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Kolumne

HOW TO COOK A PHALLUS #10 "Anders lesen"? Hell yes! Zum Tod Ruth Klügers und zum 100. Todesjahr Lena Christs

1943 erschien How to Cook a Wolf von MFK Fisher, eine Essay-Sammlung und inzwischen Klassiker der amerikanischen Literatur. Was tun, wenn der hungrige Wolf vor der Tür steht und einen fressen will? Fishers Antwort sind über 70 Kochrezepte, die genießbar und schmackhaft machen, was ungenießbar und unschmackhaft, gar bedrohlich scheint. Lilian Peter schreibt an dieser Stelle auf Einladung von fixpoetry einmal im Monat über Frauen und Literatur, über das Schreiben mit dem ständigen Phallus in der Tür.

 

„...selber mitzujubeln schien mir der Dichter zu versagen, und das in seiner menschheitsumfassenden Versöhnungshymne. Ein Mensch konnte ich offensichtlich nicht sein, nur eines Menschen Weib. Später lernte ich, eine solche Reaktion auf ein großes Gedicht sei kindisch. Ich mußte alt werden, um ihre spontane Richtigkeit zu erkennen.“

Anfang Oktober starb Ruth Klüger, was ich zum Anlass genommen habe, einige ihrer glänzenden Essays (unbedingte Leseempfehlung!) endlich mal zu lesen, darunter ihren Essay von 1994 Frauen lesen anders und ihren Essay von 1990 Gegenströmung: Schreibende Frauen (beide in: Frauen lesen anders. Essays, München 1996, obiges Zitat aus ersterem, ebd. S. 93 f. ). Eines ihrer Hauptargumente ist: Frauen lesen „anders“ als Männer, weil ihre Erfahrung, ihre Perspektive und entsprechend auch ihr Denken in und mit Lektüren „anders“ ist. Es dürfte klar sein, dass Klüger nicht im Umkehrschluss behaupten will, Männer läsen gleich, oder gar alle Männer läsen gleich (auch nicht: alle cis-Männer läsen gleich). Wovon sie spricht, ist das Selbstverständnis einer bestimmten Lektürelogik und deren Diskursmacht: einer Lektürelogik, die einem männlichen Zeichensystem folgt, dem die Stillstellung, Stummschaltung, Aneignung, Erniedrigung, Dienstbarmachung, Vergewaltigung, Einzäunung, Begattung, Besamung, Ermordung von als „anders“ = „weiblich“ gelesenen Figuren nicht nur eingeschrieben ist, sondern die sogar als Movens, als verborgener Grund für die Möglichkeit dieser Schriftkultur selbst gelten kann – frei angelehnt an die Analyse der Philosophin Geneviève Fraisse, die in Geschlechterdifferenz (deutsche Ausgabe: Tübingen 1996) schreibt, eben diese Differenz sei in den klassischen Texten „der verborgene Grund für die Möglichkeit des Denkens“ (S. 15), und „all der frauenfeindliche ‚Schwachsinn‘ der Philosophen“ lasse sich keineswegs ohne weiteres „aus dem Zusammenhang ihres Denkens herauslösen“ (S. 75). Hier ein relativ willkürlich herausgegriffenes, aber allzu schönes Beispiel aus der Mitte der deutschen Geistesgeschichte, die ja stark protestantisch geprägt war, meine Damen und Herren, hier kommt er höchstpersönlich, der vom uterus utternde Luther: 

„Denn gott nennet seyn eygen wortt und Evangelium matricem et vulvam: […] Wer nu glewbt ynn solch Evangelium, der wirt ynn gottis utter empfangen und geporn.“ (Martin Luther, Weihnachtspostille 1522, Schriften 10. I. 1. Band, Weimarer Ausgabe S. 114)

Äh, ja – vielleicht ist es ja in Wirklichkeit doch eher Marias utter und nicht Gottes utter? Penisneid? Die Diagnose für ungefähr 2.000 Jahre Schriftgeschichte lautet wohl eher UTERUSNEID! Uterus, utter, to utter, Diderots vagina loquens (sprechende Vagina), die Öffnung, aus der die Fortsetzung der Geschichte Gottes geboren wird, die Öffnung, aus der aber auch alles mögliche andere, vom lieben Gott Unerwünschte austreten kann, darum muss er sie reglementieren, überwachen, stopfen, stillstellen, sich dienstbar machen, sie sich aneignen (auf einmal ist, mir nichts dir nichts, IHR utter SEIN utter), notfalls mit Gewalt, gerne darf sie im Zweifel auch ermordet werden, dann wird sie literarisch sogar besonders begehrenswert: Die ermordete Frau kann nicht mehr (von sich) selbst sprechen, ist sie tot und stumm, so ist ihr uterus, ihr utter ganz und gar und in Ewigkeit SEIN. Klüger schreibt:

„Der Georg-Büchner-Preisträger des Jahres 1992, George Tabori, sagte in seiner Dankrede, die schönsten Liebesgeschichten, die er kenne, seien ‚Othello‘ und ‚Woyzeck‘. Der einflußreichste deutsche Kritiker, Marcel Reich-Ranicki, hat einmal im Fernsehen seine Vorliebe für die ‚Liebesgeschichte‘ ‚Kabale und Liebe‘ kundgetan. […] Aber die schönsten Liebesgeschichten? So würde eine Frau sie auf Anhieb kaum nennen. Wird doch in jeder von ihnen die Geliebte vom Geliebten umgebracht […]“ (S. 86)

Dummerweise kann allerdings auch „er“ irgendwann gar nicht mehr sprechen, wenn er seinen zauberhaften, kulturstiftenden Gesang nicht mehr in ihren uterus pusten kann, der seine Welt ist, dann verschlägt es ihm gleich ganz und gar die Stimme, siehe Orpheus, der stumm blieb von dem Moment an, in dem Eurydikes utter dann doch endgültig in der Unterwelt blieb, der Welt der Anderen, der Welt des Anderen, der anderen Welt. Stirbt ihr utter, stirbt sein utter, so simpel. Das eine Sprechen hängt vom anderen Sprechen ab. Aber vorher kann man ihr Verstummen, insbesondere durch Gewaltausübung aus seiner Hand, ja nochmal kurz als absolut göttlichen Vereinigungsmoment zelebrieren.

„Frauen lesen anders“ – heute, nach 30 Jahren feministischer und queer theory, läuten alle Essenzialismus! Biologismus! Dualismus! -Alarmglocken, wenn irgendwo von „Frauen“ und „Männern“, die so und so seien, und dazu noch von irgendeinem angeblichen „Anderssein“ „der Frauen“ die Rede ist. Ich hatte, was Klügers Überschrift betraf, aber auch noch beim Einstieg des Textes, starke (Abwehr-) Reflexe und wollte das Buch gleich wieder beiseite legen; dann fand ich aber nicht nur meinen eigenen Reflex interessant genug, um zu sehen, was er beim Weiterlesen mit mir anstellen würde, sondern vor allem fand ich schon nach wenigen weiteren Zeilen Klügers Analysen so scharf, treffsicher, analytisch präzise und erstaunlicherweise auch erfrischend, dass ich hier gar nicht wiedergeben kann, was ich mir alles unterstrichen habe, es ist schlicht zuviel. Vor allem finde ich aber auch, dass sich ihre Argumente ziemlich problemlos öffnen und erweitern lassen und man sie überhaupt nicht essenzialistisch oder biologistisch lesen muss:

„Zwar lernen lesefreudige Frauen wie Minderheiten früh und schnell die Distanz zu überbrücken, die ihre eigene Lebenserfahrung von der des weißen, christlichen, männlichen Autors trennt; doch bleibt es immer ein Sprung, ein Energieaufwand, den Männer so nicht machen müssen.“ (S. 96)

„Anders“ = „weiblich“ ist nicht gleichbedeutend mit „die Frauen“; „anders“ = „weiblich“ ist in der europäischen Geistesgeschichte vielmehr, kurz gesagt, alles, was Mann vermeintlich besetzen und besitzen und besamen kann, damit eine „wahre“ Geschichte aus dem Besessenen/Besamten rauskommt, also zum Beispiel Natur, Erde, Land, „unterlegene“ Völker, „unterlegene“ Körper; „anders“ = „mit falscher Weiblichkeit ausgestattet“ ist aber auch alles das, was Mann meint, ein- oder aussperren zu müssen, weil die Geschichte sonst durch „falsche“ Körper gestört wird. Klügers These kann man insofern sehr leicht öffnen, indem man sagt: Wer die Erfahrung des Anderen macht, wer in der Erfahrung des zum-Anderen-gemacht-Werdens sozialisiert ist – gleich, ob er*sie cis-Frau ist, homosexuell, nichtweiß, trans, autistisch… etc. oder mehreres davon, oder auch zusätzlich zum Beispiel noch eine Herkunft hat, in die weitere Unterdrückungs- oder Diskriminierungsformen eingeschrieben sind, der*die wird auch, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit jedenfalls, „anders“ lesen, ganz einfach, weil sich die Zeichen ihm*ihr anders aufdrängen, weil die Zeichen, die gedeutet zu werden verlangen, für ihn*sie selbst andere sind.

„Wenn diese Beobachtungen ihre Richtigkeit haben, so ließe sich folgern, daß man die Geistes- und Literaturgeschichte der Frauen anders schreiben müßte als die der Männer. Man müßte davon ausgehen, daß die kulturellen Bedingungen für weibliches Schaffen anderen Gesetzen unterliegen und daher derart anders verlaufen, daß man den Frauen nicht einfach ein Kämmerchen im geräumigen Hause einer allgemeinen Geistesgeschichte einräumen und annehmen kann, daß sie unter ähnlichen Voraussetzungen geschrieben haben wie ihre männlichen Zeitgenossen. Tatsächlich ist das kulturelle Erbe für Frauen und Männer verschieden gewesen, gerade dort, wo es das gleiche zu sein scheint.“ (S. 233 f.)

„Es scheint, als ob die enorme Entwicklung von deutscher Literatur und Philosophie […], diese enorme Entwicklung, die im protestantischen Teil Deutschlands stattfand, diese Strömung freien Forschens und Denkens, die Bürgersöhne trug und aufnahm, ihre Töchter hingegen fast ertränkte.“ (224)

„Wenn Frauen in einer von solchen Ideen beherrschten Gesellschaft trotzdem geistig tätig wurden, so hatten sie Außenseiterschicksale, meist weit entfernt von dem Zerrbild der schriftstellernden, gelangweilten und von ihrem allzu toleranten Mann geduldeten und verwöhnten Gattin.“ (S. 226)

