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Kolumne

7. September ∙ Die Leben der Elena Silber

Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel. Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019

Den Fluss hinunter, weiter.

 

»Meinst du, es ging wirklich um mich?«, fragte Konstantin.
»Ich glaube, dass alles ist mit allem zusammenhängt. Unsere Leben. Auch ihr Leben und deins. Irgendwann wirst du das merken«, sagte seine Tante.
»Wann hast du’s denn gemerkt?«, fragte Konstantin.

 

Nimm mich! Nein, nimm mich! Die erste Woche ist vorbei, und wieder stehe ich am Büchertisch, um das gelesene Buch zurückzulegen und nach einem ungelesenen zu greifen, um mich – hoffentlich – ergreifen zu lassen. Muß nicht zwingend sein, ist aber immer gut, immer schön. Ja, lieber Bertolt Brecht, ich liebe es, ergriffen zu sein. Anton Bruckners fünfte Sinfonie in der romanischen Kirche St. Maria im Kapitol in Köln am 8. September 2018. Ich fasse mir mit beiden Händen an die Brust, bin immer noch ergriffen.

»Aber er hat immer nur gesagt: Ich will die Wahrheit wissen.«
»Die Wahrheit.«

»Ja.«
»Glauben Sie, er hat sie gefunden?«
»Ich bezweifle, dass es sie gibt.«

In der Nacht träume ich einen Traum. Träume in Romanen oder am Frühstückstisch erzählt: schrecklich. Hier im Essay: Ich schriebe den Traum nicht auf, ließe es sich vermeiden. (Es läßt sich nicht vermeiden.) Ich stehe vor dem Spiegel im Schlafzimmer. Binde die dunkelrote Krawatte um. Die monoton vorlesende Stimme aus dem Off: Das war eine Lüge, natürlich. Ich blicke in den Frohnrather Wald. Auf einer Lichtung. Eine roh gezimmerte Kiefernholzbühne. Dahinter eine Flammenwand. Punkt. Ich höre Gesang, Sprechgesang, Schreien, Seufzen, Summen, Summen, Summen, auf- und abschwellend. Klangteppich mal polyphon, mal kakophon gezüpft. Die neun Männer in schwarzen Anzügen, weißen Rollis (einer in Jeans und Hoodie) und weißen Sneakern. Langhaarig, bärtig, kurzhaarig, glattrasiert. Die Frauen in hochgeschlossenen, langen, schwarzen Abendkleidern, eine ganz in Weiß. Ausnahmslos mit hochgestecktem Haar, blond, dunkelblond, schwarz. Alle barfuß. Der Dirigent, ein Marcel Bleich, wie ich dem Programm entnehme, in heller Leinenhose und anthrazitfarbenem Samtsakko. Das in einer gewagten Zusammenfassung von Stilen ausgeführte Werk trägt den Titel Winterbienen. Romanoper in einem zwanzigteiligen Akt mit neunzehn Untertiteln. Ich vernehme Alt-, Baß-, Bariton-, Mezzosopran-, Koloratursopran-, Tenorstimmen. Ich lese die Namen der Mitwirkenden: Nora Bossong (1982), Jan Peter Bremer (1965), Raphaela Edelbauer (1990), Andrea Grill (1975), Karen Köhler (1974), Miku Sophie Kühmel (1992), Angela Lehner (1987), Emanuel Maeß (1977), Alexander Osang (1962), Katerina Poladjan (1971), Lola Randl (1980), Tonio Schachinger (1992), Norbert Scheuer (1951), Eva Schmidt (1952), Saša Stanišić (1978), Marlene Streeruwitz (1950), Jackie Thomae (1972), Ulrich Woelk (1960), Norbert Zähringer (1967), Tom Zürcher (1966). Jeder hält ein geöffnetes Buch in Händen. Niemand schaut auf. Niemand blickt nach links oder rechts. Jeder brummt, flüstert, haucht, murmelt, schreit, singt, spricht, summt, zischelt seinen Part. (Niemand raunt.) Der Dirigent gestikuliert, zischt. Was will er, denke ich, das klingt doch gut. Jetzt wächst zusammen, was (nicht) zusammengehört. Jeder spricht, singt sein Ding. Ich höre Gesang, Sprechgesang, auf- und abschwellend. Klangteppich, wie gesagt, mal polyphon, mal kakophon gezüpft. Da verflüssigt sich das Land. Donnernder Wind. Auseinderfließende Menschenmassen. Ein Zurückschrecken des Chors vor sich selbst. Ohne jeden Anlaß schlägt ein Mann dem Dirigenten mit der Faust ins Gesicht. Wütendes Geschrei. Es herrscht Chaos. Dann reißt der Film. Und jetzt kommt nicht: In Schweiß gebadet wachte ich auf. Nein! Ein weiterer Traum verdrängt den ersten Traum: Eine schöne, nein, wunderwunderschöne Frau (um die vierzig) mit rehbraunen Augen, traumhaften Brüsten (wie in Nicht wie ihr beschrieben) und silberner Löwenmähne und ich (um die sechzig) liegen uns in einem großen Garten gelenkig in den Armen. In einem großen Garten. Und jetzt! Ja, jetzt erwache ich. In Schweiß gebadet und mich, wie von Sinnen, in den Schlaf, in den Traum zurücksehnend, zurücksehnend, zurücksehnend. Die Dinge werden wahrer, wenn man sie oft genug sagt. Was für eine [entsetzliche] Mühsal wäre es, tiefer zu dringen und zu begreifen –

