Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

Die graue Eminenz des deutschen Undergrounds ist tot

Ploog polarisiert! Und das über seinen Tod hinaus. Die totschweigende Masse & Mehrheit, der mediale Mainstream kann mit seinem Schreiben nach wie vor nichts anfangen. Nur eine kleine Gemeinde ist ihm zugetan, oftmals Leute, die selber schreiben, und denen hat Ploog wahrlich allerhand zu sagen. Den anderen bleibt er unerhört. Nun ist Jürgen Ploog (Jahrgang 1935) gestorben, am 19. Mai. Und zwar in Frankfurt am Main fast unbemerkt. Dabei lebte er seit 1960, seit er als Langstreckenpilot bei der Lufthansa anfing, in dieser Stadt. Ab seiner Pensionierung 1993 hatte er noch einen zweiten Wohnsitz im sonnigen Florida gehabt, aber war einen Großteil des Jahres in der Mainmetropole präsent - aber wenig öffentlich.

Schon als junger Student bin ich auf die Beat Generation gestoßen, ___STEADY_PAYWALL___auf Jack Kerouac, Allen Ginsberg, William S. Burroughs und all die anderen. Auch ein Buch von Jörg Fauser hatte ich damals bereits gelesen. Aber tiefer eingestiegen bin ich erst ab den 1990er Jahren, als ich selber nach Frankfurt gezogen bin. Wenn ich so in meine Bücherregale blicke, dann besteht für mich die "deutsche Sektion" der Beat Generation nach wie vor aus Jörg Fauser, Carl Weissner, Jürgen Ploog, Hadayatullah Hübsch, Rolf Schwendter und Rolf Dieter Brinkmann. Das ist aber nur ein kleiner Ausschnitt derjenigen, denen man dieses Label anhängen könnte.

Auf Ploog, aber auch auf Hadayatullah Hübsch, einem stadtbekannten Hippie und Beatnik der 1968er Jahre, bin ich dann relativ bald gestoßen, denn in der (subkulturellen) Literaturszene der Stadt waren sie damals schon präsent. Wie lange sich die beiden bereits kannten bzw. miteinander befreundet waren, weiß ich nicht genau. Aber in der kleinen "Zeitschrift für Grafik & Literatur" Törn, die der damals noch nicht konvertierte Hübsch, als er sich noch P.G. Hübsch nannte, herausgab, war Ploog in der Ausgabe  Nr. 8 vom Mai 1968 mit zwei Comicstrip-Montagen vertreten. Sie kannten sich also schon seit der "wilden" Zeit. Und Ploog schreibt auch in der Tat in seinem Beitrag "Gibt es ein letztes Mal? Erinnerungen an einen Gefährten" in Kaleidoskopidschi - Erinnerungen an Hadayatullah Hübsch (herausgegeben von Miriam Spies, Gonzo Verlag, Mainz, 2011): "Wir kannten uns seit den 60er Jahren, zu einem ernsthaften Austausch allerdings kam es kaum."

Hadayatullah Hübsch und Jürgen Ploog, Foto: Almut Aue

Berthold Dirnfellner hat in seinem "verwilderten Essay" zur 1.200-Jahr-Feier Frankfurts über Ploog & Hübsch ein literarisches Porträt gezeichnet, was die beiden - auch rein körperlich, dieses ungleiche Paar - sehr unterschiedlichen Männer treffend charakterisiert:

