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Kolumne

HOW TO COOK A PHALLUS # 3 Mit allen Wassern gewaschen

1943 erschien How to Cook a Wolf von MFK Fisher, eine Essay-Sammlung und inzwischen Klassiker der amerikanischen Literatur. Was tun, wenn der hungrige Wolf vor der Tür steht und einen fressen will? Fishers Antwort sind über 70 Kochrezepte, die genießbar und schmackhaft machen, was ungenießbar und unschmackhaft, gar bedrohlich scheint. Lilian Peter schreibt an dieser Stelle auf Einladung von fixpoetry einmal im Monat über Frauen und Literatur, über das Schreiben mit dem ständigen Phallus in der Tür.

 

Im Anfang war das Wort, und das Wort war nicht bei Gott, sondern ausgelaufen, deshalb beeilte Gott sich, es einzufangen, zu seinem Besitz zu erklären und den Mund, aus dem es ausgelaufen war, manisch zu reinigen, und Gott sah, dass es eine Frau sein musste, und Gott sah, dass sie nicht gut war. Und Gott vergaß dabei leider ganz, sich um sein eigenes Hinterteil zu kümmern, aus dem auch ziemlich viel auslief, Gott war definitiv ein Klopapierhamsterer, aber leider verstand er nichts von der Anwendung an sich selbst, sondern befand stattdessen, dass zum Auffangen und Saubermachen dessen, was Frau von sich gibt, erhöhte Sicherheitsmaßnahmen vonnöten seien, wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass es heute ein Toilettenpapier eigens für "Ladies" gibt, es bietet ein “einzigartiges Wohlfühlkissen” und “ultrasaugfähige Blätter”, sowie “luxuriösen Komfort” und “vierlagige Sicherheit”: Pack sie in Watte, wisch und stopf ihre Ausgänge ultrasanft, traumweich und auf die luxuriöseste Art, die Dir einfällt, aber macherhaft-stark und mit hochgekrempelten Ärmeln, schon wird sie unschuldig schnurren wie ein Kätzchen und ganz und gar Dir gehören.

Die Sprache spricht:

„Warum bin ich so schön?
Weil mein Meister mich wäscht.“
(Dominique Laporte, Eine gelehrte Geschichte der Scheiße)

Hakle, einer der ersten Klopapierfabrikanten in Deutschland, warb in den 1950ern mit diesem Spruch: „…weil Starkes sich mit Weichem paart“. Die Paarung von „Starkem“ + „Weichem“ war ja schon immer Garantin ordentlich-geordneter Verhältnisse, eine reinliche, ordnungsgemäße Zusammenkunft ist ja bekanntlich dann und nur dann gegeben, wenn nicht nur ein starker und ein weicher Körper eine fortan untrennbare, staatlich registrierte und kirchlich abgesegnete Verbindung in klaren, ordentlich gestapelten  Rollen eingehen, die sich bei Bedarf ohne Ruckeln abwickeln lassen, sondern wenn diese untrennbare Verbindung auch noch ein seinerseits sauberes – also: ENTWEDER starkes ODER weiches – Paarungsergebnis zutage fördert (das sich dann wiederum, sobald es die Geschlechtsreife erreicht, das jeweils andere zur Paarung und Ehelichung sucht). So ist es vielleicht nicht verwunderlich – wenngleich mehr als nur bedenklich –, dass der öffentliche Diskurs in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung mir nichts, dir nichts in Bilder zurückkippt, die plötzlich keine andere Lebensform mehr kennen als „die Familie“ oder „die Kernfamilie“, auf die man sich nun kontakthalber besinnen und beschränken soll: Alles andere ist potentiell infektuös.

Der Unterschied zwischen Stärke und Weichheit liegt dabei hierin: Das Starke gibt von sich, das Weiche saugt auf. So soll es klassischer Geschlechterideologie nach jedenfalls sein. Das Starke kommt von oben, das Weiche liegt am Boden. Warum? Weil es fällt bzw. abfällt: Der Mensch fällt ab von Gott, die Frau fällt ab vom Mann. Abfall ist in der christlichen Theologie ein anderes Wort für Sünde. Die Frau fällt nicht nur ab, sondern wird auch noch befleckt von dem, was nicht ganz so weit abfällt, also verhältnismäßig weit oben bleibt. Was abfällt, was befleckt wird, ist schmutzig, und was schmutzig ist, muss rein gemacht werden. Auf gar keinen Fall aber darf es auslaufen; denn dann hätte Mann das, was von ihm abgefallen ist, also Frau, nicht mehr unter Kontrolle. Und wenn es doch ausläuft, dann muss dieses Ausgelaufene sofort und ohne Umwege aufgefangen werden, denn das Unreine, Fleckhafte, Unklare könnte sich sonst überall hin ausdehnen, und was dann? Was wiederum am Boden liegt, kann man auch gleich zum Boden selbst machen, oder zur Erde, Simone de Beauvoir bringt es knapp auf den Punkt: „Die ganze Natur erscheint ihm als Mutter; die Erde ist eine Frau“ (Das andere Geschlecht, S. 75). Hier nur mal exemplarisch Émile Zolas Erzähler in „Die Erde“:

„Er hatte die Erde als Frau geliebt, die tötet und für die man mordet.“

„Er hatte die Mutter Erde geliebt wie ein Weib, das uns das Herzblut aussaugt und das man zu töten imstande ist.“

„… raffte er all seine Kraft zusammen und drang mit einem einzigen Lendenstoß tief ein. Dann zog er wieder heraus. Es war getan: Der Stoß mit dem Pflanzholz, das ein Samenkorn tief in die Erde drückt. Standfest und mit der empfindungslosen Fruchtbarkeit der Erde, die besät wird, hatte die Kuh ohne eine Bewegung diesen befruchtenden Strahl des Mannestiers empfangen.“

„Frau“ und „Mutter“ sind gar nicht voneinander, und letztlich nicht einmal von einem Tier, genauer einer Kuh zu unterscheiden: Sie verschwinden hinter demselben Bild der unschuldigen, unwissenden, empfindungslosen Erde, die es zu besamen/bezähmen gilt. Es kommt noch toller:

„Mutter Erde war ihm alles; was bedeutete daneben das andere? Wie nichtig waren seine Liebeleien […]? So eine Magd ist wie ein Teller, aus dem alle essen, – wenn nur der Teller rein ist.“

Mutter Erde ist ein Teller, aus dem nur er, der Erzähler, isst; dieses Tellers kann er sich sicher sein, dieser Teller spendet natürliche, reine, unverkochte, unbefleckte Zutaten, die niemand anderem gelten als ihm. Jedenfalls kann er das glauben, weil die Erde in Wirklichkeit natürlich weder Frau ist, noch Mutter, sondern als solche eine reine Phantasie. Die Magd hingegen ist eine wirkliche Person, die Wirklichkeit lässt sich nie so „rein“ besitzen wie die Phantasie, die Magd ist also ein Teller, in dem andere Männer herumrühren und aus dem andere Männer essen könnten. Und sobald der Mann aus dem Teller gegessen hat? Dann ist der Teller einfach – leer: bloße Form ohne Empfindung, ohne Mund, ohne Sprache. Stets zu Diensten, sortierbar, stapelbar, wiederbenutzbar. Hauptsache rein. Die Frau, (in) die man rein-machen muss. Das Unreine hingegen: Die Frau, die den Mund aufmacht; denn sobald sie den Mund aufmacht, läuft sie aus. Der Teller ist plötzlich gar kein Teller mehr, das bringt die Weltordnung ins Wanken. Anne Carson schreibt in einem famosen Essay über Stimme und Geschlecht in der antiken Literatur:

„Woman is that creature who puts the inside on the outside. By projections and leakages of all kinds––somatic, vocal, emotional, sexual––females expose or expend what should be kept in. […] The image of the leaky water jar with which Plutarch concludes his first anecdote is one of the commonest figures in ancient literature for the representation of female sexuality. […] When it is not locked the mouth may gape open and let out unspeakable things. […] In Freud’s theory the hysterical patients are women who have bad memories or ugly emotions trapped inside them like a pollution. Freud and Breuer find themselves able to drain of this pollution …“ (The Gender of Sound, in: Glass, Irony and God, S. 129 / 131 / 132 ff.)

Die unreine Frau, die Frau, die zuviel bzw. überhaupt etwas von sich gibt, infiziert das, was der Mann von sich gibt, nämlich das Wort und das System, das dieses Wort entfaltet. Der klassische Diskurs der Philosophie war und ist immerzu damit beschäftigt, seine Sprache reinzuhalten von einem Sprachgebrauch, den er als nicht allgemein, nicht geist- oder welthaltig erachtet, sondern als privat, unbewusst, eigen, zufällig, traumhaft/träumend, unwahr, plappernd, ansteckend; die konkreten Namen dieser „anderen“ Sprache wechselten im Verlauf der Jahrhunderte und Jahrtausende immer mal, aber letztlich hatte er immer irgendetwas mit „Literatur“ (oder dem, was sich Philosophen darunter vorstellten) zu tun. Es ist kein Zufall, dass dieser „andere“ Sprachgebrauch von Philosophen mit genau denselben Konnotationen belegt wurde und teils immer noch wird, mit denen klassischerweise Weiblichkeit belegt wird.

Im Februar ist einer meiner Heidelberger Philosophie-Professoren von früher, lang ist’s her, verstorben, es gab einige Nachrufe in großen Tageszeitungen, alle waren geschrieben von Männern und hatten Titel wie: „Ein Großer ist von uns gegangen“, „Das Eine überragt alles“, „Spuren des Absoluten“. Ich fühle mich kurz bemüßigt, „Ein Großer ist von uns gegangen.“ mal eben zu googeln: 8.730 Google-Treffer; dann google ich „Eine Große ist von uns gegangen.“: 7 Google-Treffer. Der Professor hatte 16 Doktoranden und 3 Doktorandinnen, weibliche Mitarbeiterinnen hatte er, soweit ich mich erinnern und recherchieren kann, nie. Persönlich hatte ich mit ihm, anders als mit anderen, keine Probleme, er war immer freundlich; aber sein Umfeld, und leider nicht nur sein Umfeld, sondern das des gesamten Seminars, kreierte und trug eine Atmosphäre, die derart abgründig um schlüsselbundklappernde Männlichkeit in höheren Stockwerken kreiste, dass ich heute, gute 10 Jahre später, ein bisschen grinsen muss, wenn ich höre, man habe große Probleme, freie Stellen nachzubesetzen; anscheinend will niemand nach Heidelberg, und Frauen schon gar nicht. Aus der Philosophen-Bibliothek in Heidelberg habe ich damals übrigens regelmäßig Klopapier geklaut, es war einlagig, grau, hart und recyclebar, also: wiederaufbereitbar bis in alle Ewigkeit, die philosophische Form der Ultrasaugfähigkeit.

Sprache und Körper sind ebensowenig voneinander zu trennen wie der Geschlechterdiskurs von seinen wildwuchernden literarischen Metaphoriken, die auch und gerade dort am Werk sind, wo so getan wird, als gäbe es sie gar nicht; Körper und Gesellschaft sind nicht trennbar von ihrer Schriftgeschichte, und Schriftgeschichte wiederum handelt immer auch, zumindest implizit, vom Schreiben. Maria, die Unbefleckte, wird durch das Wort befruchtet, und von dieser Befruchtung kriegt sie nichtmal was mit. Sie wird, was diesen heimlichen Verkehr betrifft, dargestellt als unbewusster Körper, als dunkle Erde, in die ein göttlicher Blitz fährt, als unbeschriebenes Blatt, das der prall mit Tinte gefüllte Stift ausführlichst beschreibt. Gefragt wird sie auch nicht, eh klar. Das Wort kommt aus dem Himmel, aber leider braucht selbst der tollste Himmel einen Körper, in den er sich einschreiben kann, wenn er Geschichte schreiben will, und so bleibt Maria, die Frau, die Unbewusste, die Erdenhafte, trotz alledem anwesend, sie lässt sich auch durch den göttlichsten Mann nicht vollständig eliminieren, sie muss ja seine Geschichte austragen. Dabei bedarf es eigentlich nichtmal unbedingt eines Grundkurses in Logik, um zu verstehen: Wenn die schreibenden Flüssigkeiten, die von oben kommen, das beschmutzen, was unten ist – dann sind das Problem doch offensichtlicherweise diese Flüssigkeiten, bzw. die Art und Weise, wie sie auf aufs Papier geschüttet werden, oder auf das, was “das Oben” sich als Papier vorstellt – und nicht “das Unten” “selbst”.

So wie Zola und unzählige andere würde heute (hoffentlich) kaum mehr jemand schreiben, zumindest hätte man mit einem Shitstorm zu rechnen, der sich (nicht) gewaschen hat; Heidelberger Philosophen sind nur noch so etwas wie eine letzte winzige Bastion, im an sich harmlos gewordenen, wenngleich grandiosen Überschätzen ihrer eigenen Wichtigkeit heute fast schon niedlich. Aber die Metaphorik vom aus dem Himmel der Erleuchtung kommenden befruchtenden, also phallischen Wort auf der einen, und dem zu befruchtenden unbeschriebenen, auf sein Beschriebenwerden wartenden, aufnahmebereiten Blatt auf der anderen Seite – das schmutzig ist und reingemacht werden muss, ist es von einem anderen Stift beschrieben als vom eigenen oder beschreibt es sich gar selbst, spielt es an und mit sich selbst (sündigste aller Sünden!) – ist viel zu tiefgreifend und viel zu vielschichtig verankert in der westlichen Kultur, gerade auch als Schreibgestus, als dass sie nur in derart offensichtlichen, plumpen Bildern zum Tragen käme, die man einfach nur nicht mehr benutzen müsste, und schon wäre das Problem erledigt. Solange diese Metaphorik in ihren vielfachen, eben gerade nicht immer offensichtlichen Verästelungen am Werk ist, solange gibt es auch ein misogynes Problem – in der Gesellschaft, in der Literatur, in der Buchbranche, und in der Literaturkritik.

Zum Beispiel diese Idee, dass Literatur rein, unschuldig und unbewusst zu sein habe, zumindest dann, wenn sie von Frauen geschrieben wird. Jörg Magenau warf Ulrike Draesner 2018 in einer Rezension zu deren Poetikvorlesung Grammatik der Gespenster vor: „Ihrem Familien-, Herkunfts- und Vertriebenenroman „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ lädt die Autorin so viel theoretisches Gepäck auf, dass er darunter ächzend zusammenzubrechen droht“, und schließt: „Was aber, wenn das Erzählen dort am besten gelingt, wo es um die eigenen Funktionen gar nicht weiß?“ Schwer vorstellbar, dass einem männlichen Autor je ein solcher Vorwurf gemacht werden würde, leicht vorstellbar hingegen, dass die Reaktion genau umgekehrt ausfiele (Lob und Bewunderung dafür, wieviel er anpackt, wie komplex er sein Gewebe strickt). Krampfhaft versuche ich, mich an irgendeine Literaturkritik, irgendeinen Text über ein kanonisch gewordenes Werk eines männlichen Autors zu erinnern, dem allzu große Komplexität vorgeworfen worden wäre. Aber mir fällt immer nur das Gegenteil ein: Werke von Männern sind kanonisch geworden, gerade weil man in ihnen soviel Komplexität, und, ja, auch theoretisches oder theoretisierbares Gepäck zu finden bereit war und ist. Und überhaupt, was für ein merkwürdiges Kriterium: Würde man an das Werk eines männlichen Autors jemals auch nur die Frage herantragen, ob es um die eigenen Funktionen weiß? Und woher weiß der Leser eigentlich, ob ein Text um seine eigenen Funktionen weiß? Es scheint, als habe Draesner den Rahmen dessen gesprengt, was Literatur von Frauen sein soll: Schön und unschuldig, nicht verdorben durch zuviel Wissen – denn Wissen ist Männersache, und die Frau, die Autorin, die zuviel Wissen hat, lag zu oft nicht allein im Bett. Das Bett: im Französischen „le lit“ – „le lit“ ist auch: das Gelesene. Die Frau, deren Text von zuviel Wissen, auch: zuviel Selbstwissen zeugt, ist schmutzig, zu viele Worte sind schon über sie gekommen. Aber so ist das eben: Wer zuviel gewaschen wird, ist am Ende der Geschichte mit allen Wassern gewaschen.

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