Konstantin spürte das Absurde, aber auch das Poetische …

Im Mittelpunkt des Romans Die Leben der Elena Silber steht die: Sehnsucht. Ist das nicht bei jedem Roman der Fall? Mag sein. Das macht die Erkenntnis aber nicht weniger richtig: Im Mittelpunkt des Romans Die Leben der Elena Silber steht die Sehnsucht. Jelena sah die Mädchen am Ufer, die nicht ahnen konnten, wonach sie sich sehnte. Über 620 Seiten ist das Seil gespannt, das Viktor Krasnow und die ihm zur Seite stehende zweijährige Tochter Jelena im Jahr 1905 dreht und dessen nach über hundert Jahren lose gewordene Enden Urenkel Konstantin im Jahr 2017 wieder verknüpfen will. Auf Seite 102 heißt es: Alles wurde mit allem verknüpft. Ein schier aussichtsloses Unterfangen?

Ich lese und lese und lese und lese, stürme von Wort zu Wort, von Satz zu Satz, von Sequenz zu Sequenz, von Absatz zu Absatz, von Seite zu Seite, von Kapitel zu Kapitel, hundert Seiten, zweihundert Seiten, dreihundert Seiten, vierhundert Seiten, fünfhundert Seiten, sechshundert Seiten, Bild drängt zu Bild, eins legt sich über das andere, vier (fünf …) Filme laufen gleichzeitig, parallel, simultan, synchron zusammen, Leinwände werden mehrfach übermalt, schon bin ich wieder in der uralten Gegenwart von 2017, nachdem ich die endlosen Flüsse bis zum Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hinunter geschwommen bin, um das russische Kind Jelena, die deutsche Frau Elena, die irgendwann Lena und schließlich – als Großmutter – (gegen ihren Willen) Baba heißt, auf ihrer umgekehrten Reise zu erleben. Sehnsucht. Anmaßungen, Einbildungen, Illusionen, Phantasien, Träume, Wünsche, Visionen, Zurechtrückungen. Sehnsucht. Pfählen. Quälen. Stählen. Vermählen. Sehnsucht. Denken. Kränken. Schenken. Versenken. Sehnsucht. Vergeigen. Verneigen. Verschweigen. Versteigen. Sehnsucht. Die Tage, die Nächte, die kurzen Stunden, die gestreckten Sekunden, Konstantin war zehn Minuten im Halbschlaf gewesen und hatte in der Zeit einmal die Welt umkreist. Er wusste nicht, ob das ein Erfolg war, die Hitze, die Kälte, das Helle, das Dunkle, das Weiße, das Schwarze, ein Knacken und Knistern, das Flackern und Flüstern, ein Geschwistern, Philistern, die Macker und Nüstern, ein Geistern und Kleistern und Meistern, die Nacken und Jacken, ein Fispern und Wispern, das Tackern und Tickern, ein Tornistern, Registern, das Packen und Rackern, ein Zicken und Zacken, Sehnsucht, Sehnsucht.

Lena nahm ihre Tasche und folgte den Männern in die Dunkelheit. Den Fluss hinunter, weiter.

***
Fortsetzung: 8. September Die untalentierte Lügnerin
Erstveröffentlichung in Matrix 58

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