"Zwei Spiegel sind zerbrochen, in denen Gilmor zuvor noch die Abbilder zweier hiesiger Männer beobachtet hatte. Er hatte beide sprechen hören über abgestandene Schreiber und Wortsetzer aus den USA. Dem einen hängt langes, fettiges Haar an den Ohren herunter, ein schwarzer Bart bestimmt das Gesicht zu einem rundlichen Etwas, der andere, rechts, ist wohl fünfzigjährig, sein gräuliches Haar gepflegt ausrasiert und es umgibt ihn schweres Gewölk des Duftes jener großen weiten Welt erdumkreisender Piloten, zwischen Rio, Frankfurt, New York, Tokio ziehen die Textzeilen übers Weiß der Wolkenblätter, sein hellbeiger Seidenschal hatte vormittags Tropfen von Antaeus eingesogen. Beide bemühen sich, schulterklopfend innigen Konsens durch Liebe zur und Bevorzugung der US-amerikanischen Literatur herzustellen, festzuhalten, ihren äußerlichen Widerspruch verwischend. Seit 1971 vertrete er die Theorie, daß das Wort nichts anderes als ein Virus sei, das als solches nur deshalb nicht erkannt würde, weil es einen Zustand verhältnismäßig ausgeglichener Symbiose mit dem menschlichen Wirt erreicht habe; das heiße, das Wortvirus (die andere Hälfte) habe sich derart als Teil des menschlichen Organismus festgesetzt, daß es sogar über Gangsterviren wie die Pocken herziehen und sie ins Institute Pasteur abschieben könnte, doziert der Fünfzigjährige seinem Gegenüber kräftig auf Gesicht und Ohren, er redet ihn auf Mondkurs; möchte der Planet sein, der sich Trabanten leistet. [...] Aufgeben hätte der fünfzigjährige Flug-Schreiber nicht sagen sollen. Das Wortvirus hat sofort den Aufbegehrungsmechanismus des jüngeren Trabanten lahmgelegt, das Phlegma aktiviert, hübsch sachte läßt er sich in die Umlaufbahn seiner elliptischen Schreibbewegung von dada bis zum Alemannenweg fallen." (Berthold Dirnfellner, BitterBlue - Frankfurt, literarisch, Axel Dielmann Verlag, Frankfurt, 1994, Seite 56-57)

In dieser Weise sind der Flug-Schreiber Ploog und Hadayatullah "hübsch sachte", der damals mit seiner Familie im Alemannenweg 62 in Frankfurt-Unterliederbach gelebt hat, in der Mitte der 1980er Jahre aufgetreten.

Ploogs Lesungen waren dabei immer rar gesät. Ich müsste ihm das erste Mal bei der Gedenkveranstaltung (in Memoriam) zu Jörg Fausers zehntem Todestag im Hessischen Literaturbüro am 2. Oktober 1997 begegnet sein. An diesem Abend wurde aus Fausers Büchern gelesen, und zwar von Peter Henning, Rainer Weiss, Carl Weissner und natürlich Jürgen Ploog.

Zum 20. Todestag von Jörg Fauser hat das Kulturamt der Stadt Frankfurt sogar eine ganze Fauser-Woche mit insgesamt fünf Veranstaltungen veranstaltet: "Ich bin Poet Ich bin Geschäftsmann". Die Jörg Fauser-Woche der Stadt Frankfurt am Main vom 13. bis 17. November 2007. Es wurden auch literarische Weggefährten wie Wolf Wondratschek, Franz Dobler und Matthias Penzel eingeladen, die Texte von Fauser gelesen haben. Ich habe mich die Woche darauf mit Hadayatullah getroffen. Wir waren uns beide einig, dass es ein Unding ist, dass ein enger Vertrauter und Weggefährte wie Jürgen Ploog, und der auch noch in Frankfurt lebt, nicht zumindest eingeladen worden ist!

Vom 4. Juni bis 10. Juli 1998 gab es im Dominikanerkloster in Frankfurt die Ausstellung "Zentralorgane des Undergrounds - Szeneblätter von 1968 bis 1980" zu sehen. Grundlage ist der Nachlass des "Literarischen Informationszentrums Josef Wintjes", der 1995 in Form einer Stiftung an die Humboldt-Universität Berlin gegangen ist. Ausgestellt und gewürdigt wurde dabei unter anderem die Literaturzeitschrift "Gasolin 23", und damit auch Jürgen Ploog. Denn er hat sie von April 1973 (die Nr. 2, denn die Nr. 1 war nur eine intern verteilte Nummer) bis 1986 (die Nr. 9) zusammen mit Jörg Fauser und Carl Weissner, später mit Walter Hartmann, herausgegeben. Im Rahmen dieser Ausstellung gab es auch eine Lesung mit Ploog, zu der ich leider nicht kommen konnte. Aber ich bin dadurch auf die gerade erschienene erweiterte und überarbeitete Wiederauflage seines Buchs Strassen des Zufalls - über W.S. Burroughs gestoßen. Es ist eins vom besten, was je über Burroughs' Werk geschrieben worden ist, und hat mir sehr beim Einstieg geholfen. Ich habe es Jahre später erneut gelesen, und erst da ist mir klar geworden, dass es darin nicht nur um das Werk Burroughs' geht, sondern was es auszeichnet, ist auch und gerade die Auseinandersetzung Ploogs mit dem (eigenen) Schreiben, mit seinem Selbstverständnis als Schriftsteller.

In dem Gedicht "Gibt es ein erstes Mal? (für Jürgen Ploog)", erschienen im Monolith von Hadayatullah Hübsch, heißt es: "Er mag es nicht, wenn ich ihn Graue / Eminenz des Deutschen Undergrounds nenne." Diesen Begriff über Ploog hat Hadayatullah bereits 1994 in einer Buchbesprechung über Ploogs Raumagenten im Journal Frankfurt verwendet. Und genau dieser Abschnitt wird auch im Klappentext zu Strassen des Zufalls gebracht. Daraus kann man ersehen, dass Ploog wohl eher mit dem Begriff der "grauen Eminenz" kokettiert hat, als sich darüber wirklich zu ärgern.

Ab 2002 hat sich zwischen mir und Hadayatullah eine enge Freundschaft entwickelt. Und über ihn bin ich dann auch in näheren Kontakt gekommen mit Ploog. Im Mai 2007 habe ich mich mit Ploog zu einem intensiven Gespräch im Café Siesmayer am Palmengarten getroffen. Wir unterhalten uns auch über seine Äußerung, dass er für seinen diskontinuierlichen Lebenswandel als Pilot zunächst eine entsprechende Schreibweise finden musste, und das war Cut-up. Ploog, der in den 1960ern diese Schreibtechnik von William S. Burroughs als erster in Deutschland aufgegriffen hat. "Er war der Erste, und ist bis heute der Beste geblieben, der das auf Deutsch macht." sagte Carl Weissner 1998 in einem Interview. Ploog benutzt die Cut-up-Technik, um für sich Zusammenhänge zu erkennen. Er vergleicht das Schreiben mit einem Zen-Bogenschützen, der mit seinem Ziel verschmilzt, um dann ohne Absicht das Ziel zu treffen. Sich in ein Bild versenken, es dann niederschreiben, ohne jedes Wort zu hinterfragen. Wobei er seine Texte durchaus überarbeitet. Das spontane Schreiben eines Jack Kerouacs, mit seinem "first thought, best thought" ist nicht sein Ding. Ziel seines Schreibens ist es, eine andere Wahrnehmung zu erlangen. Wichtig ist ihm dabei gewesen, unabhängig und frei von Verlegern und Redakteuren schreiben zu können. Sein Job als Pilot hat ihm das Zeit seines Berufslebens immer ermöglicht. Wenn er von einem Flug zurückkam, konnte er sich drei, vier Tage am Stück komplett zurückziehen, um zu schreiben.

Nach unserem Treffen habe ich ihn gefragt, ob man sich gelegentlich treffen könnte, zum Beispiel auch mit anderen zusammen. Er sei kein geselliger Mensch; in der Beziehung immer recht zurückhaltend mir gegenüber. Wobei wenn wir uns dann doch selten gesehen haben, dann war er immer sehr freundlich zu mir, und das war nicht gespielt! Ich habe ihn auch gefragt, ob für ihn eine Wohnzimmerlesung, also eine mehr im privaten Rahmen stattfindende Lesung, in Frage kommen würde. Diese Art der Veranstaltung hatte mir Hadayatullah ans Herz gelegt, so etwas selbst zu organisieren. Aber Ploog winkte ab, meinte, für ihm müsste solch eine Lesung schon in einem größeren Rahmen stattfinden. Und so hat es dann noch gedauert, und es war wohl auch gutes Zureden von Hadayatullah mit im Spiel.

In der Zwischenzeit hatte Dr. Sigrid Fahrer ihre Dissertation über Cut-up abgeschlossen. Sie, die an der Universität Mainz promovierte, hatte dabei Gelegenheit, sowohl mit Hadayatullah als auch mit Ploog als Vertreter der deutschen Cut-up-Community zu sprechen. Nachdem ich ihre Dissertation Cut-up - eine literarische Medienguerilla gelesen hatte, kam mir die Idee, eine Wohnzimmerlesung als Cut-up Spezial zu konzipieren: Ein einleitender Vortrag von Sigrid über Cut-up, gefolgt von Textbeiträgen von Hadayatullah und Ploog. Sie fand als "7. Frankfurter Wohnzimmerlesung" am 23. Januar 2010 in meiner Wohnung im Frankfurter Ostend statt. Jahre später habe ich bei einer Lesung von Ploog eines seiner neueren Bücher gekauft. Er hat es mir signiert mit dem Satz "Für Peter Oehler mit Blick auf den Main 11  15". Dazu muss man wissen, dass man von meinem Wohnzimmer durch die große Glasfront nach Süden direkt hinunter auf den Main sieht. Das hat er sich also gut gemerkt.

Jürgen Ploog und Dr. Sigrid Fahrer, Foto: Mio Dukic

Wer sich übrigens einen Überblick auf oder einen Einstieg in die Cut-up-Technik und ihre weltweiten Autoren/Vertreter verschaffen möchte, dem sei Sigrid Fahrers Dissertation sehr zu empfehlen. Neben akademischer Gründlichkeit liest sie sich nämlich auch recht spannend. Mir ist - weltweit betrachtet - nur noch ein weiteres Buch bekannt, das solch einen vollständigen Blick auf Cut-up wirft: Edward S. Robinsons Shift Linguals - Cut-Up Narratives from William S. Burroughs to the present. Obwohl Ploog in diesem Buch mehrfach erwähnt wird, wird allerdings so gut wie gar nicht auf sein Werk eingegangen. Warum das so ist, ist mir erst jetzt beim Lesen einer der wenigen Nachrufe voll bewusst geworden: Ploog hat fast ausschließlich auf Deutsch veröffentlicht (und insbesondere Cut-up-Texte lassen sich kaum übersetzen). Einzige Ausnahmen in Englisch:

  • die Kollaboration Cut Up or Shut Up von 1972 zusammen mit Jan Hermann und Carl Weissner;
  • das Interview, das Ploog mit William S. Burroughs im Mai 1986 in Berlin geführt hat (zu sehen in dem Film Commissioner of Sewers von Klaus Maeck. Die Transkription im englischen Original ist in Burroughs Live  - The Collected Interviews of William S. Burroughs 1960-1997, herausgegeben von Sylvère Lotringer, zu finden. Die deutsche Übersetzung steht in Kozmik Blues: William S. Burroughs Special);
  • Flesh Film. A Cut-up Novella, die zuerst online veröffentlicht worden  (realitystudio.org/publications/flesh-film/flesh-film) und später (2018) bei Moloko+ in gedruckter Form erschienen ist.

Um so erstaunlicher, welch hervorragenden Ruf Ploog in der weltweiten Beat- und Cut-up-Szene genießt.

Am 4. Januar 2011 verstarb Hadayatullah Hübsch, kurz vor seinem 65. Geburtstag. Ich traf Ploog auf der Beerdigung am 8. Januar auf dem Südfriedhof. Bei einer Gedenkveranstaltung zum ersten Todestag von Hadayatullah am 8. Januar 2012, die ich zusammen mit einem Freund in der Klosterpresse in Frankfurt-Sachsenhausen organisiert habe, war auch Ploog als Gast gekommen. Aber nur kurz, wir haben ein paar Worte gewechselt, ihm war es zu voll, und mit anfangs teils hundert Leuten war die Klosterpresse wirklich ziemlich überlaufen. Am 12. November 2016 habe ich, diesmal zusammen mit Kindern und Freunden von Hadayatullah, die nächste größere Gedenkveranstaltung für Hadayatullah organisiert, wieder in der Klosterpresse. Und diesmal konnte ich Ploog tatsächlich dazu gewinnen, sich mit einem eigenen Beitrag bei dieser Veranstaltung zu beteiligen. Das dürfte auch meine letzte persönliche Begegnung mit ihm gewesen sein.

Und im Januar 2012 verstarb ebenfalls recht unerwartet Carl Weissner. Bereits ein Jahr darauf gab es eine Gedenkveranstaltung zu Carl Weissners erstem Todestag am 26. Januar 2013 im Hessischen Literaturforum:

"Heimweh-Blues aus dem Keller - Jürgen Ploog, Florian Vetsch & Anna Böger lesen für Carl Weissner". Einen Tag später schrieb ich in mein Notizbuch:

"Schreiben (endlich) als existenzielle Beschäftigung auffassen, als Auseinandersetzung & (friedlichen) Kampf gegen diese verkommene Gesellschaft. Mehr zu wagen, ist einfach gesagt. (Entsprechende) Literatur ist hierfür geeignet (das hat der gestrige Carl-Weissner-Gedenkabend gezeigt). Es sind nicht eigenartige Leute, die ich da im Laufe der Jahre kennengelernt habe, sondern einzigartige, jeder ein Unikat!"

