnern ist ernten ist erzählen fabulieren ist feilen ist ficken ist finden ist fischen ist fliegen ist fliehen ist fluchen ist fühlen ist gestikulieren ist glauben ist graben ist grübeln ist hoffen ist hören ist imaginieren inspirieren ist irren ist jonglieren ist jubeln ist kämpfen ist kapitulieren ist klingen lachen ist leben leben ist leiden ist lesen listen ist mahnen mauern mischen montieren mutmaßen murmeln müssen ist nicken ist notieren ist obduzieren ist personalisieren ist phantasieren ist pokern ist quälen querschießen ist rätseln ist reduzieren registrieren ist reisen riechen ist ringen ist rotieren ist säen ist scheinen ist schmecken schreiben ist schweben ist schweigen ist schwindeln ist schwingen sehen ist sehnen ist simulieren singen sinnieren ist spüren ist staunen sterben ist stolpern ist streicheln stürzen ist suchen ist teilen ist transzendieren trauern ist traumeln ist überraschen ist übertreiben überzeichnen umarmen ist umkehren ist umwandeln verfremden vergessen ist versinken ist verweben ist verwirren verzerren ist wahrnehmen weglassen ist weinen ist wollen ist zaubern zaudern ist zitieren die Quell­chen die Quellchen ist zweifeln lesen ist schreiben ist lesen ist … ist …

Ich habe ungefähr seit meinem fünfzehnten Geburtstag kein Buch mehr gelesen, bekennt Reik, der megaerfolgreiche Künstler, in Kintsugi. Und begründet es so: In dem Versuch, aus allem eine logische, am besten noch poetische und lehrreiche Geschichte zu bauen, verklären wir die Dinge. Max behauptet, ich hätte diese Theorie von Schopenhauer geklaut. Dabei hatte ich noch nie etwas von ihm in der Hand.

Poetisch (oder antipoetisch): ja, natürlich, aber ›logisch‹? Leuchtet mir nicht ein. Natürlich darf es logisch sein, aber doch nicht um jeden Preis. Und: ›lehrreich‹? Da sträuben sich mir die Nackenhaare. Hier geht es um Literatur. Und die will nichts als Geschichten erzählen. Komme, was wolle.

Nun sag, wie hast du’s mit dem Lesen?, möchte ich jetzt jeden einzelnen der zwanzig Verfasser fragen, von denen ich mich so reich mit Wörtern beschenkt fühle. Bin gespannt, ob ich jemals Näheres erfahre – wie, beispielsweise, in den Romanen Gelenke des Lichts, Herkunft und Winterbienen, in denen die Autoren un/mittelbar Auskunft geben.

Und dann hat es drei Tage hintereinander geregnet, wie in einem afrikanischen Sprichwort. Am dritten Tag bin ich zum Schwimmen an den See gefahren, ganz alleine, was ich ja nie mache. Ich dachte irgendwie, dass es romantisch sei, jetzt zu schwimmen. Also bin ich durch den See geschwommen und neben mir sind die Wassertropfen ins Wasser gefallen und haben mich angespritzt und es war viel weniger besonders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich hatte irgendwie gehofft, ich würde eine Eingebung oder zumindest eine Erkenntnis haben, aber es hat einfach nur geregnet und ich bin geschwommen.

Seit achtzehn Tagen regnet’s B∙u∙c∙h∙s∙ta∙b∙e∙n auf besondre Art. Ich hoffe nicht auf Eingebung und Erkenntnis. Freue mich natürlich darüber. Ich hoffe, daß die Buchstaben nie aufhören, aus den Büchern zu tropfen. Ich lese sie wortwährend auf. Der Große Garten. Ja, der große Garten. 2010 schrieb ich dieses Gedicht:

 

I hear the spirits often in the garden
Diane Glancy

admission free and daily open to the public

der drollige distelfink pickt in der wiesenflockenblume die mollige wa­cholderdrossel blattert im windtropfenden bergahorn [leer lä­diert der trotzig leuchtende vogelbeerbaum] und

das hausrot­schwanzpärchen ( von keckernder elster beäu­gelt ) hüpft durchs famose gras schwänzelt augenblicklich im hexen­glückspilzring hopst auf im nebel vom kühlen kaller wa­ckerberg in die sistiger wolfskaul verschleppte runde­rote rie­sen­kiesel und

die amsel hockt ∙ wie jeden jeden jeden tag ∙ auf der schwar­zen leitung die unser haus mit – bis auf weitres – unbesetztem [grau ver­schalten] nach­barhaus verkuppelt – no man is an island ∙ schreibt john donne – und singt und singt und singt ge­gen die ein paar gärten wei­ter ruru­morende motor­säge an von der

die schaffige wühlmaus die klitzefeing∙e­∙k∙r∙ü­∙m∙e∙l∙t erd­reich ans ta­ges­licht be­fördert [und in zwei ta­gen am grauen krampf­gas ein­gehn wird] sich bißchen bloß er­schre­ckn läßt ich seh den blauen natter­kopf aus dem pfennig­kraut ­eine as­ter aus dem pfefferkorn ragen seh klatschmohn schon wie­der ein blatt ver­liern und der gläserne blick bau­melt am gilbweiderich springt

rüber zu akelei ∙ kamille ∙ mar­gerite ∙ milchstern ∙ immortelle ∙ ku­ckucks­licht­nelke ∙ schlan­genknöterich ∙ wiesenflockenblume · königskerze ∙ teufels­kralle ∙ ritter­sporn ∙ ei­sen + fin­gerhut bleibt letztlich an den einst so wei­ßen ( weißen ) glo­cken­blu­men hängen – – – im zehnzwanzig­drei­ßig­mi­nu­ten­takt verbellen bellen bellen schäfers tollmütig rohe rü­den die waldspa­zier­gänger la lirica está muerta les ich in ei­nem gedicht von eze­quiel zai­denwerg

baumlärm bei jutta dornheim und diane glancy vermerkt this world is at a loss and I am part of it migrating

daily

Meine Mutter schüttelt den Kopf über mein Vorhaben, ein Gartenbuch zu schreiben. Viele Mütter haben, das glaube ich irgendwo einmal gelesen zu haben, Angst vor schreibenden Kindern. Interessant. Darüber gilt es erneut nachzudenken. Es handelt sich um eine schwere Form von Leidenschaft, lese ich, einige Seiten weiter, in Der Große Garten, und ich kann nichts als, heftig zustimmend, nicken. Schwere Leidenschaft. Hoffentlich epidemisch. Die Therapeutin sagt, das Gartenbuch sei wie alles, was ich mache, eine Flucht vor mir selbst. Hm. Tja. Wenn die Therapeutin das sagt. ›Flucht‹. Ist auch Flucht eine Sucht? Das würde schon manches im Leben begreifbarer machen. ›Vor mir selbst.‹ ›Ich‹ läuft also ›vor sich selbst‹ davon. Die Therapeutin denkt offenbar ganzheitlich, gestalttheoretisch. In diesem Fall nicht so leicht nachvollziehbar. Alles ›Kappes‹, was Analytiker, Mutter, Therapeutin von sich geben (was in diesem Kontext nicht das Schlechteste sein muß). Warum lassen sie die von Lola Randl so anmutig, berauschend, charismatisch, delikat, entzückend, fabelhaft, fachfräuisch, gut, herrlich, ideenreich, ironisch, jovial, himmlisch, köstlich, märchenhaft, natürlich, offen, phantastisch, rousseauisch, wahrhaftig, zauberhaft gestaltete und in Szene gesetzte Heldin nicht einfach ruhn und lachen? Ich jedenfalls liebe sie mit Kraut und Staren. Würde gern mit ihr, nachdem ich den Großen Garten kennengelernt habe, durch den tausend m² großen O∙h∙n∙e∙m∙o∙o∙s∙n∙i∙x∙l∙o∙s∙s∙t∙e∙i∙n∙g∙a∙r∙t∙e∙n mäandern, dieses Jahrzehntprojekt, für das ich, beispielsweise, viele Jahre lang Basalt, Kalkstein, Quarzit, Sandstein und Schiefer in Feld, Wald und Wiese gesammelt habe. Der Projektmensch geht davon aus, dass in allem ein Projekt steckt. Wie gut die Erzählerin mich kennt! Noch ein Satz (ich könnte pausenlos zitieren): Trotzdem darf der Gärtner in seinem Beet alles falsch machen, wenn er glaubt, es ist richtig. Die Denkweise des Essayschreibers. So darf es weitergehn.

 

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Fortsetzung: 5. September · Der junge Doktorand
Erstveröffentlichung in Matrix 58

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