Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

Sägemailcollage

Es wirken mit: Pia-Elisabeth Leuschner, Konstantin Ames, Horst Jahns & Hartwig Mauritz

Armin Steigenbergers Gedichtband „das ist der abgesägte lauf der Welt“ erreichte mich zu spät, um ihn selber noch vor dem Ende von Fixpoetry besprechen zu können. Es gibt gottseidank Stimmen, die den Band gelesen haben und deren Leseeindrücke, in einer Art Interview per email angefragt, ich hier festgehalten wissen möchte: Konstantin Ames, Horst Jahns, Pia-Elisabeth Leuschner und Hartwig Mauritz. Da die Steigenbergersche Lyrik aus meiner Sicht zu den wirklich wichtigen zeitgenössischen Entwicklungen gehört, darf diese etwas andere Form der Rezension hiermit gerne angestoßen sein:

Fangen wir mit dem Cover an: Was haltet ihr vom Titel?

„das ist der abgesägte / lauf der welt“ – den das Cover zudem (…) durch den Zeilenbruch abgesägt repräsentiert! – ist (…) in vielfacher Weise eine semantisch fast unentrinnbare Chiffre: vor allem a) für die Situation des Lockdown, der so viele eingefahrene Abläufe jäh unterbrochen hat, sowie b) für einen der wichtigsten Grundzüge des Bandes: dass nämlich die dichterische Reflexion (vor allem mit ihren ethischen Aspekten und mit den Mitteln des Humors) die aktuellen ‚Läufte‘ der Welt, in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Philosophie, Lebensweise immer wieder unterbricht und – donquichottesk – zumindest geistig für einen Moment Halt gebietet: indem der Sprecher dezidiert ‚wechselstrom‘ ist, wo er nur kann, und eben kein MIT-Läufer ist, sondern – „so kontrastös die unverzagte sprachmische“ – Einspruch und krähung im anderweitig babelisch funktionalen Diskursgetriebe.Pia -Elisabeth Leuschner

Zugleich ist der Band – v.a. mit den mehrfach verwendeten Gedichttiteln und dem Inhaltsverzeichnis – eine grundsätzliche und sehr weitreichende Reflexion über die Verstrebung von menschengestifteten Ordnungsmodi und Chaos.Pia-Elisabeth Leuschner

Weil das Erscheinungsdatum des Bandes aufgrund von Corona nach hinten verlegt wurde und noch Zeit bis zum tatsächlichen Erscheinen war, habe der Autor, wie er mir sagte, noch neue Gedichte, auch zu Corona, verfasst und vor allem angefangen, Sonette zu schreiben, da der (übrigens 5-hebige und jambische) Titel ursprünglich für einen reinen Sonettband gedacht war. Insgesamt sind es 111 Texte in recht unterschiedlicher Machart. Wie denkt ihr darüber?

Die neuen Gedichte – vor allem die Sonette – und die aktuellen Anspielungen sind von (jedenfalls mich) bestürzender Luzidität und Triftigkeit und steigern die Wucht, mit der das Buch seine Leser überwältigt. Die Sonette bilden zudem – in ihrer Anordnung nach den Sektionen – wertvolle Übergänge, fassen zusammen, bereiten vor, bilden ineins. Und es ist ihnen – zumindest in meinen Augen – letztlich nur aufgrund eines einzigen Aspekts abzuspüren, dass sie erst so neu sind: weil sie sich so klar auf die aktuelle Situation beziehen. In anderer Weise wirken sie (…) reif und reflektiert – als seien sie eigentlich von Anfang an Bestandteil des Bandes gewesen.Pia-Elisabeth Leuschner

Das bedeutet, der Band hat eine große Formenvielfalt, was ja normalerweise eher als Inkonsequenz gesehen und für Sprunghaftigkeit stehen würde. Ist die große Heterogenität des Bandes tatsächlich noch handelbar? Ist sie anregend?

[Ja,] (…) weil [der Autor] a) derart wendig über (…) viele Register verfügt und sie b) mit unermüdlicher Phantasie wechselt: Bewegender Ernst und funkelnder Sprachwitz, mutig ungebrochenes Pathos oder auch gebrochen durch eine schillernde expressionistische Anspielungsperspektive, Skatologisches, Umgangssprache, Jargon und Fachsprachen, hinreißender Blödsinn, plastische Evokationen von Naturphänomenen, innige Bekenntnisse (auch zur Zweisamkeit), Sarkasmus, Zitate aus Literatur (…)Pia-Elisabeth Leuschner

Die (…) Gedichte enthalten überraschende Bilder, die mir sehr gefallen. „teils sprechen die Flugzeuge mit den Vögeln in Dialekten (…), die so intim sind, dass selbst der Wind sich schämt, wenn er etwas davon aufschnappt“, „leise gestammelte Worte mit süß verstellter Stimme und Rumpfgrammatik, kess verdreht.“, „Sprechen zwei Flugzeuge direkt miteinander, gibt es eine Rückkopplung wie zwischen sich halbe Stunden lang zubellenden Hunden in weit entfernten Gehöften, die es in unserem Vorwort gar nicht gibt.“ Der Gedichtband ist sehr vielseitig und abwechslungsreich. So finden sich auch in dem Band Langgedichte wie das Gedicht „GRUNDBEWEGUNGEN“, das an Rilkes Panther anklingt. „Entspannen Sie sich wie ein Panther hinter seinen Stäben, der ewig und drei Tage das gleiche Rechteck abläuft.“ In „INNERES MATERIAL“ „nachts schrie das tier und wir wussten, dass wir es selbst waren.“ Und „wir waren der restbestand einer generation, die längst abgeschrieben war.“ Hartwig Mauritz

Wo manche Autoren/Kritiker in Sätzen wie z. B. „darf ich Ihnen ein ereigniszeichen aus klassifiziertem material, aus verkerlt [‚verkerlt‘ übrigens ein treffliches Eigenschaftswort (!), denn die ganze paternalistisch-patriarchalisch verschwurbelte Welt ist ‚verkerlt‘] verhökerter papiersaat anempfehlen?“ (S. 101) einen sinnlosen, -entleerten Kladderadatsch zu erkennen glauben, atmet hier doch die ganze Ausdruckswucht und Bandbreite des Sag- und Denkbaren, eben weil es keiner Vernunftskontrolle und also keinem logisch verifizierbaren Fabulierungswillen zugrunde liegt, was hier frei fließend zu einem gültigen Ausdruck gebracht wird; keinem mustergültigen wohlgemerkt, denn das denkende, schwadronierende Individuum ist individuell, ist, wie seine Begrifflichkeit darlegt, so einzig wie unteilbar und somit jeder verallgemeinernden Sprachregelung entzogen, ist also frei – genau so und nicht anders gemeint – FREI von jedweder konformistischen, genormten und somit beschränkten [Denkweise].Horst Jahns

… das heißt, dass die Texte sehr sprachspielerisch sind? Was genau wird da gemacht?

Mit den „life hacks“ auftaucht das Stilmittel der Elision, Vokalausstoßungen, die schon mal durch Satzzeichen, z. B. Verbindungsstrichen = ersetzt werden. Das ist zum Teil originell und bietet Abwechslung. (…) Auf poppt zuhauf ein typisch steigenbergerisches Wortgeklitter, collagierte Morpheme wie „kloakenkaraoke“ (S. 59), „gullyrinnsteinrhapsodien (trademarked) (ebenda), „millimetermärchen“ (S. 61) bzw. „heilhitlergrüßende hasen ausm ubertaxi“ (ebenda) oder zsmmgzgn [SIC!] Wortverknappungen, namentlich Dreiwort-Instants, bspw. „wasfürein (…) (S. 59), „kannichnen stehplatz habm?“ (ebenda) bzw. „sklerotisches [steckt immerhin Erotisches drin] ichwillmiteuchnichtszutunhaben-gewinke“ (S. 60), sprachliche Kabinettflittchen, die mich an die dadaistischen Brech- und Spuckblasengeschichten des asterixschen Vorredners Goscinny (bzw. seines deutschen Übersetzers) erinnern. An klingen auch Fragmente von Mittelhoch- oder preußischem Kanzleideutsch: „itzt – der lack is’ ab“ (S. 60). Was zwischendurch immer mal wieder (…) kommt, sind fremdsprachliche Termini, lautmalerisch eingedeutscht nach der Losung: gesprochen wie gehört, z. B. „peiplein“ (S. 63), oder „im weithaus endzeitweiß“ (S. 78), „a helluva neidmär“ (S. 111). Genauso ausgefallene „Tuns“-Wörter (ja, die tun’s wirklich): „metaphrös honkt der kontrakt“ (S. 68). (…) Dann wieder ein ziemlich brillanter flash: „im tv wird hemmungslos coronaniert“ (S. 50).Horst Jahns

 (…) einige der durch Buchstaben-Rückungen gewonnenen unvergesslichen Ausdrücke: etwa die infarbestellung, unschuldsbeklemmnis, das muttergültige, vogelverunzwitschert, petzwerk und noch so vieles, auch in phraseologischen Fügungen! Pia-Elisabeth Leuschner

Was seht ihr bei all dem sprachlichen Aufgebot kritisch? Gibt es etwas, das nicht so gut gelingt? Worin liegt das Besondere?

Es gibt Banales („streifenwolke, die fast möwenschnell vorüberhuscht“, S. 22), gewohnt Skurriles im im Steigenberger’schen Maßstab („WOHNEN“, S. 13), gewöhnungsbedürftig Makabres („wir /schändeten die leichname unserer feinde, wenn wir an schnaps kamen“, S. 24), überraschende Wortfolgen („alle definiten wanns & denns von opa und omen“, S. 29), sodann die Bestätigung, dass alles noch schlimmer geraten kann, denn „gedichte sind plastiktüten“, zuzüglich der Verweis auf „vegane kondome“ (S. 30) Sic!                                               

Aber auch Geistesblitze wie: „gedichte sind versiegende quellen des sternentums“ (S. 32), und wie Poeme im Eigentlichen zu sein haben: „stets ein nein zur form, ein nein zur norm! gewetzte/ messer.“ (S. 32). Daneben auch bemühte, wortkombinatorisch angestrengte Wendungen, zu denen der gestresste Sozpäd-hintergrundierte Gelegenheitsdichte[rin] pikiert eine Braue heben würde: „gebellter whataboutism“ (S. 33).                                       

Das Kauderwelsch in „a) usw.eiterkoma in gedankenlyrik, baby“ (S. 48) wäre ja ganz nett, so herrlich gripsprovozierend, aber für meinen Geschmack sind (…) da zu viele Denglisch-Versatzstücke drin, die dem eigentlich würzigen Sprachbrei eine etwas geschmäcklerische Note verleihen. Dito manche „white noise“-Gedichte (S. 73,74).

Dann wieder Gedankenfließen, assoziationsreich da so hin- und fortgeschriebene Wortbildnereien, skulptural ad hoc herausgeschälte Vorsatzstücke aus der Sprechwerkstatt, die so wirken, als wären sie ohne Gedankenkontrolle erfolgt, was letztlich aber doch scharf nachdenkend kalkuliert ist, überlegsam, durchdacht, ohne so zu scheinen, namentlich die Gedichte „aus nebeln“, „aus linien“, „aus lockrufen“, „aus schall“ (S. 94 – 97), darunter der genmetaphorisch hervorleuchtende „verschiebebahnhof der wolken“ (S. 96). Immer wieder um fünf Hirnwindungen sich herumschlängelnde Pretiosen: „ein sonnengebräuntes schaukämpchen fürs soziale petzwerk“ (S. 102). Mit dem Gedicht „große fragen 2a“ (S. 104) gelingt (…) ein Wurf, bei dem James Joyce (mit dessen Zitat der Text eigeleitet wird) sozusagen den pitcher [des] Ätherkörpers vorstellt. Horst Jahns

Kann der Band etwas, was andere Bände (auch generell) noch nicht konnten? Warum sollte man das Buch lesen?

Der ‚abgesägte lauf der welt’ bringt etwas von Geerdetheit mit, die guttut, denn dieses unablässige Umgehen mit (nicht von) Sprechroutinen als leibgeistige Erfahrung ist enorm, es beschwört was, das ich so nicht kenne: Behaustheit und Zukunftslust qua indirektem Beweis; und endlich ein lyr. Ich, das nicht per Dekret abgeschafft wird, sondern sich selbst abschafft: "ich sage mir nichts." (wie man farbige dunkelheit kreiert) Hier wird wirklich-wirklich Neuland betreten. Es war Ulf, der in der BELLA 17 das Verlassen der touristischen Pfade empfohlen hat. Armins Buch tut das ohne interessantistische Attitüde (das Thema soll den verkappten Autor-Narziss blühen lassen), auch ohne theorieaverse Innigkeits-Schnulzigkeit und ohne die Wehrhaftigkeitsgelöbnisse der freindlichen Lyrikrekruten. Stattdessen max. Paradoxieentfaltung auf zwei einander gegenüberliegenden Seiten: ‚gedichte sind versiegende quellen; ‚... sind geisterspiele; ‚sind kerne. Die Generierung von Text aus Bild aus Text ist hier nur konsequent; und soll nicht die dt.-romantische >Doppelneigung< (hach) scheu herzeigen. Dieses Buch voller bedruckter Bilder ist zwingend, triftig, es macht was mit dir und mir. Nix für Lyrikleser, aber die sind eh immer vorzeitig beim Frühstück, um nicht endlich mal verrückt zu werden. Konstantin Ames

Da gibt es irre Wendungen wie in „krähungen“: „sie wohnen im ersten schock:/ warlordartige walküren thronen in ihrem irren pantheon/ in kürzlich ausgemisteten dachböden, sonnendurchflutet,/ manche werden wie isis in einer muschel geboren.“ Die Texte sind zeitkritisch und im besten Sinne „[mixed media]“. Immer wieder gibt es Rückbezüge auf das Schreiben wie in „a) usw.eiterkoma in gedankenlyrik, baby“. Da schwingt Humor mit. In den erfrischenden Zeilen werden die Dinge neu gesehen. „b) in home sweet jagdstücken so aujourd’hui:/ am best’n noch’n eingerahmtes fleischgeräusch/ oh. geister werden herbeigeschlafen & hoch/ geschlafen, so lang noch was quietscht, auf und ab &“. Hartwig Mauritz

Ich kann nicht (…) [das ganze] Buch rezitieren (was nötig wäre, um das steigenbergerische Idiom in allen Verästelungen zu erfassen), daher belasse ich es bei einigen veritablen Freistilblüten im griechisch-böhmischen Sprachringen:

„wodurch erhöht sich dein gut- und böshaben?“ (S. 108)
„stattdessen gekrängtes husserln!“ (S. 109)

„reine blisskrieg-tinktur (mouthwatering!“) (ebenda)
„gebrülltes licht“ (S. 110)
„im fruchtteil einer sekunde“ (S. 115)
„ausgebrüllte augenbälle“ (S. 116)
„die kaltgevaterte leistungsgesellschaft“ (S. 130)
„ein karges mündchen durst“ (S. 143) Horst Jahns

Der Band endet mit einem Gedicht, das alle großen Fragen unserer Zeit anschneidet als unzeitgemäße/ bauchnabelbeschmachtung mit ganz herrlichen Neologismen, eine „wortsetzung“, die die Gedanken in eine ganz andere Richtung lenken. Hartwig Mauritz

 

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Armin Steigenberger
das ist der abgesägte lauf der welt.
Gedichte
edition offenes feld
2020 · 164 Seiten · 18,00 Euro
ISBN: 9783751950749

 

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