Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

9. September ∙ Flammenwand.

Zwanzig Tage – zwanzig Romane : Ein Buchspiel. Fragmentarisches Fragebuch zum teutschen Suchpreis 2019

Das Schreien hielt an. Es machte sie schweben.

Sie wollte blind werden vor Nähe. Taub vom schnappenden Keuchen der hochschlagenden Lust. Und dann nichts mehr. Einen Augenblick. Sie hätte das Leben aufgeben mögen. Dafür. Danach dann. Nach einem Aufbäumen in erwiderter Leidenschaft. Es schien nichts Wichtiges zu geben. Mehr. Aber das. Das wünschte sie sich. Ersehnte sie. Wenn ich durch die engen Zeilenkurven flitze, ist dies nur dadurch möglich, dass eine zur Innenseite der Kurve gerichtete Zentripetalkraft wirkt. Ohne Warten. Sie ergibt sich aus der Summe der Seitensäfte, die zwischen Augen und Zeile entstehen und auf das Gehirn einwirken. Sehr. Fehlt dieser Saft (z. B. bei zu schwacher Glühlampe), so bewegt sich das Leserauge geradlinig weiter, wird infolgedessen aus der Zeilenkurve getragen. Und danach. Dunkelheit. Der Geist bewegt sich auf derselben Kreisbahn wie der Körper, weil das in Händen gehaltene Buch auf ihn eine Zentripetalkraft ausübt. Solche Leidenschaft. All dies eingedenk des durch Mark und Bein gehenden Satzes aus Gelenke des Lichts : Von irgendwoher strömen die Wasser und wollen durch uns hindurch und weiter.

Das alles lasse ich mir erst mal auf der Zunge zergehen, bevor zwei Fragen sich nach vorne drängen.

Ist der Sokrates Platons ein anderer Sokrates als der Sokrates Xenophons? Ist die Friederike Mayröcker Peter Salomons eine andere Friederike Mayröcker als die Friederike Mayröcker Theo Breuers? Rhetorische Fragen. Gewiß. (›Gewiß‹?) So what. Ich frage also unweigerlich danach, ob ›meine‹ Marlene Streeruwitz ›deine‹ Marlene Streeruwitz ist … (Womit wir zugleich bei der Problematik des Possessivpronomens sind, das ich zu vermeiden suche wie Herr Scheufel das Haiwasser.)

Geradezu berauscht von der wie immer süchtig machenden Lektüre der Romane von Marlene Streeruwitz (Flammenwand. Nunmehr. Der achte Roman. Den ich lese.), explodiert es, als ich die letzte Zeile lese: »Ja.«, sagte sie laut. »Ich will.«

Mit aller Macht springen im Augenblick des Lesens des letzen Worts – will – die letzten Wörter des Romans Ulysses von James Joyce ins Hirn: … and yes I said yes I will Yes.

Was für ein allgewaltiges Echo, das Finsterscheiben, Boden und Wände in dieser tiefnächtlichen Stunde b∙u∙c∙h∙s∙t∙ä∙b∙l∙i∙c∙h erzittern läßt. Sekundenlang vibrieren die Extremitäten. Durchbrennt es glühend Blutbahnen und Fibrillen. — — — — — — —

Spannt Ulysses sich über vierundzwanzig Stunden, so beläuft sich die erzählte Zeit, in der ich die Drinnenwelt der Draußenwelt der Drinnenwelt Adeles in Flammenwand. erlebe, auf gerade mal fünf Stunden. So. Ein starkes, starkes, starkes Buch.

Life is too short to read a bad book. (James Joyce)

Warum verwandelte sich alles in Gefühle. Bei ihr. In Körper. Körperlichkeiten. Warum konnte nichts im Kopf bleiben. Warum wanderte jeder Gedanke in ihren Körper. Hinunter. Breitete sich aus. Erfüllte sie. Warum musste sie mit allem denken. Mit dem ganzen Körper. Sie warf den Kopf zur Seite, den Gedanken wegzuschieben. Wegzuschütteln. Aber es waren gar nicht Gedanken. Nicht nur. Es waren Bilder. Diese Bilder von außen in ihr.

Flammenwand. Diesen. Hochkomplex. Strukturierten. Roman. Werde. Ich. Sehr. Balde. Noch einmal. Lesen. MÜSSEN.

Montag, 19. März 2018. Stockholm. »Bandit« stand oben auf dem Poster. Die Schrift rot. Im glitzerwelligen Wasser ein Ruderboot zu sehen. Ein junger Mann im Boot. Liegend. Sich sonnend. Der Oberkörper nackt.

 

***
Fortsetzung: 10. SeptemberGelenke des Lichts
Erstveröffentlichung in Matrix 58

Fixpoetry 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge