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Kolumne

HOW TO COOK A PHALLUS # 5 Lesen leicht gemacht, oder: Wer hat Angst vorm ZDF?

1943 erschien How to Cook a Wolf von MFK Fisher, eine Essay-Sammlung und inzwischen Klassiker der amerikanischen Literatur. Was tun, wenn der hungrige Wolf vor der Tür steht und einen fressen will? Fishers Antwort sind über 70 Kochrezepte, die genießbar und schmackhaft machen, was ungenießbar und unschmackhaft, gar bedrohlich scheint. Lilian Peter schreibt an dieser Stelle auf Einladung von fixpoetry einmal im Monat über Frauen und Literatur, über das Schreiben mit dem ständigen Phallus in der Tür.

 

Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung, Unterdrückungs- und Zuschreibungspraktiken finden nicht nur dort statt, wo ein Mensch eine mehr oder weniger bewusste Handlung einem anderen Menschen gegenüber unternimmt, sondern an unzählbar vielen kleinen oder auch größeren Schraubstellen im Getriebe der Kultur; und diese Schraubstellen haben immer auch mit Bild- und Assoziationsproduktion zu tun. Das ZDF ist ja generell nicht gerade berühmt dafür, zeitgenössische Formate zu produzieren, aber was seine Literaturformate betrifft, schießt es mit frappierender Regelmäßigkeit den Vogel ab.___STEADY_PAYWALL___ Im Jahr 2015 stach es mit einer Neuauflage des „Literarischen Quartetts“ hervor, in der, ganz wie in den 1980er Jahren, 2 Männer + 1 Frau + 1 Gast über Literatur sprachen, wobei der 1 Frau regelmäßig zu kompliziert war, was die anderen diskutierten, und sie eigentlich immer nur „schöne Stellen“ vorlesen wollte, sodass die Diskussion häufig hinauslief auf „intellektueller Mann“ versus „gefühlige Frau“: In der Hinsicht fiel die Neuauflage sogar deutlich hinter die 1980er Jahre zurück, Sigrid Löffler war ja damals in der Diskussion messerscharf und intellektuell Reich-Ranicki und anderen oft haushoch überlegen. Nichts gegen Christine Westermann, gar nichts, in anderen Sendeformaten fand ich sie immer wunderbar – aber in dieser Konstellation wurde sie in eine mediale Rollenzuspitzung gedrängt, auf die es die Kulturredaktion des ZDF entweder abgesehen hatte (was schlimm wäre), oder über die sich dieselbe Kulturredaktion null komma null Gedanken gemacht hat (was genauso schlimm wäre). Später kam Thea Dorn dazu, die Maxim Biller Paroli bieten sollte und auch konnte, da wurde alles etwas besser, aber das Format blieb gleich öde: Romane über Romane über Romane über Romane, vorzugsweise solche, die bei KiWi erschienen, vorzugsweise Autor*innen, die eh schon auf Bestsellerlisten standen. Dann, erst kürzlich, übernahm Thea „deutsch nicht dumpf“ Dorn die ganze Sendung, da wurde es leider öder denn je, die erste Ausgabe ließ sich an Einfallsarmut kaum überbieten: In einer Zeit, in der jede Headline irgendwas mit „Corona“ zu tun hat, Bücher kaum besprochen werden und insbesondere jüngere Autor*innen mit plötzlich wegbrechender oder gar nicht erst einsetzender Sichtbarkeit zurechtkommen müssen, fällt dem ZDF nichts Besseres ein, als uralte Klassiker rauszukramen und dem Publikum zur Lektüre in der Krise zu empfehlen. Nun hat sich das ZDF wieder was Neues ausgedacht, ein Format namens „Dein Buch“: https://dein-buch.zdf.de/, die Redaktion empfiehlt Bücher, an sich eine tolle Sache. Nur leider, wie so oft beim ZDF: Gut gemeint, schlecht gemacht. Der deutschen Liebe zum Dualismus entsprechend gibt es immer genau zwei einander hübsch gegenüber gestellte Kategorien, anfangend mit „Sachbuch oder Belletristik“; folgt man „Sachbuch“, so geht es weiter mit „Natur oder Geist“, bei „Geist“ geht es weiter mit „Glauben oder Wissen“, usw. Gleich, wo man weiter klickt, fast überall kommt am Ende die große Frage: „Schwere Kost“ oder „Leicht zu lesen“? Und dreimal darf man raten, wie diese Kategorien jeweils illustriert sind – Achtung Achtung:

Logisch, „schwere Kost“ ist ein alter weißer Mann – „leicht zu lesen“ hingegen eine junge weiße Frau, die abzuheben droht. Und zwar nicht irgendeine junge weiße Frau, sondern klar erkennbar Mary Poppins, ein Kindermädchen. OK, könnte man sagen, ein Versehen. War doch nicht böse gemeint, da hat einfach nur jemand nicht aufgepasst, nicht nachgedacht. Leider ist aber das ganze Spiel so: Keine einzige Kategorie, außer eben das „Leicht zu lesen“ ganz am Ende jedes Astes, ist illustriert mit einer weiblichen Figur. Die Kategorie „Erwachsene“ zeigt einen Mann; die Kategorie „Für junge Leser“ zeigt einen Jungen; die Kategorie „Prosa“ zeigt einen Bücherstapel, auf deren Buchrücken nicht der Name auch nur einer einzigen Frau zu sehen ist, geschweige denn auch nur einer einzigen nicht-weißen Person (zu sehen sind Norbert Gstrein, Georg Büchner, Thomas Mann, James Joyce, Don Winslow, Günter Grass, Paul Auster und Henning Mankell – nicht alle namentlich, teils auch nur die Titel ihrer – was sonst – Romane). Aber hey! Der Stapel zeigt auch noch vier umgedrehte Bücher, von denen man nur die weiße Rückseite sieht, bestimmt stammen sie von Autorinnen, bestimmt sind auch ein oder zwei nicht-weiße dabei.

 

Man weiß ja: Die Anderen haben keine Namen, brauchen auch keine, sie sind schließlich einfach nur die Rückseite der Geschichte. Weiter geht’s: Die Kategorie „Geist“ zeigt einen Mann (einen altgriechischen Philosophen); die Kategorie „Natur“ zeigt ebenfalls einen Mann (darüber muss man an dieser Stelle ja fast schon froh sein), genauer einen Jüngling, Humboldt soll das wohl sein, zwischen exotischen Tieren. Und nun die Quintessenz all dessen, die Kategorie „Mensch“, einen Schritt nach „Natur“: Sie zeigt da Vincis weltvermessenden Mann – wobei der hintere Körper in dieser graphischen Interpretation ein bisschen aussieht, als sollte er der Körper einer Frau sein (im Original ist auch der hintere Körper klar als Männerkörper erkennbar). Glückwunsch, ZDF, das kann man ikonographisch immerhin konsequent nennen (bekanntlich ja auch so eine deutsche Tugend).