Ploogs schriftstellerisches Werk ist  selten gewürdigt worden. Aber es gibt rühmliche Ausnahmen:

 

  • in dem  Film "Cut-up Connection - Die Algebra des Überlebens" von Daniel Guthmann von 1998 geht es um die deutsche Cut-up-Fraktion. In diesem Film wird Ploog bzw. seine Wohnung im Frankfurter Westend als Zentrum dieser deutschen "Cut-up Connection" gezeigt, umgeben von seinen Weggefährten Jörg Fauser, Walter Hartmann, Carl Weissner, Wolf Wondratschek und anderen;
  • 2004 hat Florian Vetsch den Ploog Tanker - Texte von & zu Jürgen Ploog herausgegeben;
  • die Nummer sechs des Rollercoasters, einer Literaturzeitschrift von Thomas Collmer, widmete sich im November 2009 ganz Ploog: Rollercoaster #6: Jürgen Ploog Special.

Dabei hat Ploog ziemlich viel veröffentlicht. Auf Ploogs Homepage sind 35 Bücher von ihm aufgelistet, sowie eine lange Liste von seinen Beiträgen in (Literatur-)Zeitschriften und Anthologien. Er hat wirklich viel publiziert, wobei ich bereits festgestellt habe, dass diese Liste, obwohl sicherlich von ihm gut gepflegt, noch nicht einmal wirklich vollständig ist. Es fällt auf, dass seine Bücher überwiegend in Kleinverlagen erschienen sind (die großen Verlage haben Zeit seines Lebens immer einen großen Bogen um ihn gemacht). Bei dem Einmann-Verleger Peter Engstler hat er seit den 1990er Jahren relativ viel veröffentlicht. Und in den 2010er Jahren hat er in Ralf Friel einen weiteren Einmann-Verleger gefunden, der ihm nicht nur ermöglichte, neue Bücher  in dessem Verlag Moloko+ zu veröffentlichen, sondern auch ältere Bücher (teils zu überarbeiten und dann) neu herauszugeben.

Eines der überarbeiteten Bücher, die bei Moloko+ neu erschienen sind, ist Nächte in Amnesien. Miriam Spies, die den sehr engagierten Gonzo Verlag in Mainz führt, hat neben einigen Büchern von und über Hadayatullah Hübsch (unter anderem die oben erwähnten Gedenkhefte Kaleidoskopidschi) auch einige Texte von Ploog bei sich veröffentlicht (und dabei auch einen guten Draht zu Ploog aufbauen können). Im November 2015 hat sie in der Dorett-Bar, einem ehemaligen Nachtclub in einem der Rotlichtbezirke von Mainz, eine Lesung mit Ploog und diesem Buch veranstaltet. Das ehemalige Ambiente dieser Bar wurde bewusst beibehalten, inklusive dem schummerigen Rotlicht. Die Texte von Ploog lassen sich (laut Sigrid Fahrer) unterteilen in drei Bereiche: Den Cut-up-Werken, die oftmals schwer verständlich sind, den Logbüchern, die sich durch ihre gemäßigtere Form, einer Episodenstruktur, zeigen, sowie Essays. Gerade die Logbücher thematisieren bzw. spielen auch immer wieder im Prostituiertenmilieu. Deswegen passt das Ambiente dieser ehemaligen Rotlichtbar perfekt zu dieser Lesung. Und man merkt, dass sich Ploog hier sichtlich wohlfühlt. Er, mittlerweile 80-jährig, ist immer noch ein stattlicher großer Mann, mit bayrisch-kräftiger Stimme, der mit dieser ganz eigenen monotonen einprägsamen Stimme - die aber nie langweilig wirkt - seine Texte gekonnt vorträgt. Er ist ein Lebemann bis zum Schluss, der es sich auch nach dieser Lesung mit einem Glas Whisky in der einen Hand , einer dicken Zigarre in der anderen, sichtlich gutgehen lässt. Der dabei auch immer tadellos und elegant im Anzug gekleidet ist, auch in diesem Sinne ähnelte er Burroughs.

Ich habe mittlerweile drei der Bücher, die Ploog bei Moloko+ veröffentlicht hat, für Fixpoetry rezensiert. Kurz nach Veröffentlichung der Rezension zu seiner Kleinen Pornografie des Reisens habe ich ihn darüber informiert und gleichzeitig angefragt, ob er noch Lesungen macht, ich würde ihn gerne einmal wiedersehen. Er antwortete mir in einer E-Mail vom 28.10.2018:

"Lieber Herr Oehler,

Danke für den Hinweis & grossen Dank, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, etwas zum Buch zu sagen. Sie sind der Einzige! Gut recherchierte Querverbindungen.

Ich weiss nicht, welche Verbreitung Fix Poetry hat, aber jetzt wird es sicher Bestellungen hageln…

Mit Lesungen ist es schwierig. Ich habe es aufgegeben, öffentlich aufzutreten. Zuviel Aufwand, zuwenig Reaktionen…

Ich habe mich im Hundehaus eingerichtet.

Gruß von unterwegs &
alles Gute, Jürgen Ploog"

 

Das klingt nicht nur ziemlich frustriert, sondern auch sarkastisch. Aber das hat ihn schon gewurmt, dass er öffentlich so wenig wahrgenommen worden ist.

Wenig beachtet von der Öffentlichkeit hat sich ein Jubiläum ereignet, nämlich 60 Jahre Cut-ups. Aus diesem Anlass hat das "European Beat Studies Network", das zwar etwas akademisch ausgerichtet ist, aber schon eine ganze Reihe von hochkarätigen Größen der weltweiten Beat- und Cut-up-Szene vereint, die Konferenz  CUT-UPS@60 für Anfang September 2020 in Paris und London initiiert. Ich hatte mich Ende letzten Jahres mit einem Beitrag dafür beworben, und bin auch eingeladen worden. Jürgen Ploog war als einer der "Keynote Speakers" der Konferenz fest eingeplant. Zwischenzeitlich hatte ich Ploogs letzte Veröffentlichung - eine Neuveröffentlichung von drei Cut-up-Texten aus den 1970er Jahren - rezensiert. Und so schrieb ich ihm in einer E-Mail am 16.3.2020:

"Lieber Herr Ploog,

ich hoffe, es geht Ihnen gut.
Erst letztens war mir aufgefallen, daß Sie auf Ihrer Homepage auf meine beiden Rezensionen Ihrer     Bücher an exponierter Stelle hinweisen, auch mit Hinweis auf Fixpoetry: Das gefällt mir sehr gut. Wenn Sie wollen, können Sie nun gerne noch eine dritte erwähnen, die gerade erschienen ist:
https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritik/juergen-ploog/dillinger-in-d...

Ansonsten sehen wir uns dann im September in Paris (wenn dann hoffentlich dieser ganze Virus-Hype wieder vorbei sein wird).

Freundliche Grüße,

Dr. Peter Oehler"

 

Dazu wird es leider nicht mehr kommen. Ich habe übrigens erst bei der Corona-bedingten Absage dieser Konferenz am 1. Juni von Oliver Harris, dem Organisator der Konferenz, erfahren, dass Ploog bereits am 19. Mai gestorben ist. Wie gesagt: In Frankfurt wird er totgeschwiegen. In einem Nachruf habe ich gelesen, dass Ploog bereits im Dezember 2019 einen Schlaganfall gehabt hat. Er befand sich also schon auf dem "absteigenden Ast des Alterns". Das ist wohl auch der Grund dafür, dass er mir auf diese meine letzte E-Mail an ihn nicht mehr geantwortet hat.

Beim Schreiben dieses Nachrufs ist mir selber aufgefallen, dass es doch ziemlich häufig um Gedenkveranstaltungen geht. Aber das liegt daran, dass diese Szene immer älter wird, dass schon so viele ihrer Protagonisten gestorben sind. Aber: Wird es eine Gedenkveranstaltung für Jürgen Ploog geben?

Und hoffentlich wird die CUT-UPS@60-Konferenz dann in 2021 stattfinden, aber dann auch leider ohne seine "graue Eminenz des deutschen Undergrounds".

 

Alle Fotos aufgenommen bei der 7. Frankfurter Wohnzimmerlesung - Cut-up Spezial, 23.1.2010.

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge