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Kolumne

8. September ∙ Die untalentierte Lügnerin

Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel. Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019

Wollte an nichts mehr denken.

 

Und bin, ogottogott, schon wieder bei der Lüge. Die Menschen lügen unsäglich oft. Männer öfter als Frauen? Lüge macht das Leben täglich richtig, richtig gut erträglich. Einszweidrei – im – Sauseschritt – lügt – der – Mensch – ich – lüge – mit. Erst kommt die Sprache, dann der Roman: Schnittpunkt zwischen Subjekt / Welt. Schnittpunkt zwischen Dauerhaftem / Ephemerem. Schnittpunkt zwischen flüchtig Wundervollem / Ewigkeit. Roman: Augenblicke, in denen alles gespeichert scheint. Roman: Wo ist der Kern, um den sich der Erzählkreis zieht? Roman: das Besondere am Banalen. Roman: das besonders besondere Triviale. Roman: das längst Gewesene, das ich hier ich erstmals begreife. Roman: Es gärt unter der scheinbar glattgezogenen Folie der Sprache.

Ich springe zurück in der Zeit, um den Kopf freizubekommen für das, was vor bzw. neben mir liegt: Die untalentierte Lügnerin. Am 30. Juli 2019 will ich mehr über zwei Dinge erfahren, und ich denke an jenem Tag intensiv an die Phänomene ›Lüge‹ (lieber lügen als kurze Beine) und ›Einzigartigkeit‹ (das Glück besteht darin, zu leben wie alle Welt und doch wie kein anderer zu sein), die ja zwanzig Tage später, ab dem 20. August, wieder in den Blickpunkt rücken, um dort bis zum 20. September zu verbleiben. (Das alles im Zusammenhang mit den 20 Romanen, die ich am 20. August, ohne sie bestellt zu haben, erhalte.) Während ich nachdenke, das eine Wort sich vor das andere drängt und umgekehrt, beginne ich ein Gedicht zu schreiben. Ein kurzes Gedicht. Es hat ein wenig damit zu tun, daß man nicht früh genug die Erfahrung machen kann, wie entbehrlich jeder Mensch, jeder Roman, jedes Gedicht (usw.) in der Welt ist. (Sorry about that.) Sodann fange ich an, es ist kein Traum, eine E-Mail an einen befreundeten Schriftstellerkollegen zu schreiben, in die ich das Gedicht kopiere. Ich schreibe über ›Wirklichkeit‹ und Winterbienen, klicke auf ›Senden‹ und entscheide spontan, die gleiche E-Mail, nur ganz wenig verändert, an eine zweite Person zu senden. Das wiederhole ich insgesamt so oft, daß ich die E-Mail, jeweils nur minimal verändert, am Ende 30 Mal verschickt habe. Ich habe, indem ich das tue, ja insofern schon gelogen (vom Inhalt einmal ganz abgesehen), als ich die jeweiligen Empfänger im Glauben lasse, nur sie hätten diese ja scheinbar bloß ›einzigartige‹ E-Mail mit dem Gedicht erhalten. Ich warte gespannt auf Reaktionen. Innerhalb der nächsten Tage kommen 27 Reaktionen. (Womit es 30 Reaktionen sind, denn gerade die drei Nichtreaktionen sind für mich, aus mehreren Gründen, besonders interessant.) Jede dieser Reaktionen ist nun in der Tat einzigartig, jede dieser Antworten ist so frappierend verschieden in Länge und Inhalt von den anderen, daß ich mich zum einen von Mal zu Mal mehr amüsiere und es zum anderen kaum glauben kann. Es ist verblüffend, wie jeder Empfänger sich in der Antwort auf ein Wort, einen Vers, einen Gedanken stürzt, der für ihn – aus welchem Grund auch immer, mir kommt das mehrfach regelrecht abseitig vor – im Vordergrund des Interesses steht. Dieses ›E-Mail-Projekt‹ hat etwas ›Einzigartiges‹, das wird man zugeben. Aber hat es das ›wirklich‹ so gegeben, wie ich es hier beschreibe? Das weiß niemand außer mir. Und selbst ich bin mir in diesem Moment nicht sicher, ob ich es erfunden habe oder nicht. Vielleicht ist alles einfach eine einzigartige Lüge? Mal ehrlich, was macht das für den Leser schon für einen Unterschied?

Verblüffend, wie dieser Absatz, den ich im großen Garten ausgegraben habe, die Geschichte von der untalentierten Lügnerin umschreibt:

Es wird geboren und gestorben, verunfallt und fremdgegangen, gestohlen und gelogen, getrunken und gestritten, und jeder weiß das, weil es ja über der Schwelle liegt, unter der es nicht jeder weiß. Aber dann muß man feststellen, dass das Unterbewusstsein so groß ist, dass selbst das, was über der Schwelle liegt, erstaunlich schnell da drin versinken kann, wie in einem Moor, nur andersherum. Also die leichten Sachen versinken schneller und die schweren langsamer.

Nachdem ich den in leisem (weisem) Duktus erzählten, mit immer wieder das Sein hinter dem Schein andeutenden Bildern gestalteten Roman gelesen habe, will ich erst mal nichts als aus dem Westfenster schauen, will an nichts mehr denken. Und indem ich da sitze, müde, nachdenklich, versonnen, das äußere Auge starrt auf Bäume und Beete und Büsche, das innere Auge starrt auf die gelesenen Seiten der Geschichte Marens, von denen der Kopf voll ist, denke ich (ich will doch an nichts mehr denken …), daß ich vernarrt bin in Die untalentierte Lügnerin, dieses kleine feine Buch, das so leicht in der Hand liegt, obwohl die Seiten so bleischwer zu tragen haben an den Irreführungen der Personen, die einander das Leben so schwer machen, daß die viel wissende und immer mehr erfahrende Maren sich in einen Kokon hüllt, der sie so schützt, daß sie am Ende, als sie fast schon am Ende ist, eine lebensbejahende, aus dem Kokon befreiende Entscheidung fällen kann, die mich sehr, sehr froh macht:

Sie stand auf, steckte sich eine Zigarette an, drückte sie aber nach wenigen Zügen aus. Sie ging zum Tisch, wo noch immer das Glas stand, trank ein wenig Wasser. Sie dachte an gar nichts. Wollte an nichts mehr denken. Ihr Kopf war leer. Sie öffnete das Fenster, ließ frische Luft herein, nahm die Tablette und ging damit ins Bad, öffnete den Deckel der Toilette und ließ sie hineinfallen, drückte die Spülung, sah, wie sie unterging, im sprudelnden Wasser verschwand.

 

***
Fortsetzung: 9. September ∙ Flammenwand.
Erstveröffentlichung in Matrix 58

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