Kolumne

6. September ∙ Der Sommer meiner Mutter

Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel. Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019

Vielleicht ist es gut, dass wir dem Universum gleichgültig sind.

Immer wieder (immer weiter) will ich Wörter, Sätze, Sequenzen aus den Büchern, die ich lese, herausschreiben, was ich mal tue, mal nicht. Während dieser verrückten dreißig Tage tue ich es immer wieder, mal mehr, mal weniger, wie man sieht und sehen wird. Ulrich Woelks Roman verführt mich gleich zu Beginn, den ersten Satz mehrfach zu lesen und mit dem Kugelschreiber aufzuschreiben, damit ich ihn in ›meiner‹ Handschrift vor mir sehe: Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.

Das nennt man wohl: Paukenschlag. Von dem ich mich erst mal erholen muß. Gerade weil die Nachricht so lapidar, so lakonisch daherkommt, dringt sie tief in mich ein. Ich lese nicht einfach weiter, sondern lege Joseph Haydns 94. Sinfonie in den CD-Player, schließe die Augen und lausche: und da, der Paukenschlag. Paukenschläge gibt es noch einige in diesem filigran geformten Roman. Da ist vor allem die unerhörte Begebenheit der Begegnung zweier frühreifer Kinder, eines elfjährigen Jungen und eines dreizehnjährigen Mädchens, die zufällig Nachbarn werden und gemeinsam die Freuden der Zärtlichkeit entdecken. Diese Flüge in die wunderbare Welt der Sinnlichkeit sind dermaßen anschaulich, mitreißend, natürlich geschildert, daß ich mir wünsche, um fünfzig Jahre zurückgeschleudert zu werden, um das auch einmal zu erleben. Aber – wie sollte das gehn? Lassen wir’s einfach so stehn.

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Fortsetzung:  7. September ∙ Die Leben der Elena Silber
Erstveröffentlichung in Matrix 58

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