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Kolumne

HOW TO COOK A PHALLUS #4 Haushofer-Spezial

1943 erschien How to Cook a Wolf von MFK Fisher, eine Essay-Sammlung und inzwischen Klassiker der amerikanischen Literatur. Was tun, wenn der hungrige Wolf vor der Tür steht und einen fressen will? Fishers Antwort sind über 70 Kochrezepte, die genießbar und schmackhaft machen, was ungenießbar und unschmackhaft, gar bedrohlich scheint. Lilian Peter schreibt an dieser Stelle auf Einladung von fixpoetry einmal im Monat über Frauen und Literatur, über das Schreiben mit dem ständigen Phallus in der Tür.

 

Wenn kanonisch gewordene Schriftsteller (sic) ein Jubiläum feiern, dann widmet man ihnen bisweilen gleich ein ganzes Jahr: Schiller-Jahr, Goethe-Jahr, Schlegel-Jahr, Thomas-Mann-Jahr, Oscar-Wilde-Jahr, Uwe-Johnson-Jahr, Max-Frisch-Jahr, Thomas-Bernhard-Jahr, Kafka-Jahr, Stefan-Zweig-Jahr, sogar ein Heinrich-Böll-Jahr gab es, obwohl man Heinrich Bölls Werk wahrlich nicht unbedingt zu den literarischen Höhenflügen des 20. Jahrhunderts rechnen muss, dann natürlich die Philosophen (sic), z.B. Nietzsche-Jahr oder Heidegger-Jahr. Ein Hannah-Arendt-Jahr kennt Google gerade noch (67 Treffer), aber weder ein Marie-Luise-Kaschnitz-Jahr, noch ein Ingeborg-Bachmann-Jahr, noch ein Ilse-Aichinger-Jahr, noch ein Marieluise-Fleißer-Jahr, noch ein Christa-Wolf-Jahr. Auch 2020 ist ein Jahr, in dem man vor allem kulturschaffender Männer gedenkt, es heißt Hegel-Jahr (250. Geburtstag), Hölderlin-Jahr (250. Geburtstag) und Paul-Celan-Jahr (100. Geburtstag und 50. Todestag). Halt, Moment, war da nicht noch wer? Ja, da war noch wer: Auch Marlen Haushofer, eine der wichtigsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts, hat in diesem Jahr ein Doppeljubiläum (100. Geburtstag und 50. Todestag), allerdings bisher so gut wie unbemerkt.

Drei kurze Google-Stichproben:

1) „Hölderlin-Jahr 2020“: 771 Google-Treffer
2) „Paul-Celan-Jahr 2020“: 223 Google-Treffer
3) „Marlen-Haushofer-Jahr 2020“: 4 Google-Treffer, die alle auf dieselbe Quelle zurückgehen, eine 4:43 Minuten kurze Sendung des Bayerischen Rundfunks, immerhin, der Bayerische Rundfunk sorgt dafür, dass ein „Marlen-Haushofer-Jahr 2020“ bei Google überhaupt existiert und beschwert sich in seinem Beitrag mit der Haushofer-Biographin Daniela Strigl, die im März einen völlig zu Recht wütenden Artikel in der FAZ schrieb, über die alles andere als zufrieden stellende Editionslage: Marlen Haushofers Werk gibt es nur in Taschenbüchern, eine Werkausgabe existiert nicht; im Jahr ihres Doppeljubiläums macht der Ullstein-Verlag genau: nichts. Daniela Strigl schrieb in der FAZ:

