Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kolumne

HOW TO COOK A PHALLUS #11 Ab ins Wasser! Über Infrastruktur, passgenaue Formen und Clarice Lispector

1943 erschien How to Cook a Wolf von MFK Fisher, eine Essay-Sammlung und inzwischen Klassiker der amerikanischen Literatur. Was tun, wenn der hungrige Wolf vor der Tür steht und einen fressen will? Fishers Antwort sind über 70 Kochrezepte, die genießbar und schmackhaft machen, was ungenießbar und unschmackhaft, gar bedrohlich scheint. Lilian Peter schreibt an dieser Stelle auf Einladung von fixpoetry einmal im Monat über Frauen und Literatur, über das Schreiben mit dem ständigen Phallus in der Tür.

 

Reden wir endlich über Badewannen. Glaubt man Google, so gibt es ja nur die tollsten, ergonomisch ausgefuchstesten Badewannen für alle Arten von Körpern und Körpergrößen, gerne auch freistehend, in Luxusbadezimmern mit Parkettboden und/oder teuren Fliesen und wandgroßem Fenster mit Blick in nichts als reine Natur. Die Wirklichkeit der deutschen Badewanne, wie sie in jede Mietswohnung mit ausreichend großem Badezimmer (jedenfalls in Berlin, aber ich schätze, das Phänomen ist nicht auf Berlin beschränkt) eingebaut ist, kennt Google hingegen nicht: Gemütlich allenfalls für Körper, die mindestens 1,85 m lang sind UND keine Brüste haben, meistens also Männer. Wer kleiner ist als 1,85 m, muss, um mit dem Kopf nicht unter Wasser zu rutschen, die Füße wegstrecken und sich mit den Zehen quasi permanent vom anderen Ende abstoßen, Brüste passen nicht mit unters Wasser, weil die Wanne zwar sehr lang, gleichzeitig aber ziemlich flach ist. Wer auch immer dieses Badewannenmodell entworfen hat: Der Körper-Prototyp, der ihm vorschwebte, war offensichtlich kein Frauenkörper.

Leider habe ich keine Statistik zur Badewannennutzung nach Geschlechtern gefunden (nur eine zum Badewannensingverhalten), aber in meiner persönlichen Statistik zumindest baden hierzulande männlich identifizierte Körper signifikant seltener als weiblich identifizierte Körper. Die deutsche Badewanne ist also zwar hauptsächlich für letztere gemacht – aber nicht etwa so, dass ihre Körper auch gut und bequem hineinpassen würden. Wendete frau nicht permanent gekonnte Streckungsstrategien von Füßen und Zehen an, würde sie schlichtweg ertrinken. „Frau in Badewanne“ gehört dabei zu den Lieblingsklischeebildern Hollywoods, siehe Jennifer Proctors großartigen found-footage-Kurzfilm Nothing a Little Soap and Water Can't Fix, der überraschend-immergleiche Szenen aus zahllosen verschiedenen Filmen zusammenschneidet: Ach guck, wie sie sich da so schön innerlich bei sich seiend die Haare shamponiert, ganz unwissend, dass sie gleich ermordet werden wird! „Singender Gott […], Wo ist ihr Tod? O, wirst du dies Motiv erfinden noch, eh sich dein Lied verzehrte?“ O Rilke! Wo ist dein Kopf? Als wäre dies Motiv nicht immer schon… und so weiter. – „Wo sinkt sie hin aus mir?“ – Ja, gute Frage! Wenns nach dir geht, sinkt sie natürlich direkt aus dir, d.h. aus deinen Worten, aus den Flüssigkeiten, mit denen du sie ausspuckst, hinein und unter dieselben in der Form, die du ihr dafür bereitgestellt hast, auf dass sie darin in aller Schönheit möglichst bewegungslos untergehen möge, damit du anschließend fragen kannst: „Singender Gott, wie hast du sie vollendet, dass sie nicht begehrte, erst wach zu sein?“ (Rilke, Orpheus-Sonette) Würde sie sich stattdessen zu sehr und vor allem auf ihre Weise, d.h. Wachheit begehrend, mit dem Flüssigen schlechthin verbinden, dem Element „Wasser“, dem Element „Sprache“, käme der singende/besungene Gott zwangsläufig in Schwierigkeiten, siehe den armen duldsamen Odysseus, wie ihn das stürmische, nasse, lügenhafte Element, das er doch eigentlich nur benutzen will, um heimzukommen (heißt: identisch mit sich selbst zu werden), hin- und herwirft und immer wieder fast untergehen lässt, wenn er nicht gerade von verführerischen, mit sagenhaften Zauberkräften ausgestatteten Fraueninseln oder Inselfrauen oder eben, naja, das Bild muss jetzt sein, den ozeanisch-faszinierenden Badewannen, die diese Inseln mit ihren Frauenfiguren unter Odysseus’ Blick darstellen, festgehalten wird. „Mann“ baut „Frau“ eine Badewanne, die für sie so unbequem wie möglich ist, und lässt sie, Bild für Bild, baden gehen in „ihrem Element“, d.h. in seiner Form, die gerne – das ist für ihn nur umso faszinierender – auch ihren Tod bedeuten kann. So ist sie halt, eine normale Badewanne! Immer schön realistisch bleiben, immer schön liegen bleiben, den Kopf auf die unbequeme Kante legen und die Zehen strecken – oder halt Kopf unter Wasser und untergehen, Pech gehabt!

Dabei gibt es so viele tolle Dinge, die man mit Wasser und mit Formen für dasselbe anstellen kann, lässt man sich nur einmal ein auf die Idee, dass die deutsche Standard-Badewanne, die am Männerkörper orientiert ist, obwohl Frauen viel häufiger baden, vielleicht weder der Weisheit, noch des Marktes letzter Schluss ist, und dass es auch keine Naturgegebenheit oder zwingende Notwendigkeit ist, dass alle anderen Formen als dieselbe automatisch „Luxus“ sein müssen, also etwas, das man sich „leisten“ können muss. Der Bedarf an Formsprengung platzt aus allen Nähten, aber er trifft auf eine Infrastruktur, die festhängt in einer Verschränkung aus Ignoranz, Eigentlichkeitsmetaphysik, Identitätsdenken und Konservatismus. Alle vier sind patriarchal geprägt und bis heute orientiert an eben jenem odysseischen Bild des männlichen Helden, der nur erfolgreich sein kann, wenn er die Elemente/die Naturkräfte, und das heißt immer auch: die Schrift, die Buchstaben, die Inseln, das Wasser, das Land, das Zeichen „Frau“, bezwingt, und zwar auf einer Reise, die in aller Regel nicht nur schön „realistisch“ und „authentisch“, sondern am besten auch mindestens 300 Seiten lang sein soll. Richtiges „Bezwingen“ wiederum geht diesem Denken zufolge offenbar auch nur mit Buchstaben, die in Papier eingedrückt werden, nicht jedoch mit Buchstaben, die in jenem „flüchtigen“ Element namens Internet herumfloaten, weshalb auch nur „richtig“ gedruckte Literaturkritik Förderung bekommt, nicht jedoch Literaturkritik im Internet, mag sie noch so systemrelevant sein, et voilà: 2020 byebye, 1950 hello, Heidegger'sche Eigentlichkeitsmetaphysik at its best (Handschrift ist besser als Schreibmaschine, weil nur Handschrift kann richtig Bedeutung stiften = das Papier ordentlich besamen, heute halt dann Drucker ist besser als digitale Oberfläche weil ... gleiche Begründung). 

Dass es auf dem Feld der Prosa fast unmöglich ist, mit etwas anderem als einem Roman zu debütieren, war keineswegs immer so, siehe zuletzt noch die 1990er Jahre (die ich wirklich nicht heraufbeschwören will, außer in dieser einen Hinsicht): Felicitas Hoppe, Terezia Mora, Anne Weber und viele andere haben mit Kurzprosa debütiert. Schauen wir uns mal, nur exemplarisch, die Vergabe des Aspekte-Preises an, eines der wichtigsten Debütpreise. In den 1980er Jahren wurden damit neben Romanen über das Jahrzehnt verteilt auch zwei Novellen und zwei Kurzprosa-/Erzählungsbände ausgezeichnet. Bei den beiden letzteren handelt es sich um Zsuzsanna Gahses Zero (1989) und Herta Müllers Niederungen (1984). Zero scheint nicht mehr lieferbar zu sein, konkrete Informationen zum Buch findet man auch nicht ohne weiteres – bezeichnend, dass, wenn heute über Gahses Werk geschrieben wird, im Internet von diesem Buch häufig als ihrem „ersten Roman“ die Rede ist. Bezeichnend deshalb, weil es kein Roman ist, sich Leute, die heute in großen Medien über Literatur schreiben, aber anscheinend gar nicht mehr vorstellen können, dass ein anderes Prosagenre überhaupt existiert, geschweige denn, dass man damit debütieren würde, geschweige denn, dass es auch noch ausgezeichnet würde. In den 1990er Jahren gab es beim Aspekte-Preis sogar einen regelrechten Kurzprosa-Boom, angefangen mit Burkhart Spinnens Dicker Mann am Meer (1991) über Radek Knapps Franio (1994) über Ingo Schulzes 33 Augenblicke des Glücks (1995) bis hin zu Felicitas Hoppes Picknick der Friseure (1996). Dann endet die Reihe abrupt: Seit 1997 wurde die Auszeichnung, wenn ich nicht irgendetwas übersehen habe, ausnahmslos nur noch für Romane vergeben. Das liegt nicht daran, dass nichts anderes mehr geschrieben würde, sondern daran, dass anderes seit der Jahrtausendwende kaum noch gedruckt wird, als Debüt schon gar nicht. Selbst wo Autor*innen bereits bei großen Verlagen unter Vertrag sind, selbst dort, wo Verlage immer noch damit werben, sie würden nicht Bücher verlegen, sondern Autoren, scheint es gängige Praxis geworden zu sein, andere Prosaformen als „große Romane“, oder auch „große Romane“, die aber in der Form „anders“ sind, wenn man es irgendwie vermeiden kann, gar nicht mehr zu verlegen, siehe das jüngste Beispiel, Anne Webers Heldinnenepos (Fischer, ihr langjähriger Verlag, weigerte sich, es zu drucken, weil Versepos verkaufe sich ja nicht – ganz abgesehen davon, dass Fischer in der Einschätzung offensichtlich falsch lag: Was ist das bitte für eine Haltung einer Autorin gegenüber, mit der man über ein Jahrzehnt zusammengearbeitet hat?) oder auch Anna Kims feingliedrige Erzählungen Fingerpflanzen, die Suhrkamp (Anna Kims Stammverlag) nicht machen wollte und die deshalb im Ulmer Kleinstverlag Topalian und Milani (Slogan: „Andere Bücher braucht das Land“) erschienen sind, in einer sehr schön gemachten Ausgabe, aber fast ohne Besprechungen, weil ein so kleiner Verlag natürlich nicht über das Rezensent*innen-Netzwerk eines Großverlages verfügt. Auf guten Plätzen wird vor allem das rezensiert, was in großen Verlagen erscheint, und so beißt sich die Badewanne schön in den eigenen Abfluss.

Relativ am Ende von Maggie Nelsons essay/memoir/poem Bluets heißt es: „I am writing all this down in blue ink, so as to remember that all words, not just some, are written in water.“ Man kann das auf mehrere Weisen verstehen, die sich nicht ausschließen, sondern die vielleicht eher sogar zusammengehören: Wörter werden mit einem Schreibgerät, zum Beispiel einem Stift, in Wasser geschrieben, im Sinn von: Was sie festzuhalten versuchen, verschwimmt augenblicklich, löst sich auf im Moment des Aufgeschriebenwerdens; oder: Wörter sind selbst aus Wasser gemacht, geschrieben mit Wasser, als Wasser, worauf oder wohinein auch immer; unter und in beidem liegt auch: Wörter sind, in gewisser Weise, immer etwas Geschriebenes, Materielles, dem Wasser verbunden (Schreiben mit Papier und Tinte) oder auch der Erde verbunden (Ritzen in Tontafeln). Wer von vornherein festlegen will, welche Form sie sich zu geben haben, in welche Art von Wanne sie sich zu legen haben, der will, ja genau, nichts anderes als ihren Tod. Will man verstehen, wie tief Misogynie in der Gesellschaft verwurzelt ist, so kommt man nicht drumrum, sich auch mit der Frage zu beschäftigen, inwiefern am Grund der Kultur, am Grund von Literatur-, Schreib- und Lektüretechniken, am Grund dessen, was aus welchen Gründen als schreib-, les- und/oder verkaufbar gilt oder nicht, Motive vorherrschen, die nicht auf den ersten Blick oder offensichtlicherweise etwas mit Geschlechtern zu tun haben, auf den zweiten aber zutiefst mit diesen verschlungen sind. Es geht um die Frage, wie Literatur sich auf die Welt bezieht, wie sie sich in derselben bewegt, wie sie sich auf das Element bezieht, von dem sie zehrt, das sie bereist (um es zu bezwingen? oder um ein lebenswertes Verhältnis zu ihm zu finden?) und darum, wie die Infrastruktur sie dabei fördert oder behindert. Es geht um die Wege, die zurückgelegt werden, die Wege von Körpern und von Worten, und darum, wie sie zurückgelegt werden, es geht um Fragen von Bewegung und Form, um Fragen des Fahrens und Gehens, des Badens und Schwimmens, es geht darum, wie in welche Körper welche Arten von Bewegung und Weltbezug eingeschrieben sind, und wie sie aus denselben herausgeschrieben werden wollen.

Städtische Verkehrsmittel-Infrastruktur wurde im 20. Jahrhundert für Männer gebaut, damit sie schnell und möglichst auf geradem Weg zur Arbeit und zurück kommen, die Wege der Frauen in den Städten haben Städtebauer nicht interessiert, Frauen mussten sich, von der großen Infrastruktur der öffentlichen Verkehrsmittel weitgehend ignoriert, und meistens auch nicht im Besitz eines Autos (das brauchte ja schon Papa, um zur Arbeit zu fahren), irgendwie ihre eigene, private Wege-Infrastruktur schaffen, dasselbe gilt bis heute für alle nicht motorisierten Verkehrs- und Fortbewegungsarten, dasselbe gilt, naja, schiefer Vergleich, aber so ist das halt mit Vergleichen, für den heimischen Aufenthalt im Wasser, frau behilft sich mit Badewannenkissen oder Elementen zur Badewannenverkürzung (dabei ist eigentlich weder das mit dem höflichen, gleichberechtigten Straßenverkehr, noch das mit den für alle Körper passenden Badewannen sonderlich schwer, siehe Japan), dasselbe gilt für den Literaturbetrieb, der es ja eben auch mit Fortbewegungsarten und Körpern zu Land und zu Wasser zu tun hat und dessen Infrastruktur, genauso wie die Infrastruktur von Städten, bestimmte Körper und bestimmte Mittel bevorzugt, vermeintlich, weil die Leute das so wollen, ist zwar unter Umständen Gift fürs Klima, aber so ist er halt, der Markt! Richtig muss es heißen: So ist sie, die Infrastruktur, ja – aber Infrastruktur kann man ändern, Aufmerksamkeit kann man lenken, ein Anfang wurde in diesem Jahr von diversen großen Preis-Jurys gemacht, das nächste wäre zum Beispiel, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zur Abwechslung mal eine progressive Literatursendung einzurichten, wenn dann noch ein mutiges Zeichen eines großen Verlages dazu käme, sähe die Landschaft schon anders aus, eine Reihe für Kurzprosa zum Beispiel oder für andere „mutigere“ Formen, wie wär’s in dem Fall mal mit ein bisschen Rückbesinnung, Suhrkamp?

Eine Großmeisterin subversiver Prosaformen, darunter auch alle möglichen Arten von Kurzformen, hatte übrigens in diesem Monat ihren 100. Geburtstag, Clarice Lispector, deren Arbeiten bis Mitte der 1990er Jahre – vielsagende Note am Rande – in deutscher Übersetzung hauptsächlich bei Suhrkamp erschienen, und dann, als Suhrkamp offensichtlich im Zuge der großen Umstrukturierungen und Umwertungen im Verlag entschied, sie nicht weiter zu verlegen, fast 20 Jahre lang gar nicht mehr auf Deutsch, bis Schöffling ab 2013 neue und weitere Übersetzungen in Auftrag gab und nun in diesem Jahr bei Penguin der Kurzprosaband Aber es wird regnen herauskam, in großartigen Übersetzungen von Luis Ruby. Zufälligerweise gibt es von Lispector ein Werk mit dem Titel Agua Viva, Lebendiges Wasser, zufälligerweise beschäftigt es sich mit Fragen von Ernährung und Geburt eines Textes in jenem Mutterleib, in dem er heranwächst, zufälligerweise ist es keinem Genre klar zuordenbar, der Text setzt schreibend an einem prägeschlechtlichen Ort an, denn, wie es darin heißt,

„Es ist müßig, mich einordnen zu wollen: ich schlüpfe einfach durch die Maschen hindurch und lasse es nicht zu, Genre ist etwas, was mich nicht mehr ereilt.“ (11 f)

„…jetzt will ich das Plasma, direkt von der Plazenta will ich mich nähren…“ (7)

Ich habe gehört, daß eine Katze, nachdem sie Junge bekommen hat, ihre eigene Plazenta auffrißt und dann vier Tage lang nichts mehr anrührt. Erst später trinkt sie Milch. Laß mich einfach vom Stillen reden.“ (33)

Ist es übrigens Zufall, dass in der anglo-amerikanischen Literatur die Kurzprosa, ebenso wie die literarische non-fiction oder der lyrical essay, ein stark von Autorinnen besetztes Feld ist, mit Lydia Davis und Anne Carson (Anthropology of Water) als unbestrittenen Großmeisterinnen? Auch schon Lispectors erster Roman, Nahe dem wilden Herzen, der mehr mit atmosphärischen, umdeutenden, den Raum des „Weiblichen“ in der Schrift auslotenden Gedankenskizzen zu tun hat als mit einer ausgearbeiteten Geschichte, zeichnet mit einer beeindruckenden Klarheit (Lispector war 23, als er erschien) Bilder davon, was es heißt, eingesperrt zu sein in einer Form, die nicht zu ihrem Körper, nicht zu ihrer Seele, nicht zu ihrem Denken passt:

„Wie konnte sie sich an einen Mann binden, ohne daß er sie gefangennahm? wie konnte sie verhindern, daß er auf ihrem Körper und ihrer Seele seine vier Wände errichtete?“ (27)

„Warum gab ihr ein gewachstes, sauberes Haus das Gefühl, sie sei darin verloren wie in einem Kloster, in dessen Gängen sie verlassen umherstreifte?“ (28)

„Und eine verheiratete Frau zu sein, d.h. ein Mensch mit einem vorgezeichneten Weg. Von da ab braucht man nur noch auf den Tod zu warten.“ (144)

Das Haus: beliebte Metapher der Philosophie (Sprache als „Haus des Seins“ usw.), beliebte Metapher auch für die Form des Romans. Die Antwort auf die Frage des Verhinderns ist: Dagegen anschreiben; Lispectors Erzählerin tut dies, indem sie das Haus selbst auseinandernimmt und in seine Einzelteile zerlegt, so lange, bis das scheinbar fest Gebaute flüssig wird, bis sie selbst zu jenem Element wird, in das sie als Frau von Alters her eingeschrieben wird, das sie trägt, in dem sie aber keinen Boden hat, da es nicht dafür gemacht ist, dass sie darin einen Boden hat, sondern dafür, dass sie darin untergeht, eingeht, verstummt.

„… ihr Körper schmerzte, als trüge sie darin die Weiblichkeit aller Frauen dieser Welt. Wieder fiel sie in Schweigen und betrachtete sich von innen her. Es kam ihr der Gedanke: ich bin die sanfte Welle, die nur das Meer als Raum hat, ich werfe mich, gleite, schwebe, lachend, gebend, schlafend, aber weh mir, immer in mir, immer in mir. Von wann stammte das? Als Kind einmal gelesen? Ausgedacht? […] Immer mehr wurde alles zur Vergangenheit…“ (132)

Das Meer, sie, bedrohliches Element, was geschieht, wenn es nicht mehr bereist wird, um bezwungen zu werden, sondern wenn es selbst reist, wenn es sich tragen lässt von seinen eigenen Bewegungen, liegend in seiner eigenen Form? Was wäre das für eine Zukunft, für die Literatur und für die Literaturkritik, wenn die Institutionen, insbesondere die, die es sich tatsächlich komplett vorbehaltlos leisten“ können, weil sie keinem Marktdruck ausgesetzt, sondern öffentlich finanziert sind, einfach mal direkt auf der Höhe und dem Denken der Zeit agierten? Wie wäre es, wenn es im Jahr 2021 ganz selbstverständlich wäre, dass eine systemrelevante Zeitschrift für Literaturkritik, die ein Angebot macht gerade für das, was von der großen“ Infrastruktur seit zwei Jahrzehnten mehr oder weniger ignoriert wird, ganz selbstverständlich und unkompliziert öffentliche Fördergelder kriegen würde, weil Entscheider*innen in geldgebenden Institutionen auffällt, wie doof es ist, wenn sich bestimmte Körper, die eben nunmal leben, die lebendig sind, die etwas zu sagen haben, und die ziemlich viele sind, immerzu verrenken müssen (nur um am Ende doch unterzugehen)? Wellen kommen und gehen, sie sind kein Bild der ewig fest stehenden Wahrheit, sondern ein Bild des ständigen Wandels, auch deswegen gehören sie zu den in der christlich geprägten Kultur so gern abgewerteten Bildern. Aber ohne Wellen und Wasser keine Zukunft, kein Leben, keine Literatur, kein Reden über Literatur. Mehr Wellen wagen, mehr Wasser wagen! Dann wird’s vielleicht auch irgendwann, ganz vielleicht ja sogar schon 2021, nochmal was mit den passenden Badewannen. Vorher aber, mit zwei weinenden Augen: Allen Dank der Welt an fixpoetry und an Julietta Fix. ♥♥♥

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge