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Anne Carson – Dreizehn Blickwinkel auf Einige Worte

Am 07. Juni hielt Anne Carson im Haus für Poesie in Berlin ihre Berliner Rede zur Poesie. Na ja, nicht ganz. Sie hielt sie auf dem Kanal für Poesie. Dieses Jahr ist eben alles etwas anders. Außer Carson und ihre spektakuläre Art zu denken und zu schreiben.___STEADY_PAYWALL___

 

 

Darum jetzt und hier einige Gründe, warum es sich lohnt sich mit Anne Carsons Rede zur Poesie näher zu beschäftigen.

Es macht Spaß

Sieht man sich die Lesung Anne Carsons an, bekommt man (sogar wenn man nicht verstehen sollte, was genau sie sagt – das man es aber sehr genau versteht, liegt an der hervorragenden Übersetzung von Anja Utler) einen Eindruck davon, wie die besondere Art von Humor bei ihr funktioniert.

Sie liest ihre Rede manchmal so, als wäre sie eine Nachrichtensprecherin. Völlig emotionslos, fast gelangweilt. Ein anderes Mal ist ihr Vortrag beinahe feierlich. Immer wieder ordnet sie ihre Papiere und verzieht keine Miene. Sie trägt einen Strohhut, wenn sie über Flaubert spricht, einen anderen Hut, bei ihrer kurzen Rede über Homer und John Ashburry und eine Fliegermütze, bei ihren Überlegungen zu Hegels Schwester Christiane.

Zum Ende ihrer Rede bezieht sie das Publikum ein, indem sie wie bei einem Konzert, die Zuhörer*innen den Refrain sprechen lässt.

Oder kürzer formuliert: sie spielt die ganze Zeit mit dem heiligen Ernst eines Kindes.

Anne Carsons Sätze nehmen ihre Leser*innen mit ins Innere der Metapher

Wenn Anne Carson über den Irrtum schreibt, klingt es als würde sie eine Landschaft beschreiben. Von Satz zu Satz ihrer zwingenden Schlussfolgerungen über Irrtum und Scham wird das Einverständnis stärker. Und dann öffnet Carson mit einem einzigen Satz die Tür dieses Gedankenkäfigs, und nimmt uns mit ins Fragwürdige, eröffnet neue Blickwinkel für zuvor nie in Frage gestelltes. Oder, um näher bei Carson zu bleiben, sie nimmt uns mit ins Innere der Metapher. Von der Aristoteles laut Carson sagt, sie erlaube:

„dem Denken sich
selbst dabei zu erleben
wie es einen Fehler macht“

Im Grunde beschreibt Carson in „Einige Worte dazu worüber ich am meisten nachdenke“, ihre ureigene Poetologie, die Art, wie sie schreibend denkt, von der Anthropologie des Wassers über Decreation bis Rot. Die Lust an den Lücken, dem Irrtum, den Fehlern, die weiter führen, über Regeln, Fakten und Beweise hinaus, in das ertragreiche Gebiet der Fragen und Spekulationen. In die Erfahrung.

Carson führt als eine der besten Begleiterinnen, um das Staunen wieder zu lernen, in die Erfahrbarkeit eines Fehlers.

Eines Fehlers, der etwas offenbart, das jenseits von richtig und falsch liegt. Weil es unter der wohlgeordneten Oberfläche chaotischer zugeht. Paradoxer. Lebendiger.

Während andere Dichter*innen ihre Poetik vor Fragen entwickeln, deren Antworten sie längst kennen, tritt Carson wirklich hinter die Fragen zurück, begibt sich in das unwegsame Gelände, das sich auftut, wenn Gewissheiten, Konventionen und Übereinkünfte hinterfragt werden. Wenn eine sich aufmacht ins Unbekannte, Unerschlossene. Wo manchmal kein logischer Schluss, kein gedanklicher Winkelzug die Rätsel lösen kann.

In Decreation schreibt sie über einen Satz von Marguerite Porete:

„Ich habe keine Ahnung, was dieser Satz bedeutet, aber er elektrisiert mich. Erfüllt mich mit Staunen.“

Sie wagt den Schritt von der Wahrheit in die Wirklichkeit

„Für Menschen ist Unvollkommenheit die Tatsache an der Sache“, schlussfolgert Carson nach einigen Überlegungen zu einem Gedichtfragment aus dem 7. Jahrhundert, und zieht den Schluss, dass Urteile vor diesem Hintergrund wenig hilfreich sind. Weil sie abschließend wirken. Also das Gegenteil von dem, was Carson tut: Aufbrechen. Fragen. Forschen. Scheitern. Irren. Immer in Bewegung bleiben.

Denn darum geht es: sich zu bewegen, von Fehler zu Fehler zu stolpern, herumzuirren, auf der Suche nach dem eigenen Weg, statt in Ehrfurcht vor denen, die die Regeln genaustens kennen und höchst eloquent auslegen, zu erstarren. Es geht mithin darum, die Notwendigkeit anzuerkennen, dass man sich der Unsicherheit stellen muss, sobald man es aufgibt, „Leute zu imitieren, die die Regeln kennen.“ Und dass das Wagnis sich lohnt.

Die Art, wie Carson Geschichten erzählt

Geschichten über Ovid und Joseph Conrad, Geschichten von Irrtümern und Unmöglichkeiten. Von der Schönheit des Scheiterns. Vom Überkreuzen gerader Linien. Von unterschiedlichen Denkräumen, von Hegel und seiner Schwester Christiane. Oder von einem Wasserglas in Griechenland.

Sie stellt haltlose Behauptungen auf, mäandert von Gedanke zu Erinnerung, verliert den Faden und ist doch immer eine der klarsten, pointiertesten Dichterinnen, die ich jemals gelesen habe. Jeder ihrer Sätze produziert einen „energetischen Überschuss“1

Sie trägt Hüte.

Sie stellt die Geschichte der Begriffe auf den Kopf.

Sie macht Mut zu eigenständigem Denken.

 

 

 

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Dreizehn Blickwinkel auf Einige Worte / Thirteen Ways of Looking at a Short Talk
Deutsch/Englisch. Aus dem Englischen von Anja Utler
Wallstein Verlag 2020
Reihe: Berliner Rede zur Poesie; Bd. 5 / 2020
52 S., 1 Abb., geb., 12,3 x 21 cm
ISBN 978-3-8353-3665-0 (2020)
€ 13,90 (D) / € 14,30 (A)

  • 1. Anja Utler im Poesiegespräch mit Hans Jürgen Balmes zu Anne Carson

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