Nun ist es vermutlich nicht so, dass in der Kulturredaktion beim ZDF jemand säße, der oder die sich das alles absichtlich und bei vollem Bewusstsein genau so ausgedacht hätte. Man kann, darf und soll vielmehr unterstellen, dass da eine ganze Redaktion nicht nachgedacht hat. Aber genau das ist das Problem, und zwar überall und grundsätzlich: Strukturelle Misogynie ist, genauso wie struktureller Rassismus, nicht etwas, das einzelne Menschen grundsätzlich absichtlich und grundsätzlich bei vollem Bewusstsein ausüben. Das heißt nicht, dass es derartiges Handeln in voller Absicht nicht auch gäbe, selbstverständlich gibt es das; vor allem aber steckt beides in unserer Sprache, in unseren Bildern, in unserem Assoziieren. Es ist naiv, zu glauben, davon wäre irgendjemand ausgenommen, und es ist naiv, zu glauben, man müsse nicht jederzeit wachsam sein und aktiv dagegen wirken, um am Weitertransport dieser Bilder und Assoziationen etwas zu ändern. Genau eine solche eigene oder auch selbstverordnete vermeintliche „Harmlosigkeit“ (man will doch nichts Böses! und irgendwie nervt es auch ein bisschen, sich ständig damit auseinandersetzen zu sollen) ist der beste Nährboden für die Reproduktion des Immergleichen. Wenn es sich nun bei diesem Spiel um ein Quiz auf Buzzfeed handeln würde, na gut, weggeklickt und die Sache wäre erledigt. Das ZDF aber ist ein milliardenschwer finanzierter öffentlich-rechtlicher Fernsehsender mit einem Bildungsauftrag und einer Bildungsverantwortung („Bildung“ kommt, Überraschung, von „Bild“), und ich will behaupten, dass ein solch fetter Fauxpas in einer Redaktion, die diskurstechnisch up to date ist, heute eigentlich nicht mehr passieren kann, jedenfalls aber nicht mehr passieren darf. Dass dem ZDF solche Dinge aber an verschiedensten Stellen doch immer wieder „passieren“, ist offenbar ein massives strukturelles Problem, und es spricht (Thomas-Mann-) Bände. Fehlt gerade noch, dass man, ausgehend von der Kategorie „leicht zu lesen“, weitergeleitet wird zu einer Kategorie „Frauenliteratur“, jenem dubiosen Genre, von dem Wikipedia auch im Jahr 2020 noch meint, es handele sich dabei um Literatur, die „im weitesten Sinne als Literatur von Frauen, über Frauen oder für Frauen beschrieben werden kann“ – und damit nicht etwa Arztromane an der Supermarktkasse meint, sondern schlicht alle (berühmten) Autorinnen überhaupt, darunter zum Beispiel Ilse Aichinger, Herta Müller oder auch Juli Zeh. Auch manche Stadtbüchereien operieren nach wie vor mit dieser oder einer ähnlichen Kategorie; der Berliner Verbund der öffentlichen Bibliotheken etwa kennt ein Genre namens „Frauenroman“, in das er Werke von, beispielsweise, Siri Hustvedt, Marlen Haushofer, Erica Jong oder Marie NDiaye einordnet, aber auch Werke von Lew Tolstoi (Anna Karenina) oder Peter Handke (Wunschloses Unglück). Männer können also auch „Frauenromane“ schreiben. Können Frauen auch „Männerromane“ schreiben? Gibt es die Kategorie „Männerliteratur“ oder „Männerroman“ überhaupt? Schreiben Männer bisweilen „Männerliteratur“ oder einen „Männerroman“? Natürlich nicht – denn Männer schreiben ja Literatur überhaupt, auch dann, wenn in ihren Werken nur Männer vorkommen; was Männer schreiben, ist allgemein gültig und von allgemeinem Interesse. Wenn sie allerdings wollen, können sie sich darüber hinaus, das steht ihnen jederzeit frei, denn alles steht ihnen jederzeit zur Verfügung, auch jenes besondere Interesse namens „Frauenroman“ einfach nehmen; Frauen haben diese Wahlfreiheit nicht, sie landen offenbar automatisch in Wikipedias „Frauenliteratur“, ganz egal, was und wie sie schreiben. Und auch hier ist es wieder so: In den Berliner Bibliotheken sitzen, wie auch hinter den Seiten der Wikipedia, keine „bösen“ Menschen, die sich jedesmal, wenn sie wieder eine Autorin ins Genre „Frauenroman“ oder „Frauenliteratur“ stecken, denken: ÄTSCH; mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hat im Berliner Bibliotheksverbund auch noch nie jemand darüber nachgedacht, was man transportiert, wenn man ein Genre „Frauenroman“ einrichtet, nicht aber ein Genre „Männerroman“, und das Genre „Frauenroman“ dann nicht einmal Frauen vorbehält. Man mag sagen: Das ist nun wirklich eine Kleinigkeit, fast schon eine Nichtigkeit; ja, mag sein, aber viele Kleinigkeiten und fast-Nichtigkeiten zusammen ergeben eben ein strukturelles Problem, das weder klein noch nichtig ist. Die gute Nachricht: Viele große Stadtbüchereien (München, Hamburg, Köln) führen inzwischen keine „Frauen“-Kategorien mehr, nur eine kennt einen „Interessenskreis Frau“, aber zugleich immerhin auch einen „Interessenskreis Mann“ (Frankfurt).

Dass beim ZDF offensichtlich niemand darüber nachgedacht hat, was man transportiert, wenn man auf einer durch die Kulturredaktion eingerichteten Seite mit Bücherempfehlungen sämtliche Kategorien außer „leicht zu lesen“ mit Männern bebildert, und die einzige Kategorie, die man weiblich konnotiert, ein abhebendes Kindermädchen zeigt, ist keine Kleinigkeit. Ikonographisch ist das gleich mehrfach klassisch-perfide: Das Bild im Kontext des ganzen Spiels, wie auch im Zusammenspiel mit seiner Kategorisierung suggeriert nicht nur, dass „die Frau“ leichte Kost bevorzuge, sondern auch, dass „die Frau“ selbst leichte Kost bzw. leicht zu lesen sei – doppeldeutig im Sinn von „leicht zu haben“ und im Sinn von „intellektuell nicht anspruchsvoll“. Die ganze Zeit schon muss ich beim Schreiben dieses Textes an eine Familienfeier vor etwa einem Jahr denken: Meine Tante,  immer schon bekannt dafür, gerne die Körper von Mädchen in der Familie zu kommentieren, wurde 85, meine Nichte war noch kein Jahr alt, meine Tante nahm meine Nichte auf den Arm, wog sie prüfend auf und ab und sagte dann: „’s aber kein leichtes Mädchen!“ Sprachlich ist ein „leichtes Mädchen“ nicht nur ein Mädchen, das wenig Gewicht hat, sondern auch ein Mädchen, das leicht zu handhaben ist. Nicht umsonst spricht man auch im übertragenen Sinne davon, dass etwas oder jemand „Gewicht hat“ oder „kein Gewicht hat“. Der Mann, der schwere Kost liest und selbst schwere Kost ist, hat Gewicht; die Frau, die „leicht zu lesen“ ist und leicht liest, hat kein Gewicht. Einerseits soll sie ein „leichtes Mädchen“ sein, aber wenn sie diese Forderung allzu wörtlich nimmt, kann man ihr genau daraus auch wieder einen hervorragend abwürgenden Strick drehen. Denn allzu leicht zu (hand)haben soll sie dann auch wieder nicht sein. Das Woxikon Synonymwörterbuch führt als Synonyme für „leichtes Mädchen“ u.a. an: „Geliebte Prostituierte Nutte Freudenmädchen Flittchen Flitscherl Straßenmädchen Strichmädchen Stricherin Callgirl“. Sowohl bei dem Spruch meiner Tante, als auch bei der ZDF-Bebilderung der Kategorie „leicht zu lesen“ handelt es sich um eine jener typischen, in ihrer ganzen Ambivalenz unmöglichen und unerfüllbaren klassischen Forderungen an Mädchen und Frauen: leicht sollst du sein – leicht sollst du nicht sein. Passend dazu, immerhin auch hier wieder konsequent, hat das ZDF aus der leicht zu lesenden/leicht lesenden jungen Frau = Kindermädchen ein bewegtes Bild gemacht, in dem sie mal anwesend ist (am Boden) und mal abwesend (abhebend/aus dem Bild verschwunden); mal zu haben, dann aber wieder nicht. Erst tut sie so, als wäre sie nur für dich da, lieber begehrender Leser, der du auf der Suche bist nach „Deinem Buch“, als würde sie wollen, dass du sie aufliest und schnappst bei Deiner Suche nach „Wahrheit“, „Erkenntnis“ oder auch mal nur einem leicht verdaulichen Snack zum Nachmittagstee; dann aber macht sie sich auf und davon und dich gänzlich verrückt. Ist sie jetzt da oder nicht? Sie weiß wohl nicht, was sie will, hysterisches kleines Ding! Oder aber: Sie wurde festgezurrt in einem Bild, das sie nicht ist und aus dem sie einfach nur abhauen will.

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