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Kolumne

Alice, Arno, Hans-Jürgen und Sibylla auf der Amöneburg

Zunächst war mir der Namenszug A. Schmidt auf der Titelseite der Encyclopedia Britannica von 1974, die ich nach einer Stadtrundfahrt in einem Hamburger Kellerantiquariat in der Nähe der Kornhausbrücke für äußerst günstige 150 Euro gekauft hatte, gar nicht aufgefallen. Als ich dann aber in Band 7 vor dem Eintrag da Gama, Vasco drei etwa DIN A 4 große Werbezettel für China-Hemden, Nescafé und Argfelder Korn fand, die auf der Rückseite in einer kleinen Handschrift dicht beschrieben waren, erwachte mein Interesse an dem Vorbesitzer oder der Vorbesitzerin. Auf dem ersten Zettel (Argfelder Korn) stand oben in größerer Schrift:

Mit Arno, Hans-Jürgen, Wilhelm Michels und Sibylla von Radenhausen in Amöneburg bei Kirchhain, Reg. Kassel, am 29. 5. 1958.

Mein Puls stieg schlagartig. Nein, die Enzyklopädie gehörte nicht Arno Schmidt, sondern sehr wahrscheinlich Alice Schmidt, die sie nach dem Tod ihres Mannes, um Platz zu gewinnen, verkauft hatte. Arno, und das bedauerte sie sicher sehr, konnte ihr ja keine Suchaufträge mehr erteilen. Ich griff sofort zu Band II der Gesamtausgabe Arno Schmidts herausgegeben von Bernd Rauschenbach im Haffmans Verlag, Zürich 1987, »Der Briefwechsel mit Wilhelm Michels«. Auf S. 80 findet sich ein Eintrag aus Arno Schmidts Tagebuch vom 29.5.58:

650 in Ffm. Dort Michels mit [Opel] Kapitän. / Auf Autobahn bis Abzweigung Homberg (Grünberg) / dann über Oberofleiden zur Amöneburg >Happels Spuren< [vorher Kirchhain: schöner Bahnhof, Gründerzeit, Ziegelbau mit Schmuckkeramik/ übel verbaut / Hans Jürgen von der Wense pünktlich aus Kassel / chicker Anzug / wie ein Lord / auf dem Bahnhofsvorplatz erwartete uns Sibylla von Radenhausen in englischem Sportwagen / Austin Healey Spitfire] / Frühstück  + Mittagessen im Grünen als Picknick […]

Es handelt sich also um ein Notat aus der Hand von Alice Schmidt zu einem der „Ausflüge“ mit Wilhelm Michels, einem der wenigen näheren Bekannten Arno Schmidts. Arno Schmidt war nach Kirchhain gekommen, um den Blauen Löwen, das Geburtshaus Eberhard Werner Happels, 1647 in Kirchhain geboren und 1690 in Hamburg verstorben, zu sehen.

Happel, Sohn eines Pastors, studierte ab 1663 Mathematik und Medizin und später auch Jura in Marburg. Nach verschiedenen Stationen lebte er als Lehrer und Schriftsteller in Hamburg. Er verfasste viel gelesene, umfangreiche höfisch-galante Geschichtsromane, darunter z. B. „Der asiatische Onogambo“, 1673.

Frontispiz mit Porträt Happels und 6 Kupfertafeln.

Wir geben hier eine Abschrift des Notats aus der Hand von Alice Schmidt wieder:

[Sibylla v. R.1 führte uns zum Blauen Löwen.]

Hans Jürgen (H. J. W.): Werde ich nachgehen, der Geschichte des Hauses, wenn ich mit Deskription Bügerhäuser Wetzlars durch bin, kommt in mein Allbuch.

Arno (A. S.): Erstaunlich was mit Lehm, Eichenholz, Ziegeln und Kalk zu schaffen ist, 18. Jh. war der Höhepunkt des fränkisch-hessischen Fachwerkbaus. Was wird denn Ihr Allbuch?

(H. J. W.): Das Gesehene, das Gedachte, die Übersetzungen: Alles kommt hinein, ich ordne es gerade auf, in Mappen.

(A. S.): Sie schreiben Ihr Buch in Mappen?

