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Wir reden über Literatur
Kolumne

5. September ∙ Der junge Doktorand

Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel. Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019

Das Leben spielt doch mit uns,
und nur, indem wir ebenfalls spielend mit dem Leben umgehen,

können wir ihm einen Sinn abtrotzen.

Er trat an die Wand zu einem seiner Bilder vor. Schon heute Morgen, als er sich dazu erbarmt hatte, den Tisch zu decken, war es ihm gelungen, diese Wände mit ihrer gleichmäßigen Hängung aus einem über das eigene Leben hinweg andauernden Blickwinkel zu betrachten. Nichts anderes als ein Museum war es, das er hier erschaffen hatte, und natürlich war jedes Museum auch ein Grab, und sein ganzes Künstlerleben hatte er der Ausgestaltung dieses Grabes geopfert. Seine Seele war hier in diesem Grab zwischen diese Rahmen gespannt, und hier in diesem Grab würde sie ewig walten, denn in diesem Grab gab es kein Verschwinden, und die Zeit würde …

O – o – o: Ich spreche so gern von den untergeschossigen Räumen, in denen ich den größten Teil des Lebens (Lesens) verbringe, als ›Buchkunstwerk‹, begehbare ›Installation‹. Es ist ein Museum. Also ein Grab. Ich habe mich also eingemauert. Bin hier also lebendig begraben. War da nicht was mit der Matratzengruft? Mit Büchern als tragbarer Heimat? (Damit kann ich lesen.)

Ist Wahrhaftigkeit der Grundzug und das Wesentliche eines Charakters? Hat ein Mensch, der lügt, etwa keinen Charakter? (Alle Erzähler sind Angeber, sind Lügner, Hochstapler. In Herkunft steht es schwarz auf weiß: Früher hatte Großmutter behauptet – da war ich zehn oder fünf oder sieben –, ich würde niemals täuschen und lügen, sondern immer nur übertreiben und erfinden.) Der antiheldische ›Protagonist‹, der junge Doktorand, lügt. Der scheinbar heldische ›Antagonist‹, Hausherr und Künstler, lügt. Die Frau des Künstlers, Hausfrau und ›Vermittlerin‹ (Frau Marthe Schwerdtlein ist tot und läßt uns grüßen …) zwischen Held und Gegenspieler, lügt. (Ich lüge. Allein schon die soeben verwendeten Begriffe: verbogen. Also: gelogen.) Die Icherzählerin Ruth Schwarz in Das flüssige Land denkt: Ich bin ja eine entsetzliche Lügnerin. In Nicht wie ihr heißt es: Ivo lügt ja nicht, oder anders gesagt, seine Lügen dauern nur sehr kurz.) Der junge Doktorand (man stelle sich darauf ein, auf diese Formulierung mehrere hundert Mal zu – stoßen: Das Ehepaar ist rundweg besessen von der schöngefärbten – also verlogenen – Vorstellung des jungen Doktoranden), der seit zwei Jahren erwartet wird, der abends kommt und morgens wieder geht, wirkt wie Phenolphtalein, ein chemischer Indikator (gleichsam ein Wahrhaftigkeitsserum1, der die Feststellung von Zuständen und die Verfolgung von Abläufen möglich macht, indem er das Erreichen oder Verlassen bestimmter Zustände anzeigt. Erwartet unerwartet fliegen die Fetzen. Nachdem der Sprachfluß sich, unerbittlich, ein Bett gegraben hat, fließt, flutet, strömt er, unaufhaltsam, mich armen Leser mit sich reißend, auf das erbarmungslose Ende hin:

»Du willst doch nicht wirklich hier sitzen bleiben«, sagte sie, »um diese Zeit bist du sonst auch immer im Atelier.«
Er rührte sich nicht.

 

***
Fortsetzung: 6. September · Der Sommer meiner Mutter
Erstveröffentlichung in Matrix 58

  • 1. Na, jetzt gehn wohl die Pferde mit mir durch …

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