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Kolumne

Menschen, Bücher, Sensationen!

BuchDruckKunst 2020

Die BuchDruckKunst ist eine jährlich in Hamburg stattfindende Messe für „Erlesenes auf Papier“. 2020 konnte sie coronabedingt, wie so vieles anderes auch, leider nicht stattfinden. Den sehr schönen und liebevoll gestalteten Katalog zur Messe gibt es aber trotzdem und er ist mehr als lesenswert. Klaus Raasch schickte ihn mir zu, weil wir uns von der Frankfurter Buchmesse her kennen, von wo ich mehrere Jahre lang in meinen Frankfurter Buchfunden über Künstlerbücher und –editionen, Unikatbücher und einfach wunderschöne Bücher berichtet habe. Besonders schön am Magazin zur BuchDruckKunst sind die zahlreichen Abbildungen darin, ___STEADY_PAYWALL___ die neugierig auf mehr machen. Das Motiv der Buchakrobaten für Cover, Plakate, Flyer und Einladungskarten der BuchDruckKunst 2020 schuf Franziska Neubert von der Leipziger Künstlerinnengruppe AUGEN:FALTER. Buchakrobaten schwingen sich darauf mit Büchern durch die Lüfte, balancieren mit Büchern über ein Seil, oder führen waghalsige oder verblüffende Buchkunststücke vor.

Franziska Neubert, Künstlerinnengruppe AUGEN:FALTER

Die BuchDruckKunst ist die Manege, in der neue Kunststücke neben den Klassikern des Gewerbes aufgeführt werden, leicht & luftig, erdenschwer & besinnlich, wagemutig & verrückt.

Im ersten Beitrag, Menschen, Bücher, Sensationen, stellt Klaus Raasch uns die Messe und einige der Buchakrobaten näher vor und bringt uns dabei ganz nebenbei vieles über die Geschichte und lange Tradition der Schwarzen Kunst bei. Heinz Becker bezeichnet er als begnadeten Jongleur der Schriftzeichen und einen der letzten Schriftsetzer. Ein Magier des Siebdrucks wird Francis van Maele genannt, der gemeinsam mit Antic-Ham alias FRANTICHAM die REDFOXPRESS auf Achill Island führt. Die beiden kenne ich ebenfalls aus Frankfurt, da es in ihrem kleinen aber unglaublich kunterbunt-fröhlichem Verlagsstand immer etwas Neues zu entdecken gab. Jongleur und Magier hätten wir also, fehlt noch das Wichtigste in jedem Zirkus: der Clown. Martin Graf wird zwar von Klaus Raasch nicht direkt als Clown bezeichnet, nutzt aber „den Offsetdruck für seine Clownereien und gewitzten Pop-Up-Bastelbögen“. Und noch viele andere Buchkünstlerinnen und –akrobaten präsentiert Klaus Raasch uns in seiner Führung durch die Manege der BuchDruckKunst. Über sich selbst spricht Klaus Raasch in dem Beitrag nicht, ist sein Name doch bereits vielen ein Begriff. Abgesehen davon, dass er die BuchDruckKunst organisiert und das Magazin zur Messe konzipiert, gestaltet und herstellt, ist er auch noch Verleger und Künstler. Empfehlen kann ich hier Das Meer / La Mer / The Sea von Barbara Dickow, mit Übersetzungen ins Englische und Französische von Françoise Meyer und Caroline Saltzwedel und Grafikübersetzungen in Farbholzschnitte von Klaus Raasch, welches ich rezensiert habe.

Auf den ersten einleitenden Beitrag von Klaus Raasch folgen einige Seiten, auf denen die Bücher für sich selbst sprechen dürfen und wir sehr vieles ohne nähere Erläuterungen anhand von Abbildungen präsentiert bekommen. Und dann kommen einige der Buchkünstlerinnen und –akrobaten selbst zu Wort um sich, ihre Arbeit, ihre Verlage oder auch einzelne Projekte zu präsentieren. Edda Baußmann & Annette D. Gresing stellen die in der Edition Sonblom erscheinende Weiße Reihe vor. Es geht ihnen dabei um einen Beitrag zur interkulturellen Verständigung in Europa. Die Weiße Reihe bringt klassische Texte der Weltliteratur aus jeweils anderen europäischen Ländern mit zeitgenössischen Grafikkünstlern und -künstlerinnen verschiedener Nationalitäten zusammen. Die Grafiken werden dabei exklusiv für die Reihe gestaltet:

Von essentieller Wichtigkeit ist für uns – sobald die Textauswahl steht und eine Abdrucklizenz vorliegt – die Frage: Welche künstlerische Handschrift paßt zum Text und dessen Autor? Denn wir sehen die Grafik im Buch nicht etwa als eine bloße Illustration im Sinne eines Ins-Bild-Setzens dessen, was im Text steht, sondern als einen eigenständigen Interpretationsansatz des Künstlers in dem für ihn spezifischen grafischen Ausdruck.

Rainer B. Schossig stellt als nächstes „Die fabelhafte Welt der Tita“ do Rêgo Silva vor und schwärmt von ihren kunterbunten und lebensfrohen Mischwesen. Tita do Rêgo Silva ist eine in Brasilien geborene und inzwischen seit über 30 Jahren in Deutschland lebende Künstlerin, die für ihre Holzschnitte bekannt ist. Ich selbst lernte ihre Arbeit bereits vor Jahren kennen und schätzen, als ich das von ihr mit großartigen Holzschnitten versehene Buch Kindheit von Peggy Parnass rezensieren durfte.

Eva Sigrist wiederum entführt uns in den hohen Norden und erzählt von Anja Harms und Eberhard Müller-Fries, die sich künstlerisch bereits seit vielen Jahren mit dem finnischen Nationalepos Kalevala auseinandersetzen. 2019 wurden sie dann mit ihren großformatigen Buchskulpturen dazu eingeladen, diese im Kalevala-Museum Juminkeko in Kuhmo in einer eigenen Ausstellung zu zeigen.

In die Welt der Schriften lädt uns Michael Wörgötter in seinem Beitrag ein und erzählt vom Projekt, eine komplette Holzschrift in traditioneller Technik herzustellen, während eines langen Sommers, 200 Buchstaben, 300 Arbeitsstunden…

Angeline Schube-Focke führt aus Anlass des 35. jährigen Bestehens des Verlags Die Quetsche und des 100. Buches ein Interview mit dem Verleger Reinhard Scheuble.

Gerhard Eikenbusch stellt das gemeinsame Buch mit Artur Dieckhoff Wir machen Druck! vor, in dem es darum geht, wie man Schulkindern im Unterricht die verschiedenen Drucktechniken näher bringen und sie damit für die Schwarze Kunst begeistern kann.

Claus Lorenzen erzählt von dem spannenden Projekt, eine illustrierte Fassung von Hermann Hesses Erzählung Klingsors letzter Sommer in der Officina Ludi zu publizieren. Illustrieren ließ er die Novelle von Karin Widmer, der Urenkelin Hermann Hesses und erzählt, wie er mit ihr an die Schauplätze der Novelle reiste und bis spät in die Nacht mit Hesse-Nachkommen über den Autor und seine Novelle diskutierte.

Als letzter kommt Toni Kurz zu Wort und stellt seine Edition Thurnhof vor, die es seit 1983 gibt und in der vor allem österreichische Literatur und Kunst vertreten ist. Auch die Edition Thurnhof kenne ich von der Buchmesse in Frankfurt, ihr Verlagsstand war mir immer ein Ruhepol im Messetrubel, wo man in den vielen wunderschönen Büchern des Verlags schmökern konnte um dabei alles rundum zu vergessen. Seit 1996 gibt es dort die literarische Reihe OXOHYPH, in der wunderschöne Bücher zeitgenössischer Autoren und Autorinnen mit Offsetfarblithographien erscheinen, wobei die Verbindung von Text und Grafik über das Illustrieren oder Beschreiben hinaus gehen soll. Das Besondere ist nicht zuletzt die Technik, sondern das menschliche Miteinander, da die Künstler und Künstlerinnen für die Farbabstimmung direkt vor Ort sein müssen und nicht nur das:

Oft sind auch die Autoren einige Tage an diesem Prozeß beteiligt, weil die Entstehung ihres Buches – anders als im herkömmlichen Verlagswesen – direkt miterlebt werden kann. So kommt es immer wieder zu wunderbaren Begegnungen, da ja nicht nur geplant und gearbeitet, sondern auch gefeiert wird.

Was ein schönes Schlusswort für das Magazin der BuchDruckKunst ist. Es folgt noch ein Verzeichnis der Künstler und Künstlerinnen und der Editionen, die an der BuchDruckKunst 2020 teilnehmen hätten wollen. Und so schade es ist, dass die BuchDruckKunst dieses Jahr unerwartet doch nicht stattfinden hatte können, so schön ist es, dass es diesen Katalog dazu gibt, in dem man nachlesen kann, was einen 2020 erwartet hätte und sich zugleich vorfreuen kann auf die BuchDruckKunst 2021, denn selbstverständlich laufen die Vorbereitungsarbeiten dafür bereits seit langem auf Hochtouren.

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