(H. J. W.): Nein, Zettel über Zettel, Blätter, dann Mappen, die fertige Aufordnung der Zettel wäre ein Traum, ich ändere aber ständig, das ist mein Problem, die Umstellungen, verstehen Sie?

(A.S.): Haben Sie denn keinen Grundriss, keinen Plan?

(H. J. W.): Ich kenne nur Fahrpläne der Bahn, Radioprogramme, Stadtpläne so etwas, aber schauen Sie in die Landschaft: Wo ist ein Plan oder in den Himmel, das Wolkengeschiebe, wo, wo ist ein Plan, in die Wälder, gibt es Grundrisse? Ich laufe vor den Lebensplänen davon, laufe und laufe, Sie wissen doch, Schmidt, karg, [leise:] ohne Weib und Wein, nur das Schreiben, Tag für Tag, und laufen.

(A. S.): Ich mache es anders, wissen Sie, Wense, ich fülle den Körper, das lästige Gefängnis der, naja, sag’n wir ma, anima, ich betäube ihn, nächtens oben in meinem Arbeitszimmer unter dem Dach, mit Argfelder, ja, eine Flasche und er gibt die ganze Nacht Ruhe, morgens ist’s manchmal arg, Mengen von Nescafé.

Sibylla von Radenhausen (S. v. R.): Sie könnten’s leichter haben, Sie beide.

[Warum starrt Arno nur immer auf Fräulein von Radenhausens Oberkörper?]

(H. J. W.), (A. S.): Wie meinen?

(S. v. R.): Haben Sie noch nichts von Konrad Zuses Erfindung gehört?

(A. S.): Sie meinen die elektronische Rechenmaschine, mit der man unglaublich schnell Logarithmentafeln erstellen kann?

(S. v. R.): Nicht nur das, Sie könnten beide ihre Zettel nummerieren und in eine logische oder phantastische Reihenfolge bringen lassen, Sie könnten überhaupt in mehreren Spalten in unglaublich vielen Schriften und Papierformaten schreiben.

(H. J. W.): Kann man mit dem Zuse-Apparat auch komponieren?

(S. v. R): Theoretisch schon, man kann alles ausführen, was sich mathematisch darstellen lässt. Konrad hat wirtschaftliche Berechnungen für unser Gut gemacht, er ist mit Vater befreundet. Er hat uns gezeigt, dass seine Rechenmaschine schreiben kann, aber er sagt, es interessiere sich niemand dafür. Stellen Sie sich vor, man gibt der Maschine ein Lexikon der Sprache ihrer Wahl ein und sie verfasst autonom Texte.

(H. J. W.): Auch Gedichte?

(S.v. R): Ja, nichts leichter als das, hören Sie einmal [Es kann sein, dass ich nicht alles genau hörte, aber etwa so klang es:]

ANGO LAINA

Oiaí laéla oía ssísialu
ensúdio trésa súdio mischnumi
ja lon stuáz
brorr schjatt
oiázo tsuígulu
ua sésa msuó tülü
ua sésa maschiató toró
oi séngu gádse ándola
oi ándo séngu
séngu ándola
oi séng
gádse
ina
leíola
kbaó
sagór
kadò

(H. J. W.): Und es kommt tatsächlich aus der Maschine?

(S. v. R): Ja, Vater hat es seinem Freund Rudolf Blümer geschenkt, dem späteren Juristen, der zum Meister der Sprechkunst wurde, schon 1921, damals wusste niemand von den Zuse-Apparaten, Konrad war gerade 11 und hatte seinen ersten Apparat in Wilmersdorf gebaut, er wollte ein Gedicht im Goethischen Stil schreiben lassen und da ist es dabei herausgekommen, die Maschine war noch nicht weiter, heute kämen ganz andere Texte dabei heraus.

[Arno schaut wieder auf ihren Oberkörper. Was macht er nur?]

Rudolf fand es toll und Vater schenkte es ihm, nachdem er an den Rechenschreibapparat eine Adler-Schreibmaschine angebaut hatte.

(H. J. W.): Das müsste ich übersetzen, ich meine bearbeiten, es ist ja das welterste Maschinengedicht. Und es wäre die allererstaunlichste Erstübersetzung eines Maschinengedichts.

(S. v. R.): Zu spät, Herr Wense, Max Niedermeyer hielt es für expressionistisch und veröffentlichte es vor drei Jahren 1955 im Limes Verlag Wiesbaden in seiner Anthologie „Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts. Von den Wegbereitern bis zum Dada“.

Wilhelm Michels (W. M): Die Einleitung von Gottfried Benn, der ja im Limes Verlag nach dem Krieg wieder zu veröffentlichen begann, nach seiner Zeit als Oberstabsarzt im Bendlerblock, ist lesenswert, Benn weiß gar nicht so genau, was expressionistisch eigentlich bedeutet.

(S. v. R.): Sie bekommen das Buch bei mir im Forsthof für 2, 90 Mark, kein Preis oder? Wenn Sie übrigens noch auf den Berg wollen, müssen wir los. Sie wollen doch, so weit ich weiß, um 2155 h in Ffm sein.

[Wir fuhren auf der Kreisstraße 30 auf den Marktplatz von Amöneburg, es war feuchtwarm und ungefähr 15 0Cwarm. Wense wollte den Mauerrundweg um den Berg laufen, Arno stimmte zu.]

(A. S.): Hören Sie, Wense, hören Sie den Traktor unten trocken tuckernd trahieren? [Nimmt das Fernglas zur Hilfe], ich glaub‘s nicht, eine Jung-Bäuerin zieht die Furchen.

(W. M.): Kein Wunder, wahrscheinlich gibt’s keinen Bauern mehr, sinnlos gefallen für das Verbrecherregime.

(S. v. R.) [Mit gerunzelter Stirn]: Ich ackere auch, das ist hier so üblich.

(Alice Schmidt): Wir Frauen ackern und dichten, heute läuft im NDR und im Bayrischen Rundfunk die Erstsendung des Hörspiels von Ingeborg Bachmann »Der gute Gott von Manhattan«, hätte ich gerne gehört.

(A. S.): Sie geht zur Gruppe 47. Ich gehe da nicht hin, grundsätzlich zu keiner Gruppe mehr. Wense, sind sie auch von denen eingeladen worden?

(H. J. W.): Ich? Nein, mich kennt niemand. Ich bin unsichtbar. Ich lebe im Himmel und schreibe für alle.

(A. S.): Ich schreibe gern für den Funk, sie zahlen besser als Rowohlt.

[Hans Jürgen Wense betrachtet Cumuluswolken über dem Ebsdorfer Grund.]

(S. v. R.): Hier sind wir am Ort der Wenigenburg, Vorburg der Amöneburg, es sind nur noch zwei Keller zu sehen, die Bauern haben die Burg abgetragen und ihre Häuser damit gebaut. Weiter vorn ist noch der Halsgraben zu sehen.

(A. S.): So ist’s richtig, bei all der Burgenromantik vergisst man, dass es militärische Anlagen waren, zuerst hatten die Bauern die Steine in Fronarbeit zu brechen, zurechtzuschlagen, herzutransportieren und dann haben sie sich genommen, was mit Fug und Recht ihnen gehörte. Sie, lieber Wense, und Sie auch, ehrenwärtiges Fräulein von Radenhausen, müssen mit ihrem Karma jetzt büßen, was ihre Vorfahren so anrichteten.

(S. v. R.): Sie malochen ja auch ganz schön, was ich so höre und sehe, Herr Schmidt.
[Wie ich ihr da zustimmte!]

Soweit die Transkription des offenbar abbrechenden Notats. In Arno Schmidts Tagebucheintrag vom 29.5.1958 heißt es dann noch:

[…] Dann kartographisch nicht nachvollziehbare Hexenschlingen gefahren (dank mehrerer »Umleitungen«): Dämmerung immer schöner + tiefer – die Schattenkähne der Berge – bis wir bei Homberg wieder auf die Autobahn finden / 2155 Ffm.

  • 1. Sibylla von Radenhausen, Antiquarin, Antiquariat Forsthof in Marburg an der Lahn, Ritterstraße, die Arno Schmidt mit Literatur aus dem 18. Jh., versorgte. Bei ihren zahlreichen Besuchen in Bargfeld hatten Arno Schmidt die literarischen Kenntnisse der Antiquarin in Bann gezogen.

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