Anfang 20. Jahrhundert, eine riesige Villa mitten in München, Ehefrau, Kinder, Bedienstete, ein großes Arbeitszimmer mit einem großen Schreibtisch, die Wände gesäumt von einer Privatbibliothek, am Schreibtisch ein Schriftsteller, sein Vorname sei Thomas, sein Nachname sei Mann, er schreibt jeden Morgen von 8 bis 12 Uhr, genau eine Seite, danach wird ihm ein Mittagessen hingestellt. Was er nachmittags macht, weiß ich nicht, aber man kann es sicherlich nachlesen in den vielen käuflich erwerbbaren Bänden, in denen seine Tagebucheinträge abgedruckt sind. Vielleicht trinkt er Tee und isst Torte, geht auf ausgedehnte Spaziergänge, führt Pläuschchen, beobachtet hübsche Knaben. Nochmal Anfang 20. Jahrhundert, nochmal München, gleiche Zeit, gleicher Ort, vollkommen andere Welt: Schankhäuser, schlicht ausgestattete, kleine, dunkle Wohnungen, kein welterklärendes Männerleben, sondern ein von Misshandlungen, Erniedrigungen und Entbehrungen geprägtes Frauenleben, Sprüche wie Weibersterbn is koa Verderbn, Rossvarecka, des ko di daschrecka sind hier an der Tagesordnung, Sprache macht Wirklichkeit, Wirklichkeit macht Sprache, Sprüche sind nie "nur" Sprüche, ein Dienstmagdleben, ein Unterschichtleben, eine Frau, die dennoch schreibt, in einem Milieu, das vom Mann’schen Milieu kaum weiter entfernt sein könnte, dessen Misogynie nicht mehr oder weniger stark ausgeprägt ist, sich aber anders, derber, direkter äußert, und mit ganz anderen Konsequenzen und Härten im Alltag verbunden ist, mit ganz anderer Not eines schreibenden Überlebens oder überlebenden Schreibens: Lena Christ, die im Juni diesen Jahres ihren 100. Todestag hatte, ist genau ein solches Außenseiterschicksal, wie Klüger es benennt, sie hatte keine Villa, kein Arbeitszimmer, keine Bibliothek, keinen Schreibtisch, kein Zimmer für sich allein, niemand stellte ihr ein Mittagessen auf den Tisch, niemand nahm ihr das Kinderkriegen und Kinderbetreuen ab, sie kam als uneheliches Kind zur Welt, wurde von der Mutter gehasst und misshandelt, immer wieder entgeht sie nur knapp der Vergewaltigung durch irgendwelche Männer, versucht wiederholt, sich das Leben zu nehmen, tritt in ein Kloster ein, tritt aus dem Kloster wieder aus, heiratet, und landet erst recht inmitten der Gewalt, der Mann säuft, vergewaltigt sie regelmäßig und versucht es sogar, als sie mit ihrem dritten Kind in den Wehen liegt, er verjuxt alles Geld und wird schließlich verknackt, Lena Christ versucht, sich und die Kinder mit Schreibarbeiten durchzubringen, was ihr aber nicht gelingt, die Kinder werden ihr weggenommen – und so weiter und so weiter, man kann das nachlesen im Internet, man kann aber auch das Buch lesen, in dem Lena Christ selbst ihre Erinnerungen niedergeschrieben hat, es heißt Erinnerungen einer Überflüssigen und ist weit mehr als ein eindrückliches Zeit- und Milieuzeugnis, weit mehr als bayerische „Heimatliteratur“, als das und als die ihr Werk häufig abgetan wurde:

„Am meisten zuwider war mir der Aufenthalt in der Gaststube; denn war ich bei den Gästen ernst und schweigsam, so schalt die Mutter, daß ich ihr die Leute vertreibe; war ich aber freundlich und heiter, so nützten das viele rohe und wüste Kerle aus und belästigten mich nicht nur mit allerhand Zoten und zweideutigen Fragen, sondern quälten mich manchmal in der unsaubersten Weise, indem sie mich an den Beinen faßten, Küsse verlangten oder sonstige aufdringliche Zärtlichkeiten versuchten. Kam ich dann also gehetzt zur Mutter und klagte ihr solche Dinge, so wurde sie sehr erbost und schalt mich heftig, daß ich micht zu benehmen wisse: ‚Was muaßt di denn hi’stelln dafür? Scham di; bist fünfzehn Jahr alt und no so dumm!‘“

Ich habe selten ein literarisches Werk gelesen, das, unter vielem anderen, auch die Rolle von Müttern im Ausüben und Weitergeben misogyner Muster, im Verweigern von Solidarität, so schonungslos und geradeheraus zeigt, ohne dabei jemals wertend oder einordnend zu werden. Meist „Roman“ genannt, ließe sich dieses Werk ebenso gut, und vielleicht besser, memoir nennen, oder life writing, ich bin kurz versucht, zu schreiben: „vielleicht sogar Autofiktion“, aber „Autofiktion“ scheint mir als Genre zu postmodern-ironisch-distanziert, es scheint mir unmöglich, dass ein autofiktionales Werk Zeugnis von Unterdrückung und Gewalterfahrung in diesem Ausmaß sein kann (warum denke ich das? darüber müsste ich nachdenken), obwohl die Erinnerungen einer Überflüssigen durchaus fiktionale Elemente haben (beispielsweise wurde ihr Ehemann nicht, wie im Buch beschrieben, in eine Irrenanstalt verbracht, sondern landete schlicht im Gefängnis).

Lena Christs Werk umfasst aber noch vielmehr als die Erinnerungen, es umfasst Romane, Erzählungen, Theaterstücke und es ist, wie Hans Kratzer zu Christs Todestag im Juli diesen Jahres in der Süddeutschen schrieb,

„…ein großes Rätsel, warum sich die akademische Wissenschaft mit Lena Christ lange Zeit kaum befasst oder sie höchstens als ‚volkstümliche Bauernpoetin‘ bewertet hat. Unverständlich ist auch die Ignoranz feministischer Literatinnen, die mit Lena Christ bis in die Gegenwart herein kaum etwas anfangen konnten. […] Und in diversen Kompendien zur Frauen-Literatur wird sie entweder nur in einem Nebensatz oder gleich gar nicht erwähnt.“

Der Punkt, den Kratzer hier macht, ist tatsächlich interessant; ich wollte ursprünglich eine ganze Kolumne über Lena Christ schreiben, aber es gelang mir nicht recht, ich fand keinen Ansatz, der im Muster dieser Kolumne funktionierte, zum einen liegt das schlicht daran, dass ich es noch nicht geschafft habe, mehr als die Erinnerungen zu lesen, zum anderen hat es aber vielleicht auch damit zu tun, dass es sich, zumindest bei den Erinnerungen, nicht um eine Literatur handelt, die sich dezidiert in der Literaturgeschichte verorten würde, Christ will kein allgemeingültiges Muster zeigen, nichts umdeuten, hier gibt es keine raffinierten literarischen Verfahren, Christ zeigt hier einfach „nur“ ihr Leben, das es, so oder so ähnlich, unzählig oft gegeben haben wird, sie zeigt es in aller Schlichtheit, Direktheit, Offenheit, Klarheit, Brutalität, und gerade darin ist dieses Werk aber zugleich trotzdem hoch literarisch, noch ein „trotzdem“: Sie schrieb eben trotzdem, im mehrfachen Sinn, sie war eine Andere der Geschichte im mehrfachen Sinn, sie hatte mit dem bürgerlichen Protestantentum nicht das geringste zu tun, sie war nicht die Andere der bürgerlich-protestantischen Philosophen und Schriftsteller (deren Andere trank Nachmittagstee, still, mit blassem Gesicht und in rauschendem Kleid), aber auch ihr utter wurde als nicht ihr gehörig gesehen, als nicht erzählenswert, nicht lebenswert, nicht selbstbestimmungswert, die Männer, die in den Erinnerungen auftauchen, versuchten, ihn sich zu nehmen, wie sie gerade Lust hatten, und die Mutter war weder solidarisch noch loyal, sondern lieferte sie stets direkt ans Messer, besser gesagt an den Phallus, wie er in diesem Milieu völlig unverblümt und unchiffriert sein angestammtes „Recht“ einforderte. Lena Christ nahm sich am 30. Juni 1920 das Leben; immerhin, muss man fast sagen, wurde sie nicht von einem der Männer in ihrem Leben umgebracht. „Die Verherrlichung oder Verharmlosung der Gewalt gegen Frauen in der Literatur beginnt früh“, schreibt Klüger. Lena Christs Werk bietet dieser Tradition Paroli, schafft ein echtes Gegengewicht, und ist gerade auch in dieser Hinsicht in ihrer Bedeutung weit unterschätzt. Sie schreibt von einer der anderen Seiten dieser Geschichte, aus eigener Lebenserfahrung, aus eigenem Erleben: Sie hatte kaum eine Chance, ihr Leben selbst zu bestimmen, war Gegenstand der Sprüche und Taten der Männer, aber das darüber-Schreiben überließ sie ihnen nicht: Das Wort, matrix et vulva, vagina loquens, es ist ihr eigen Wort, das überlebt hat trotz aller Gewalt, ihr utter, das von all der Gewalt geschrieben hat und bis heute erzählt, wir müssen ihre Werke nur aufschlagen, ihre Worte nur lesen. Das erste Wort dieser Kolumne hatte Ruth Klüger, das letzte hat nun Lena Christ:

„So, jetz machst, daß d'verschwindst, du Hund! Sonst sperr i di da rei, bis i d'Schandarm g'holt hab; na konnst schaugn, wie's dir geht, du Haderlump, du elendiger! Und jetz druckst di und laßt di ja nimma blicka!“ (Erinnerungen, S. 145)

 

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