„Daran, dass Haushofers (mit Paul Celan geteiltes) diesjähriges Doppeljubiläum […] trotz Kultbuch und Verfilmung nicht zu bemerken ist, ist der Ullstein Verlag schuld, dessen Ignoranz gegenüber einer seiner bedeutendsten Autorinnen einem Boykott gleichkommt: Kein Wort von Geburts- und Todestag steht auf der Webseite, keinerlei Veranstaltungen waren geplant, keine Werkausgabe wird vorgelegt. […] Nicht einmal eine Jubiläumsausgabe der ‚Wand‘ hat man bei Ullstein zustande gebracht, und der Erstling ‚Eine Handvoll Leben‘, dessen Rechte bei Zsolnay/Hanser liegen, ist 2020 gar überhaupt vergriffen. Nicht minder skandalös sind die Coverbilder, die Ullstein den lieferbaren Taschenbüchern verpasst hat: weichgezeichnete Frauenporträts zwischen Gartenlaube und Groschenheft, die Marlen Haushofer in die Galerie genau jener ‚Frauenliteratur‘ zwängen, in der sie nichts verloren hat.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. April 2020)

Mag sein, dass den Ullstein-Verlag eine Hauptschuld trifft, denn würde Haushofers Verlag Trommelwirbel machen, dann würden, darf man vermuten, wohl auch Zeitungen, Radiosender und Kulturinstitutionen mit einstimmen. Da Ullstein aber praktisch so tut, als gäbe es Haushofer gar nicht, oder als hätte sie zumindest keinerlei Bedeutung, scheint man auch an anderen Orten wenig Anlass zu sehen, ihr welche beizumessen. Zählen wir also mal, Stichwort #frauenzählen, ein paar Radiosendeminuten (kein Anspruch auf Vollständigkeit – und natürlich ist das Radio hier nur exemplarisch, man könnte die Zählerei auch an anderen medialen Orten durchführen, wahrscheinlich käme man zu einem ähnlichen Ergebnis). Die Stichprobe sieht so aus: Man google „Hölderlin 2020 Radio“, „Celan 2020 Radio“ und „Haushofer 2020 Radio“ und vergleiche dann die Ergebnisse der beiden ersten Trefferseiten. Ergebnis: Hölderlin gewinnt haushoch (ca. 1.000 Minuten), gefolgt von Celan (ca. 400 Minuten), Haushofer verliert (ca. 200 Minuten). Interessant ist aber nicht nur die Zahl der Sendeminuten, sondern auch, auf welche Arten von Sendungen sie verteilt werden. Zu den Männern gibt es nicht nur Lesungen, sondern u.a. auch literaturwissenschaftliche Gespräche und lange Diskussionsrunden. Man muss natürlich festhalten, dass die rezeptionsgeschichtliche Lage im Fall Celan als eines jüdischen Autors im Nachkriegswestdeutschland komplex ist und völlig zu Recht medialen Raum bekommt. Klammern wir ihn also mal aus und gucken, wie es um die Aufmerksamkeit für männliche Schriftsteller in anderen Jubiläumsjahren bestellt war. Sendeminuten lassen sich im Nachhinein (d.h. wenn Sendungen nicht mehr online sind) nicht mehr ohne weiteres zählen, aber einen ungefähren Eindruck erhält schon, wer sich nur in den zwei Monaten rund um Bölls Geburtstag (21. Dezember) umguckt: Allein der WDR kündigte am 1.11.2017 an: "Zum 100. Geburtstag Heinrich Bölls widmet der WDR dem Kölner Literatur-Nobelpreisträger zahlreiche Sendungen, Veranstaltungen und Onlineprojekte in Radio, Fernsehen und Internet.", dazu kommen Lesungen auch auf anderen Sendern, der Deutschlandfunk widmet Böll zum 100. Geburtstag sogar eine "Lange Nacht"; allein, was ich innerhalb von 5 Minuten mit Hilfe der ersten zwei Google-Treffer-Seiten nur für November und Dezember 2017 finden kann, ergibt zusammen eine geschätzte Mindestminutenzahl von ca. 600 oder 700 Minuten.

Zu Haushofer, deren 100. Geburtstag am 11. April und deren 50. Todestag am 21. März war hat, Stand 30. April, bislang in diesem Jahr überhaupt nur ein einziger Sender mehrere längere Beiträge gebracht, nämlich der Bayerische Rundfunk; alle drei Sendungen (gesamt 165 Minuten) sind Lesungen, 110 Minuten davon entfallen auf „Die Wand“, jenes Stück Weltliteratur, von dem der BR in seiner Sendungsbeschreibung meint, es sei dem deutschsprachigen Publikum erst 2012 durch die Verfilmung mit Martina Gedeck „in Erinnerung gerufen“ worden, und 55 Minuten auf einen Text, den Haushofer als Fragment hinterließ, aber Achtung, ein männlicher Autor fand für diesen Text „zu einem Schluss […], der von der Autorin selbst stammen könnte und von ihren Erben autorisiert wurde“ (Beschreibung auf der Seite des BR). Als gäbe es von Haushofer nicht eine Vielzahl von Meisterwerken neben der „Wand“, die sie selbst fertig gestellt hat. Der SWR brachte ein 8minütiges Porträt, in dem vor allem „Die Wand“ vorgestellt wird. Auch der Deutschlandfunk konnte für Haushofer bislang nicht mehr erübrigen als 8 Minuten im „Büchermarkt“, jener Sendung, in der meist Bücher vorgestellt werden, die man noch nicht oder nicht mehr kennt. Es lässt sich resümieren: Haushofer wird im Radio behandelt, als wäre ihr Name vollkommen unbekannt, und meistens wird hierbei ihr bekanntestes Werk, „Die Wand“, vorgestellt, von dem ebenfalls so getan wird, als würde es niemand kennen. Ein Werk, das angeblich niemand kennt, bedarf natürlich auch erstmal keiner eingehenderen, umfänglicheren Lektüren, geschweige denn gleich ganzer Diskussionsrunden oder literaturwissenschaftlicher Auseinandersetzungen.

In Wirklichkeit ist Marlen Haushofer gerade dies nicht: unbekannt und unbedeutend. Das Goethe-Institut lancierte 2010 eine weltweite Umfrage zu den beliebtesten deutschsprachigen Büchern. Ergebnis: Haushofers „Die Wand“ landete auf Platz 8, nach zwei Büchern von Michael Ende, dann jeweils einem Buch von Bernhard Schlink, Otfried Preußler, Thomas Mann, Patrick Süskind und Goethe, vor Büchern von Hermann Hesse und Erich Maria Remarque. Haushofer ist die einzige Frau in der ganzen Liste. Sollte der BR in seiner Einschätzung Recht haben und das deutschsprachige Publikum Haushofers bekanntesten Roman erst mit seiner Verfilmung 2012 wiederentdeckt haben, so wäre die weltweite Rezeption schon vorher auf einem anderen Stand gewesen.

Ich glaube aber nicht, dass der BR Recht hat. In Bayern zumindest war Ende der 1990er, Anfang der 2000er „Die Wand“ Schullektüre, ich habe den Roman seither drei oder vier weitere Male gelesen und bin ihm jedes Mal aufs Neue verfallen. Die älteste Unterhaltung über das Buch, an die ich mich erinnern kann, dürfte um die 15 Jahre her sein und fand in Hamburg mit der Schwester meines damaligen Freundes statt. Sie hatte es gelesen, Christian (der viel umfänglicher an Literatur interessiert war als seine Schwester) nicht. An Einzelheiten kann ich mich nicht mehr erinnern, ich weiß nur noch, dass sie mit leuchtenden Augen sagte: „Die Wand?! Megahammer!“ Seither habe ich mich unzählige Male mit Menschen, vor allem Frauen, über den Roman unterhalten, ich nenne ihn immer, wenn ich nach den für mich wichtigsten Büchern gefragt werde, und noch nie habe ich von jemandem gehört, die es gelesen hat und nicht nachhaltig beeindruckt gewesen wäre, anders als jene in ihrer misogynen Häme mehr als erstaunliche (und sehr offensichtlich 60er-Jahre-männliche) Rezension des SPIEGEL kurz nach Erscheinen des Buches 1963:

„Nach der verbreiteten zeitgenössischen Manier, schmale Einfälle zu Romanen breitzutreten, erstellte die 43jährige Österreicherin Haushofer eine Haus-und -Hof-Robinsonade für 1 Frau, 1 Hund, 1 Katze und 1 Kuh. Der Ort der Handlung, ein Gebirgstal, wird über Nacht durch eine nicht näher erläuterte unsichtbare Barriere von der Umwelt abgeschlossen. Jenseits ist alles tot, diesseits lernt die Robinsonine überleben. Sie freut sich an der Natur und ihrer Hände Werk, und als doch noch ein anderer Mensch, ein Mann, auftaucht, erschießt sie ihn. Öde, wie die beschriebene Einöde, ist auch der Stil des Romans.“

Nun ist es so: Wessen Bedeutung man beharrlich sendet, wird auch als bedeutsam empfangen. Wessen Bedeutung man beharrlich marginalisiert, wird auch als marginal empfangen. Die Bedeutung männlicher Autoren ist ja nicht gottgegeben, sondern rezepetionsgeschichtlich gemacht. Doch anstatt die Gelegenheit des Jubiläums zu nutzen, genau das zu tun, was man mit männlichen Autoren seit jeher tut, nämlich: ihre Bedeutung als allgemein zu setzen, ihnen vollkommen selbstverständlich großen Raum zu geben, ihr Werk von vielen Stimmen diskutieren zu lassen und so zu etablieren und schließlich zu zementieren, dass es sich dabei um etwas Großes, Komplexes handelt, tut man im Falle Haushofer bisher genau das, was man mit weiblichen Autorinnen seit jeher tut: ihre Bedeutung höchstens als eine besondere zu setzen, die gerade so zufällig auftaucht und wieder verschwindet, wie auch die Natur es zu tun pflegt, der “die Frau” ja angeblich auch besonders verbunden ist.

Auch wenn dem Urteil des Spiegel-Rezensenten, dessen Lesevermögen offensichtlich etwas eingeschränkt war („freut sich an der Natur und ihrer Hände Werk“ – äh, really, darum geht es in dem Buch?) niemand mehr zustimmen würde, ist mehr als nur frappierend, wie unbeholfen die Haushofer-Rezeption in der breiten Öffentlichkeit auch im Jahr 2020 noch aussieht; und dies nicht nur, weil man Haushofers Werk beharrlich auf „Die Wand“ reduziert (dass der DLF in seinen 8 Minuten anmerkt, man dürfe es nicht auf „Die Wand“ reduzieren, dann aber mehr als die Hälfte der Sendung der „Wand“ widmet, wiederholt ja nur genau diese Reduktion), sondern auch, weil man zwar aus ihren Werken vorlesen lässt, aber jegliche eingehendere Auseinandersetzung damit zu scheuen scheint. Eine Rezeption des Gesamtwerks der Haushofer findet anscheinend auch im Jahr 2020 nicht statt; ja, man muss sagen, nicht einmal eine eingehende Rezeption der „Wand“ findet statt, klar, geht ja auch nicht, wenn man überall so tut, als wäre dieses Werk eine ganz neue, überraschende Entdeckung. Mir ist kein anderes Werk bekannt, bei dem eine derartige Kluft herrscht zwischen seinem Platz in der öffentlichen/medialen Rezeption und seinem Platz im Lesegedächtnis (nicht nur, aber) vor allem von Frauen.

In der Romanwerkstatt am Deutschen Literaturinstitut Leipzig machten wir einmal ein Spiel, für das jede*r sich zwei oder drei Lieblingstexte aussuchen und dann im Kurs eine Passage daraus vorlesen sollte; die anderen mussten raten, um was es sich handelte. Meine Wahl fiel auf Gogols Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen und Haushofers Die Wand. Ich meine, mich zu erinnern, dass eine der Frauen im Kurs den Text erkannte; alle Frauen hatten ihn gelesen. Wie es um die Kenntnis der Männer stand, weiß ich nicht mehr (tendiere aber dazu, zu glauben, sie kannten ihn nicht), ich weiß nur noch, dass der Dozent den Roman nicht kannte. Ich versuche, mich zu erinnern, ob ihm zumindest Titel und Autorin ein Begriff waren, komme aber zu keinem eindeutigen Ergebnis, was auch daran liegen könnte, dass dieser Dozent generell eigentlich nicht zugab, wenn er etwas nicht wusste oder ihm etwas unbekannt war; gut möglich oder sogar wahrscheinlich also, dass er sich dazu nicht äußerte. Gut erinnere ich mich aber an seine beeindruckte Mimik, und an seine anerkennende Bemerkung zu der von mir gelesenen Stelle, der Text habe „etwas sehr Apodiktisches“. Ob er es daraufhin gelesen hat? Ich habe Zweifel, würde mich aber gern eines Besseren belehren lassen.

Für diese Kolumne habe ich Menschen unterschiedlichster Alter und Geschlechter gebeten, mir ein paar Sätze zu ihren Haushofer-Leseerlebnissen zu schreiben. Es haben fast nur Frauen geantwortet, alle haben sich über Die Wand geäußert; von den Männern, die ich gefragt habe, hatte, bis auf eine Ausnahme, keiner etwas von Haushofer gelesen. Das ist natürlich nicht repräsentativ und mag vielmehr ganz zufällig sein, über Twitter-Profile männlich identifizierter Leser immerhin geistern derzeit immer wieder Tweets mit Fotos eines gerade eingetroffenen und ausgepackten, bald hoffentlich auch gelesenen Haushofer-Lesepakets. Besser spät als nie.

Hier also einige der Haushofer-Leser*innen-Stimmen:

„Aus einer heilen Welt herauskatapultiert und auf sich selber zurückgeworfen zu werden – und in sich die Ressourcen zu entdecken, die frau zum Überleben braucht. Eine Offenbarung. Self-empowerment, würde ich es heute nennen, damals kannte ich den Begriff noch nicht.“ (Beate)

„Ich kann mich an grüne Wiesen erinnern und den Schock, mit der Wand konfrontiert zu sein. Die Einsamkeit dahinter. Und das bekannte Gefühl, ausgegrenzt zu sein.“ (Amelie)

„Jedes Mal, wenn ich eine Bohne in die Erde drücke oder eine Kartoffel ausgrabe, frischgeschlagene Butter und fangfrische Forellen sehe, denke ich seit bald zwei Jahren an ‚Die Wand‘. Der Roman lehrte mich tatsächlich, eigenhändig am Leben zu bleiben, bestärkte im Gefühl, dass der Wegfall der Zivilisation noch kein Weltuntergang wäre, weckte diffuse Sehnsüchte nach einer zurückgezogenen Existenz; die Bilder des Romans, die Sprache versanken in mir wie Stiers Skelett in der Erde oben auf der Alm.“ (Dmitrij)

„DIE WAND – eine der eindrücklichsten und sinnlich erinnerbarsten lektüren, die ich jemals hatte. diese beschworene wand wurde haptischer als jede reale wand es jemals werden könnte.“ (Katja)

„Ich habe „Die Wand“ mit circa 16 gelesen, es ist also schon eine Weile her. Und ich habe die Adaption mit Sophie Rois im Deutschen Theater vor ein paar Wochen  gesehen. 

Was ich stark in Erinnerung habe, und was auch dieser Abend wieder reaktiviert hat, war die Härte der Beobachtung, die ich mit 16 so nicht kannte. Dieses Moment gegen sich selbst und die Welt hart zu sein. Mit 16 habe ich darüber einfach gestaunt. Dass das geht, dass man das aufschreiben kann. Damals habe ich solche Sachen auch einfach wegen ihrer Härte geglaubt. Es war auch merkwürdig, weil meine Mutter „Die Wand“ vor mir gelesen hatte, und ich glaube, sie hat auch gestaunt, wie man das alles sagen kann. Ich glaube, meine Mutter und ich haben uns beide vor der beschriebenen Situation gegruselt, es hat uns auch beide gelockt. 

Das hat sich in meinem Kopf auch verbunden mit Christa Wolfs Kassandra. Einmal weil ich das auch etwa mit 16 gelesen habe, und weil beide Bücher diese Negativität haben und alles ausgesprochen haben. Damals war Kassandra wichtiger, weil es um Beziehungen ging, aber dafür war  „Die Wand“ – in meiner Erinnerung – so wunderbar karg.“ (Veronika)

"Ich habe von Haushofer 3 Bücher gelesen, natürlich Die Wand, Die Tapetentür und Wir töten Stella. Für mich sind es Überlebensbücher, bzw. Texte um zu verstehen, in welchen abgründigen Formen sich überleben, und trotz großer Traurigkeit Trost finden lässt. Ich kann Haushofers reduzierte Sprache sehr gut in meine persönlichen Erfahrungen als Kind und Mutter einbetten, sie haben in mir Erinnerungen hervorgerufen, kleine Szenen, die große Auswirkungen auf mein Leben und das Verhältnis zu meiner Mutter haben/hatten. Ich möchte fast so weit gehen, dass die Haushofer-Bücher mir entscheidend geholfen haben, meine eigene Tochter zu erziehen. Haushofer hat mir eine große Kraft verliehen und was wichtig ist, dass man immer alles mit sich selbst ausmachen muss, sonst rennt man gegen Wände. Über das Überleben schreiben wenige Autor*innen so haargenau.  (Julietta)

Ich will diese Kolumne nicht beenden, ohne zumindest einen Zwischenstand meiner persönlichen Haushofer-Wochen zu vermelden, denn ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr alles, absolut alles von Haushofer zu lesen, und damit Anfang des Monats begonnen. Mein bisheriges Resumée: Ich kenne kein anderes literarisches Werk, das in einer derartigen Radikalität die Einsamkeit und Ausweglosigkeit der bürgerlichen Frauenrolle aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts beschreibt. Haushofer ist dabei weder anklagend, noch einseitig oder naiv, vielmehr beschreibt sie immer wieder auch die in ihrer ganzen Komplexität brutale Komplizenschaft, die Frauen bisweilen mit dem Patriarchat eingegangen sind (Wir töten Stella). Die Tapetentür hat mich von den anderen Texten neben der Wand, die ich bislang gelesen habe, vielleicht am meisten beeindruckt; dieser Roman handelt von einer berufstätigen jungen Frau, die einen Großteil ihrer Zeit mit Lesen verbringt, dann jedoch schwanger wird, heiratet und fortan an das Innere der Wohnung ihres Mannes gekettet ist. Neben einem eindrücklichen Zeitzeugnis und einer Anlage, die, ganz im Sinn der klassischen Tragödie, eigentlich von Anfang an weiß, dass sie kein gutes Ende finden kann, bietet dieser Roman fast so etwas wie eine „Phänomenologie der Schwangerschaft“, indem er ausführlich das zunehmende Körperwerden (im wahrsten Wortsinn) einer denkenden Frau beschreibt, die zugleich gesellschaftlich gezwungen wird, auf ein eigenes Leben zu verzichten. 

Etwa 50 Jahre, bevor Epigenetik in aller Munde war, schrieb Marlen Haushofer: „Ein Mensch, der Kinder hatte […], für ihn gab es nie mehr Sicherheit und Ruhe, denn ein Teil von ihm lebte und litt noch durch Generationen.“ (Die Tapetentür, S. 120) Diese Generationen, das sind wir; Haushofers Frauenfiguren sind unsere Großmütter oder sogar Mütter, ihr Leben, ihr Denken, ihr Sprechen, ihre Bilder haben Bedeutung, sie leben in uns, sie sprechen aus uns, sie sind eingezeichnet in unsere Haut. Wenn sie schon damals nicht gelesen wurden, lesen wir sie wenigstens jetzt. Und posaunen wir es endlich heraus: Wir haben Marlen-Haushofer-Jahr!

 

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